The Novel of My Life ›Adolescence
Chapter 4 · side by sideAdolescenceADOLESZENZ
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Am liebsten las ich Reisebeschreibungen. Die waren auch das einzige, das mich zu Tränen rühren konnte! Aber mein Vater sagte dann: »Bilde dir nur nicht ein, daß du jemals große Weltreisen machen kannst. Woher willst du das Geld dazu nehmen? Es ist auch viel besser, ruhig im Land zu bleiben. Deine Reiseideen sind ebenso verrückt wie deine Künstlermarotten! Woher hast du nur den unruhigen Geist? Das wird noch einmal schlimm mit dir enden, vielleicht am Galgen!« — — — Sehr konsequent war mein guter Vater hierbei allerdings nicht. Denn bald darauf erzählte er mir wieder von den abenteuerlichen Fahrten der Afrikareisenden Alexandrine Tinné, die ja freilich, wie er weise hinzufügte, von Eingeborenen ermordet wurde. So rächte sich ihr ungebührlicher Reisetrieb.
Most of all I loved to read travel-accounts. They were the only thing, too, that could move me to tears! But my father would then say: “Just don't imagine you'll ever be able to make great journeys round the world. Where do you mean to get the money for it? It's also much better to stay quietly at home. Your travel-notions are just as mad as your artistic whims! Wherever did you get such a restless spirit? It will come to a bad end with you yet, perhaps on the gallows!” — — — Very consistent my good father was not in this, to be sure. For soon afterwards he told me again of the adventurous journeys of the Africa-traveller Alexandrine Tinné, who, of course, as he wisely added, was murdered by natives. Thus did her unseemly travel-urge avenge itself.
Bald hätte meine sensitive Seele aber an einen Mord meinerseits geglaubt! Wir fuhren einmal wieder alle im Wagen auf einer holperigen Landstraße. Ich umklammerte dabei angstvoll und fest meines Vaters Hand. Auf einmal schoß ein Blutstrahl aus seiner Pulsader empor wie ein Springbrunnen, und es fehlte nicht viel, so hätte sich mein Vater daran verblutet. Zum Glück fuhr ein Landarzt vorbei, der einen regelrechten Verband anlegen konnte. »Siehst du nun, daß du noch einmal an den Galgen kommen kannst?« rief mein Vater vorwurfsvoll. — Dieser Vorfall warf tiefe Schatten in meine Seele. Und ein anderer gleichfalls. Bei einem Herbstlandaufenthalt im »Halben Mond« zu Heppenheim, wo uns die reifen Aprikosen in die Fenster wuchsen und die ganze Fruchtfülle der hessischen Bergstraße mir in die Seele quoll, nahm mich meine Mutter mit zu einer Besichtigung der in Heppenheim befindlichen Riesenlandesirrenanstalt.
But soon my sensitive soul would nearly have believed in a murder of my own doing! Once again we were all driving in the carriage along a bumpy country road. I was clutching my father's hand, fearfully and tight. All at once a jet of blood shot up from his artery like a fountain, and it wanted but little for my father to bleed to death from it. Luckily a country doctor drove past who was able to apply a proper bandage. “Now do you see that you may yet come to the gallows?” my father cried reproachfully. — This incident cast deep shadows into my soul. And another likewise. During an autumn stay in the country, at the “Half Moon” in Heppenheim, where the ripe apricots grew into our windows and the whole fruit-abundance of the Hessian Bergstrasse welled into my soul, my mother took me along to a viewing of the giant provincial lunatic-asylum at Heppenheim.
Dieser Tag machte mir einen unauslöschlichen Eindruck.
That day made an indelible impression on me.
— »Und nun sollen die Damen noch die Tobsüchtigen sehen, wenn auch nur von weitem«, lächelte der Doktor Ludwig, nachdem er uns erst von Veitstanzbesessenen hatte umgaukeln lassen. — »Kleines Fräulein, legen Sie mal das Auge hier ans Schlüsselloch, die Tür ist verriegelt!«— Ich war damals vierzehn Jahre alt und gehorchte herzklopfend. Mein Auge fiel auf eine Frau mit langem grauem Haar, in hemdartigem Gewand, die mir den Rücken drehte. Wie gebannt haftete mein Blick auf ihr. Ob sie fühlen mochte, daß man sie beobachtete? Sie drehte sich plötzlich um, warf das Haar zurück, näherte sich der Tür. Ich wußte, die war verschlossen, aber auch wenn sie offen gewesen wäre, ich hätte mich gar nicht rühren können, ich war wie gelähmt.
— “And now the ladies shall see the raving ones too, if only from afar,” smiled Dr. Ludwig, after first letting us be circled by sufferers of St. Vitus's dance. — “Little miss, just put your eye here to the keyhole, the door is bolted!” — I was fourteen years old then, and obeyed with a pounding heart. My eye fell on a woman with long grey hair, in a shift-like gown, who had her back to me. As if spellbound, my gaze clung to her. Could she have felt that she was being watched? She turned round suddenly, threw back her hair, approached the door. I knew it was locked, but even had it been open, I could not have stirred at all, I was as if paralysed.
Und nun beugte sich die Irre herab — vielleicht hatte sie Füße unten durch den Türspalt bemerkt — sie beugte sich herab und preßte ein blutunterlaufenes Auge dicht ans Schlüsselloch. Ich schaute gerade hinein in den Herd des Wahnsinns, so lange, bis ich ohnmächtig zusammenbrach.
And now the madwoman bent down — perhaps she had noticed feet below, through the crack of the door — she bent down and pressed a bloodshot eye close to the keyhole. I looked straight into the very hearth of madness, so long, until I collapsed unconscious.
»Ihre Mutter hätte Prügel verdient für diese pädagogische Tat«, meinte später mein alter Freund Theodor Storm, als ich ihm hiervon erzählte.
“Your mother deserved a thrashing for this pedagogical deed,” said my old friend Theodor Storm later, when I told him of it.
Eines meiner ersten Gedichte wurde damals geboren mit dem Schluß: »Und ich begreife selbst das Narrenhaus.« Ja, ich fing an, vieles zu begreifen, vieles. Nur eines nicht: warum ich nicht glücklich war. Die heißen Hände der Sehnsucht begannen leise über mein Herz zu streichen und mein Blut aufzupeitschen.
One of my first poems was born at that time, ending: “And I understand even the madhouse.” Yes, I began to understand much, much. Only one thing not: why I was not happy. The hot hands of longing began softly to stroke over my heart and to lash up my blood.
Im Haus über uns lebte ein Justizrat Meisenzahl mit zwei Töchtern. Die jüngere, Auguste, vier Jahre älter als ich, etwa achtzehn Jahre, sollte Pianistin werden und spielte den ganzen Tag ihre Läufe, Triller und Salonstücke über unsern Köpfen. Zur Verzweiflung meiner Eltern und zu meiner heimlichen Bewunderung. Dann lernte ich sie kennen und kam öfter zu ihr hinauf. Aber durch Zufall entdeckte meine Mutter, daß sie sich ein Stelldichein mit einem Jüngling gab, und nun wurde mir der Verkehr verboten. Ich schrieb das verzweiflungsvoll an »sie«, Auguste. Was meinem Vater einen groben Brief des Justizrats und mir ein verschärftes Verkehrsverbot eintrug.
In the house above us lived a Justizrat Meisenzahl with two daughters. The younger, Auguste, four years older than I, about eighteen, was to become a pianist, and played her runs, trills, and salon-pieces all day long over our heads. To my parents' despair and my secret admiration. Then I came to know her and went up to her often. But by chance my mother discovered that she was keeping a tryst with a young man, and now the friendship was forbidden me. I wrote of this despairingly to “her,” Auguste. Which earned my father a coarse letter from the Justizrat, and me a stricter ban.
Auch hierüber hab’ ich noch einen Notizbucherguß, mit Bleistift gekritzelt, halb von Tränen verwischt: »Alles aus zwischen mir und Auguste, sie nur von ferne bewundert. Sie verachtet mich, daß ich ihr das getan.«— Und dann wieder: »Auguste von ferne auf der Schaukel beobachtet.«— »Neulich auf dem Hausflur in der Dämmerung ihr um den Hals gefallen.« — —
Of this too I still have a notebook effusion, scrawled in pencil, half blurred by tears: “All over between me and Auguste, only admired from afar. She despises me for having done that to her.” — And then again: “Watched Auguste from afar on the swing.” — “The other day in the hallway, in the dusk, fell upon her neck.” — —
Dann verebbte nach und nach der Kummer um Auguste. Andere Sorgen, andere Erlebnisse reckten sich hoch. Ein schneereicher Winter kam, mit blutroten Sonnenuntergängen. Ich besuchte Vorträge von Otto Roquette; ging dann bei Abendrot noch allein durch die weißen Anlagen. Da kam mir der Vers: Sahst leuchten du das Abendrot, Hoch über den Zypressen, Und sankst du stöhnend nicht ins Knie: O daß ich könnt’ vergessen — —
Then, little by little, the grief over Auguste ebbed away. Other cares, other experiences reared up. A snowy winter came, with blood-red sunsets. I attended lectures by Otto Roquette; then walked alone, in the sunset-glow, through the white gardens. There the verse came to me: Didst thou behold the sunset glow, / high above the cypresses, / and didst thou not sink groaning to thy knee: / oh, that I could forget — —
Ich hatte aber noch kaum je Zypressen gesehen, wußte auch nicht, was ich vergessen sollte. Aber der Vers gefiel mir sehr. —
But I had as yet hardly ever seen cypresses, nor did I know what I was supposed to forget. But the verse pleased me greatly. —
Dann der Einsegnungsunterricht beim freundlichen Pastor. Seine Freundlichkeit war mir stets seine hervorstechendste Eigenschaft. Er faßte sein Amt, uns in die Gemeinde erwachsener Christen vorbereitend einzuführen, weder hoch noch tief auf, sondern völlig nach dem Schema F. Aber er war freundlich, immer freundlich. Am Einsegnungstag selber waren wir auch alle tiefgerührt. Ich kniete vor einem blaublühenden Vergißmeinnichtkränzchen und erhielt den Spruch: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.« Ach, ich bin mir selber getreu gewesen, nur allzu sehr. Und daher allein all diese unendlichen Leiden.
Then the confirmation lessons with the friendly pastor. His friendliness was always, to me, his most striking quality. He conceived his office of preparing us for entry into the community of adult Christians neither highly nor deeply, but entirely by rote, “Schema F.” But he was friendly, always friendly. On the confirmation day itself we were all deeply moved as well. I knelt before a little wreath of blue-flowering forget-me-nots and received the text: “Be faithful unto death, and I will give thee the crown of life.” Ah, I have been faithful to myself, only far too much. And from that alone, all these endless sufferings.
Merkwürdigerweise kann ich mich kaum mehr auf den Verlauf meines Einsegnungstages besinnen — er muß nicht allzu feierlich gewesen sein. Religiöse Konflikte waren mir nicht gekommen — noch nicht. Ich glaube, ich hatte immer allzuviel mit mir selber zu tun. Aber ich las eine Weile morgens und abends sehr fleißig meinen Thomas a Kempis. Und Feuchterslebens »Diätetik der Seele«. Ich war nun ein erwachsenes Mädchen und fühlte mich sehr wichtig.
Strangely, I can scarcely remember the course of my confirmation day — it cannot have been all too solemn. Religious conflicts had not come to me — not yet. I believe I always had far too much to do with myself. But for a while I read my Thomas à Kempis very diligently, morning and evening. And Feuchtersleben's “Dietetics of the Soul.” I was now a grown-up girl and felt myself very important.
Bei unserem Dankesbesuch beim Pfarrer S. praktizierten wir jede schämig unsern Zwanzigmarkobolus in leere Blumenvasen, unter gestickten Deckchen und unter Sofaschoner. Hoffentlich hat er alle Ostereier, die wir ihm gelegt haben, auch richtig gefunden.
On our thank-you visit to Pastor S., each of us shyly slipped our twenty-mark obol into empty flower-vases, under embroidered doilies and antimacassars. Let us hope he really did find all the Easter eggs we laid him.