The Novel of My Life ›First Journey to Rome — First Love
Chapter 7 · side by sideFirst Journey to Rome — First LoveERSTE RÖMERFAHRT — ERSTE LIEBE
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Ja, glänzend begann mein Aufstieg. Über Wien zog ich und ging zu Canon, dem Großen, dem Lehrer Ferdinand Kellers. Ich sollte dort einen Tag lang bei ihm einen Schädel zeichnen nach seiner Art, was mir heiße Tränen entlockte. Dann besuchte ich die schöne Lili Lauser, meinen Kinderschwarm. Und dann über Triest nach Venedig. Alle Sterne blühten mir empor — alle Schönheitsträume wurden mir zur Wirklichkeit. Ich war im Hotel Sandwirt abgestiegen. Die Aussicht von meinem Fenster bei Mondenschein! Gab es denn etwas so unwirklich Traumhaftes wie Venedig bei Mondenschein? —
Yes, my ascent began brilliantly. I travelled by way of Vienna and went to Canon, the great man, the teacher of Ferdinand Keller. There I was set to draw a skull for a whole day in his manner, which drew hot tears from me. Then I visited the beautiful Lili Lauser, my childhood crush. And then on by way of Trieste to Venice. All the stars came into flower above me — every dream of beauty became reality for me. I had put up at the Hotel Sandwirt. The view from my window by moonlight! Was there anything so unreally dreamlike as Venice by moonlight? —
Ich lernte im Hotel einen polnischen Dichter kennen, Edwin Placzek. Dem war eben die Braut gestorben. Er umgab mich mit der zartesten Sorge. An seiner Hand, im Schatten seines tiefen Wissens, besuchte ich zuerst alle Stätten meiner Kindersehnsucht. Wir fuhren nach dem armenischen Kloster, wieder auf Byrons Spuren. Auf dem Rückweg lauteten alle Glocken, purpurn färbten sich die Wasser; der Pole weinte vor Empfindung. Niemals nachher, so oft und so lange ich in Venedig war, habe ich es wieder in solcher Stimmung gesehen.
At the hotel I came to know a Polish poet, Edwin Placzek. His bride had just died. He surrounded me with the tenderest care. On his arm, in the shadow of his deep learning, I first visited all the places of my childhood longing. We went out to the Armenian monastery, once again on Byron's traces. On the way back all the bells were ringing, the waters turned purple; the Pole wept with feeling. Never afterwards, however often and however long I was in Venice, did I see it again in such a mood.
Und dann war noch etwas anderes, was mir diese venetianischen Tage unvergeßlich machte. Feuerbach war damals dort und arbeitete an seiner Amazonenschlacht. Außerdem hatte er kurz vorher das »Konzert« gemalt, die musizierenden Mädchen, die dann bei einer Lustfahrt auf der Lagune ertrunken waren. — Sein Gemüt war verschattet, es war wenige Jahre vor seinem Ende. Er schrieb vielleicht damals schon an seinem ergreifenden »Vermächtnis« und trug sich mit Todesgedanken. Wer kann es sagen? Ich hatte ihn wieder aufgesucht, und er hatte sich aufs freundlichste des kleinen Malweibchens erinnert, das ihn vor einigen Jahren in Heidelberg überfallen hatte. Er erlaubte mir, öfter zu kommen. Da kam ich nun täglich, wenn er oben auf dem Gerüst an seiner Amazonenschlacht saß, und wühlte in seinen Mappen und besah all die unzähligen Studienköpfe, bis in den hintersten Winkel des Riesenateliers. Er schien mir anders wie damals in Heidelberg, viel, viel stiller. Aber ich hatte das Gefühl, daß ihm meine Nähe wohltat, trotzdem wir oft stundenlang kein Wort zusammen sprachen. Er mochte wohl bei meiner jugendlichen Begeisterung für Kunst, Schönheit und Venedig an seine eigenen Jugendflammen denken, die nun so schwer verdüstert waren — es mochte ihn wie Wehmut erfüllen beim Gedanken, wie bald diese Idealflammen von Asche und Lebensschlacken gedämpft und getrübt würden. Ich war ihm so tief dankbar für seine Duldung, und wir nahmen, fast bewegt, Abschied. — Ich habe ihn auch nie wieder gesehen. Bald sollte sich sein Geschick erfüllen. —
And then there was something else that made those Venetian days unforgettable to me. Feuerbach was there at the time, working on his Battle of the Amazons. He had also painted The Concert shortly before, the girls making music, who were afterwards drowned on a pleasure trip on the lagoon. — His spirit was overshadowed; it was a few years before his end. Perhaps he was already writing his affecting Legacy at that time, and carrying thoughts of death about with him. Who can say? I had sought him out again, and he had remembered in the friendliest way the little painting-woman who had descended on him in Heidelberg some years before. He allowed me to come more often. So now I came daily, while he sat up on the scaffold at his Battle of the Amazons, and rummaged in his portfolios and looked at all the countless study heads, into the furthest corner of the giant studio. He seemed to me different from that time in Heidelberg, much, much quieter. But I had the feeling that my nearness did him good, although we often sat for hours without exchanging a word. My youthful enthusiasm for art, for beauty, for Venice may well have made him think of his own flames of youth, now so heavily darkened — it may have filled him with something like melancholy to think how soon those ideal flames would be damped and dulled by ash and the slag of living. I was so deeply grateful to him for tolerating me, and we took our leave almost with emotion. — Nor did I ever see him again. His fate was soon to be fulfilled. —
Dann ging ich nach Florenz. Dort traf ich in der Casa Nardini den mir von Alfred Waag empfohlenen Architekten Schulze, seinen Freund, an den er mir eine Empfehlung mitgegeben hatte. Dieser und sein Kamerad, Dr. Schönfeld (ein früh gestorbener Kunsthistoriker), nahmen mich energisch unter ihre Fittiche. Ich habe sehr viel durch diese beiden gelernt. Leider traf dann meine Reisegefährtin für Rom, Miß Fer, ein, der diese gründlichen Kunstbesichtigungen bald langweilig wurden. Es war dies eine schöne, schottische Malerin mit sehr wenig Talent, die ich in meiner letzten Karlsruher Zeit kennengelernt hatte. Da sie auch für längere Zeit nach Rom wollte, hatten wir, auf Frau von Putlitz’ Rat, verabredet, uns in Florenz zu treffen. Ich sollte das bald bereuen, denn sie war mir immer und ewig ein Klotz am Bein. —
Then I went to Florence. There, in the Casa Nardini, I met the architect Schulze, recommended to me by Alfred Waag, his friend, to whom he had given me a letter of introduction. He and his comrade, Dr. Schönfeld (an art historian who died young), took me energetically under their wing. I learned a great deal through those two. Unfortunately my travelling companion for Rome, Miss Fer, then arrived, who soon found these thorough inspections of art boring. She was a beautiful Scottish painter with very little talent, whom I had come to know in my last Karlsruhe days. Since she too wanted to go to Rome for a longer stay, we had agreed, on Frau von Putlitz's advice, to meet in Florence. I was soon to regret it, for she was a weight round my leg for ever and always. —
Meine ganze erste Römerzeit brauchte ich eigentlich nicht mehr zu schildern. Ich habe sie festgelegt in meiner Novelle »Truggold«, in meinem Novellenband »Tollkraut«.
My whole first Roman period I really need not describe again. I have set it down in my novella “Truggold,” in my volume of novellas Tollkraut.
Da aber diese Novellen vergriffen sind, will ich’s nochmals versuchen, jene Zeiten neu in mir aufleben zu lassen. Wie manches Mal ich später auch wieder nach Rom kam, wie manches Jahr ich dort verlebte, — niemals kehrten mir die Eindrücke wieder wie bei meinem ersten Aufenthalt.
But since those novellas are out of print, I will try once more to let those times live again in me. However many times I came back to Rome later, however many years I spent there, — never did the impressions return as they were on my first stay.
Architekt Schulze und sein Freund waren gleichfalls nach Rom gekommen und zeigten uns noch manches, ebneten uns viele Wege — aber mit tiefem Bedauern mußte ich bald erkennen, daß diese beiden feinen und gelehrten Menschen, zum ernsten Lebenskampf für alle Zeiten verdorben, durch und durch verbummelt und verkneipt waren. Schulze hat sich auch zehn Jahre später zu erschießen versucht. Nach dem Spital am Tarpejischen Felsen gebracht, hat er, als er beinahe wieder geheilt war, sich im Säuferwahnsinn aus dem Fenster gestürzt. Auch einer von den vielen, denen die »tausend Stimmen im Grund« gelogen haben. —
The architect Schulze and his friend had likewise come to Rome, and showed us a good deal more, smoothed many paths for us — but with deep regret I soon had to recognise that these two fine and learned men were spoiled for the serious struggle of life for all time, idled and drunk through and through. Schulze also tried to shoot himself ten years later. Taken to the hospital by the Tarpeian Rock, he threw himself out of the window in delirium tremens when he was nearly cured. Another of the many to whom the “thousand voices in the depths” have lied. —
Und haben sie dies, wenn auch in ganz anderer Art, nicht auch mit mir getan? Sie haben mir Ruhm und Größe gelogen und einen rauschenden Erfolg für rastloses Ringen! Und nun? Und nun? —
And have they not done the same to me, though in quite another way? They lied fame and greatness to me, and a roaring success in return for restless struggle! And now? And now? —
Wir fanden eine stimmungsvolle Wohnung, Miß Fer und ich, im ersten Stock der Via del Campidoglio 51, mit dem vollen Blick auf das ganze Forum, vom Tempio della Pace und rechts vom Kolosseum am Palatin begrenzt. In den ersten Nächten wollte ich nicht zu Bette gehen, so groß fand ich den Blick beim Mondenschein auf diese antike Trümmerwelt. Und einmal besonders bei einem nächtlichen Gewitter. — Ja, das italienische Leben ging uns in vollen Zügen ein und auf. Bald lernten wir in einer Trattoria der Via Giulio Romano (die »tre re«, die ja nun mitsamt der ganzen Gasse dem Nationaldenkmal weichen mußten), einen älteren Münchner Maler, Herrn Leinecker, kennen, der sich uns zur Begleitung für größere Campagnatouren anbot. Das war mir sehr erwünscht! Der Gute spürte alle Wege aus, und wenn er auch ein furchtbares Italienisch sprach, wußte er sich doch überall verständlich zu machen. So unternahmen wir denn die größten Ausflüge. Miß Fer ging selten mit, es war ihr zu weit und zu anstrengend; sie behauptete auch: »Der Mann ist ja bis über die Ohren in Sie verliebt!« Das kam mir unsagbar komisch vor, der alte biedere Knabe, der aussah wie ein Bruder von Garibaldi. »Principessa Maccheroni« nannte er mich und die Fer »Signora Castania«. — Ich aber genoß die Via Appia, die Campagna und die Albanerberge in vollen Zügen.
We found an atmospheric apartment, Miss Fer and I, on the first floor of the Via del Campidoglio 51, with the full view over the whole Forum, bounded by the Tempio della Pace and, on the right, by the Colosseum on the Palatine. For the first few nights I did not want to go to bed, so vast did I find the moonlit view over that ancient world of ruins. And once especially, during a thunderstorm at night. — Yes, Italian life went into us and dawned on us in deep draughts. Soon, in a trattoria in the Via Giulio Romano (the “tre re,” which along with the whole lane has since had to give way to the national monument), we came to know an older Munich painter, Herr Leinecker, who offered himself as our escort on longer expeditions into the Campagna. That suited me very well! The good man sniffed out every path, and although he spoke frightful Italian he could make himself understood everywhere. So we undertook the greatest excursions. Miss Fer seldom came along; it was too far and too strenuous for her, and she also maintained: “Why, the man is head over heels in love with you!” That struck me as unspeakably comic, the honest old boy, who looked like a brother of Garibaldi. He called me “Principessa Maccheroni” and Fer “Signora Castania.” — But I enjoyed the Via Appia, the Campagna and the Alban Hills in deep draughts.
Außerdem lernte ich Rom auch noch auf ganz andere Weise kennen. Ferdinand Gregorovius, der große Geschichtsschreiber Roms, wurde mein Führer. Er wohnte damals in der Via Sistina, und ich brachte ihm eine Empfehlung seiner Freundin Mathilde Muhr. Da nahm er sich meiner auf das herzlichste an und zog mit mir auf Streifzüge ins innere Rom. Auch nach den grünen Osterien der wenige Jahre später pilzartig aufwachsenden Via Nazionale. Es war kurz bevor die verträumten Vignen parzelliert wurden! Ein paar Jahre später nur schien mir dies alles wie ein unwahrscheinlicher Traum! Ja, wie ich Rom genoß!
I also came to know Rome in quite another way besides. Ferdinand Gregorovius, the great historian of Rome, became my guide. He was living in the Via Sistina then, and I brought him a recommendation from his friend Mathilde Muhr. He took me up in the heartiest way and went off with me on forays into the inner city. Also to the green osterias of the Via Nazionale, which a few years later shot up like mushrooms. It was shortly before the dreaming vineyards were parcelled out! Only a few years later all this seemed to me like an improbable dream! Yes, how I enjoyed Rome!
Ich begann auch auf Pietro in Montorio ein Bild »Am Grab der Beatrice Cenci«, eine Marmorbalustrade mit weißen Putten, davor ein Gewinde von Lorbeer und Frühlingsblüten, Blumen, die das Volk noch heute am Todestag der Volksheldin, dank des Bildes von Guido Reni, ihr darbringt.
At San Pietro in Montorio, too, I began a picture, “At the Grave of Beatrice Cenci,” a marble balustrade with white putti, and before it a garland of laurel and spring blossom: the flowers that the people still bring her today on the anniversary of her death, thanks to the picture by Guido Reni.
Ich erlebte eine große Tiberüberschwemmung, die meine Eltern in der Ferne gewaltig aufregte, mir aber höchst merkwürdige Eindrücke brachte. So die Piazza del Popolo unter Wasser, von Kähnen befahren! Ein Klein-Venedig!
I lived through a great flooding of the Tiber, which alarmed my parents enormously at a distance but brought me the most remarkable impressions. The Piazza del Popolo under water, with boats going about on it! A little Venice!
Von Darmstadt traf mich die Trauerbotschaft, daß die Großherzogin Alice an Diphtheritis gestorben sei, die sie sich beim Küssen ihres diphtheriekranken Kindes geholt hatte. Die Nachricht erschütterte mich tief! Auch auf den Lebenshöhen so wenig Glück!
From Darmstadt the mourning news reached me that the Grand Duchess Alice had died of diphtheria, which she had caught from kissing her diphtheritic child. The news shook me deeply! So little happiness, even on the heights of life!
Wir lebten sehr gesellig, Miß Fer und ich, aber wir hatten keine großen Toiletten. Margaret ein weißes Seiden- und ich ein schwarzes Samtkleid. Die schmückten wir dann mit den entsprechenden Blumen der Jahreszeit. Ich verkehrte viel bei Frau Professor Helbig, einer geborenen russischen Fürstin, »la principessa grassa«, wie sie im Volksmund hieß. Eine der geistvollsten und originellsten Frauen, die mir jemals begegnet sind. Ach, ich habe sie dann im Lauf der Jahre noch oft wiedergesehen! Das letztemal war sie geistig völlig verwirrt. — »Oh what a noble mind was here destroyed«; ich brachte dies Shakespearewort nicht aus dem Sinn. Damals also zeichnete sie mich und liebte mich und predigte mir, doch ihre eigne Mode zu tragen — einen losen Sack. Später haben die »Eigenkleider« ihr in manchem recht gegeben. Für Tonnenfiguren wie »la principessa grassa« wird aber die lose schwarze Mönchskutte niemals das Richtige sein.
We lived very sociably, Miss Fer and I, but we had no grand dresses. Margaret a white silk and I a black velvet. These we then trimmed with the appropriate flowers of the season. I went a great deal to Frau Professor Helbig, a Russian princess by birth, “la principessa grassa,” as she was called in the popular mouth. One of the most brilliant and original women I have ever met. Ah, I saw her often again in the course of the years! The last time she was completely deranged in mind. — “Oh what a noble mind was here destroyed”; I could not get that word of Shakespeare's out of my head. In those days, then, she drew me and loved me and preached at me to wear her own fashion after all — a loose sack. Later the “own-dress” movement proved her right in a good deal. But for barrel figures like “la principessa grassa” the loose black monk's cowl will never be the right thing.
Und dann — sollte ich meiner ersten wirklichen Liebe begegnen! Es war »Cino Goggia«, Capitano del Stato maggiore. Bei einem italienischen Beamtenball! Er tanzte mit mir und saß dann neben mir, sprach fließend Deutsch, denn er war in Österreich erzogen, und schlug mir schon an diesem ersten Abend vor, mir italienischen Unterricht zu geben. So kam er denn wöchentlich an zwei Nachmittagen mit »I miei prigioni« in unsere Wohnung. Leinecker traf ihn dort einmal, entfernte sich wortlos, und andern Tages fand ich ihn, wie er seine uns zur Dekoration geliehenen Studien von den Wänden unseres Wohnzimmers entfernte. Auf meine erstaunte Frage antwortete er barsch: »Sie wandeln die Wege der Emanzipation, also trennen sich unsere Pfade.« Als er dann aber sah, daß alles ganz ehrbar zuging, brachte er sie eines Tages reumütig wieder zurück und plante eine neue Campagnatour mit mir. Bei Goggia übersetzte ich außerdem Goethes Tasso ins Italienische. Wir trieben diese Studien durchaus ernsthaft, aber die Liebe schlich sich dazwischen. Doch kein Wort darüber war je gefallen. Dann unternahm ich, als der Frühling gekommen war (als Reisemarschall), mit sechs deutschen Damen eine Reise nach Neapel und Sizilien. Es war keine Erholung für mich, denn ich sollte für diese sechs kein Wort Italienisch sprechenden Frauen alles zum Viertelpreis erhandeln, und wenn das nicht immer ganz gelang, bekam ich die Unzufriedenheit aller sechs gründlich auszukosten. Meinem schlimmsten Feind will ich keine solche Reise wünschen.
And then — I was to meet my first real love! It was “Cino Goggia,” Capitano del Stato maggiore. At an Italian officials' ball! He danced with me and then sat down beside me, spoke fluent German, for he had been educated in Austria, and proposed to me on that very first evening that he should give me Italian lessons. So he came to our apartment two afternoons a week with I miei prigioni. Leinecker met him there once, withdrew without a word, and the next day I found him taking down from our sitting-room walls the studies he had lent us for decoration. To my astonished question he answered curtly: “You are walking the paths of emancipation, and so our paths part.” But when he saw that everything was going on quite respectably, he brought them back one day, repentant, and planned a new Campagna expedition with me. With Goggia I also translated Goethe's Tasso into Italian. We pursued these studies altogether seriously, but love crept in between them. Yet no word of it had ever been spoken. Then, when spring came, I undertook a journey to Naples and Sicily with six German ladies, as their travel marshal. It was no rest for me, since I was to haggle everything down to a quarter price for these six women, who did not speak a word of Italian, and when that did not always quite succeed I got the full benefit of all six being dissatisfied. I would not wish such a journey on my worst enemy.
Cino schrieb fleißig. An jeder ihm von mir bezeichneten Poststation fand ich einen Brief. Im letzten schrieb er mir: »Mia dolce amica, preparatevi a sentire grande cose.« Wie sich meine Seele um diese Worte rankte! Ich sah mich im Geiste als seine Braut.
Cino wrote diligently. At every poste restante I had named to him I found a letter. In the last he wrote to me: “Mia dolce amica, preparatevi a sentire grande cose.” How my soul twined itself around those words! In my mind I saw myself as his bride.
Von dem Schluß der Reise, nach Empfang dieses Briefes, hab’ ich keine Erinnerung mehr, hatte nur noch den einen Gedanken, diese »grande cose« nun baldmöglichst von ihm selber zu hören. Endlich kamen wir zurück. Unser schönes Quartier am Kapitol hatten wir aufgegeben; ich war in der damaligen »Trattoria del Genio« Via Due Macelli abgestiegen und bat Cino, mich im Giardino Corsini, der jetzigen Passeggiata publica, zu treffen. Wie ich diesem Wiedersehen entgegenbangte! — Er kam eine Stunde später, als ich ihn erwartete — ich höre noch das leise Säbelklirren. Als ich aufsah, stand er vor mir, aber nicht allein. Sein bester Freund, Capitano Giglioli, war an seiner Seite. Merkwürdig unfrei erschienen mir beide. Ich bat sie, neben mir auf der Steinbank zu sitzen. Goggia zog sein Taschentuch, breitete es aus und setzte sich darauf. — — »Und die großen Dinge?« frug ich zitternd. — »Ich habe mich verlobt, mit einer Dame aus Alexandria.« —
Of the end of the journey, after receiving that letter, I have no memory left; I had only the one thought, to hear these “grande cose” from him himself as soon as possible. At last we came back. We had given up our beautiful quarters on the Capitol; I had put up at what was then the “Trattoria del Genio” in the Via Due Macelli, and asked Cino to meet me in the Giardino Corsini, the present public gardens. How I dreaded that meeting! — He came an hour later than I expected him — I can still hear the faint clinking of his sabre. When I looked up he was standing before me, but not alone. His best friend, Capitano Giglioli, was at his side. Both seemed to me curiously constrained. I asked them to sit beside me on the stone bench. Goggia took out his handkerchief, spread it out and sat down on it. — — “And the great things?” I asked, trembling. — “I have become engaged, to a lady from Alexandria.” —
Ich nahm das hin, ruhig, gemessen. Ich beglückwünschte ihn mit lächelndem Munde. Dann gingen sie. Das Säbelklirren verklang, ich war allein. — —
I took it, calmly, with composure. I congratulated him with a smiling mouth. Then they went. The clinking of the sabre died away; I was alone. — —
Den ganzen Tag raste ich ziellos umher. Um elf Uhr abends begegnete mir eine Bekannte. »Um Gottes willen, was ist Ihnen?« rief sie entsetzt. »Sie sehen ja aus wie eine Niobe.« Und sie wollte die Nacht bei mir bleiben. Aber ich stieß sie zurück. Nur allein, allein! —
All day I raced about aimlessly. At eleven at night an acquaintance met me. “For God's sake, what is the matter with you?” she cried, horrified. “Why, you look like a Niobe.” And she wanted to stay the night with me. But I pushed her away. Only alone, alone! —
Dieser Sommer war der traurigste meines Lebens! Mit elementarer Gewalt kam die Leidenschaft! Und wollte keine Vernunft annehmen, wollte nicht. — Cino war erschüttert. Aber er war sich keiner Schuld bewußt, es war nie ein Wort der Liebe zwischen uns gefallen. Aber nun schrieb ich ihm die Wahrheit meiner Empfindungen. Noch einmal kam er, und unsere Tränen flossen zusammen. Hundertmal wollte ich sterben. Welche Verzweiflungsnächte hatte ich auf dem Balkon meines Zimmers, hoch im letzten Stock eines Hauses der Via Sistina. Nur eines begriff ich damals nicht, daß man mir’s äußerlich nicht mehr ansah, diese jähe Zertrümmerung meiner ersten Liebe. Im Gegenteil, ich erinnere mich gerade aus damaliger Zeit besonders lebhaft der naiven Volksfreude an meiner »Schönheit«. Ich konnte in keine der kleinen Botteghe gehen, ohne daß mich nicht der Verkäufer verzückt anstarrte oder die Verkäuferin lächelnd sagte: »E bella, bella.« Wie gleichgültig war mir das damals! Was hatte es mir genützt! — Später hätte ich mich viel mehr an diesen äußeren Erfolgen gefreut, aber da waren sie vorbei. —
That summer was the saddest of my life! The passion came with elemental force! And would accept no reason, would not. — Cino was shaken. But he was conscious of no fault; no word of love had ever passed between us. But now I wrote him the truth of my feelings. He came once more, and our tears flowed together. A hundred times I wanted to die. What nights of despair I had on the balcony of my room, high on the top floor of a house in the Via Sistina. One thing only I did not understand at the time: that it no longer showed on me outwardly, this sudden shattering of my first love. On the contrary, it is precisely from that period that I remember most vividly the naïve popular delight in my “beauty.” I could not go into any of the little botteghe without the shopman staring at me in rapture or the shopwoman saying with a smile: “E bella, bella.” How indifferent that was to me then! What use had it been to me! — Later I should have taken far more pleasure in these outward successes, but by then they were over. —
Ich blieb noch den ganzen Sommer über in Rom und malte, malte! In Tivoli hauste ich mehrere Wochen mit zwei alten Malerinnen, Helene Richter und Anna Planck. Sie sind wohl beide tot. Jahrzehnte lebten sie zusammen in trauter Gemeinschaft, malerisch eingeschachtelt im Vicolo Avignonese. »Wie andere Leute Kinder kriegen, kriegen wir Stuben«, meinte die Planck lachend, wenn sie wieder einen neuen Verschlag irgendwo angebracht hatten. Später haben sie sich doch getrennt. Frauenfreundschaft oder vielleicht eher Menschenfreundschaft! — — πάντα ῥεῖ — alles fließt! — — — Damals in Tivoli — ich malte in der Villa d’Este — wenn die Verzweiflung mich oft gar zu gewaltsam überkommen wollte, ging ich in die Grotte hinter die stürzenden Wasser und schrie — schrie. —
I stayed in Rome the whole summer through, and painted, painted! In Tivoli I camped for several weeks with two old painters, Helene Richter and Anna Planck. They are both dead by now, I suppose. For decades they lived together in cosy community, picturesquely boxed in in the Vicolo Avignonese. “Where other people have children, we have rooms,” said Planck, laughing, whenever they had fitted up another partition somewhere. Later they did separate after all. Friendship between women, or perhaps rather friendship between human beings! — — πάντα ῥεῖ — all things flow! — — — In those days in Tivoli — I was painting in the Villa d'Este — when despair threatened to come over me all too violently, I would go into the grotto behind the falling water and scream — scream. —
Auch in die Schlucht wanderte ich oft, vom Sibyllentempel hinab nach den wilddonnernden Arnofluten. Die Granaten blühten, meine Granaten, aus allen Felsenritzen dort und in der Villa d’Este. Aber keiner wollte sie, da Cino sie verschmäht, die Granatblüten meiner heißen, roten Liebe. Oft dachte ich jetzt an die Worte der toten Großherzogin Alice: »Erst im Unglück lernen wir erkennen, was wir an der Malerei besitzen.«
I often walked down into the gorge, too, from the temple of the Sibyl to the wildly thundering waters of the Arno. The pomegranates were in flower, my pomegranates, out of every cleft in the rock there and in the Villa d'Este. But nobody wanted them, since Cino had scorned them, the pomegranate flowers of my hot, red love. Often now I thought of the words of the dead Grand Duchess Alice: “Only in unhappiness do we learn to recognise what we possess in painting.”
Ich kam dann auch über diesen Lebensberg, wie später über so viele, von denen ich glaubte, sie seien nicht zu überwinden. Ich kam darüber — zu welchem Ende?
I got over this mountain of life too, as later over so many that I believed could not be got over. I got over it — to what end?
Nach Jahrzehnten hörte ich wieder von Goggia, ganz kürzlich. Er war General geworden, die reiche Seidenhändlerstochter aus Alexandria war früh kinderlos gestorben, er hatte zum zweitenmal geheiratet und noch spät sich an kleinen Kindern erfreut. Neulich las ich wieder in seinen Briefen. »Mia dolce amica.« Ja, das war meine erste Liebe! — —
After decades I heard of Goggia again, quite recently. He had become a general; the rich silk merchant's daughter from Alexandria had died early and childless; he had married a second time and had the pleasure of small children late in life. The other day I read in his letters again. “Mia dolce amica.” Yes, that was my first love! — —
In der Villa d’Este hatte ich übrigens im Herbst (ehe ich Cino kennenlernte, war ich ja viel unternehmender) — den Abbé Liszt überfallen. Ich hatte von drunten auf der Altane sein weißes Haar über einer schwarzen Soutane flattern sehen. »Wer ist das?« frug ich die Kastellanin. »L’Abbé Liszt!« — »Hier bringen Sie ihm meine Karte.« — Und ich wurde hinaufgeführt — er war sehr huldvoll, denn ich war jung. Stundenlang blieb ich dort, und er phantasierte mir vor! Dazu gab es Caffe nero. — Das war für mich ein Ereignis! Leider war er im Sommer verreist, sonst hätte mir sein Spiel in meiner Verzweiflung vielleicht Erlösung gebracht. —
In the Villa d'Este, by the way, in the autumn — before I came to know Cino I was a good deal more enterprising — I had descended on the Abbé Liszt. From below on the terrace I had seen his white hair fluttering above a black soutane. “Who is that?” I asked the caretaker's wife. “L'Abbé Liszt!” — “Here, take him my card.” — And I was led up. He was most gracious, for I was young. I stayed for hours, and he improvised for me! There was caffè nero with it. — That was an event for me! Unfortunately he was away in the summer, or his playing might perhaps have brought me deliverance in my despair. —
... Empor aus nächt’gen Traumes Schoß Entsteigt mein erstes Lieben, Wie Mondesaufgang, golden, groß — Und unerreicht geblieben ...
... Up out of the lap of night's dream my first loving rises, like a moonrise, golden, great — and left unattained ...