The Novel of My Life ›Spreading Wings

Chapter 5 · side by sideSpreading WingsFLÜGELSPANNEN

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Deutsch — 1926English

Nun gehörte ich also vollgültig zur christlichen Gemeinde und begleitete meine Mutter noch viel selbstbewußter allsonntäglich in die Hofkirche, wo wir auf der rechten Estrade im sogenannten »Hofstall« auf roten Samtpolstern thronten. Ich glaube, das muß auch dem lieben Gott imponiert haben! Und nach der — ich hätte fast gesagt Ausstellung — also nach der kirchlichen Handlung ging’s an ein allgemeines Händeschütteln und Begrüßen, ein Toilettemustern und Prüfen, ein Dienern nach der anstoßenden Loge der Allerhöchsten Herrschaften — wirklich erhebend.

Now, then, I belonged in full standing to the Christian community, and accompanied my mother, much more self-assured now, every Sunday into the court church, where we throned on red velvet cushions on the right-hand dais, in the so-called “court-stall.” I believe that must have impressed the dear Lord too! And after the — I almost said exhibition — after the church ceremony, then, came a general shaking of hands and greeting, an inspecting and appraising of toilettes, a bowing towards the adjoining box of Their Most Exalted Highnesses — really uplifting.

Manchmal ging ich danach noch in die Gemäldegalerie oder das Museum, die damals noch im alten Schloß waren; am liebsten freilich zu den Gipsabgüssen im Antikensaal, was meine Mutter nicht gern sah. Sie fand es unschicklich für junge Mädchen. Ich fand schon damals die grünen Feigenblätter an den weißen Gipsfiguren im höchsten Grade unpassend. Aber ich konnte nie durch die alten Räume gehen, ohne an die berühmte »weiße Frau« des Darmstädter Schlosses zu denken. (Jedes anständige Fürstenschloß, das sich respektiert, besitzt doch eine solche.) Sie hieß einst Gräfin von Orlamünde und soll ihre Kinder mit einer Nadel erstochen haben. Oder ihren Mann — ich weiß nicht mehr recht. Aber ihr Bild im Jagdschloß von Kranichstein hatte ich ja schon oft mit leisem Gruseln betrachtet. — Die weiße Dame! —

Sometimes afterwards I would still go to the picture gallery or the museum, which were then still in the old palace; most gladly of all, to be sure, to the plaster casts in the hall of antiquities, which my mother did not like to see. She found it improper for young girls. Even then I found the green fig-leaves on the white plaster figures improper in the highest degree. But I could never walk through the old rooms without thinking of the famous “White Lady” of the Darmstadt palace. (Every respectable princely castle that respects itself possesses one, after all.) She was once called Countess von Orlamünde and is said to have stabbed her children to death with a needle. Or her husband — I no longer rightly know. But I had already often looked at her portrait in the hunting-lodge of Kranichstein with a faint shudder. — The White Lady! —

Wenn ich auch früher sagte, daß ich keine Freundin besessen; einer Jugendgespielin, vielmehr Genossin, muß ich dennoch gedenken. Sie war freilich mehrere Jahre alter als ich und geistig ihren Jahren voraus. Sie hieß Anna von Krane und besaß eine alte Gouvernante Fräulein Josse, die vor ihr »Carmen Sylva«, die Königin von Rumänien, in Wied am Rhein, erzogen hatte und noch ganz erfüllt von ihrem fürstlichen Zögling war. Sie leistete sich das Höchste an Drill, das eine Erzieherin fertig bringen kann. Sie war auch lutherisch fromm aufs äußerste und hatte eine starke Ähnlichkeit mit der alten Queen Victoria; auch innerlich fürchte ich, denn ihre blaurote Gesichtsfarbe hätte auf heimlichen Trunk schließen lassen können, wenn sie nicht gar so korrekt gewesen wäre. Seit meinem zehnten Jahr kam ich an jedem Samstag nachmittag zu Anna von Krane zum Zeichnen. Anna war eben so begabt wie ich, d.h. in ganz anderer Richtung. Es gab dort stets frischen Streuselkuchen, und Fräulein Josse las uns vor, Fouqués »Zauberring«, »Oberon« und ähnliche Wunderbücher. Anna war sehr befreundet mit der gleichaltrigen Marie, Prinzessin Battenberg, späteren Fürstin Erbach. Das Leben hat uns alle drei auseinandergerissen.

Even if I said earlier that I possessed no friend, I must nevertheless commemorate one playmate of my youth, or rather companion. She was, to be sure, several years older than I, and mentally ahead of her years. She was called Anna von Krane and had an old governess, Fräulein Josse, who before her had brought up “Carmen Sylva,” the Queen of Romania, at Wied on the Rhine, and was still quite filled with her princely charge. She achieved the utmost in drill that an instructress can bring off. She was also Lutheran-pious in the extreme, and bore a strong resemblance to old Queen Victoria; inwardly too, I fear, for her blue-red complexion might have suggested secret drink, had she not been so very correct. From my tenth year I came every Saturday afternoon to Anna von Krane’s to draw. Anna was just as gifted as I, that is, in quite a different direction. There was always fresh crumb-cake, and Fräulein Josse read aloud to us, Fouqué’s “Magic Ring,” “Oberon,” and similar books of wonder. Anna was great friends with the same-aged Marie, Princess Battenberg, later Princess of Erbach. Life has torn all three of us apart.

Annas Hauptpuppe hieß »Penelope« und hatte griechisches Peplon. Als erwachsenes Mädchen führte sie nur gelehrte Gespräche auf Hofbällen. »Finden Sie nicht, diese Hitze erinnert an die Bleidächer Venedigs?« Die Leutnants fürchteten sich vor ihrer Gelehrsamkeit. Später hat sich alles gegeben, auch die Korrektheit! Sie siedelte mit ihrem Vater, einem künstlerisch sehr stark veranlagten, einstigen Offizier, nach Düsseldorf und trat heimlich zum Katholizismus über. Fräulein Josse behauptete, das sei ihr Todesstoß. Anna von Krane ist jetzt eine bekannte Schriftstellerin ausgesprochen katholischer Bücher. — — —

Anna's chief doll was called “Penelope” and had a Greek peplos. As a grown girl she conducted only learned conversations at court balls. “Don't you find this heat reminds one of the leaden roofs of Venice?” The lieutenants were afraid of her erudition. Later everything relaxed, even the correctness! She moved with her father, a onetime officer of very strong artistic bent, to Düsseldorf and secretly converted to Catholicism. Fräulein Josse maintained that this was her death-blow. Anna von Krane is now a well-known author of decidedly Catholic books. — — —

Dann verkehrte ich noch ein wenig mit meinen Kusinen. In dem kinderreichen Haus des Kammerherrn und Staatsrats und dessen Frau, einer Freiin Löw v. Steinfurth, ging alles drunter und drüber. Später gründeten die vornehmen Mädchen eine Art Fremdenpension für junge Ausländer, die ganz gut gedieh, aber meine korrekten Eltern mit Befremden erfüllte. Zwei der Söhne wurden Generale.

Then I still associated a little with my cousins. In the child-rich house of the Chamberlain and Councillor of State and his wife, a Baroness Löw von Steinfurth, everything went topsy-turvy. Later the distinguished girls founded a kind of boarding-house for young foreigners, which throve quite well but filled my correct parents with dismay. Two of the sons became generals.

Der Vater, der Bruder des meinen, war ein hochbegabter, sehr musikalischer Mann.

The father, my father's brother, was a highly gifted, very musical man.

Durch zwei Jahre aber hatte ich, nach meiner Einsegnung, zwei intime Freundinnen, Mina Hahn, nachmalige Frau Renz, und Amalie Kühn, die später einen Anilinfabrikanten heiratete. Mina Hahn kam mit ihrer Mutter von Worms, als ich ungefähr sechzehn Jahre war. Wir freundeten uns rasch an. Sie schien für mich und alles Freiere und Künstlerische zu schwärmen. Frau Hahn besaß eine reizende Villa in Seeheim an der Bergstraße. Dort verlebte ich, mit Mina und mit Amalie Kühn, unvergeßliche, romantische Sommerwochen in der Rosenzeit. Es war wie ein Märchen. Täglich wanderten wir nach einer anderen holunderumwucherten, umdufteten Burgruine. Nie vorher war mir so die tiefe Schönheit des Lebens aufgegangen. Wie harmlos glücklich wir waren, wie fröhlich wir schwärmten! Wir lasen auch dort Storms Novelle »Rosenzeit«. »Es gibt Tage, die den Rosen gleichen.« Das zitierten wir stündlich und rafften uns auf zu einem begeisterten Jugendbrief an den Dichter. Umgehend kam Theodor Storms Antwort: »Liebe junge, deutsche Mädchen, ein Gruß der Jugend — was könnte mir Lieberes geschehen.« Daraus entspann sich dann allgemach ein Briefwechsel zwischen mir und Storm, der bis zu seinem Tode währte, mich unendlich förderte und beglückte, und von dem ich noch manchmal erzählen werde.

But for two years, after my confirmation, I had two intimate friends: Mina Hahn, later Frau Renz, and Amalie Kühn, who afterwards married an aniline manufacturer. Mina Hahn came with her mother from Worms when I was about sixteen. We quickly became friends. She seemed to be enthusiastic about me and everything freer and more artistic. Frau Hahn owned a charming villa in Seeheim on the Bergstrasse. There, with Mina and Amalie Kühn, I spent unforgettable, romantic summer weeks in the rose season. It was like a fairy tale. Every day we wandered to another castle-ruin overgrown and fragrant with elder. Never before had the deep beauty of life so dawned on me. How harmlessly happy we were, how merrily we raved! There too we read Storm's novella “Rose Season.” “There are days that are like roses.” We quoted it hourly and roused ourselves to an enthusiastic letter of youth to the poet. By return came Theodor Storm's answer: “Dear young German girls, a greeting from youth — what dearer thing could befall me.” From this there gradually spun a correspondence between me and Storm that lasted until his death, that furthered and gladdened me infinitely, and of which I shall sometimes tell more.

Von früh bis spät streiften wir in Seeheim durch den wundervollen Buchenwald. Gedenke ich jener Zeit, fällt mir stets ein Volkslied ein, das wir damals immer sangen: »Es war einmal ’ne Jüdin, ein wunderschönes Weib.« Seeheim ist längst verkauft an Minas Vetter, den Bruder des späteren Gesandten v.S.; die Freundinnen habe ich lange verloren — durch das Leben, die äußeren Verhältnisse — nicht durch den Tod. — —

From early to late we roamed in Seeheim through the wonderful beech-wood. When I think of that time, a folk-song always comes to mind that we sang then: “There once was a Jewess, a wondrously beautiful woman.” Seeheim has long since been sold to Mina's cousin, the brother of the later envoy v. S.; the friends I lost long ago — through life, through outward circumstances — not through death. — —

Damals drängte sich mein innerstes Geschick in vereinzelte Reiseerlebnisse zusammen, denn zu Hause gefiel es mir immer weniger. Ich hatte nacheinander Malunterricht bei verschiedenen Lehrern, aber das war alles Dilettantenkram und gewährte mir keine innere Befriedigung. Endlich erlaubte mir mein Vater einen einmaligen wöchentlichen Unterricht bei dem Rivieramaler Christian Morgenstern in Frankfurt am Main. Auch dieser genügte mir nicht. Der sehr geschätzte Maler, dessen feine südliche Luftstimmungen mir gefielen, ließ mich von seinen eigenen Bildern kopieren, aber ich fühlte, daß der Maler Schlösser recht behielt, und daß nur das Studium der Natur mir nützen könne. Trotzdem ging ich gern nach Frankfurt, weil ich mir, nachdem ich bis zwei Uhr gemalt hatte, an den Nachmittagen die Stadt besah. Mit welchen Gefühlen besuchte ich wieder und wieder das Goethehaus! Und schwelgte in den Tropenreizen, der Kamelienpracht des Palmengartens. — Ich nahm regelmäßig bei de Giorgi meine Schokolade. Noch jetzt, wenn ich an dieser Schokoladenfabrik vorbeigehe und ihren Duft atme, umweht es mich wie ein Hauch aus meiner ersten Jugendzeit. Mit überwältigender Macht! —

At that time my innermost destiny concentrated itself into isolated travel-experiences, for at home I liked it less and less. I had, one after another, painting lessons from various teachers, but that was all dilettante stuff and afforded me no inner satisfaction. At last my father allowed me a single weekly lesson from the Riviera-painter Christian Morgenstern in Frankfurt am Main. He too did not satisfy me. The much-esteemed painter, whose fine southern atmospheric moods pleased me, had me copy from his own pictures; but I felt that the painter Schlösser was right, and that only the study of nature could be of use to me. Nevertheless I gladly went to Frankfurt, because after painting until two o'clock I looked over the city in the afternoons. With what feelings I visited, again and again, the Goethe house! And revelled in the tropical charms, the camellia-splendour, of the Palm Garden. — Regularly I took my chocolate at de Giorgi's. Even now, when I pass this chocolate factory and breathe its scent, it wafts over me like a breath out of my earliest youth. With overwhelming power! —

Und dann wurde ich eingeladen bei Verwandten, Baron und Baronin Schwartzenau in Östrich-Winkel im Rheingau. Einen herrlichen Herbst genoß ich dort, wir machten wundervolle Fußtouren (die dicken Schwartzenaus waren trotzdem rüstige Fußgänger) nach der Hallgarter Spitze und vielen anderen Aussichtspunkten. Mehr als in allem aber lebte ich hier, an ihrem Grab, in dem Leben und Sterben der Karoline von Günderode, in ihrer krankhaften Leidenschaft für den Komponisten Kreutzer. Am Friedhofsrand, am Grab der Selbstmörderin, las ich tieferschüttert die Worte: »O du Äther, mein Vater, o du Erde, meine Mutter — nehmt mich auf in die Unendlichkeit.« Oder ähnlich. Einen wahren Kultus trieb ich mit Karoline.

And then I was invited to relatives, Baron and Baroness Schwartzenau in Oestrich-Winkel in the Rheingau. A glorious autumn I enjoyed there, we made wonderful walking-tours (the fat Schwartzenaus were sturdy walkers all the same) to the Hallgarter Zange and many other viewpoints. But more than in all this I lived here, at her grave, in the life and death of Karoline von Günderode, in her morbid passion for the composer Creuzer. At the edge of the churchyard, at the grave of the suicide, deeply shaken, I read the words: “O thou Ether, my father, o thou Earth, my mother — take me up into infinity.” Or something like it. A veritable cult I made of Karoline.

Und dann nahmen mich die guten Schwartzenaus nach Eltville, zu Fräulein Lademann, mit. Das fast achtzigjährige Fräulein hatte in seiner Jugend Goethe gekannt und wurde nicht müde, hiervon zu erzählen. Wie eine Seherin schien sie mir in ihrer Begeisterung.

And then the good Schwartzenaus took me along to Eltville, to Fräulein Lademann. The nearly eighty-year-old lady had known Goethe in her youth and never tired of telling of it. Like a seeress she seemed to me in her enthusiasm.

Am herrlichsten aber ging mir das Leben auf, als ich einer Einladung der Jugendfreundin meines Vaters, der Frau von Palézieux, nach Vevey folgte.

But most gloriously of all life opened to me when I followed an invitation of my father's friend of youth, Frau von Palézieux, to Vevey.

Meine erste größere Reise!

My first larger journey!

Vorher war ich noch mit meiner guten Tante Ottilie auf einer »Studentenfußreise« in Wilhelmshöhe gewesen und glaubte, daß es nichts Größeres auf der Welt geben könne als den Blick vom Herkules am Habichtswald.

Beforehand I had also been with my good aunt Ottilie on a “student walking-trip” to Wilhelmshöhe and believed that there could be nothing greater in the world than the view from the Hercules on the Habichtswald.

Aber nun gingen mir zum erstenmal die weite Welt und die Wunder der Schneeberge auf. Freilich, in dem gastlichen, kinderreichen Haus sollte ich viel stille sitzen oder Tennis spielen, was mir weniger behagte. Ich verging fast vor innerer Ungeduld. Und vergesse nie, wie mir ein Freund des Hauses einmal verweisend sagte: »Vous n’êtes pas en voyage içi, vous êtes en séjour.« — Bald aber hielt ich’s nicht mehr aus und beschloß, mir selber zu helfen.

But now, for the first time, the wide world and the wonders of the snow-mountains opened to me. To be sure, in the hospitable, child-rich house I was supposed to sit still a great deal or play tennis, which suited me less. I almost perished of inner impatience. And I shall never forget how a friend of the house once said to me reprovingly: “Vous n'êtes pas en voyage içi, vous êtes en séjour.” [You are not travelling here; you are staying.] — But soon I could bear it no longer and resolved to help myself.

In der nächsten kurzen Sommernacht stand ich heimlich um vier Uhr auf und fuhr nach Chillon. Dort stand ich im Gefängnis von Bonnivard und zitierte mir Byrons Prisoner mit tiefster Empfindung: »My hair is grey, but not with years.« Byron war damals mein Abgott. Um neun Uhr saß ich wieder harmlos am Kaffeetisch der Familie Palézieux. »Hernach wollen wir mit unserm lieben Gast nach Chillon fahren«, sagte plötzlich die Hausfrau. Und wenige Stunden später stand ich abermals vor der erstaunten Kastellanin. Ich drückte den Hut tief ins Gesicht und schämte mich zu Tode. »Mais je connais donc cette demoiselle«, sagte die Frau halblaut und verwundert. Ich wurde blutrot und tat, als verstünde ich nicht. —

On the next short summer night I got up secretly at four o'clock and rode to Chillon. There I stood in Bonivard's prison and recited Byron's “Prisoner” to myself with deepest feeling: “My hair is grey, but not with years.” Byron was then my idol. By nine o'clock I was sitting innocently again at the coffee-table of the Palézieux family. “Afterwards we'll drive with our dear guest to Chillon,” the hostess suddenly said. And a few hours later I stood once more before the astonished castellan-woman. I pulled my hat low over my face and was ashamed to death. “Mais je connais donc cette demoiselle,” the woman said half-aloud and puzzled. [But surely I know this young lady.] I turned blood-red and pretended not to understand. —

Aber noch andere herrliche Ausflüge machten wir. »Siehst du das Weiße droben in den Bergen?« sagte Mela Palézieux, die älteste Tochter. »Ist das Schnee?« fragte ich. »Nein, aber die Narzissenfelder von Les Avants. Da hinauf klettern wir morgen.« Es war eine reichliche Tagestour. Jetzt geht eine Zahnradbahn dort hinauf, und erheben sich überall stattliche Hotels; ich war später wieder droben. Aber damals war’s schöner, in der schrankenlosen, durch keine Kultur eingedämmten Narzissenpracht.

But we made still other glorious excursions. “Do you see the white up there in the mountains?” said Mela Palézieux, the eldest daughter. “Is that snow?” I asked. “No, but the narcissus fields of Les Avants. We'll climb up there tomorrow.” It was a full day's tour. Now a rack-railway runs up there, and stately hotels rise everywhere; I was up there again later. But then it was more beautiful, in the boundless narcissus-splendour dammed in by no cultivation.

Blüte an Blüte drängten sich die schlanken Stengel, und der Duft wogte darüber wie eine betäubende Wolke. Ein Erlebnis, ein ewig unvergessenes, waren mir diese duftenden Narzissenfelder! Und ein anderes, gleich großes: die blühenden Rosenhecken in Glion und Montreux, allüberall. Ich konnte es nach der gewohnten nordischen Spärlichkeit gar nicht fassen und begriff nicht, daß die Familie meiner Gastgeberin sich so kühl all diesen Herrlichkeiten gegenüber verhielt. Und dann die Dent du midi im Alpenglühen! Und die Savoyer Berge! — Genf in seiner Größe beängstigte mich fast. — Auf dem Rückweg verlebte ich noch acht wunderreiche Tage bei meinem Lieblingsonkel Eduard, dem General von Fransecky, dem Helden von Sadowa, der Gouverneur von Straßburg geworden war. Er wohnte im schloßartigen Gouvernementsgebäude auf dem Broglie. Ich hatte eine ganze Zimmerflucht echter Rokokozimmer, bekam täglich Militärständchen und frische Rosensträuße. Was aber war das alles gegen das Münster! Jeden freien Moment huschte ich hinüber in sein glutleuchtendes Dunkel. In Erwin v. Steinbachs steingewordenem Märchen begriff ich zum erstenmal das vielbespöttelte Wort: »Architektur ist gefrorene Musik.« Alle herrlichsten Dome der Welt habe ich später gesehen und alle größten Kultstätten der Erde; mehr erschüttert und hingerissen als das Straßburger Münster hat mich nichts. Den jungen Goethe sah ich im Geist neben mir stehen, droben auf dem Turm, wo ich mit ehrfurchtsvollem Schauer seinen und Byrons Namenszug in Stein geritzt betrachtete. — Aber nichts drang tiefer in meine Seele als die mystische Farbenglut der alten Glasgemälde, wenn die Sonne sie durchleuchtete. Das erregte mir ähnliche dunkle Seligkeiten wie einstmals dem kleinen Kind das Kauern unter dem Flügel, wenn mein Vater musizierte. Ich fühlte es, wenn auch ganz unbewußt, schon damals: Solche Momente des Losgelöstseins von allem Irdischen, dem »Alltag«, sind für die Künstlerseele die allein lebenswerten. — Was ich alles wollte, wußte ich nicht, aber es wogte chaotisch in mir, wie Nebelballen, hinter denen die Sonne ringt. Würde sie durchdringen? Leuchtend und groß? Oder nur ein kurzer Sonnenblitz das chaotische Ringen für Augenblicke klären? Ist nicht ein jedes Menschenleben mehr oder weniger ein Kampf zwischen Nebel und Sonne? —

Blossom crowded on blossom, the slender stalks pressed together, and the scent surged over them like a stupefying cloud. An experience, one never to be forgotten, were these fragrant narcissus fields to me! And another, just as great: the blooming rose-hedges in Glion and Montreux, everywhere. After the accustomed Nordic meagreness I simply could not grasp it, and could not comprehend that my hostess's family behaved so coolly toward all these splendours. And then the Dent du Midi in the alpenglow! And the Savoy mountains! — Geneva in its grandeur almost frightened me. — On the way back I spent eight more wonder-rich days with my favourite uncle Eduard, General von Fransecky, the hero of Sadowa, who had become governor of Strasbourg. He lived in the palace-like government building on the Broglie. I had a whole suite of genuine rococo rooms, received daily military serenades and fresh bunches of roses. But what was all that against the Minster! Every free moment I slipped over into its glowing dark. In Erwin von Steinbach's fairy-tale turned to stone I understood for the first time the much-mocked saying: “Architecture is frozen music.” All the most glorious cathedrals in the world I later saw, and all the greatest places of worship on earth; nothing has shaken and carried me away more than the Strasbourg Minster. The young Goethe I saw in spirit standing beside me, up on the tower, where with reverent awe I looked at his and Byron's signatures scratched in stone. — But nothing penetrated deeper into my soul than the mystical glow of colour of the old stained-glass windows when the sun shone through them. It stirred in me dark blisses like those the little child once felt crouching under the piano when my father made music. I felt it, even if quite unconsciously, already then: such moments of being loosed from all earthly things, from the “everyday,” are for the artist's soul the only ones worth living. — What all I wanted, I did not know, but it surged chaotically within me, like balls of mist behind which the sun wrestles. Would it break through? Radiant and great? Or would only a brief flash of sun clear the chaotic struggle for moments? Is not every human life, more or less, a battle between mist and sun? —

Als ich nach all diesen Erlebnissen nach Darmstadt ins Elternhaus zurückkehrte, fühlte ich mich immer fremder und einsamer. Immer mehr strebte ich hinaus in die weite Welt! Nach einer Kunstschule, nach gründlichem Studium ging mein Sehnen. Aber vorher sollte ich erst eingeführt werden in die Welt der Gesellschaft. An den »Hof« geführt werden! Meine sonst so ängstlich sparsame Mutter machte in Frankfurt die wundervollsten Toiletteneinkäufe für mich. — Der alte dicke Großherzog Ludwig war vor einem Jahr gestorben. Ihm vorgestellt zu werden, soll sehr ergötzlich gewesen sein, er murmelte stets etwas Unverständliches, das Eingeweihte für »weiße Bohnen, schwarze Bohnen, schwarze Bohnen, weiße Bohnen« erklärten.

When, after all these experiences, I returned to Darmstadt to my parents' house, I felt ever stranger and lonelier. Ever more I strove out into the wide world! My longing was for an art school, for thorough study. But first I was to be introduced into the world of society. To be led to “court”! My otherwise so anxiously thrifty mother made the most wonderful toilette-purchases for me in Frankfurt. — The old fat Grand Duke Ludwig had died a year before. To be presented to him is said to have been very amusing; he always murmured something unintelligible that the initiated interpreted as “white beans, black beans, black beans, white beans.”

Der neue Großherzog Ludwig aber hatte eine englische Prinzessin zur Frau, die geistvolle Großherzogin Alice. Die hatte von meinem Maltalent gehört und interessierte sich ganz besonders für mich, nahm sich meiner persönlich an.

The new Grand Duke Ludwig, however, had an English princess for a wife, the brilliant Grand Duchess Alice. She had heard of my talent for painting and took a quite special interest in me, personally took me under her wing.

Der erste Hofball! Ich weinte bitterlich vorher und beschwor meine Mutter, mich nicht in die »Welt«, diese Gesellschaftswelt — (ein Hohn schien mir das Wort) zu führen, denn ich sei ja viel zu häßlich. Ach — nach wenigen Monaten war ich schon übertrieben eitel geworden auf äußere persönliche Vorzüge. Mein erstes Ballkleid ist mir stets erinnerlich. Blaugrauer Tarlatan, die duftigen Falbeln überall mit blaßrosa und schwarzen Seidenmaschen gehalten. Die Farben stimmten herrlich. »Du siehst ja in diesem Kleid wie die rosenfingrige Eos aus«, meinte Anna von Krane in ihrem eigensten Stil. —

The first court ball! I wept bitterly beforehand and implored my mother not to lead me into the “world,” this society-world — (the word seemed a mockery to me), for I was surely far too ugly. Ah — after a few months I had already become excessively vain about outward personal advantages. My first ball-gown I always remember. Blue-grey tarlatan, the airy flounces held everywhere with pale-pink and black silk bows. The colours harmonized gloriously. “Why, in this dress you look like rosy-fingered Eos,” said Anna von Krane in her very own style. —

Dieser Winter gefiel mir dann sehr gut. Vor lauter Tanz und Vergnügen und eitel weltlicher Pracht verblaßten für ein paar Monate all meine dunkeln Süchte. Dazu hatte ich eine platonische Leidenschaft gefaßt für einen englischen Gesandtschaftsattaché, Mr. Jerningham. Er hatte nicht die mindesten Absichten auf mich, aber er hatte zu jemand von mir gesagt: »She is very pretty« und mir beim Kotillon eine Kamelie geschenkt. Das genügte meinem phantastischen Herzen. Ich machte damals englische Gedichte. Eines davon ist mir noch erinnerlich: »My love was mad, my love was wild, why hast thou captured me, o Hugh, thy false, false words beguiled me to Eternity.« — —

This winter then pleased me very much. Amid sheer dancing and pleasure and vain worldly splendour, all my dark cravings paled for a few months. Besides, I had conceived a platonic passion for an English legation attaché, Mr. Jerningham. He had not the slightest designs on me, but he had said to someone of me, “She is very pretty,” and had given me a camellia at the cotillion. That sufficed my fantastical heart. I made English poems then. One of them I still remember: “My love was mad, my love was wild, why hast thou captured me, o Hugh, thy false, false words beguiled me to Eternity.” — —

Er verlobte sich dann bald mit einer amerikanischen Witwe, einer vierfachen Millionärin, und verschwand plötzlich von der Bildfläche. Und meine Sehnsüchte erwachten wieder. — — —

He then soon became engaged to an American widow, a quadruple millionairess, and suddenly vanished from the scene. And my longings awoke again. — — —