On the Artistic Education of Woman (1896)
Geehrte Versammlung!
Esteemed assembly!
Es heisst zwar „mulier taceat in ecclesia“, und ich habe dies Lieblingszitat der Männer bisher immer beherzigt, d. h. ich habe lieber gemalt und geschrieben als gesprochen. Ich glaube auch die Frau zieht bei öffentlichen Reden stets den Kürzeren und wird in den Augen des emanzipationshassenden starken Geschlechts, (das eben so viel schwache Seelen birgt, wie das weibliche) immer eine lächerliche Persönlichkeit sein, die sich nach dessen Ansicht grenzenlos damit blamiert. Ich fürchte, dass alle Frauenversammlungen ebenso wenig nützen wie Versammlungen der Männer und genau ebenso viele Spaltungen und Uneinigkeiten erzeugen wie diese. Und dass eben doch immer wieder alles beim Alten bleibt und im Sande erstickt — dem äusseren Auge. Trotzdem aber glaube ich an die Berechtigung der Frauenemanzipation — wie ich an die Sonne glaube. Sie liegt in der Luft, sie ist zeitgemäss, unaufhaltsam.
It is true that they say “mulier taceat in ecclesia,” and I have always taken this favourite quotation of men to heart; that is, I have preferred to paint and to write rather than to speak. I also believe that woman always draws the short straw in public speaking, and that in the eyes of the emancipation-hating strong sex (which harbours just as many weak souls as the female one does) she will always be a ridiculous figure, disgracing herself, in their view, beyond all measure. I fear that all women’s assemblies are as little use as men’s, and breed exactly as many splits and discords as those do; and that after all, time and again, everything stays just as it was and chokes to death in the sand — to the outward eye. And yet, in spite of all this, I believe in the justification of women’s emancipation — as I believe in the sun. It is in the air, it is of its time, unstoppable.
Und die Herren Männer mögen sich vorsehen, dass wir in Jahrhunderten und Jahrtausenden nicht wieder bei der „Barbarei des Mutterrechtes“ anlangen.
And their lordships the men had best take care that in centuries and millennia to come we do not arrive once more at the “barbarism of mother-right.”
Ernst gesprochen: eine kolossale Wandlung hat sich trotzdem vollzogen in den letzten zehn und zwanzig Jahren.
Joking aside: a colossal change has nonetheless taken place in the last ten or twenty years.
Das wird uns an einem einfachen Beispiele klar. Wenn wir alle bei unseren Vätern die Abneigung gegen die sogenannte Emanzipation, (das Wort ist für das, was die vernünftige Frau will, völlig falsch) noch vollkommen verständlich finden, bei unseren Männern und Geliebten würde uns diese Abneigung veraltet und unbegreiflich sein, wir würden sie, darob lächelnd, über die Achsel anschauen. Ebenso wie über das von den Gegnern der Frauenemanzipation stets im Munde geführte goldene Wort von der besten Frau, von der man nicht spricht, das uns heut' ja, Gottlob, schon vollkommen antediluvianisch dünkt.
One simple example makes it clear. While we all still find our fathers’ aversion to so-called emancipation (the word is entirely wrong for what the sensible woman actually wants) perfectly understandable, in our husbands and lovers that same aversion would strike us as antiquated and unintelligible; we would look down on it, with a smile. Just as with that golden phrase constantly on the lips of the opponents of women’s emancipation, about the best woman being the one no one talks about, which today, thank God, seems to us utterly antediluvian.
In früher Jugend glaubte ich, Emanzipationsbestrebungen in corpore seien immer nur gut und nützlich für den Durchschnitt, und für das geniale Weib sei die grössere Freiheit seines Geschlechts im allgemeinen völlig überflüssig. Es bräche sich auch gewaltsam Bahn — durch bergehohe Hindernisse. Und ich hatte noch den naiven Glauben, die Männer seien unparteiisch, und wenn eine Frau wirklich einmal etwas wahrhaft Grosses leiste, erkennten sie es bereitwillig an, trotz der ihnen von Generationen überkommenen Phrase: „Eine Frau hat in der bildenden Kunst noch nie etwas geleistet, höchstens als Schauspielerin und Sängerin, wobei sie nichts Eigenes zu geben hat“.
In my early youth I believed that emancipation efforts in corpore were only ever good and useful for the average, and that for the woman of genius the greater freedom of her sex was, in general, quite superfluous. Genius would force its own way through — over mountain-high obstacles. And I still held the naïve belief that men were impartial; that when a woman truly achieved something great, they would readily acknowledge it, despite the phrase handed down to them through generations: “A woman has never achieved anything in the visual arts, at most as an actress or a singer, where she has nothing of her own to give.”
Im Laufe der Jahre und Erfahrungen bin ich leider von dieser Ansicht zurückgekommen. Der talentvollen, hübschen Anfängerin schaut der Mann gutmütig duldsam von oben herab auf die Finger, wehe aber der Frau, die ernst genommen werden muss und die es wagt, ebenso Gutes oder gar Besseres zu leisten, als der Durchschnittsmann. Da bilden plötzlich alte Feinde selbst eine brüderlich geschlossene Phalanx gegen den Eindringling, den sie boykottieren möchten durch alle Länder der Erde.
In the course of years and experience I have, alas, come away from this view. On the talented, pretty beginner the man looks down good-naturedly, indulgently, keeping an eye on her fingers; but woe to the woman who must be taken seriously, and who dares to achieve as much as, or even more than, the average man. Then even old enemies suddenly form a brotherly, closed phalanx against the intruder, whom they would like to boycott through every country on earth.
„Die Person macht sich mausig — geben wir ihr eins auf den Kopf. Frauen sollen kochen und nähen und den Mann beglücken.“
“The creature is getting above herself — let us give her one on the head. Women should cook and sew and make the man happy.”
Ja, verehrte Herren, eine bedeutende Frau wird den Mann stets mehr beglücken als eine unbedeutende, und eine bedeutende Frau kann noch nebenbei alles das thun, womit eine Haushaltsspielgans ihre Jugend, ihr Leben vertrödelt. — Und mit gütiger Erlaubnis ist das Genie so frei, sich nicht ans Geschlecht zu kehren, es fliegt in die Seelen wem und wie es will.
Yes, honoured gentlemen: a significant woman will always make a man happier than an insignificant one, and a significant woman can, on top of that, do all the things with which a household goose fritters away her youth and her life. — And, with your kind permission, genius takes the liberty of not minding about sex; it flies into souls whom and how it will.
Da hat es dann aber ein Mann viel leichter, sein Leben damit zu modeln. Er ist körperlich von Natur stärker, ein Frauengehirn ist so viel subtiler. Es geht darüber manchmal aus den Fugen. Und doch hat die Frau, die sich zur Künstlerin berufen glaubt, mit viel grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen, als der Mann. Und wenn auch das Genie wenig Rücksichten kennt — meist ist es ja nur ein kleines Talentchen, das sich eine Erwerbsquelle schaffen will, genau wie die ebenso vielen kleinen Männertalentchen, die sich aber leichter und unverkümmerter entfalten können.
But then a man has it much easier to shape his life by it. He is by nature physically stronger; a woman’s brain is so much more subtle. Sometimes it comes out of joint under the strain. And yet the woman who believes herself called to be an artist has far greater difficulties to fight than the man. And even if genius knows little of consideration — most often it is only a little talent that wants to make itself a livelihood, exactly like the equally numerous little male talents, which, however, can unfold more easily and less stunted.
Etwas besser ist es ja auch hierin schon geworden. In meiner Kindheit z. B. gab es noch wenige berühmte Malerinnen.
In this respect, too, things have already become somewhat better. In my childhood there were still few famous women painters.
Man hörte Wunderdinge über Rosa Bonheur und die alte Baumann-Jerichau, und dann kannte man die Reproduktion der neuen Gouvernante von der Volkmar und die Blumen der Anna Peters.
One heard wondrous things of Rosa Bonheur and old Baumann-Jerichau, and then one knew the reproduction of Volkmar’s The New Governess and the flowers of Anna Peters.
Im Uebrigen aber sah man achselzuckend über den talentlosen Kram, der „Damenmalerei-Handarbeit“ hinweg. Und jetzt? Hundert Namen würden kaum genügen, alle wirklich bedeutenden, jungen europäischen Malerinnen zu nennen. Das aber ist den Männern sehr fatal.
Otherwise one looked, with a shrug, past the talentless stuff, the “ladies’-painting needlework.” And now? A hundred names would scarcely suffice to list all the truly significant young European women painters. And that is very galling to the men.
Und geht's in der Litteratur nicht ebenso?
And is it not just the same in literature?
Aus der Marlittiade heraus hat sich ein junges Schriftstellerinnenkorps gemausert, kühner und begabter, als viele männliche Kollegen. Freilich, Johanna Ambrosius' Erfolg ist ein starker Rückschlag ins Gartenlaubengenre. Den haben aber wieder allein die Herren Männer auf dem Gewissen.
Out of the Marlitt-ade a young corps of women writers has fledged, bolder and more gifted than many a male colleague. Admittedly, Johanna Ambrosius’s success is a sharp relapse into the Gartenlaube genre. But that, again, their lordships the men alone have on their conscience.
Wenn aber jetzt schon in der Kunst ein so starkes Spriessen und Wachstum des weiblichen Talents zu bemerken ist, da noch so viele Schwierigkeiten uns hemmen, wie wird es erst heut über hundert Jahren bei uns ausschauen?
But if already now such a strong sprouting and growth of female talent is to be seen in art, while so many difficulties still hinder us, what will it look like among us a hundred years hence?
Ja, des Weibes Lebenslauf ist gegenwärtig in aufsteigender Linie. Bis jetzt freilich ist so ein armes junges Ding, das sich die Malerei zum Beruf erwählt, mit seinen, den Eltern mühsam abgerungenen paar Groschen oft nur die melkende Kuh für den Herrn Professor, der sich von den Honoraren seiner stets überfüllten Damenateliers eine fürstliche Villa baut, die er sich mit seinen Bildern niemals hätte ermalen können.
Yes, woman’s course is at present on the rise. Until now, to be sure, such a poor young thing who chooses painting as her profession, with the few pennies wrung with difficulty from her parents, is often merely the milking cow for the Herr Professor, who builds himself a princely villa from the fees of his always-overcrowded ladies’ studios, a villa he could never have painted his way to with his own pictures.
Denn meines Wissens ist nur in Rom der Besuch der Kunstakademie den Frauen gestattet. Dort können sie auch unentgeltlich mit den Männern zusammen Akt zeichnen, was in München, Berlin, Karlsruhe und anderen deutschen Kunstzentren unmöglich wäre. Freilich hat man in den letzten Jahren in den verschiedensten deutschen Städten spezielle Malerinnenschulen gegründet, die aber meiner Ansicht nach eigentlich unnötig wären und mehr oder weniger doch nur den Dilettantismus der höheren Töchter kultivieren. Warum eröffnet man den Frauen nicht lieber die Akademien?
For, as far as I know, only in Rome are women permitted to attend the art academy. There they may also draw from the nude, free of charge, together with the men, which in Munich, Berlin, Karlsruhe, and other German art centres would be impossible. True, in recent years special women’s painting schools have been founded in various German cities; but in my view these are actually unnecessary, and more or less only cultivate the dilettantism of the higher daughters. Why not rather open the academies to women?
„Weil dies der Weiblichkeit ins Gesicht schlüge und doch nur Allotria entständen“, sagen die Herren mit dem Zopf. Aber man soll es nur probieren, wie in den Züricher Hörsälen. Die Frauen, die es ernst mit der Kunst nehmen (das Weib ist ja bekanntlich beim Studieren viel fleissiger als der Mann), die werden nur angespornt durch die Konkurrenz mit den männlichen Kollegen und erleichtert durch die geringen Geldopfer, die die Akademie — verglichen mit dem oft auf 60—75 Mark pro Monat normierten Honorar des Professors — von ihnen fordert. Sie können sich infolge dessen während der Studienzeit besser ernähren und ihren Körper dadurch gegen alle Anstrengungen widerstandsfähiger machen. Ihr Gehirn geht dann, falls wirklich ein Geniefunke in ihnen steckt, weniger leicht aus den Fugen. „Das Kunstproletariat soll also noch staatlich vergrössert werden, wenn man den Weibern das Malstudium auch noch erleichtert“, sagen wieder die Männer mit dem Zopf. Es heisst aber doch wohl für Mann und Weib ganz gleich: Viele sind berufen, wenige aber ausgewählt. Und ein gesundes Fundament schadet den Frauen in keinem Fall. Man wirft ihnen ja den Mangel desselben von männlicher Seite immer wieder so bitterlich vor. Wessen Talent aber nicht ausreicht zu selbstschöpferischen Gemälden, den wird es nur leichter befähigen zu gediegenen kunstgewerblichen Arbeiten. Adererseits hat, beim Mangel einer festen Schulbasis, auch das genialste Weib, und sollt' es noch so viel erreichen, sein Leben lang wie an einer heimlichen Kette zu schleppen, die seine kühnsten Flüge immer wieder begrenzt, an der sich seine Phantasie stets aufs Neue wund reibt und zu Boden zerren lässt.
“Because that would slap femininity in the face, and only tomfoolery would come of it,” say the gentlemen with the pigtail. But one should just try it, as in the Zurich lecture halls. The women who take art seriously (woman, as is well known, is far more diligent at study than man) are only spurred on by competition with their male colleagues, and relieved by the small financial sacrifices which the academy — compared with the professor’s fee, often fixed at 60—75 marks a month — demands of them. As a result they can feed themselves better during their studies, and make their bodies more resistant to every exertion; their brain then, if a spark of genius really lies in them, is less easily thrown out of joint. “So the art-proletariat is to be enlarged still further, and by the state, if one makes the study of painting easier for the women too,” say the pigtailed men again. But surely it holds for man and woman exactly alike: many are called, but few are chosen. And in no case does a sound foundation harm women. After all, from the male side they are reproached for the lack of one, again and again, so bitterly. And whoever lacks the talent for paintings of her own creation, it will only the more easily fit for solid work in the applied arts. On the other hand, for want of a firm schooling, even the most brilliant woman, achieve as much as she might, has all her life to haul as if on a hidden chain, which forever limits her boldest flights, on which her imagination chafes itself raw again and again and lets itself be dragged to the ground.
Auch das Selbstvertrauen, der künstlerische Mut der Frauen wird sich durch die leichtere Ermöglichung gründlichsten Vorstudiums festigen, und die fatale Unselbständigkeit so mancher Malerin wird aufhören, die jetzt ihr Leben lang, noch wenn sie alt und grau ist, am Schürzenbändel eines „Professors“ hängt, der seines pekuniären Vorteils willen auch bei Leibe nicht versucht, sie auf ihre eigenen Füsse zu stellen.
The self-confidence, too, the artistic courage of women, will be strengthened by making the most thorough preliminary study easier to come by; and the fatal dependence of many a woman painter will cease: she who now, all her life, even when she is old and grey, hangs on the apron-string of a “professor” who, for the sake of his pecuniary advantage, on no account attempts to set her on her own feet.
„Das Fahrrad unserer Tage radelt die Kunst tot“, sagte mir neulich einer von den Alten. Ich möchte lieber sagen: „Das Fahrrad radelt die Vorurteile tot“, und so wollen wir hoffen, dass unsere Töchter es einmal leichter, billiger und kämpfeloser haben werden, ihr Talent auszubilden, ihre Kräfte zu entfalten, ihre Individualität auszuleben; und dass man im kommenden Geschlecht nicht mehr frage: ist der Künstler Mann oder Weib, sondern nur: ist es ein wirklicher Künstler?
“The bicycle of our day rides art to death,” one of the old men said to me recently. I would rather say: “The bicycle rides the prejudices to death.” And so let us hope that our daughters will one day have it easier, cheaper, and with less struggle to train their talent, to unfold their powers, to live out their individuality; and that in the coming generation one will no longer ask: is the artist man or woman, but only: is it a real artist?
Dann werden unter den vielen Berufenen die wenigen Auserwählten, die den steilen Dornenpfad hinaufkeuchen, der zum schimmernden Tempel führt, wo die Göttin thront, die ihnen den Lorbeer reicht, — dann werden auch Frauen den unvergänglichen Kranz um ihre Stirnen winden dürfen, ohne dass die Männer ihn wieder in den Staub zu treten suchen. Und dann, erst dann hat Alfred Meissners Wort seine tragische Wahrheit verloren:
Then, among the many who are called, the few chosen ones who pant their way up the steep thorny path that leads to the shimmering temple, where the goddess is enthroned who hands them the laurel — then women too shall be allowed to wind the imperishable wreath about their brows, without the men seeking to trample it into the dust again. And then, only then, will Alfred Meissner’s words have lost their tragic truth:
„Viel Kronen giebt es, dunkle, dornenvolle, Die Gott den Kindern dieser Erde lieh, Die schwerste doch, womit der Herr im Grolle Ein Weiberhaupt umkränzt, ist das Genie!“
Many crowns there are, dark ones, full of thorns, that God has lent to the children of this earth; but the heaviest, with which the Lord in rancour wreathes a woman’s head, is genius!