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Der Roman meines Lebens (The Novel of My Life)

Hermione von Preuschen · memoirs, published posthumously, 1926 · 1926 · German & English, side by side

The public-domain German (left) beside the new English translation (right), aligned paragraph by paragraph. Source links and annotations live on the English page.
Deutsch — 1896 English
ZUM GELEIT Foreword

Nun werden Deine Memoiren gedruckt, liebste Mutter, und Dein Wunsch wird sieben Jahre nach Deinem Tode erfüllt. Du starbst eines schönen, wunderbaren, unbewußten Todes. Dich, die ihn so heiß fürchtete und noch auf Jahrzehnte von sich weisen wollte, überraschte er mitten in Deiner bunten Tempiowelt, in strahlender Gesundheit, Arbeitslust, Weihnachtsvorbereitung und umgeben von der zärtlichen Liebe Deiner Kinder. Der letzte Teil des »Lebensromans«, der von dem Zusammenleben mit den endlich wiedergefundenen Kindern handeln sollte, ist ungeschrieben geblieben; er wäre vielleicht der uninteressanteste, aber ganz gewiß der glücklichste gewesen; denn was Du auch alles warst und sein wolltest, Du Ruhelose, Du in der weiten Welt der Wunder und der Sehnsucht Umherschweifende, Du, die Du frevelhaft wie keine andere gegen den Instinkt der Mutter gehandelt und dafür groß und schmerzhaft wie keine andere gelitten hast, Du warst dennoch im letzten und ursprünglichen Sinne Mutter, und dafür bist Du unendlich geliebt worden. In den Herzen Deiner Kinder hast Du Dir ein unvergängliches Denkmal aufgerichtet, und in jedem guten, naiven, warmen Lebensgefühl, das uns ergreift, spüren wir Dich und den in Worten nicht auszudrückenden, geheimnisvollen Sinn unseres gemeinsamen Blutes.

Now your memoirs are being printed, dearest Mother, and your wish is fulfilled seven years after your death. You died a beautiful, wondrous, unconscious death. You, who feared it so ardently and wanted to keep it at bay for decades yet, were overtaken by it in the midst of your colourful Tempio-world — in radiant health, eager to work, preparing for Christmas, and surrounded by the tender love of your children. The last part of the “novel of your life,” which was to tell of your life together with the children you had at last found again, remained unwritten; it would perhaps have been the least interesting, but most certainly the happiest — for whatever you also were and wanted to be, you restless one, you who roamed the wide world of wonder and longing, you who sinned against the mother-instinct as no other and for it suffered greatly and painfully as no other, you were nevertheless, in the last and original sense, a mother, and for that you have been loved beyond measure. In the hearts of your children you have raised for yourself an imperishable monument, and in every good, naïve, warm feeling of life that seizes us, we sense you — and the mysterious meaning, inexpressible in words, of our common blood.

Möchte niemand von denen, die meine Mutter hier erwähnt und die noch am Leben sind, sich irgendwie persönlich gekränkt fühlen. So wie ihre Liebenswürdigkeit jeden, der mit ihr in Berührung kam, entwaffnete — auch ihre sogenannten Feinde — so gehörte meine Mutter, wie ihr größter Freund sagte, »zu den Menschen, die seltener sind als die blauen Hunde, nämlich: die keine moralische Kritik kennen«.

May none of those whom my mother mentions here, and who are still living, feel in any way personally hurt. Just as her graciousness disarmed everyone who came into contact with her — even her so-called enemies — so my mother belonged, as her greatest friend said, “to those people rarer than blue dogs: namely, those who know no moral censure.”

Hatzenberg, Sommer 1926 — Helga Gericke

Hatzenberg, summer 1926 — Helga Gericke

Part One — Youth and Growth
VORSPIEL Prelude

Diese Blätter sollen vielleicht erst erscheinen, wenn ich tot bin. Wie seltsam das klingt! Vor wenigen Jahren noch schien es mir unmöglich, daß ein Flammenherd wie meine Seele jemals verlöschen könne! Ganz unmöglich schien es mir! Und nun dämmert mir langsam die Erkenntnis auf, daß Leben und Tod eigentlich ganz dasselbe sind wie Wachen und Schlafen, ganz dasselbe, nur eine andere Phase unseres Bestehens im Dasein, und daß es letzten Endes kaum lohnt, darüber viele Worte zu verlieren. Sind wir doch eins mit dem Unendlichen so oder so. Nur daß uns im besten Fall, vielleicht im Dämmerzustand der Seele nach dem Tode, wenn sie sich nicht ganz auflöst — all unsere einstigen Schmerzen und Freuden unendlich ferne gerückt sind, nur wie ein dumpfes Traumbewußtsein dünken. Unser ganzes Leben — wie der wirre Traum einer Nacht!

These pages are perhaps not to appear until I am dead. How strange that sounds! Only a few years ago it seemed impossible to me that a hearth of flame like my soul could ever go out! Utterly impossible it seemed! And now the recognition slowly dawns on me that life and death are really quite the same as waking and sleeping — quite the same, only another phase of our existence in being — and that in the end it is hardly worth wasting many words on. For we are one with the infinite, one way or another. Only that, at best — perhaps in the twilight-state of the soul after death, if it does not wholly dissolve — all our former pains and joys are pushed infinitely far away, seeming only like a dull dream-consciousness. Our whole life — like the tangled dream of a single night!

Wie lange ist es her, daß ich noch immer in törichtem Kinderwahn glaubte, die Welt zu mir, zu meinen Füßen zwingen zu können. Vor meinem »Genie« sollte sie sich beugen, es bewundern —, davon fortgerissen werden. Ach, der Wahn ist verrauscht, der Traum ist verweht! Nun will ich den Menschen etwas Köstliches schenken, all denen, die nach mir kommen und lieben und leiden und sich sehnen, wie einstmals ich. Ich will ihnen ein ehrliches Künstlerherz zeigen, rücksichtslos wahr, fern aller Verlogenheit falscher Konventionen. Ich will allen Künstlerseelen in ihrer ewigen Verworrenheit und ihrem dumpfen Drang, in all ihren dunklen »Süchten« helfen, in sich die große Linie zu finden, von Anfang an bis über sich selber hinaus. Die große Linie, die uns allein retten kann aus dem Chaos des Lebens und aus dem Chaos des eigenen Selbst.

How long ago it is that I still believed, in foolish childish delusion, that I could force the world to me, to my feet. Before my “genius” it was to bow, to admire it, to be swept away by it. Ah, the delusion has died away, the dream has blown off! Now I want to give people something precious — all those who come after me and love and suffer and long, as once I did. I want to show them an honest artist's heart, ruthlessly true, far from all the mendacity of false conventions. I want to help all artist-souls, in their eternal confusion and their dull urging, in all their dark “cravings,” to find within themselves the great line — from the very beginning, on beyond themselves. The great line, which alone can save us from the chaos of life and from the chaos of our own self.

Wenn ich jetzt mein Leben überdenke, wird mir schon so manches klar, was mir einst nur dunkel und wild im Blute gelegen.

When I now think back over my life, much already becomes clear to me that once lay only dark and wild in my blood.

»Es ist alles Temperamentssache«, dieser scheinbar so banale Satz ist ebenso wahr wie der andere, daß erst der Charakter den Sieg des Genies bestimmt. Denn ein Genie ohne Charakterstärke geht unrettbar zugrunde, das beweist uns die Weltgeschichte. Und Weichheit hat sich noch immer an Härte zerrieben, — biegsame Güte und Liebessehnsucht liegen ewig mit allen Grausamkeiten des Lebens im Zwiespalt. Wie viele Schmerzen hätte mir das Leben erspart, wenn ich mir früher hierüber klar geworden wäre. Glaubte ich nicht immer wieder: schwereres Los als das meine — grausameres Leiden — habe vor mir noch keine Menschenseele getragen? Jetzt weiß ich's: Menschenseelen sind wie Falter, die ewig im Dunkel aneinander vorbeiflattern — sich fast zu Tode flattern und niemals finden können, was vielleicht in nächster Nähe in gleicher Sehnsucht ringt. Sie finden nichts, weder draußen noch drinnen — weder bei sich, noch bei andern.

“It is all a matter of temperament” — this seemingly so banal sentence is just as true as the other: that only character determines the victory of genius. For a genius without strength of character goes irredeemably to ruin — world history proves it to us. And softness has ever been ground down against hardness; pliant goodness and the longing for love lie forever at odds with all the cruelties of life. How much pain life would have spared me, had I become clear about this sooner. Did I not believe, again and again, that a harder lot than mine — a crueller suffering — no human soul before me had ever borne? Now I know it: human souls are like moths that forever flutter past one another in the dark — flutter themselves almost to death and can never find what perhaps, close at hand, struggles in the same longing. They find nothing, neither without nor within — neither in themselves nor in others.

Da geben dann so viele das Suchen und Ringen auf und alle Entwicklungsmöglichkeit — und mästen nur noch ihren Leib — und im alltäglichen Kampf ums Brot begraben sie ihre Ideale. Das sind in Wahrheit »Gestorbene« im Leben, und der größte Friedhof ist der der noch Lebendigen.

So then many give up the seeking and the struggle and every possibility of growth — and only fatten their bodies — and in the daily fight for bread they bury their ideals. These are, in truth, the “dead” amid the living; and the greatest cemetery is that of those still alive.

Aber wehe ihnen, »wenn wir Toten erwachen«. —

But woe to them, “when we dead awaken.” —

Ich will euch allen, auch euch, den lebend Toten, meine nackte Seele zeigen, — sie braucht sich nicht zu verbergen, denn Kleinheit liegt ihr fern. Sub specie aeternitatis sollt ihr in meinem Leben alles betrachten und beurteilen können. Dabei schwinden Menschenmaße und Menschenbedenken. Und nur das Echte bleibt, — sondert sich von der Spreu aller Talmigefühle und Gedanken. —

I want to show you all — you too, you living dead — my naked soul; it need not hide itself, for pettiness is foreign to it. Sub specie aeternitatis you shall be able to look upon and judge everything in my life. In doing so, human measures and human misgivings fall away. And only what is genuine remains — sifts itself from the chaff of all counterfeit feelings and thoughts. —

FAMILIE. ERSTE EINDRÜCKE Family. First Impressions

Ich stamme aus einer hessischen Adelsfamilie, die sich nach ihren Traditionen von luxemburgischen Raubrittern ableitet. Die Burg Brisch, (der Stammsitz) steht noch dort. Aber es ist schon sehr lange her, und später tauchten die Raubritter im Limburgischen als Pfarrer wieder auf. Und das gibt wohl das unselige Gemisch meiner Seele: ein Zwitterding von Raubritter und Osterlamm — stets am unrechten Fleck allzu ungestüm, verwegen oder allzu weich und schwach.

I come from a Hessian noble family that by its traditions traces itself back to Luxembourg robber-knights. Burg Brisch, the ancestral seat, still stands there. But it is a very long time ago, and later the robber-knights reappeared in the Limburg region as pastors. And that, no doubt, gives the ill-starred mixture of my soul: a hybrid thing of robber-knight and paschal lamb — forever in the wrong place too impetuous, too daring, or else too soft and weak.

Raubritter und Osterlamm! Es war die Signatur meiner Seele, der Fluch meines Lebens.

Robber-knight and paschal lamb! It was the signature of my soul, the curse of my life.

Meine Mutter war eine geborene Scheffer-Hattendorf, aus einer uralten hessischen Rittergutsbesitzersfamilie auf niedergehendem Ast. Vier Kanzler zählte das Geschlecht; viele Rittergüter hat es besessen, unter anderen auch Liederbach, von dessen herrlicher Einrichtung und seidenen Tapeten meine Großmutter oft erzählte. Sie stammte aus der althessischen Familie von Hanstein und besaß sechzehn Ahnen. Die Scheffers hatten einen Adelsbrief aus dem vierzehnten Jahrhundert, dünkten sich aber zu gut dazu, den Adel auch zu führen. Unter dem Bruder meiner Mutter wurde das letzte Rittergut Hattendorf aufgeteilt; er selber ging als Farmer nach Amerika und ist dort gestorben.

My mother was a née Scheffer-Hattendorf, from an ancient Hessian family of manorial landowners on a declining branch. The line counted four chancellors; it had owned many estates, among them Liederbach, of whose splendid furnishings and silken wall-hangings my grandmother often told. She came from the old Hessian family von Hanstein and had sixteen quarterings of nobility. The Scheffers held a patent of nobility from the fourteenth century, but thought themselves too good actually to bear the title. Under my mother's brother the last estate, Hattendorf, was parcelled out; he himself went to America as a farmer and died there.

Meine Mutter, die seinerzeit anerkannt schönste Frau von Darmstadt, heiratete mit sechzehn Jahren meinen Vater, der sechsunddreißig zählte. Es war anfänglich eine Liebesehe, die sich später nicht sehr glücklich gestaltete. Mein Vater, der als Geheimrat gestorben ist, wurde trotz seines guten Gemüts und seiner großen Musikbegabung später ein verbitterter, einsamer Mann. Meine heiß empfindende Mutter — ein Brausekopf — fühlte sich unverstanden. Später wurde auch ihre Richtschnur das Urteil der Welt. Trotzdem war sie die erste, die mir meine Malerlaufbahn einschlagen half. — Ich will nun versuchen, möglichst unmittelbar die Eindrücke, die verworrenen Bilder meiner ersten Kindheitsjahre, festzuhalten.

My mother, in her day the acknowledged most beautiful woman in Darmstadt, married my father at sixteen; he was thirty-six. At first it was a love-match, which later did not turn out very happily. My father, who died a privy councillor, became — despite his good nature and his great gift for music — an embittered, lonely man in his later years. My ardently feeling mother — a hot-head — felt misunderstood. Later, too, the judgment of the world became her measuring-line. And yet she was the first to help me set out on my career as a painter. — I will now try to hold fast, as directly as possible, the impressions, the confused images, of my earliest childhood years.

Offen gestanden habe ich sehr wenig Erinnerungen hieran. In der weitesten Ferne sehe ich alles. Ich lief stets fort von Hause, sobald ich nur irgend laufen konnte, und mein Vater band mir ein Glöckchen um den Hals, das man bald da, bald dort bimmeln hörte. Einmal lief ich fort auf die Straße, so weit ich nur konnte; wurde bald wieder eingefangen und fühle noch jetzt das Bedauern hierüber. Ein andermal versteckte ich mich auf dem Balkon hinter einem großen Granatbaum. Ich hörte meine Mutter klagen und jammern über mein Verschwinden, blieb aber ruhig in meinem Winkel, bis ich, erst nach Stunden, durch Zufall aufgefunden wurde. Warum ich nicht freiwillig wieder vortrat, besonders, da ich das laute Weinen meiner Mutter in allen Nerven prickeln fühlte, ist mir noch heute ein Rätsel. — Ein andermal sehe ich mich mit meinem Vater zum Fenster hinausschauen. Er summte ein Lied vom Wind »Der reißt dem Kind die Schlappohren aus«. Ich dachte: meine Ohren sind klein und keine »Schlappohren«. Das begriff ich nicht: warum solch scherzhafte Unwahrheit lustig sein sollte. —

Frankly, I have very few memories of it. I see everything in the farthest distance. I always ran away from home the moment I could so much as walk, and my father tied a little bell around my neck, which one heard tinkling now here, now there. Once I ran off into the street, as far as I possibly could; I was soon caught again, and I still feel the regret over it now. Another time I hid on the balcony behind a big pomegranate tree. I heard my mother lamenting and wailing over my disappearance, but I stayed quiet in my corner until, only after hours, I was found by chance. Why I did not come forward of my own accord — especially since I felt my mother's loud weeping prickle in all my nerves — is a riddle to me to this day. — Another time I see myself looking out of the window with my father. He was humming a song about the wind, “that tears the child's floppy ears off.” I thought: my ears are small and no “floppy ears.” That I could not grasp: why such a jesting untruth should be funny. —

Meine schöne Mutter wurde in Darmstadt vom alten »Hofmaler Hartmann« gemalt. Ich sehe ihn noch vor mir: klein, schlank, mit großem grauem Schnurrbart. Ich durfte mit ihr gehen in das schräge Dachatelier und betrachtete mit größter Aufmerksamkeit Pinsel und Farben und die damit verbundene Handhabung. — Zu Weihnacht erhielt ich dann weißes Papier und bunte Stifte.

My beautiful mother was painted in Darmstadt by old “court-painter Hartmann.” I can still see him before me: small, slim, with a great grey moustache. I was allowed to go with her into the sloping attic studio, and I studied the brushes and paints and their handling with the greatest attention. — At Christmas I then received white paper and coloured pencils.

Dabei erwachte meine erste »Sinnlichkeit«, als ich blaue Vergißmeinnicht mit gelbem Kelch versah, ich fühle das noch heute wie einen Genuß, das zarte Blau zum tiefen Gelb des Kelches. — Und dann war mein Schönstes — ich war noch ganz klein — unter den Flügel zu kriechen, wenn mein Vater, stark das Pedal bearbeitend, phantasierte. Wie in einen Dämmerzustand kam ich dadurch, vergaß alles andere darüber und mußte oft mit Gewalt aus meinem Versteck hervorgeholt werden. —

Thereupon my first “sensuality” awakened, when I gave blue forget-me-nots a yellow cup; I still feel it today like a pleasure, the delicate blue against the deep yellow of the cup. — And then my greatest joy — I was still very small — was to crawl under the grand piano when my father, working the pedal hard, improvised. It put me into a kind of twilight-state; I forgot everything else over it and often had to be pulled out of my hiding-place by force. —

Wenn meine Eltern zum Hofball gingen, meine Mutter stundenlang Toilette machte und, — wie mir schien, in Märchengewänder gehüllt. — mir Lebewohl sagte, versprach der Vater, mir Konfekt mitzubringen. Am andern Morgen hatte er nur spärlich Wort gehalten. Ich aber schlüpfte hinauf in die Mansarde zum Hoflakai Wachtel— der hatte noch weit schöneres und reichlicheres Konfekt für mich, das »Glöckchenkind« gemaust — und war heimlich verwundert, daß meine vornehmen Eltern mir weit weniger Süßes mitbringen konnten als der »Vater Wachtekk«.

When my parents went to the court ball — my mother spending hours at her toilette and, as it seemed to me, wrapped in fairy-tale garments — and said goodbye to me, my father would promise to bring me back sweets. The next morning he had kept his word only sparingly. But I would slip up to the garret to the court footman Wachtel — he had far finer and more plentiful sweets “pinched” for me, the “little bell-child” — and was secretly astonished that my distinguished parents could bring me far less sugar than “Father Wachtel.”

Dann zogen wir in eine andere Wohnung mit einem Garten, in dem sich mir Wunderschätze enthüllten. Ich glaube, dort hat sich der große Pan meiner Kinderseele bemächtigt, — ich saß tagelang in irgendeinem grünen Winkel, unter Blumen, und verfertigte Puppenhütchen aus Rosenblättern. Mit den Dornen heftete ich Bindebänder von Bandgras daran. Und Ketten von kleinen Blütchen machte ich, in der Art, wie ich sie später in Indien sah, die man bei uns nicht kennt. Im Herbst, wenn die Trauben reiften, große blaue Trauben, kroch ich auf eine Leiter, steckte meinen Kopf zwischen Laub und Früchte und blickte hinein in den Nachbargarten, der mir eine verbotene Wunderwelt schien. So märchenhaft war mir das alles.

Then we moved to another apartment with a garden in which wonder-treasures revealed themselves to me. I believe it was there that the great Pan took possession of my child's soul — I sat for days in some green corner, among flowers, fashioning little doll's-bonnets out of rose petals. With the thorns I fastened ribbons of ribbon-grass to them. And I made chains of tiny blossoms, in the manner I later saw in India, which are unknown among us. In autumn, when the grapes ripened, great blue grapes, I climbed a ladder, stuck my head between leaves and fruit, and looked into the neighbouring garden, which seemed to me a forbidden wonder-world. So fairy-tale-like was all of it to me.

Nach Jahrzehnten stand ich wieder in meinem Kindheitsparadies und konnte gar nicht fassen, wo ich all seine Schönheiten gefunden hatte. Ja— das war der große Pan, der mich dort zum erstenmal geküßt hatte! Und noch ein anderer vielleicht: der Weltgenius oder zu deutsch »Reiseteufel« nahm dort heimlich und unbemerkt Besitz von mir.

Decades later I stood again in my childhood paradise and simply could not grasp where I had found all its beauties. Yes — it was the great Pan who had kissed me there for the first time! And perhaps another, too: the world-genius, or in plain German the “travel-devil,” took secret and unnoticed possession of me there.

Über uns wohnte eine Familie Ulrich, die kam geradewegs von Trinidad und Barbados.

Above us lived a family Ulrich, who came straight from Trinidad and Barbados.

Der Hausbesitzer war ein »Pariser Schneider« Mr. Eppenestre, der in seiner Vaterstadt Darmstadt die in Paris erschneiderten Renten verzehrte. Im Gartenhaus wohnte ein alter russischer Graf von der Gesandtschaft. Mit diesen Menschen aus verschiedensten Kreisen kam ich damals viel in Berührung, hörte von fernen Ländern und Städten wie von nächster Nachbarschaft. All das machte mir einen unauslöschlichen Eindruck. Was ging mir nicht alles durch den verworrenen Kleinkindersinn. — Bisher war ich der einzige Sprößling meiner Eltern gewesen. Ich bekam eine französische Schweizerin zur Bonne. Sie war sehr hübsch und lustig, und ich konnte bald französisch mit ihr plappern wie ein kleiner Papagei.

The owner of the house was a “Paris tailor,” Mr. Eppenestre, who in his native Darmstadt was spending the annuities he had tailored together in Paris. In the garden house lived an old Russian count from the legation. With these people from the most various circles I then came much into contact; I heard of distant lands and cities as of the nearest neighbourhood. All this made an indelible impression on me. What all did not pass through my confused small-child mind! — Until then I had been my parents' only offspring. I was given a French-Swiss girl as a nursemaid. She was very pretty and merry, and I could soon chatter French with her like a little parrot.

Aber eines Abends war starke Unruhe im Haus. Eine fremde Frau lief mit großen Schwämmen und Wasserkannen durchs Kinderzimmer, dann hörte ich gelles Schreien. Ich wurde früher als sonst zu Bette gebracht, und Louisa vergaß sogar, mir Daumen und Zeigefinger mit »Bitterem« zu reiben. Das war zum Abgewöhnen, denn ich lutschte allnächtlich an zwei Fingern zum Einschlafen und hatte sie mir schon halb abgelutscht; ich sehe sie noch vor mir: ganz dünn waren die kleinen Finger, mit tiefen Dellen darin. Das war das »Suckeles«. Mit der linken Hand zog ich dann das Leintuch übers Ohr und kratzte eifrig daran, das »Kratzes«. Ohne »Suckeles« und »Kratzes« war mir ein Einschlafen unmöglich, und ich empfand es als bodenlose Grausamkeit, daß man mir dies Vergnügen durch Wermuteinreibungen abgewöhnen, vergällen wollte. — An jenem Abend aber kratzte und sog ich völlig ungestört, nach Herzenslust.

But one evening there was great commotion in the house. A strange woman ran through the nursery with big sponges and water-cans; then I heard shrill screaming. I was put to bed earlier than usual, and Louisa even forgot to rub my thumb and forefinger with “the bitter stuff.” That was to break me of the habit, for every night I sucked two fingers to fall asleep and had already half sucked them away; I still see them before me: quite thin were the little fingers, with deep dents in them. That was the “Suckeles” — the sucking. With my left hand I would then pull the sheet over my ear and scratch eagerly at it — the “Kratzes,” the scratching. Without “Suckeles” and “Kratzes” falling asleep was impossible for me, and I felt it as bottomless cruelty that they wanted to break me of this pleasure, to spoil it for me, with rubbings of wormwood. — That evening, though, I scratched and sucked entirely undisturbed, to my heart's content.

Am andern Morgen kam der Vater an mein Bett, hob mich heraus und trug mich ins Schlafzimmer der Mutter: »Du hast ein Schwesterchen bekommen.« Ich staunte das kleine Weltwunder an, entzückte mich an den winzigen Händchen, begriff nicht, wo das Kind so plötzlich hergekommen war. Der »Storch« schien mir so unwahrscheinlich. Warum ließ er sich nicht sehen? —

The next morning my father came to my bed, lifted me out, and carried me into my mother's bedroom: “You've got a little sister.” I gazed in wonder at the little marvel of the world, delighted in the tiny hands, could not grasp where the child had so suddenly come from. The “stork” seemed to me so improbable. Why did he not let himself be seen? —

Aber von jener Zeit an umgab mich eine kühlere Luft im Haus. Alle Liebe ward auf die neugeborene Schwester, das »Nesthäkchen«, gerichtet. Und ich begann schon frühe zu fühlen, daß mein Herz viel zu warm sei für die gewöhnliche Welttemperatur. So hat es denn, mit wenigen Ausnahmen, sein Leben lang gefroren. —

But from that time a cooler air surrounded me in the house. All love was directed to the newborn sister, the “baby of the nest.” And I began early to feel that my heart was far too warm for the ordinary temperature of the world. And so, with few exceptions, it has been cold all its life. —

Bald sollte der Unterricht beginnen. Herr Huth, ein starker Mann mit grauen Löckchen und Stupsnase, lehrte mich lesen und schreiben. Ich fand, er sah genau aus wie ein Lutherbild, das im Kinderzimmer hing.

Soon lessons were to begin. Herr Huth, a stout man with little grey curls and a snub nose, taught me to read and write. I thought he looked exactly like a picture of Luther that hung in the nursery.

Eines Tages wurde die Großmutter erwartet. Ich freute mich sehr darauf, denn sie brachte stets herrliche »Magenmorsellen« mit, eine Spezialität aus Marburg, wo sie seit kurzem lebte. — Großmutter kam auch und ging bald darauf mit den Eltern aus; Louise war bei der kleinen Mimi, die sich zu einem frechen Schreihals entwickelt hatte.

One day my grandmother was expected. I looked forward to it greatly, for she always brought splendid “Magenmorsellen” — stomach lozenges, a speciality from Marburg, where she had recently been living. — Grandmother did come, and soon afterwards went out with my parents; Louise was with little Mimi, who had developed into an impudent little bawler.

Ich benutzte die Zeit, um der Großmutter Koffer nach weiteren »Magenmorsellen« zu durchsuchen, fand jedoch statt dessen eine prächtige Spitzenhaube mit lang flatternden lila Bändern (ich sehe sie noch) und ein großes Goldkreuz. Das letztere steckte ich in meine kleine Perlentasche, die Prachthaube aber unters Bett. Geschah der Großmutter schon recht. Was brachte sie auch so wenig Morsellen mit!

I used the time to search grandmother's trunk for more “Magenmorsellen,” but instead found a magnificent lace bonnet with long fluttering lilac ribbons (I can still see it) and a big gold cross. The latter I put into my little pearl bag, but the splendid bonnet under the bed. Served grandmother right. Why did she bring so few lozenges!

Abends sollte die Haube eingeweiht und das Goldkreuz getragen werden. Beides war nicht aufzufinden, es entstand große Aufregung, die Dienstboten wurden beschuldigt. Es wurde mir ungemütlich, ich sagte: »Schaut doch unters Bett.« Dort lag die Staatshaube, im hintersten Winkel, zusammengeknüllt. Meine Mutter wollte mich schlagen. Bei dieser Gelegenheit fand sie das goldene Kreuz in meiner Tasche. »Du böses Kind, du schlechtes Kind«, jammerte sie. »Warum hast du das getan?« — Und ich weiß es noch heute nicht, warum. Vielleicht, weil des Menschen Herz böse ist von Jugend auf? —

In the evening the bonnet was to be christened and the gold cross worn. Neither could be found; great agitation arose, the servants were accused. It became uncomfortable for me; I said, “Just look under the bed.” There lay the state-bonnet, in the farthest corner, crumpled up. My mother wanted to strike me. On this occasion she found the gold cross in my bag. “You wicked child, you bad child,” she wailed. “Why did you do that?” — And to this day I do not know why. Perhaps because man's heart is evil from his youth? —

Ich sollte nun bald in die Schule kommen, nachdem ich vier Jahre lang von Herrn Huth-Luther unterrichtet worden war. Aber nun fingen die Hauptleiden meiner Kinderzeit an. Ich konnte mich nicht mit den andern kleinen Mädchen anfreunden, sonderte mich stets ab und konnte nicht verstehen, warum sie immer schrien und lustig waren. So vieles hatte ich zu überlegen, an so vieles zu denken. Am herrlichsten war doch das Leben in Venedig gewesen, bei den großen Malerfürsten. Wer doch auch einmal ganz plötzlich sagen könnte: »Anch io sono pittore!« — Jede Rose, deren ich Sommers habhaft wurde, setzte ich mir in einer Vase aufs Fensterbrett. Aber nur wenn der Himmel blau war. Dann träumte ich mich nach Venedig. Das Fensterkreuz wandelte sich zum Spitzbogen. Unten schluchzte die Lagune, und ich war Tizian, der seine tote Tochter malte oder die blonde Dogaressa, die ihren alten Gatten betrügend den »Buhlen« erwartet. Dies Wort Buhle weckte mir ganz besondere Vorstellungen.

I was now soon to enter school, after being taught for four years by Herr Huth-Luther. But now the chief sufferings of my childhood began. I could not make friends with the other little girls, always kept myself apart, and could not understand why they were forever shrieking and merry. I had so much to ponder, so much to think about. The most glorious thing, after all, had been life in Venice, among the great painter-princes. If only one could suddenly say, too: “Anch'io sono pittore!” — Every rose I got hold of in summer I set in a vase on my windowsill. But only when the sky was blue. Then I dreamed myself off to Venice. The window-cross turned into a pointed arch. Below, the lagoon sobbed, and I was Titian painting his dead daughter, or the blonde Dogaressa who, deceiving her old husband, awaited her “paramour.” This word paramour awakened quite peculiar imaginings in me.

Aber die Schule war mir ein Greuel. Eigentlich hab’ ich mich dort an niemand angeschlossen, nur ein gutes, dummes Mädel, Lola Reis hieß sie, holte mich in all den Jahren unentwegt zum Schulgang ab. Ich wußte sonst nichts von ihr. Habe auch später nie wieder von ihr gehört, nach der Einsegnung hab’ ich sie aus den Augen verloren. Geht’s nicht fast mit allen Menschen so? Man wandert eine kleine Weile zusammen, und dann bleibt der eine ein paar Schritt zurück, holt den andern nie wieder ein, und man hört niemals wieder voneinander.

But school was an abomination to me. Actually I attached myself to no one there; only one good, stupid girl — Lola Reis she was called — came, all through those years, unfailingly to fetch me for the walk to school. I knew nothing else about her. Nor did I ever hear of her again later; after confirmation I lost sight of her. Is it not almost so with all people? One wanders together a little while, and then the one stays a few steps behind, never catches up with the other again, and one never hears of each other again.

Am fürchterlichsten waren mir die Pausen, wenn sich alle Freundinnen, Arm in Arm, aneinanderketteten und zusammen tuschelten. Damals kroch das Einsamkeitsgefühl mir zum erstenmal bewußt übers Herz.

Most dreadful of all to me were the breaks, when all the girlfriends, arm in arm, chained themselves together and whispered among themselves. It was then that the feeling of loneliness first crept consciously over my heart.

Um nicht mit den andern zusammen zu sein, stieg ich oft in den Pausen heimlich auf den Speicher und kroch zwischen der nassen Wäsche umher. Und diese Pausen dünkten mich endlos.

So as not to be together with the others, I often climbed secretly during the breaks up to the loft and crept about among the wet washing. And these breaks seemed to me endless.

Das Lernen war mir eine Freude. Besonders Geschichte und Sprachen liebte ich. Der Geschichtslehrer, Herr Dr. Boßler, rothaarig, schlank und elegant, war sogar mein erster Schwarm. Ich war freilich nicht die einzige in der Klasse, die ihn heimlich anbetete. Zu seinen Stunden trugen wir alle unsere Sonntagsstiefel. Er heiratete später, nach zehn Jahren, auch wirklich eine seiner Schülerinnen.

Learning was a joy to me. I especially loved history and languages. The history teacher, Dr. Boßler — red-haired, slim, and elegant — was even my first crush. I was, to be sure, not the only one in the class who secretly adored him. For his lessons we all wore our Sunday boots. Ten years later he did indeed marry one of his pupils.

Am meisten bewundert von allen Schülerinnen, vielmehr internen Pensionärinnen, habe ich Henriette Schadee, eine Holländerin, die ich später in Rotterdam besuchte, und Fanny Jais, das üppige Münchner Kindl, das mit einem Mediziner, Dr. Graf, verlobt war. Auch in deren Haus in München bin ich später öfter gewesen. Leider wurde der arme Doktor bald wahnsinnig. — Dann war da noch die bildschöne Lily Meyer aus Brasilien, die so wunderbar die Kassandra vortrug. (Ich versuchte stets es ihr nachzutun.) Sie heiratete den Kunstschriftsteller Dr. Wilhelm Lauser in Wien. Auch bei ihr war ich auf meinen Wanderfahrten. Sie wohnten in einem großen Park, und sie wiegte ihr Erstgeborenes. (Ich lernte dort gekochte Maiskolben mit Butter verspeisen.) — Wo sind sie hingekommen, diese Frauen? Mir ist, ich höre sie noch lachen und scherzen. Fanny Jais küßte so gerne, aber die Vorsteherin, mit dem Spitznamen »das graue Mäntelchen«, hat es ihr dann verboten. »Das sei allzu sinnlich.« Diese Bemerkung regte die ganze Klasse zu starkem Nachdenken an. — Der englischen Lehrerin, Fräulein Lanz, brachte ich öfter Granatblüten von dem Baum, hinter dessen Kübel ich mich einst versteckt hatte. Die roten Granatblüten dieses Baumes durchflammten meine ganze Kindheit. Wen ich liebte, dem brachte ich von ihnen. Aber mir war, als ob keiner die symbolische Gabe meines flammenden Herzens erkannte. Ich blieb mein Leben lang, allem Glück gegenüber, stets das kleine Mädchen mit den Granatblüten! Heischend und niemals findend! —

The ones I most admired of all the pupils — or rather the resident boarders — were Henriette Schadee, a Dutch girl whom I later visited in Rotterdam, and Fanny Jais, the buxom Munich lass who was engaged to a medical man, Dr. Graf. I was often in their house in Munich later, too. Sadly the poor doctor soon went mad. — Then there was the picture-beautiful Lily Meyer from Brazil, who recited Cassandra so wonderfully. (I always tried to imitate her.) She married the art-writer Dr. Wilhelm Lauser in Vienna. I stayed with her too on my wanderings. They lived in a large park, and she was rocking her first-born. (I learned there to eat boiled corn-cobs with butter.) — Where have they gone, these women? It seems to me I can still hear them laughing and joking. Fanny Jais loved to kiss, but the headmistress — nicknamed “the little grey cloak” — then forbade it her. “That was all too sensual.” This remark set the whole class to hard thinking. — To the English teacher, Fräulein Lanz, I often brought pomegranate blossoms from the tree behind whose tub I had once hidden. The red pomegranate blossoms of that tree flamed through my whole childhood. Whomever I loved, I brought some to. But it seemed to me as if no one recognized the symbolic gift of my flaming heart. All my life, in the face of every happiness, I remained the little girl with the pomegranate blossoms! Craving and never finding! —

Zu Hause fühlte ich mich nicht allzu wohl. Immer mehr wandte sich die Liebe der Eltern meiner Schwester zu, die es durch ihr anschmiegendes, äußerlich zärtliches Wesen dahin brachte, daß ihr jeder Wunsch erfüllt wurde. —

At home I did not feel too comfortable. More and more the parents' love turned to my sister, who by her clinging, outwardly tender nature brought it about that her every wish was fulfilled. —

Wir waren wieder umgezogen, und ich bekam neben der Küche ein schmales Kämmerchen eingeräumt, eine »eigene Stube«! Das machte mich unendlich stolz, so puritanisch schlicht das Gelaß auch war. Ich zog mir Bohnen und Winden vor dem Fenster, hatte in einem alten Schreibpult eine heimliche Konfektsammlung und stellte mir ans Fenster einen Teller mit Obst und ein aufgeschlagenes Lieblingsbuch, Schwabs Balladenschatz. Wenn ich nun in der Schule an dies mein eigenstes Dorado dachte, schwamm mein Herz in Wonne. Sobald ich wieder zu Hause war, schloß ich mich ein in meinem Reich, unter dem Vorwand dringender Schularbeiten. Dann erst fühlte ich mich völlig frei, völlig mich selber.

We had moved again, and I was given, next to the kitchen, a narrow little chamber — a “room of my own”! That made me infinitely proud, puritanically plain though the closet was. I trained beans and bindweed before the window, kept a secret sweet-collection in an old writing-desk, and set on the windowsill a plate of fruit and an open favourite book, Schwab's Treasury of Ballads. When I now thought at school of this, my very own Eldorado, my heart swam in bliss. As soon as I was home again, I locked myself into my kingdom, under the pretext of urgent schoolwork. Only then did I feel completely free, completely myself.

Wir hatten auch hier einen Garten, zu dem, zwischen zwei Mauern, ein schmaler Rebengang führte. Welche Träume umschloß mir dieser grüne Laubengang, der, wenn die Sonne darauf schien, von grüngoldenen Lichtern durchblitzt war. Mein Vater pflanzte und säte in seinen Mußestunden, meine Mutter putzte dabei Gemüse und forderte mich, stets vergebens, zur Mithilfe auf. »Du rennst lieber wie ein wildes Tier im Rebengang auf und ab«, meinte sie verweisend. — Schrecklich empfand ich mit der Zeit unsere »Geheimratswirtschaft«, den Widerspruch von Sein und Schein in unserm Leben. Es kam alles darauf an, der »Welt« Sand in die Augen zu streuen. Hofbälle und kostbare Straßenkleider! Zu Hause ließ man sich nicht gerne unvorbereitet überraschen. Einen unvorhergesehenen Besuch zu Tisch zu bitten, wäre eine Unmöglichkeit gewesen, dagegen gab es große Gesellschaften, mit wochenlangen Vorbereitungen (täglich verdoppelter Krummstreckung) und vornehmen Lohndienern. Oder aber alles auf den Kopf stellende Logierbesuche. Bei Gästen war unser Tisch berühmt, für uns vier allein war er sehr spärlich.

Here too we had a garden, to which, between two walls, a narrow vine-walk led. What dreams that green arbour enclosed for me — flashing, when the sun shone on it, with green-golden lights. My father planted and sowed in his leisure hours; my mother cleaned vegetables the while and called on me, always in vain, to help. “You'd rather run up and down the vine-walk like a wild animal,” she said reprovingly. — In time I came to feel our “privy-councillor household” as dreadful — the contradiction of being and seeming in our life. Everything came down to throwing sand in the eyes of “the world.” Court balls and costly street-dresses! At home one did not like to be caught unprepared. To ask an unforeseen guest to table would have been an impossibility; whereas there were great parties, with weeks of preparation (daily redoubled belt-tightening) and distinguished hired servants. Or else lodging-visits that turned everything upside down. With guests our table was famous; for the four of us alone it was very meagre.

Ich erregte einmal das Entsetzen meiner Mutter, als ich ihr erklärte, noch niemals satt geworden zu sein.

I once aroused my mother's horror when I declared to her that I had never yet eaten my fill.

Sehr oft kam ein alter Erbonkel, Baron Zoch, auf den alle möglichen Rücksichten genommen wurden. Ich war sein Liebling — meine Schwester hat ihn dann, Jahrzehnte später, beerbt. Er war weitgereist, sehr anspruchsvoll, ein Schwabe, der jeden Satz mit »Hajo« begann. Wir nannten ihn daher den »Hajoonkel«, und er imponierte mir damals gewaltig; umgab ihn doch für mich der Nimbus seiner Weitgereistheit.

Very often an old inheritance-uncle came, Baron Zoch, on whom every possible consideration was lavished. I was his favourite — my sister then, decades later, inherited from him. He was widely travelled, very demanding, a Swabian who began every sentence with “Hajo.” We therefore called him the “Hajo-uncle,” and he impressed me mightily at the time; for me he was surrounded by the nimbus of his far travels.

Mein Vater hatte oft auswärtige Termine. Da durften wir meistens mitfahren, »um den Wagen auszunützen«. All diese Fahrten machten mir tiefen Eindruck; ich legte mir ein Buch an, in dem ich die verschiedenen Orte, an die mich diese Reisen brachten, notierte. Jedesmal bei einer neuen Einzeichnung hatte ich das unwillkürliche Gefühl: »Nun ist’s ein Ort weniger auf der Welt, den du noch nicht kennst. Denn von frühester Kindheit an hatte ich einen brennenden Reisetrieb und ein Gefühl, daß es so etwas wie eine eherne Pflicht für mich sei, alles, aber auch alles in dieser Welt gründlich zu kennen und zu besichtigen. — Ich nahm auf jeden dieser Ausflüge mein Skizzenbuch mit und brachte meine kindlichen Zeichnungen aller neu geschauten Dinge mit großem Stolz zurück. Einmal fuhren wir nach Lindenfels im Odenwald. Um die romantische Burgruine blühte der Holunder. Im Wirtshaus trafen wir einen jungen Maler — August Fritz hieß er — der ist dann später, für ihn viel zu früh, verdorben, gestorben. Aber damals machte sein Können einen gewaltigen Eindruck auf mich. Er lobte meine schwachen Versuche und sagte mir beim Abschied: »Adieu, kleine Künstlerin.« —

My father often had appointments out of town. We were then usually allowed to come along, “to make use of the carriage.” All these journeys made a deep impression on me; I started a book in which I noted the various places these trips brought me to. Each time, at a new entry, I had the involuntary feeling: “Now there is one place fewer in the world that you do not yet know.” For from earliest childhood I had a burning drive to travel and a feeling that it was something like an iron duty for me to know and see everything — but everything — in this world thoroughly. — On each of these outings I took my sketchbook, and brought back my childish drawings of all the newly-seen things with great pride. Once we drove to Lindenfels in the Odenwald. Around the romantic castle-ruin the elder was in bloom. At the inn we met a young painter — August Fritz he was called — who later, far too early for him, went to ruin and died. But at the time his skill made a tremendous impression on me. He praised my feeble attempts and said to me at parting: “Adieu, little artist.” —

Ich besitze noch ein altes Notizbuch aus jener Zeit, darin finden sich die Worte: »Adieu, kleine Künstlerin!« Dies Wort prägt sich mir mit Flammenschrift ins Hirn und entscheidet mein Schicksal — ich werde Künstlerin!

I still possess an old notebook from that time, in which are found the words: “Adieu, little artist!” This word brands itself into my brain in letters of flame and decides my fate — I shall be an artist!

Wir waren einen Sommer in Jugenheim an der Bergstraße. Alle süße, fast südliche Schönheit des Heiligenbergs, dem Sitz des Prinzen Alexander von Hessen und seiner Gemahlin Prinzessin Battenberg, der Mutter des nachmaligen ersten Bulgarenfürsten Alexander, grub sich in meine Seele. Oft saßen wir am »goldenen Kreuz«, das herrlichen Blick in die Rheinebene gewährt. — Wie ich schon damals die Natur liebte! —

One summer we were in Jugenheim on the Bergstrasse. All the sweet, almost southern beauty of the Heiligenberg — the seat of Prince Alexander of Hesse and his wife, Princess Battenberg, the mother of Alexander, the later first prince of the Bulgarians — dug itself into my soul. Often we sat by the “golden cross,” which affords a glorious view over the Rhine plain. — How I loved nature even then! —

Aber nunmehr war kein Bild in keiner Zeitschrift sicher vor mir. Alles zeichnete ich ab, alles, und war unendlich stolz darauf.

But from now on no picture in any magazine was safe from me. I copied everything, everything, and was infinitely proud of it.

Dann kam der Krieg siebzig mit seinen Unruhen! In mein Stübchen kam Einquartierung. Ein Büchsenmacher, der nicht lange danach an der Cholera starb.

Then came the war of '70 with its upheavals! Into my little room came billeted soldiers. A gunsmith, who not long afterwards died of cholera.

Meine Mutter pflegte ihn einem Lazarett. Ich durfte sie manchmal besuchen und den Verwundeten Blumen und Obst bringen. Wie mich das beglückte. Schon damals wurden die gefangenen verwundeten Franzosen mit besonderem Interesse behandelt. Oft sahen wir von den Schulfenstern in ein anderes Lazarett, und viele von uns warfen den französischen Soldaten mit den roten Hosen Kußhändchen zu! Bis die Vorsteherin dahinter kam und das Strafgericht folgte. — Mein Onkel Fritz, meiner Mutter jüngster Bruder, Oberleutnant in österreichischen Diensten, seinerzeit bei Königgrätz schwer verwundet und zum Einarmigen geworden, kam nun im Jahr 1870 lange zu uns zu Besuch und erregte mit seinem einen Arm, seiner männlichen Schönheit und weißen Uniform das Interesse der ganzen kleinen Residenz. Ich konnte ihn nicht leiden, ich traute ihm nicht. Er fühlte sich als Märtyrer, weil er nicht mit in den neuen Krieg ziehen konnte. Wir waren im Sommer, wie fast jedes Jahr, wieder lange in Hattendorf, auf dem Rittergut. Die Großmutter war schon gestorben, mein Onkel Louis bewirtschaftete alles aus dem Vollen. Onkel Fritz, der sich zur Erholung dort aufhielt, schlug irgendwie, auf geheimnisvolle Art, über die Stränge. Ich belauschte manche geheime Familiensitzung über seine Sünden, die mich sehr interessierten und aufregten. Es war alles so dunkel, das Leben hatte so viele Fragen und Rätsel. Wann würde man alles wissen? Ich zeichnete wieder eifrig, diesmal nach der Natur. Denn der Maler Schlösser, ein Darmstädter Kind, der durch den Krieg von Paris vertrieben worden war, hatte meine Arbeiten gesehen und mir zur Pflicht gemacht, nie mehr nach Vorlagen, sondern nur nach der Natur zu zeichnen und zu malen. So zeichnete ich denn in diesem oberhessischen Winkel, an der Schwelm, nahe von Alsfelds Storchennest, alles, was mir vor die Finger kam. Aber noch weit lieber schwärmte ich ziellos in Feldern und Wäldern umher. Einen kleinen Hügel erklomm ich jeden Abend, um die Sonne untergehen zu sehen. Dann breitete ich die Arme aus, schaute wie verzückt in die rote Glut und rief: »Großer Weltengeist, nimm mir alles, nur laß mich die Welt sehen, die Welt!« —

My mother did nursing in a military hospital. I was sometimes allowed to visit her and bring the wounded flowers and fruit. How that made me happy. Even then the captured wounded French were treated with special interest. Often we looked from the school windows into another hospital, and many of us blew little kisses to the French soldiers with the red trousers! — until the headmistress got wind of it and the punishment followed. — My uncle Fritz, my mother's youngest brother, a first lieutenant in Austrian service, once severely wounded at Königgrätz and turned into a one-armed man, now came in 1870 for a long visit and, with his one arm, his manly beauty, and his white uniform, aroused the interest of the whole little residence-town. I could not stand him; I did not trust him. He felt himself a martyr because he could not go along into the new war. In summer, as almost every year, we were again for a long time at Hattendorf, on the estate. Grandmother had already died; my uncle Louis ran everything on a lavish scale. Uncle Fritz, who was staying there to recuperate, somehow, in a mysterious way, kicked over the traces. I eavesdropped on many a secret family council about his sins, which interested and excited me greatly. It was all so dark; life had so many questions and riddles. When would one know everything? I drew eagerly again, this time from nature. For the painter Schlösser, a Darmstadt child who had been driven from Paris by the war, had seen my work and made it my duty never again to draw from copies, but only from nature. So I drew, in that Upper-Hessian corner, on the Schwalm, near Alsfeld's stork's-nest, everything that came before my fingers. But far more gladly I roamed aimlessly about in fields and woods. A little hill I climbed every evening to watch the sun go down. Then I spread out my arms, gazed as if enraptured into the red glow, and cried: “Great World-Spirit, take everything from me, only let me see the world, the world!” —

Wenn ich dann allzu spät zum Abendbrot kam, schalt meine gute Tante Ottilie, meiner Mutter unverheiratete Schwester: »Mit dir ist’s nicht mehr auszuhalten, du wirst täglich verrückter.« Ich las nun auch wahllos, was mir unter die Finger kam, und das Leben erschien mir immer bunter und verworrener. Immer mehr zog ich mich in mich selber zurück. Ja, meinen Eltern war ich bald gänzlich entfremdet. Sie begriffen mich nicht.

When I then came far too late to supper, my good aunt Ottilie — my mother's unmarried sister — scolded: “There's no bearing you any longer; you get crazier by the day.” I now also read indiscriminately whatever came under my fingers, and life seemed to me ever more colourful and confused. More and more I withdrew into myself. Yes, I was soon entirely estranged from my parents. They did not understand me.

ADOLESZENZ Adolescence

Am liebsten las ich Reisebeschreibungen. Die waren auch das einzige, das mich zu Tränen rühren konnte! Aber mein Vater sagte dann: »Bilde dir nur nicht ein, daß du jemals große Weltreisen machen kannst. Woher willst du das Geld dazu nehmen? Es ist auch viel besser, ruhig im Land zu bleiben. Deine Reiseideen sind ebenso verrückt wie deine Künstlermarotten! Woher hast du nur den unruhigen Geist? Das wird noch einmal schlimm mit dir enden, vielleicht am Galgen!« — — — Sehr konsequent war mein guter Vater hierbei allerdings nicht. Denn bald darauf erzählte er mir wieder von den abenteuerlichen Fahrten der Afrikareisenden Alexandrine Tinne, die ja freilich, wie er weise hinzufügte, von Eingeborenen ermordet wurde. So rächte sich ihr ungebührlicher Reisetrieb.

Most of all I loved to read travel-accounts. They were the only thing, too, that could move me to tears! But my father would then say: “Just don't imagine you'll ever be able to make great journeys round the world. Where do you mean to get the money for it? It's also much better to stay quietly at home. Your travel-notions are just as mad as your artistic whims! Wherever did you get such a restless spirit? It will come to a bad end with you yet — perhaps on the gallows!” — — — Very consistent my good father was not in this, to be sure. For soon afterwards he told me again of the adventurous journeys of the Africa-traveller Alexandrine Tinne — who, of course, as he wisely added, was murdered by natives. Thus did her unseemly travel-urge avenge itself.

Bald hätte meine sensitive Seele aber an einen Mord meinerseits geglaubt! Wir fuhren einmal wieder alle im Wagen auf einer holperigen Landstraße. Ich umklammerte dabei angstvoll und fest meines Vaters Hand. Auf einmal schoß ein Blutstrahl aus seiner Pulsader empor wie ein Springbrunnen, und es fehlte nicht viel, so hätte sich mein Vater daran verblutet. Zum Glück fuhr ein Landarzt vorbei, der einen regelrechten Verband anlegen konnte. »Siehst du nun, daß du noch einmal an den Galgen kommen kannst?« rief mein Vater vorwurfsvoll. — Dieser Vorfall warf tiefe Schatten in meine Seele. Und ein anderer gleichfalls. Bei einem Herbstlandaufenthalt im »Halben Mond« zu Heppenheim, wo uns die reifen Aprikosen in die Fenster wuchsen und die ganze Fruchtfülle der hessischen Bergstraße mir in die Seele quoll, nahm mich meine Mutter mit zu einer Besichtigung der in Heppenheim befindlichen Riesenlandesirrenanstalt.

But soon my sensitive soul would nearly have believed in a murder of my own doing! Once again we were all driving in the carriage along a bumpy country road. I was clutching my father's hand, fearfully and tight. All at once a jet of blood shot up from his artery like a fountain, and it wanted but little for my father to bleed to death from it. Luckily a country doctor drove past who was able to apply a proper bandage. “Now do you see that you may yet come to the gallows?” my father cried reproachfully. — This incident cast deep shadows into my soul. And another likewise. During an autumn stay in the country, at the “Half Moon” in Heppenheim — where the ripe apricots grew into our windows and the whole fruit-abundance of the Hessian Bergstrasse welled into my soul — my mother took me along to a viewing of the giant provincial lunatic-asylum at Heppenheim.

Dieser Tag machte mir einen unauslöschlichen Eindruck.

That day made an indelible impression on me.

— »Und nun sollen die Damen noch die Tobsüchtigen sehen, wenn auch nur von weitem«, lächelte der Doktor Ludwig, nachdem er uns erst von Veitstanzbesessenen hatte umgaukeln lassen. — »Kleines Fräulein, legen Sie mal das Auge hier ans Schlüsselloch, die Tür ist verriegelt!«— Ich war damals vierzehn Jahre alt und gehorchte herzklopfend. Mein Auge fiel auf eine Frau mit langem grauem Haar, in hemdartigem Gewand, die mir den Rücken drehte. Wie gebannt haftete mein Blick auf ihr. Ob sie fühlen mochte, daß man sie beobachtete? Sie drehte sich plötzlich um, warf das Haar zurück, näherte sich der Tür. Ich wußte, die war verschlossen, aber auch wenn sie offen gewesen wäre, ich hätte mich gar nicht rühren können, ich war wie gelähmt.

— “And now the ladies shall see the raving ones too, if only from afar,” smiled Dr. Ludwig, after first letting us be circled by sufferers of St. Vitus's dance. — “Little miss, just put your eye here to the keyhole; the door is bolted!” — I was fourteen years old then, and obeyed with a pounding heart. My eye fell on a woman with long grey hair, in a shift-like gown, who had her back to me. As if spellbound, my gaze clung to her. Could she have felt that she was being watched? She turned round suddenly, threw back her hair, approached the door. I knew it was locked; but even had it been open, I could not have stirred at all — I was as if paralysed.

Und nun beugte sich die Irre herab — vielleicht hatte sie Füße unten durch den Türspalt bemerkt — sie beugte sich herab und preßte ein blutunterlaufenes Auge dicht ans Schlüsselloch. Ich schaute gerade hinein in den Herd des Wahnsinns, so lange, bis ich ohnmächtig zusammenbrach.

And now the madwoman bent down — perhaps she had noticed feet below, through the crack of the door — she bent down and pressed a bloodshot eye close to the keyhole. I looked straight into the very hearth of madness — so long, until I collapsed unconscious.

»Ihre Mutter hätte Prügel verdient für diese pädagogische Tat«, meinte später mein alter Freund Theodor Storm, als ich ihm hiervon erzählte.

“Your mother deserved a thrashing for this pedagogical deed,” said my old friend Theodor Storm later, when I told him of it.

Eines meiner ersten Gedichte wurde damals geboren mit dem Schluß: »Und ich begreife selbst das Narrenhaus.« Ja, ich fing an, vieles zu begreifen, vieles. Nur eines nicht: warum ich nicht glücklich war. Die heißen Hände der Sehnsucht begannen leise über mein Herz zu streichen und mein Blut aufzupeitschen.

One of my first poems was born at that time, ending: “And I understand even the madhouse.” Yes, I began to understand much, much. Only one thing not: why I was not happy. The hot hands of longing began softly to stroke over my heart and to lash up my blood.

Im Haus über uns lebte ein Justizrat Meisenzahl mit zwei Töchtern. Die jüngere, Auguste, vier Jahre älter als ich, etwa achtzehn Jahre, sollte Pianistin werden und spielte den ganzen Tag ihre Läufe, Triller und Salonstücke über unsern Köpfen. Zur Verzweiflung meiner Eltern und zu meiner heimlichen Bewunderung. Dann lernte ich sie kennen und kam öfter zu ihr hinauf. Aber durch Zufall entdeckte meine Mutter, daß sie sich ein Stelldichein mit einem Jüngling gab, und nun wurde mir der Verkehr verboten. Ich schrieb das verzweiflungsvoll an »sie«, Auguste. Was meinem Vater einen groben Brief des Justizrats und mir ein verschärftes Verkehrsverbot eintrug.

In the house above us lived a Justizrat Meisenzahl with two daughters. The younger, Auguste, four years older than I — about eighteen — was to become a pianist, and played her runs, trills, and salon-pieces all day long over our heads. To my parents' despair and my secret admiration. Then I came to know her and went up to her often. But by chance my mother discovered that she was keeping a tryst with a young man, and now the friendship was forbidden me. I wrote of this despairingly to “her,” Auguste. Which earned my father a coarse letter from the Justizrat, and me a stricter ban.

Auch hierüber hab’ ich noch einen Notizbucherguß, mit Bleistift gekritzelt, halb von Tränen verwischt: »Alles aus zwischen mir und Auguste, sie nur von ferne bewundert. Sie verachtet mich, daß ich ihr das getan.«— Und dann wieder: »Auguste von ferne auf der Schaukel beobachtet.«— »Neulich auf dem Hausflur in der Dämmerung ihr um den Hals gefallen.« — —

Of this too I still have a notebook effusion, scrawled in pencil, half blurred by tears: “All over between me and Auguste, only admired from afar. She despises me for having done that to her.” — And then again: “Watched Auguste from afar on the swing.” — “The other day in the hallway, in the dusk, fell upon her neck.” — —

Dann verebbte nach und nach der Kummer um Auguste. Andere Sorgen, andere Erlebnisse reckten sich hoch. Ein schneereicher Winter kam, mit blutroten Sonnenuntergängen. Ich besuchte Vorträge von Otto Roquette; ging dann bei Abendrot noch allein durch die weißen Anlagen. Da kam mir der Vers: Sahst leuchten du das Abendrot, Hoch über den Zypressen, Und sankst du stöhnend nicht ins Knie: O daß ich könnt’ vergessen — —

Then, little by little, the grief over Auguste ebbed away. Other cares, other experiences reared up. A snowy winter came, with blood-red sunsets. I attended lectures by Otto Roquette; then walked alone, in the sunset-glow, through the white gardens. There the verse came to me: Didst thou behold the sunset glow, / high above the cypresses, / and didst thou not sink groaning to thy knee: / oh, that I could forget — —

Ich hatte aber noch kaum je Zypressen gesehen, wußte auch nicht, was ich vergessen sollte. Aber der Vers gefiel mir sehr. —

But I had as yet hardly ever seen cypresses, nor did I know what I was supposed to forget. But the verse pleased me greatly. —

Dann der Einsegnungsunterricht beim freundlichen Pastor. Seine Freundlichkeit war mir stets seine hervorstechendste Eigenschaft. Er faßte sein Amt, uns in die Gemeinde erwachsener Christen vorbereitend einzuführen, weder hoch noch tief auf, sondern völlig nach dem Schema F. Aber er war freundlich, immer freundlich. Am Einsegnungstag selber waren wir auch alle tiefgerührt. Ich kniete vor einem blaublühenden Vergißmeinnichtkränzchen und erhielt den Spruch: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.« Ach, ich bin mir selber getreu gewesen, nur allzu sehr. Und daher allein all diese unendlichen Leiden.

Then the confirmation lessons with the friendly pastor. His friendliness was always, to me, his most striking quality. He conceived his office of preparing us for entry into the community of adult Christians neither highly nor deeply, but entirely by rote — “Schema F.” But he was friendly, always friendly. On the confirmation day itself we were all deeply moved as well. I knelt before a little wreath of blue-flowering forget-me-nots and received the text: “Be faithful unto death, and I will give thee the crown of life.” Ah, I have been faithful to myself — only far too much. And from that alone, all these endless sufferings.

Merkwürdigerweise kann ich mich kaum mehr auf den Verlauf meines Einsegnungstages besinnen — er muß nicht allzu feierlich gewesen sein. Religiöse Konflikte waren mir nicht gekommen — noch nicht. Ich glaube, ich hatte immer allzuviel mit mir selber zu tun. Aber ich las eine Weile morgens und abends sehr fleißig meinen Thomas aKempis. Und Feuchterslebens »Diätetik der Seele«. Ich war nun ein erwachsenes Mädchen und fühlte mich sehr wichtig.

Strangely, I can scarcely remember the course of my confirmation day — it cannot have been all too solemn. Religious conflicts had not come to me — not yet. I believe I always had far too much to do with myself. But for a while I read my Thomas à Kempis very diligently, morning and evening. And Feuchtersleben's “Dietetics of the Soul.” I was now a grown-up girl and felt myself very important.

Bei unserem Dankesbesuch beim Pfarrer S. praktizierten wir jede schämig unsern Zwanzigmarkobolus in leere Blumenvasen, unter gestickten Deckchen und unter Sofaschoner. Hoffentlich hat er alle Ostereier, die wir ihm gelegt haben, auch richtig gefunden.

On our thank-you visit to Pastor S., each of us shyly slipped our twenty-mark obol into empty flower-vases, under embroidered doilies and antimacassars. Let us hope he really did find all the Easter eggs we laid him.

FLÜGELSPANNEN Spreading Wings

Nun gehörte ich also vollgültig zur christlichen Gemeinde und begleitete meine Mutter noch viel selbstbewußter allsonntäglich in die Hofkirche, wo wir auf der rechten Estrade im sogenannten »Hofstall« auf roten Samtpolstern thronten. Ich glaube, das muß auch dem lieben Gott imponiert haben! Und nach der — ich hätte fast gesagt Ausstellung — also nach der kirchlichen Handlung ging’s an ein allgemeines Händeschütteln und Begrüßen, ein Toilettemustern und Prüfen, ein Dienern nach der anstoßenden Loge der Allerhöchsten Herrschaften — wirklich erhebend.

Now, then, I belonged in full standing to the Christian community, and accompanied my mother, much more self-assured now, every Sunday into the court church, where we throned on red velvet cushions on the right-hand dais, in the so-called “court-stall.” I believe that must have impressed the dear Lord too! And after the — I almost said exhibition — after the church ceremony, then, came a general shaking of hands and greeting, an inspecting and appraising of toilettes, a bowing towards the adjoining box of Their Most Exalted Highnesses — really uplifting.

Manchmal ging ich danach noch in die Gemäldegalerie oder das Museum, die damals noch im alten Schloß waren; am liebsten freilich zu den Gipsabgüssen im Antikensaal, was meine Mutter nicht gern sah. Sie fand es unschicklich für junge Mädchen. Ich fand schon damals die grünen Feigenblätter an den weißen Gipsfiguren im höchsten Grade unpassend. Aber ich konnte nie durch die alten Räume gehen, ohne an die berühmte »weiße Frau« des Darmstädter Schlosses zu denken. (Jedes anständige Fürstenschloß, das sich respektiert, besitzt doch eine solche.) Sie hieß einst Gräfin von Orlamünde und soll ihre Kinder mit einer Nadel erstochen haben. Oder ihren Mann — ich weiß nicht mehr recht. Aber ihr Bild im Jagdschloß von Kranichstein hatte ich ja schon oft mit leisem Gruseln betrachtet. — Die weiße Dame! —

Sometimes afterwards I would still go to the picture gallery or the museum, which were then still in the old palace; most gladly of all, to be sure, to the plaster casts in the hall of antiquities — which my mother did not like to see. She found it improper for young girls. Even then I found the green fig-leaves on the white plaster figures improper in the highest degree. But I could never walk through the old rooms without thinking of the famous “White Lady” of the Darmstadt palace. (Every respectable princely castle that respects itself possesses one, after all.) She was once called Countess von Orlamünde and is said to have stabbed her children to death with a needle. Or her husband — I no longer rightly know. But I had already often looked at her portrait in the hunting-lodge of Kranichstein with a faint shudder. — The White Lady! —

Wenn ich auch früher sagte, daß ich keine Freundin besessen; einer Jugendgespielin, vielmehr Genossin, muß ich dennoch gedenken. Sie war freilich mehrere Jahre alter als ich und geistig ihren Jahren voraus. Sie hieß Anna von Krane und besaß eine alte Gouvernante Fräulein Josse, die vor ihr »Carmen Sylva«, die Königin von Rumänien, in Wied am Rhein, erzogen hatte und noch ganz erfüllt von ihrem fürstlichen Zögling war. Sie leistete sich das Höchste an Drill, das eine Erzieherin fertig bringen kann. Sie war auch lutherisch fromm aufs äußerste und hatte eine starke Ähnlichkeit mit der alten Queen Victoria; auch innerlich fürchte ich, denn ihre blaurote Gesichtsfarbe hätte auf heimlichen Trunk schließen lassen können, wenn sie nicht gar so korrekt gewesen wäre. Seit meinem zehnten Jahr kam ich an jedem Samstag nachmittag zu Anna von Krane zum Zeichnen. Anna war eben so begabt wie ich, d.h. in ganz anderer Richtung. Es gab dort stets frischen Streuselkuchen, und Fräulein Josse las uns vor, Fouques »Zauberring«, »Oberon« und ähnliche Wunderbücher. Anna war sehr befreundet mit der gleichaltrigen Marie, Prinzessin Battenberg, späteren Fürstin Erbach. Das Leben hat uns alle drei auseinandergerissen.

Even if I said earlier that I possessed no friend, I must nevertheless commemorate one playmate of my youth, or rather companion. She was, to be sure, several years older than I, and mentally ahead of her years. She was called Anna von Krane and had an old governess, Fräulein Josse, who before her had brought up “Carmen Sylva,” the Queen of Romania, at Wied on the Rhine, and was still quite filled with her princely charge. She achieved the utmost in drill that an instructress can bring off. She was also Lutheran-pious in the extreme, and bore a strong resemblance to old Queen Victoria — inwardly too, I fear, for her blue-red complexion might have suggested secret drink, had she not been so very correct. From my tenth year I came every Saturday afternoon to Anna von Krane's to draw. Anna was just as gifted as I — that is, in quite a different direction. There was always fresh crumb-cake, and Fräulein Josse read aloud to us, Fouqué's “Magic Ring,” “Oberon,” and similar books of wonder. Anna was great friends with the same-aged Marie, Princess Battenberg, later Princess of Erbach. Life has torn all three of us apart.

Annas Hauptpuppe hieß »Penelope« und hatte griechisches Peplon. Als erwachsenes Mädchen führte sie nur gelehrte Gespräche auf Hofbällen. »Finden Sie nicht, diese Hitze erinnert an die Bleidächer Venedigs?« Die Leutnants fürchteten sich vor ihrer Gelehrsamkeit. Später hat sich alles gegeben, auch die Korrektheit! Sie siedelte mit ihrem Vater, einem künstlerisch sehr stark veranlagten, einstigen Offizier, nach Düsseldorf und trat heimlich zum Katholizismus über. Fräulein Josse behauptete, das sei ihr Todesstoß. Anna von Krane ist jetzt eine bekannte Schriftstellerin ausgesprochen katholischer Bücher. — — —

Anna's chief doll was called “Penelope” and had a Greek peplos. As a grown girl she conducted only learned conversations at court balls. “Don't you find this heat reminds one of the leaden roofs of Venice?” The lieutenants were afraid of her erudition. Later everything relaxed, even the correctness! She moved with her father — a onetime officer of very strong artistic bent — to Düsseldorf and secretly converted to Catholicism. Fräulein Josse maintained that this was her death-blow. Anna von Krane is now a well-known author of decidedly Catholic books. — — —

Dann verkehrte ich noch ein wenig mit meinen Kusinen. In dem kinderreichen Haus des Kammerherrn und Staatsrats und dessen Frau, einer Freiin Löw v. Steinfurth, ging alles drunter und drüber. Später gründeten die vornehmen Mädchen eine Art Fremdenpension für junge Ausländer, die ganz gut gedieh, aber meine korrekten Eltern mit Befremden erfüllte. Zwei der Söhne wurden Generale.

Then I still associated a little with my cousins. In the child-rich house of the Chamberlain and Councillor of State and his wife, a Baroness Löw von Steinfurth, everything went topsy-turvy. Later the distinguished girls founded a kind of boarding-house for young foreigners, which throve quite well but filled my correct parents with dismay. Two of the sons became generals.

Der Vater, der Bruder des meinen, war ein hochbegabter, sehr musikalischer Mann.

The father, my father's brother, was a highly gifted, very musical man.

Durch zwei Jahre aber hatte ich, nach meiner Einsegnung, zwei intime Freundinnen, Mina Hahn, nachmalige Frau Renz, und Amalie Kühn, die später einen Anilinfabrikanten heiratete. Mina Hahn kam mit ihrer Mutter von Worms, als ich ungefähr sechzehn Jahre war. Wir freundeten uns rasch an. Sie schien für mich und alles Freiere und Künstlerische zu schwärmen. Frau Hahn besaß eine reizende Villa in Seeheim an der Bergstraße. Dort verlebte ich, mit Mina und mit Amalie Kühn, unvergeßliche, romantische Sommerwochen in der Rosenzeit. Es war wie ein Märchen. Täglich wanderten wir nach einer anderen holunderumwucherten, umdufteten Burgruine. Nie vorher war mir so die tiefe Schönheit des Lebens aufgegangen. Wie harmlos glücklich wir waren, wie fröhlich wir schwärmten! Wir lasen auch dort Storms Novelle »Rosenzeit«. »Es gibt Tage, die den Rosen gleichen.« Das zitierten wir stündlich und rafften uns auf zu einem begeisterten Jugendbrief an den Dichter. Umgehend kam Theodor Storms Antwort: »Liebe junge, deutsche Mädchen, ein Gruß der Jugend — was könnte mir Lieberes geschehen.« Daraus entspann sich dann allgemach ein Briefwechsel zwischen mir und Storm, der bis zu seinem Tode währte, mich unendlich förderte und beglückte, und von dem ich noch manchmal erzählen werde.

But for two years, after my confirmation, I had two intimate friends: Mina Hahn, later Frau Renz, and Amalie Kühn, who afterwards married an aniline manufacturer. Mina Hahn came with her mother from Worms when I was about sixteen. We quickly became friends. She seemed to be enthusiastic about me and everything freer and more artistic. Frau Hahn owned a charming villa in Seeheim on the Bergstrasse. There, with Mina and Amalie Kühn, I spent unforgettable, romantic summer weeks in the rose season. It was like a fairy tale. Every day we wandered to another castle-ruin overgrown and fragrant with elder. Never before had the deep beauty of life so dawned on me. How harmlessly happy we were, how merrily we raved! There too we read Storm's novella “Rose Season.” “There are days that are like roses.” We quoted it hourly and roused ourselves to an enthusiastic letter of youth to the poet. By return came Theodor Storm's answer: “Dear young German girls, a greeting from youth — what dearer thing could befall me?” From this there gradually spun a correspondence between me and Storm that lasted until his death, that furthered and gladdened me infinitely, and of which I shall sometimes tell more.

Von früh bis spät streiften wir in Seeheim durch den wundervollen Buchenwald. Gedenke ich jener Zeit, fällt mir stets ein Volkslied ein, das wir damals immer sangen: »Es war einmal ’ne Jüdin, ein wunderschönes Weib.« Seeheim ist längst verkauft an Minas Vetter, den Bruder des späteren Gesandten v.S.; die Freundinnen habe ich lange verloren — durch das Leben, die äußeren Verhältnisse — nicht durch den Tod. — —

From early to late we roamed in Seeheim through the wonderful beech-wood. When I think of that time, a folk-song always comes to mind that we sang then: “There once was a Jewess, a wondrously beautiful woman.” Seeheim has long since been sold to Mina's cousin, the brother of the later envoy v. S.; the friends I lost long ago — through life, through outward circumstances — not through death. — —

Damals drängte sich mein innerstes Geschick in vereinzelte Reiseerlebnisse zusammen, denn zu Hause gefiel es mir immer weniger. Ich hatte nacheinander Malunterricht bei verschiedenen Lehrern, aber das war alles Dilettantenkram und gewährte mir keine innere Befriedigung. Endlich erlaubte mir mein Vater einen einmaligen wöchentlichen Unterricht bei dem Rivieramaler Christian Morgenstern in Frankfurt am Main. Auch dieser genügte mir nicht. Der sehr geschätzte Maler, dessen feine südliche Luftstimmungen mir gefielen, ließ mich von seinen eigenen Bildern kopieren, aber ich fühlte, daß der Maler Schlösser recht behielt, und daß nur das Studium der Natur mir nützen könne. Trotzdem ging ich gern nach Frankfurt, weil ich mir, nachdem ich bis zwei Uhr gemalt hatte, an den Nachmittagen die Stadt besah. Mit welchen Gefühlen besuchte ich wieder und wieder das Goethehaus! Und schwelgte in den Tropenreizen, der Kamelienpracht des Palmengartens. — Ich nahm regelmäßig bei de Giorgi meine Schokolade. Noch jetzt, wenn ich an dieser Schokoladenfabrik vorbeigehe und ihren Duft atme, umweht es mich wie ein Hauch aus meiner ersten Jugendzeit. Mit überwältigender Macht! —

At that time my innermost destiny concentrated itself into isolated travel-experiences, for at home I liked it less and less. I had, one after another, painting lessons from various teachers, but that was all dilettante stuff and afforded me no inner satisfaction. At last my father allowed me a single weekly lesson from the Riviera-painter Christian Morgenstern in Frankfurt am Main. He too did not satisfy me. The much-esteemed painter, whose fine southern atmospheric moods pleased me, had me copy from his own pictures; but I felt that the painter Schlösser was right, and that only the study of nature could be of use to me. Nevertheless I gladly went to Frankfurt, because after painting until two o'clock I looked over the city in the afternoons. With what feelings I visited, again and again, the Goethe house! And revelled in the tropical charms, the camellia-splendour, of the Palm Garden. — Regularly I took my chocolate at de Giorgi's. Even now, when I pass this chocolate factory and breathe its scent, it wafts over me like a breath out of my earliest youth. With overwhelming power! —

Und dann wurde ich eingeladen bei Verwandten, Baron und Baronin Schwartzenau in Östrich-Winkel im Rheingau. Einen herrlichen Herbst genoß ich dort, wir machten wundervolle Fußtouren (die dicken Schwartzenaus waren trotzdem rüstige Fußgänger) nach der Hallgarter Spitze und vielen anderen Aussichtspunkten. Mehr als in allem aber lebte ich hier, an ihrem Grab, in dem Leben und Sterben der Karoline von Günderode, in ihrer krankhaften Leidenschaft für den Komponisten Kreutzer. Am Friedhofsrand, am Grab der Selbstmörderin, las ich tieferschüttert die Worte: »O du Äther, mein Vater, o du Erde, meine Mutter — nehmt mich auf in die Unendlichkeit.« Oder ähnlich. Einen wahren Kultus trieb ich mit Karoline.

And then I was invited to relatives, Baron and Baroness Schwartzenau in Oestrich-Winkel in the Rheingau. A glorious autumn I enjoyed there; we made wonderful walking-tours (the fat Schwartzenaus were sturdy walkers all the same) to the Hallgarter Zange and many other viewpoints. But more than in all this I lived here, at her grave, in the life and death of Karoline von Günderode — in her morbid passion for the composer Creuzer. At the edge of the churchyard, at the grave of the suicide, deeply shaken, I read the words: “O thou Ether, my father, o thou Earth, my mother — take me up into infinity.” Or something like it. A veritable cult I made of Karoline.

Und dann nahmen mich die guten Schwartzenaus nach Eltville, zu Fräulein Lademann, mit. Das fast achtzigjährige Fräulein hatte in seiner Jugend Goethe gekannt und wurde nicht müde, hiervon zu erzählen. Wie eine Seherin schien sie mir in ihrer Begeisterung.

And then the good Schwartzenaus took me along to Eltville, to Fräulein Lademann. The nearly eighty-year-old lady had known Goethe in her youth and never tired of telling of it. Like a seeress she seemed to me in her enthusiasm.

Am herrlichsten aber ging mir das Leben auf, als ich einer Einladung der Jugendfreundin meines Vaters, der Frau von Pal&zieux, nach Vevey folgte.

But most gloriously of all life opened to me when I followed an invitation of my father's friend of youth, Frau von Palézieux, to Vevey.

Meine erste größere Reise!

My first larger journey!

Vorher war ich noch mit meiner guten Tante Ottilie auf einer »Studentenfußreise« in Wilhelmshöhe gewesen und glaubte, daß es nichts Größeres auf der Welt geben könne als den Blick vom Herkules am Habichtswald.

Beforehand I had also been with my good aunt Ottilie on a “student walking-trip” to Wilhelmshöhe and believed that there could be nothing greater in the world than the view from the Hercules on the Habichtswald.

Aber nun gingen mir zum erstenmal die weite Welt und die Wunder der Schneeberge auf. Freilich, in dem gastlichen, kinderreichen Haus sollte ich viel stille sitzen oder Tennis spielen, was mir weniger behagte. Ich verging fast vor innerer Ungeduld. Und vergesse nie, wie mir ein Freund des Hauses einmal verweisend sagte: »Vous n’&tes pas en voyage ici, vous &tes en s&jour.« — Bald aber hielt ich’s nicht mehr aus und beschloß, mir selber zu helfen.

But now, for the first time, the wide world and the wonders of the snow-mountains opened to me. To be sure, in the hospitable, child-rich house I was supposed to sit still a great deal or play tennis, which suited me less. I almost perished of inner impatience. And I shall never forget how a friend of the house once said to me reprovingly: “Vous n'êtes pas en voyage ici, vous êtes en séjour.” [You are not travelling here; you are staying.] But soon I could bear it no longer and resolved to help myself.

In der nächsten kurzen Sommernacht stand ich heimlich um vier Uhr auf und fuhr nach Chillon. Dort stand ich im Gefängnis von Bonnivard und zitierte mir Byrons Prisoner mit tiefster Empfindung: »My hair is grey, but not with years.« Byron war damals mein Abgott. Um neun Uhr saß ich wieder harmlos am Kaffeetisch der Familie Palezieux. »Hernach wollen wir mit unserm lieben Gast nach Chillon fahren«, sagte plötzlich die Hausfrau. Und wenige Stunden später stand ich abermals vor der erstaunten Kastellanin. Ich drückte den Hut tief ins Gesicht und schämte mich zu Tode. »Mais je connais donc cette demoiselle«, sagte die Frau halblaut und verwundert. Ich wurde blutrot und tat, als verstünde ich nicht. —

On the next short summer night I got up secretly at four o'clock and rode to Chillon. There I stood in Bonivard's prison and recited Byron's “Prisoner” to myself with deepest feeling: “My hair is grey, but not with years.” Byron was then my idol. By nine o'clock I was sitting innocently again at the coffee-table of the Palézieux family. “Afterwards we'll drive with our dear guest to Chillon,” the hostess suddenly said. And a few hours later I stood once more before the astonished castellan-woman. I pulled my hat low over my face and was ashamed to death. “Mais je connais donc cette demoiselle,” the woman said half-aloud and puzzled. [But surely I know this young lady.] I turned blood-red and pretended not to understand. —

Aber noch andere herrliche Ausflüge machten wir. »Siehst du das Weiße droben in den Bergen?« sagte Mela Palezieux, die älteste Tochter. »Ist das Schnee?« fragte ich. »Nein, aber die Narzissenfelder von Les Avants. Da hinauf klettern wir morgen.« Es war eine reichliche Tagestour. Jetzt geht eine Zahnradbahn dort hinauf, und erheben sich überall stattliche Hotels; ich war später wieder droben. Aber damals war’s schöner, in der schrankenlosen, durch keine Kultur eingedämmten Narzissenpracht.

But we made still other glorious excursions. “Do you see the white up there in the mountains?” said Mela Palézieux, the eldest daughter. “Is that snow?” I asked. “No, but the narcissus fields of Les Avants. We'll climb up there tomorrow.” It was a full day's tour. Now a rack-railway runs up there, and stately hotels rise everywhere; I was up there again later. But then it was more beautiful, in the boundless narcissus-splendour dammed in by no cultivation.

Blüte an Blüte drängten sich die schlanken Stengel, und der Duft wogte darüber wie eine betäubende Wolke. Ein Erlebnis, ein ewig unvergessenes, waren mir diese duftenden Narzissenfelder! Und ein anderes, gleich großes: die blühenden Rosenhecken in Glion und Montreux, allüberall. Ich konnte es nach der gewohnten nordischen Spärlichkeit gar nicht fassen und begriff nicht, daß die Familie meiner Gastgeberin sich so kühl all diesen Herrlichkeiten gegenüber verhielt. Und dann die Dent du midi im Alpenglühen! Und die Savoyer Berge! — Genf in seiner Größe beängstigte mich fast. — Auf dem Rückweg verlebte ich noch acht wunderreiche Tage bei meinem Lieblingsonkel Eduard, dem General von Fransecky, dem Helden von Sadowa, der Gouverneur von Straßburg geworden war. Er wohnte im schloßartigen Gouvernementsgebäude auf dem Broglie. Ich hatte eine ganze Zimmerflucht echter Rokokozimmer, bekam täglich Militärständchen und frische Rosensträuße. Was aber war das alles gegen das Münster! Jeden freien Moment huschte ich hinüber in sein glutleuchtendes Dunkel. In Erwin v. Steinbachs steingewordenem Märchen begriff ich zum erstenmal das vielbespöttelte Wort: »Architektur ist gefrorene Musik.« Alle herrlichsten Dome der Welt habe ich später gesehen und alle größten Kultstätten der Erde; mehr erschüttert und hingerissen als das Straßburger Münster hat mich nichts. Den jungen Goethe sah ich im Geist neben mir stehen, droben auf dem Turm, wo ich mit ehrfurchtsvollem Schauer seinen und Byrons Namenszug in Stein geritzt betrachtete. — Aber nichts drang tiefer in meine Seele als die mystische Farbenglut der alten Glasgemälde, wenn die Sonne sie durchleuchtete. Das erregte mir ähnliche dunkle Seligkeiten wie einstmals dem kleinen Kind das Kauern unter dem Flügel, wenn mein Vater musizierte. Ich fühlte es, wenn auch ganz unbewußt, schon damals: Solche Momente des Losgelöstseins von allem Irdischen, dem »Alltag«, sind für die Künstlerseele die allein lebenswerten. — Was ich alles wollte, wußte ich nicht, aber es wogte chaotisch in mir, wie Nebelballen, hinter denen die Sonne ringt. Würde sie durchdringen? Leuchtend und groß? Oder nur ein kurzer Sonnenblitz das chaotische Ringen für Augenblicke klären? Ist nicht ein jedes Menschenleben mehr oder weniger ein Kampf zwischen Nebel und Sonne? —

Blossom crowded on blossom, the slender stalks pressed together, and the scent surged over them like a stupefying cloud. An experience, one never to be forgotten, were these fragrant narcissus fields to me! And another, just as great: the blooming rose-hedges in Glion and Montreux, everywhere. After the accustomed Nordic meagreness I simply could not grasp it, and could not comprehend that my hostess's family behaved so coolly toward all these splendours. And then the Dent du Midi in the alpenglow! And the Savoy mountains! — Geneva in its grandeur almost frightened me. — On the way back I spent eight more wonder-rich days with my favourite uncle Eduard, General von Fransecky, the hero of Sadowa, who had become governor of Strasbourg. He lived in the palace-like government building on the Broglie. I had a whole suite of genuine rococo rooms, received daily military serenades and fresh bunches of roses. But what was all that against the Minster! Every free moment I slipped over into its glowing dark. In Erwin von Steinbach's fairy-tale turned to stone I understood for the first time the much-mocked saying: “Architecture is frozen music.” All the most glorious cathedrals in the world I later saw, and all the greatest places of worship on earth; nothing has shaken and carried me away more than the Strasbourg Minster. The young Goethe I saw in spirit standing beside me, up on the tower, where with reverent awe I looked at his and Byron's signatures scratched in stone. — But nothing penetrated deeper into my soul than the mystical glow of colour of the old stained-glass windows when the sun shone through them. It stirred in me dark blisses like those the little child once felt crouching under the piano when my father made music. I felt it, even if quite unconsciously, already then: such moments of being loosed from all earthly things, from the “everyday,” are for the artist's soul the only ones worth living. — What all I wanted, I did not know, but it surged chaotically within me, like balls of mist behind which the sun wrestles. Would it break through? Radiant and great? Or would only a brief flash of sun clear the chaotic struggle for moments? Is not every human life, more or less, a battle between mist and sun? —

Als ich nach all diesen Erlebnissen nach Darmstadt ins Elternhaus zurückkehrte, fühlte ich mich immer fremder und einsamer. Immer mehr strebte ich hinaus in die weite Welt! Nach einer Kunstschule, nach gründlichem Studium ging mein Sehnen. Aber vorher sollte ich erst eingeführt werden in die Welt der Gesellschaft. An den »Hof« geführt werden! Meine sonst so ängstlich sparsame Mutter machte in Frankfurt die wundervollsten Toiletteneinkäufe für mich. — Der alte dicke Großherzog Ludwig war vor einem Jahr gestorben. Ihm vorgestellt zu werden, soll sehr ergötzlich gewesen sein, er murmelte stets etwas Unverständliches, das Eingeweihte für »weiße Bohnen, schwarze Bohnen, schwarze Bohnen, weiße Bohnen« erklärten.

When, after all these experiences, I returned to Darmstadt to my parents' house, I felt ever stranger and lonelier. Ever more I strove out into the wide world! My longing was for an art school, for thorough study. But first I was to be introduced into the world of society. To be led to “court”! My otherwise so anxiously thrifty mother made the most wonderful toilette-purchases for me in Frankfurt. — The old fat Grand Duke Ludwig had died a year before. To be presented to him is said to have been very amusing; he always murmured something unintelligible that the initiated interpreted as “white beans, black beans, black beans, white beans.”

Der neue Großherzog Ludwig aber hatte eine englische Prinzessin zur Frau, die geistvolle Großherzogin Alice. Die hatte von meinem Maltalent gehört und interessierte sich ganz besonders für mich, nahm sich meiner persönlich an.

The new Grand Duke Ludwig, however, had an English princess for a wife, the brilliant Grand Duchess Alice. She had heard of my talent for painting and took a quite special interest in me, personally took me under her wing.

Der erste Hofball! Ich weinte bitterlich vorher und beschwor meine Mutter, mich nicht in die »Welt«, diese Gesellschaftswelt — (ein Hohn schien mir das Wort) zu führen, denn ich sei ja viel zu häßlich. Ach — nach wenigen Monaten war ich schon übertrieben eitel geworden auf äußere persönliche Vorzüge. Mein erstes Ballkleid ist mir stets erinnerlich. Blaugrauer Tarlatan, die duftigen Falbeln überall mit blaßrosa und schwarzen Seidenmaschen gehalten. Die Farben stimmten herrlich. »Du siehst ja in diesem Kleid wie die rosenfingrige Eos aus«, meinte Anna von Krane in ihrem eigensten Stil. —

The first court ball! I wept bitterly beforehand and implored my mother not to lead me into the “world,” this society-world — (the word seemed a mockery to me) — for I was surely far too ugly. Ah — after a few months I had already become excessively vain about outward personal advantages. My first ball-gown I always remember. Blue-grey tarlatan, the airy flounces held everywhere with pale-pink and black silk bows. The colours harmonized gloriously. “Why, in this dress you look like rosy-fingered Eos,” said Anna von Krane in her very own style. —

Dieser Winter gefiel mir dann sehr gut. Vor lauter Tanz und Vergnügen und eitel weltlicher Pracht verblaßten für ein paar Monate all meine dunkeln Süchte. Dazu hatte ich eine platonische Leidenschaft gefaßt für einen englischen Gesandtschaftsattache, Mr. Jerningham. Er hatte nicht die mindesten Absichten auf mich, aber er hatte zu jemand von mir gesagt: »She is very pretty« und mir beim Kotillon eine Kamelie geschenkt. Das genügte meinem phantastischen Herzen. Ich machte damals englische Gedichte. Eines davon ist mir noch erinnerlich: »My love was mad, my love was wild, why hast thou captured me, o Hugh, thy false, false words beguiled me to Eternity.« — —

This winter then pleased me very much. Amid sheer dancing and pleasure and vain worldly splendour, all my dark cravings paled for a few months. Besides, I had conceived a platonic passion for an English legation attaché, Mr. Jerningham. He had not the slightest designs on me, but he had said to someone of me, “She is very pretty,” and had given me a camellia at the cotillion. That sufficed my fantastical heart. I made English poems then. One of them I still remember: “My love was mad, my love was wild, why hast thou captured me, o Hugh, thy false, false words beguiled me to Eternity.” — —

Er verlobte sich dann bald mit einer amerikanischen Witwe, einer vierfachen Millionärin, und verschwand plötzlich von der Bildfläche. Und meine Sehnsüchte erwachten wieder. — — —

He then soon became engaged to an American widow, a quadruple millionairess, and suddenly vanished from the scene. And my longings awoke again. — — —