The Novel of My Life ›Overcome — Taking Root — With the Future Empress
Chapter 8 · side by sideOvercome — Taking Root — With the Future EmpressÜBERWUNDEN — WURZELFASSEN — BEI DER NACHMALIGEN KAISERIN
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Und dann fuhr ich zurück nach Deutschland. Ich war so italianisiert, daß ich mir nur mit Mühe den schwarzen Spitzenschleier wieder abgewöhnte, den ich in Tivoli getragen, mit dem mich die Richter gemalt hatte. Durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen kam dies Bild in das Haus meiner Widersacher und hing dort, bis Helga und Inge es erhielten. Miß Fer aber blieb in Rom. Sie hatte mit einem Signor Moltedo eine italienische Salatehe geschlossen und ging bald im Alltagselend zugrunde.
And then I travelled back to Germany. I had become so Italianised that I broke myself only with difficulty of the black lace veil I had worn in Tivoli, the one Richter had painted me in. Through a curious concatenation of circumstances that picture came into the house of my adversaries and hung there until Helga and Inge received it. Miss Fer, though, stayed in Rome. She had contracted an Italian salad-marriage with a Signor Moltedo and soon went to pieces in everyday misery.
Zuerst fuhr ich nach München, mich dort zum Studium häuslich niederzulassen. Ich stieg bei meiner Pensionsfreundin Fanny G... ab. Die kommende Gehirnkrankheit ihres Gatten äußerte sich schon in häufigen, ganz unvermittelten Wutanfällen. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und suchte mir Quartier im »Görresstift«. Und dann nahm ich ein Atelier in der Maaßenstraße. Das Mobiliar erstand ich von einem nach Italien ziehenden Maler aus demselben Haus. Hier hauste ich nun an zwei Jahre. Der Prinz Luitpold, auf seinen Atelierstreifen, hatte mich bald entdeckt, kam häufig, denn er hatte Freude an meinem Talent, und zog die »schöne Preuschen« öfter zur Tafel. So nannte er mich, wie mir sein Adjutant, Baron Wolfskeel, verriet, dessen Frau eine entfernte Kusine von mir war. Ich war bald überall sehr gut eingeführt in München. Frau Amalie S... vereinigte einen Kreis von Goethefreunden in ihrem Haus, dem der bekannte Goetheforscher, Professor Michael Bernays, einen ganzen Winter über den zweiten Teil des »Faust« mit glühender Leidenschaft erklärte. Ich war eine seiner Hauptanhängerinnen und lernte dort viele bedeutende Menschen kennen. Wir wurden dann alle gezeichnet und dem Goethehaus gestiftet, wo ich mich so manches Mal an der großen Unähnlichkeit der Porträts erfreute. Ja, es war eine in jeder Beziehung anregende Zeit für mich. —
First I went to Munich, to settle down there for my studies. I put up with my boarding-school friend Fanny G. Her husband's coming disease of the brain was already showing itself in frequent, quite unprovoked fits of rage. I felt very uncomfortable and looked for quarters in the “Görresstift.” And then I took a studio in the Maaßenstraße. The furniture I acquired from a painter in the same house who was moving to Italy. Here I now lived for nearly two years. Prince Luitpold, on his rounds of the studios, had soon discovered me and came often, for he took pleasure in my talent, and drew “the beautiful Preuschen” to his table more than once. That was what he called me, as I was told by his adjutant, Baron Wolfskeel, whose wife was a distant cousin of mine. I was soon very well introduced everywhere in Munich. Frau Amalie S. gathered a circle of friends of Goethe in her house, to whom the well-known Goethe scholar Professor Michael Bernays expounded the second part of Faust for a whole winter with glowing passion. I was one of his chief adherents, and came to know many significant people there. We were then all drawn and presented to the Goethe House, where I have often enough taken pleasure in the great unlikeness of the portraits. Yes, it was a stimulating time for me in every respect. —
Auch in das Haus von Hermann Lingg kam ich häufig. Der alte Dichter, ein prachtvoller Patriarchenkopf, hat mich aber einmal sehr enttäuscht. Ich wollte irgendeine Reise antreten, ich glaube nach Wien, und erzählte ihm das.
I also came often to the house of Hermann Lingg. But the old poet, a magnificent patriarch's head, once disappointed me greatly. I was about to set out on some journey, to Vienna I think, and told him so.
»Da können Sie mir ja einen großen Gefallen tun«, rief er aufgeregt, »dort hat mir ein Kerl im Tageblatt eine miserable Kritik gegeben, aber sie war ohne Namen. Wenn Sie herausbringen wollen, wer sie geschrieben.« — »Gerne,« sagte ich, »aber vielleicht haben Sie das Blatt noch.« — »Freilich«, rief er, kramte dann eifrig in seinem Schreibtisch und überreichte mir wichtig ein ganz vergilbtes Blatt von vor fünfzehn Jahren! —
“Then you can do me a great favour,” he cried excitedly. “A fellow there gave me a miserable review in the Tageblatt, but it was unsigned. If you would find out who wrote it.” — “Gladly,” I said, “but perhaps you still have the paper.” — “Of course,” he cried, then rummaged eagerly in his desk and handed me, with great importance, a completely yellowed sheet from fifteen years before! —
Ach, du armer Hermann Lingg, damals stürztest du für mich auf immer von deinem Piedestal! Trotzdem dein süßestes Gedicht hat mich durchs Leben begleitet — das von dem Traumgarten:
Ah, you poor Hermann Lingg, in that moment you fell from your pedestal for me for ever! And yet your sweetest poem has accompanied me through life — the one about the dream garden:
»Es stand darin ein schneeig Beet Narzissen Und schimmernd weiß ein Blütenbaum!«
“There stood in it a snowy bed of narcissi and, shimmering white, a tree in blossom!”
Ein gewaltiges Ereignis erschütterte bald darauf ganz München — das tragische Ende seines unglücklichen Königs Ludwig. München war nahe an einer Revolution, als ihm Kunde wurde von den sich überstürzenden Ereignissen in Hohenschwangau und der Überführung des geistumnachteten Herrschers nach Schloß Berg am Starnberger See. Bald darauf erfolgte dann sein Ende in den Fluten des Sees, in die er seinen Arzt Dr. Gudden mit hinabriß. Oder wie die Sache sonst zusammenhing. Das Grab hütet seine Geheimnisse. Ich war so aufgeregt und in allen Tiefen erschüttert wie das ganze Volk. Seit meiner Kindheit schon hatte ich eine stille Schwärmerei für den »schönen Märchenkönig«, dessen jammervolles Ende ich nun miterlebte. Man kann fast sagen: jeder fühlende Mensch war krank vor Aufregung und Mitempfinden. Dann wurde der Tote in der Allerheiligenhofkirche aufgebahrt, und am Katafalk durfte für drei Tage sein Volk defilieren. Die umfassendsten Maßnahmen wurden getroffen, um unziemliches Gedränge zu verhüten. Langsam, doch ohne Einhalt flutete das Volk an seinem toten Abgott vorbei. Da sah man Bauern, die heimlich die Fäuste ballten, weil sie glaubten, daß man ihn hingemordet hatte. Unvergeßlich wird mir der Eindruck sein. Der einst so schöne Idealkönig, der Schwanenritter voll phantastischer Träume — was hatten das Leben und der Tod aus ihm gemacht! — Gedunsen und aufgeschwemmt lag er da, wie ein toter Fallstaff, wie eine Parodie auf sein ganzes Leben.
A tremendous event shook the whole of Munich soon afterwards — the tragic end of its unhappy King Ludwig. Munich was close to a revolution when news reached it of the headlong events at Hohenschwangau and the removal of the mind-darkened ruler to Schloss Berg on Lake Starnberg. Soon after that came his end in the waters of the lake, into which he dragged his physician Dr. Gudden down with him. Or however the thing hung together. The grave keeps its secrets. I was as agitated, and shaken to the depths, as the whole people. Ever since my childhood I had had a quiet infatuation with the “beautiful fairy-tale king,” whose pitiable end I now lived through. One can almost say that every feeling person was sick with agitation and fellow-suffering. Then the dead man was laid out in the Allerheiligenhofkirche, and for three days his people were allowed to file past the catafalque. The most comprehensive measures were taken to prevent unseemly crowding. Slowly, but without a halt, the people flooded past their dead idol. There one saw peasants secretly clenching their fists, because they believed he had been murdered. The impression will be unforgettable to me. The once so beautiful ideal king, the swan-knight full of fantastic dreams — what had life and death made of him! — Bloated and swollen he lay there, like a dead Falstaff, like a parody of his whole life.
Ein Schlachtfeld war der Vorhof der Kirche, auf dem allabendlich Hunderte von Chignons und zerbrochenen Regenschirmen aufgelesen wurden. Sic transit gloria mundi — auch hier. — Trotzdem — die Wunderschlösser des »Verschwenders« geben noch heute eine fette Einnahme für den Staat. Der Tote hat also seine Schulden und seine Schuld voll eingelöst. Sind das die Tiefen des Lebens? Ist das das Ende von allem Wunderbaren? — Aber es glättet sich alles im Leben. Prinz Luitpold wurde Prinzregent für den wahnsinnigen König Otto, und die Stadt kehrte allmählich wieder ins Alltagsgleise zurück.
The forecourt of the church was a battlefield, from which hundreds of chignons and broken umbrellas were gathered up every evening. Sic transit gloria mundi — here too. — And yet — the wonder-castles of the “squanderer” still yield the state a fat income today. So the dead man has paid off his debts and his guilt in full. Are these the depths of life? Is this the end of everything wonderful? — But everything smooths itself out in life. Prince Luitpold became Prince Regent for the insane King Otto, and the city gradually returned to its everyday course.
Ganz besonders wurde ich im Haus von Paul Heyse bevorzugt und verwöhnt. Dort verlebte ich gute Stunden. Er und seine schöne junge Frau gründeten einen »Einschichtigen Abend«, bei dem Frau Oberst Linz (die Schriftstellerin Amelie Godin), der alte, neunzigjährige Assessor Strumy, ein Schriftsteller, der Dichter Ludwig Laistner, ferner ein junger Schöngeist, eigentlich Mediziner, und Heyses intimster Adlatus und Freund, Dr. S., und meine Wenigkeit Mitglieder wurden. Bald kam ich fast jeden Abend zu der geistvollen Amelie Godin, dort traf ich immer wieder ihren Intimus, Oswald S. Und so kam es und so ward es, das neue verknotete Schicksal. —
In the house of Paul Heyse I was particularly favoured and spoiled. I spent good hours there. He and his beautiful young wife founded a “Single-Layer Evening,” of which the members were Frau Oberst Linz (the writer Amelie Godin), the old, ninety-year-old Assessor Strumy, a writer, the poet Ludwig Laistner, a young aesthete besides, a medical man really, and Heyse's most intimate adlatus and friend, Dr. S., and my humble self. Soon I came almost every evening to the brilliant Amelie Godin, and there I met her intimate, Oswald S., again and again. And so it came about and so it was made, the new knotted fate. —
Aber ich fühlte mich so einsam, ich sehnte mich nach Liebe. Und dann kniete eines dämmerigen Winternachmittags der schöne Oswald in meinem Atelier zu meinen Füßen und fragte mich, ob ich sein Weib werden wolle. — »Wenn Sie nein sagen, erschieße ich mich, denn nur an Ihrer Hand kann etwas Großes aus mir werden.« Wie der junge Faust vor Gretchen — mußte ich denken und sagte ja. Alle hatten geholfen, daß wir uns fanden, die Heyses, Amelie Godin und eine liebe alte Künstlerfreundin, Fräulein von Berckholtz, die Jugendliebe Wilhelm Metzlers, des Frankfurter Mäzens, an die er mich empfohlen und in deren üppigem Heim ich wie Kind im Hause war.
But I felt so lonely, I longed for love. And then, on a dusky winter afternoon, the beautiful Oswald knelt at my feet in my studio and asked me whether I would become his wife. — “If you say no I shall shoot myself, for only at your side can anything great become of me.” Like the young Faust before Gretchen — I could not help thinking, and said yes. All of them had helped us to find each other: the Heyses, Amelie Godin, and a dear old artist friend, Fräulein von Berckholtz, the youthful love of Wilhelm Metzler, the Frankfurt patron, who had recommended me to her, and in whose opulent home I was like a child of the house.
Ein paar Wochen hielten wir’s noch geheim mit der Verlobung, dann fuhr ich zu meinen Eltern und suchte ihnen die Partie mundgerecht zu machen. Sie waren außer sich, ein simpler Doktor S., ohne Vermögen, ein Schöngeist, der sich zu vornehm dünkte zum Praktizieren. Er kam dann selber und beruhigte meine Eltern durch sein einnehmendes Wesen, trat sehr vornehm auf und gab viel Geld aus (ach, ich hatte es ihm vorher gegeben). Sie meinten, er müsse trotz allem sehr vermögend sein, er schenkte meiner Schwester einen altdeutschen Schmuck, brachte meiner Mutter täglich frische Rosensträuße (die dann zur Konservierung schleunigst in den Eisschrank wanderten). Kurz — er bezauberte schließlich alle, nur mit mir hatte er Reibereien und Szenen. Ich weinte damals sehr viel. Aber er nannte mich seine »Dilaram«, seine Herzensweisheit, und wußte mich immer wieder zu versöhnen. —
For a few weeks we still kept the engagement secret, then I travelled to my parents and tried to make the match palatable to them. They were beside themselves: a mere Doctor S., without means, an aesthete who thought himself too grand to practise. Then he came himself and calmed my parents by his engaging manner, appeared very grand and spent a great deal of money (which, alas, I had given him beforehand). They thought he must be very wealthy in spite of everything; he gave my sister an old German jewel, brought my mother fresh bunches of roses every day (which then travelled promptly into the icebox to be preserved). In short — he charmed everybody in the end; only with me did he have friction and scenes. I wept a great deal in those days. But he called me his “Dilaram,” his heart's-wisdom, and always knew how to win me round again. —
Meine Eltern hatten sich schließlich damit getröstet, daß ich als bekannte Malerin meinen Mädchennamen ja immer führen würde — mein Vater wollte mir auch das Recht erwirken, die »Baronin« weiter zu führen. Oswald war ja auch ein so besonderer Mensch, ein Freund von Prinzen, ein Freund von Paul Heyse und ein Freund von Ibsen. Er hatte so schöne Samtaugen, allerdings Judenlöckchen über den Ohren, wie mein Vater sagte.
My parents had consoled themselves in the end with the thought that as a well-known painter I would always keep my maiden name — my father also wanted to obtain me the right to go on using the “Baroness.” And Oswald was after all such a special person, a friend of princes, a friend of Paul Heyse and a friend of Ibsen. He had such beautiful velvet eyes, though with Jew's ringlets over his ears, as my father said.
Aber — er wurde angenommen, die offizielle Verlobung gefeiert. Ich aber — ich ging erst für den ganzen Sommer nach Paris zum Arbeiten und dann nach Nordspanien. Und im Herbst hatte mich eine Regierungsrätin Meitzen nach Berlin eingeladen. Es gab mir später noch oft zu denken, daß ich vom Augenblick meiner Verlobung an fast krampfhaft bemüht war, mich von Oswald zu entfernen, weite Reisen zu machen. Das kann doch gar keine echte Liebe gewesen sein!
But — he was accepted, the official engagement celebrated. I, however — I went off first for the whole summer to Paris to work, and then to northern Spain. And in the autumn a Frau Regierungsrätin Meitzen had invited me to Berlin. It often gave me pause later that from the moment of my engagement onwards I was almost frantically intent on getting away from Oswald, on making long journeys. That surely cannot have been real love at all!
Ich blieb wieder ein halbes Jahr in Berlin im gastfreien, geselligen Hause Meitzen. — Und dann wollte mich die damalige Kronprinzessin Viktoria (die Schwester der Großherzogin Alice) kennenlernen. Sie lud mich ein, bei ihr im Palais, in der Tornowschen Sammlung, zu malen. Die Wogen meines Erlebens gingen hoch. Ich hatte auch ein Atelier in der Von-der-Heydt-Straße und malte »Evoë Bacche« und »Das Lager der Kleopatra«.
I stayed half a year again in Berlin, in the hospitable, sociable Meitzen house. — And then the Crown Princess Victoria of that time (the sister of the Grand Duchess Alice) wanted to make my acquaintance. She invited me to paint at her palace, in the Tornow collection. The waves of my experience ran high. I also had a studio in the Von-der-Heydt-Straße, and painted “Evoë Bacche” and “The Camp of Cleopatra.”
Man feierte mich als die »Begründerin des historischen Stillebens«. Paul Lindau schrieb in einer Kritik über das »Lager der Kleopatra«, ich solle nur demnächst auch »Wallensteins Lager« vornehmen. Ich hatte überall Erfolg und Anerkennung und — Geld wie Heu. Damals verdiente ich mindestens zehn- bis zwölftausend Mark im Jahr. Und war ganz übermütig. Schrieb sehr wenig an Oswald. Da kam er selber. Eroberte das Haus meiner Freunde Meitzen, und ich verkündete auch in Berlin meine Verlobung.
I was celebrated as the “founder of the historical still life.” Paul Lindau wrote in a review of “The Camp of Cleopatra” that I ought to tackle “Wallenstein's Camp” next. I had success and recognition everywhere, and — money like hay. In those days I earned at least ten to twelve thousand marks a year. And was thoroughly high-spirited. Wrote very little to Oswald. Then he came himself. Conquered the house of my friends the Meitzens, and I announced my engagement in Berlin too.
Sehr komisch war seine Einführung im Haus meines Onkels, Generals von Fransecky, der damals Gouverneur von Berlin war und im reizenden Palais am Potsdamer Platz, mit dem herrlichen Rokokogarten aus Altberlin, wohnte. Mein Onkel hatte einen scheußlichen Köter »Molch«, den er und das ganze Haus über alles liebte. Als ich nun mit Oswald in die Türe trat, fuhr ihm der fette Hund kläffend zwischen die Beine. Er gab ihm einen Fußtritt, der das dicke Tier um ein Haar getötet hätte. Mein Onkel war außer sich und meinte, das sei keine empfehlende Einführungstat.
His introduction at the house of my uncle, General von Fransecky, was very comic; my uncle was then Governor of Berlin and lived in the charming palace on the Potsdamer Platz with the magnificent rococo garden out of old Berlin. My uncle had a hideous cur, “Molch,” whom he and the whole household loved above everything. As I now stepped through the door with Oswald, the fat dog shot yapping between his legs. He gave it a kick that came within a hair of killing the stout animal. My uncle was beside himself and observed that this was not a recommending act of introduction.
Trotzdem erfreute sich Oswald nachher öfter der Gouverneursloge in den königlichen Theatern. Wie ihm das wohltat. Der Rokokogarten mit den Steinfiguren und Kolonnaden um den Teich à la Versailles ist mir das Schönste an diesen Berliner Verwandtschaftserinnerungen. Ich war nachher noch einmal ein paar Wochen auf meines Onkels von der »Siegesdotation« erworbenem Weingut Erbach im Rheingau. Später erbte es seine Tochter Anna, die den Obersten von Buttlar geheiratet hatte. Nach deren Tod wurde der herrliche Besitz, laut Testament, ein Erholungsheim für Offizierstöchter. Sie leben dort in glänzender Weise und zahlen dafür eine Mark pro Tag.
All the same, Oswald afterwards often enjoyed the Governor's box at the royal theatres. How that did him good. The rococo garden, with its stone figures and colonnades around the pond à la Versailles, is the loveliest thing to me in these Berlin memories of relations. Afterwards I spent a few weeks once more at my uncle's wine estate at Erbach in the Rheingau, bought with his “victory endowment.” Later his daughter Anna inherited it, who had married Colonel von Buttlar. After her death the magnificent property became, by will, a convalescent home for officers' daughters. They live there in splendid style and pay one mark a day for it.
Damals in Berlin verkehrte ich auch viel bei Christian Wilberg, dem Maler von Pergamon, bei Meyerheim, Knaus und Anton von Werner, bei Dernburgs, Spielhagens und Rodenbergs, Lindaus und vielen anderen. Und meine Freundschaft mit der Kronprinzessin — denn es war in all den Wochen und Monaten eine solche geworden — wob mir eine Gloriole ums Haupt.
In those Berlin days I also went a great deal to Christian Wilberg, the painter of Pergamon, to Meyerheim, Knaus and Anton von Werner, to the Dernburgs, the Spielhagens and the Rodenbergs, the Lindaus and many others. And my friendship with the Crown Princess — for in all those weeks and months it had become one — wove a halo round my head.
Ja, das waren mir goldene Lebenstage, die Tage des Arbeitens mit der »Kronprinzessin«, die schon die unsichtbare Märtyrerkrone der späteren Kaiserin Friedrich trug. Sie war unendlich liebenswürdig gegen mich. Bald nahm sie mich zu sich ins eigene Atelier, malte mir sogar in meine Bilder hinein, was mich weniger erfreute. Wenn sie zu einem Diner geladen war, kam sie noch herüber, um sich mir in voller Toilettenpracht zu zeigen. Einmal deutete sie auf ein kleines Veilchensträußchen im Ausschnitt: »Do you remember?« Ich hatte es ihr am Morgen gebracht. Sie küßte mich stets beim Kommen und Gehen, und ich erzählte ihr von meiner Verlobung. Aufs tiefste war sie dadurch berührt und sagte, was mich sehr empörte: »When you are married, I wish you many, many little babies.« — Übrigens redeten wir niemals Deutsch zusammen, viel Englisch und Französisch. Am meisten aber Italienisch, das sie ohne allen Akzent sprach. Wie tief ihr Wissen, ihr Streben und ihre Begabung waren, das lernte ich in diesen Monaten voll erkennen. Ich wurde auch häufig zu Hofkonzerten zugezogen. Einmal — ich sollte die Hofdame Gräfin Kalckreuth abholen und hatte mich verspätet — mußte ich allein in die Empfangssäle eintreten. Ich wagte es nicht, mein Augenglas aufzusetzen. Ein großer Lakai schien mir in der einen Tür zu stehen, ich rempelte ihn fast an.
Yes, those were golden days of my life, the days of working with the “Crown Princess,” who already wore the invisible martyr's crown of the later Empress Frederick. She was infinitely kind to me. Soon she took me into her own studio, even painted into my pictures, which pleased me rather less. When she was invited to a dinner she would come over first to show herself to me in the full splendour of her toilette. Once she pointed to a little bunch of violets at her neckline: “Do you remember?” I had brought it to her that morning. She always kissed me on coming and going, and I told her about my engagement. She was touched to the depths by it, and said, which outraged me greatly: “When you are married, I wish you many, many little babies.” — Incidentally, we never spoke German together; a great deal of English and French, but most of all Italian, which she spoke without any accent. How deep her knowledge, her striving and her gifts were, I came fully to recognise in those months. I was often drawn into court concerts too. Once — I was to collect the lady-in-waiting Countess Kalckreuth and had made myself late — I had to enter the reception rooms alone. I did not dare to put my eyeglass on. A tall footman seemed to me to be standing in one of the doorways, and I almost barged into him.
»Nun — so stolz, Fräulein von Preuschen, Sie kennen mich heut gar nicht?« ertönte die mir wohlbekannte Stimme des Kronprinzen — dessen Schicksal sich schon in kurzer Zeit erfüllen sollte! Aber wie sonnig erschien damals alles! — Und dann malte mich die hohe Frau! Ich habe es gezählt, zweiundzwanzig Sitzungen hatten wir. Und sie erzählte mir dabei so viel Trauriges, daß ich weinen mußte und mit ganz roten Augen von ihr verewigt wurde. Ich, die ich Ferdinand Keller so oft gesessen und mich auf seinen Bildern immer so »geschmeichelt« fand, konnte mich nun hierüber beruhigen. Geschmeichelt war ich wirklich nicht, im Gegenteil. Trotzdem sehr, sehr ähnlich, aber — wie Oswald später sagte — »zum Abgewöhnen«. Die Kronprinzessin schenkte mir das Bild im Rahmen als Hochzeitsgabe. Ich fuhr für ein paar Wochen nach Darmstadt. Als ich wieder in Berlin war, fragte mich die Fürstin, was denn meine Eltern zu dem Bilde gesagt hätten: Ich, in meiner dummen Ehrlichkeit, entgegnete: »Mein Vater sagt, er erschrickt, wenn er ins Zimmer tritt«. »Was heißt das?« frug die Kronprinzessin stirnrunzelnd. Aber ich rettete mich schnell: — »Indem er glaubt, ich bin es selber.« —
“Well — so proud, Fräulein von Preuschen, you do not know me at all today?” came the well-known voice of the Crown Prince — whose fate was to be fulfilled in a short time! But how sunny everything seemed then! — And then the exalted lady painted me! I have counted it: we had twenty-two sittings. And while she did it she told me so much that was sad that I had to weep, and was immortalised by her with quite red eyes. I, who had sat so often to Ferdinand Keller and always found myself so “flattered” in his pictures, could set my mind at rest on that score now. Flattered I certainly was not, on the contrary. Very, very like, all the same, but — as Oswald said later — “enough to cure you.” The Crown Princess gave me the picture, framed, as a wedding present. I went to Darmstadt for a few weeks. When I was back in Berlin the princess asked me what my parents had said about the picture. I, in my stupid honesty, replied: “My father says he takes fright when he comes into the room.” “What does that mean?” asked the Crown Princess, frowning. But I rescued myself quickly: — “Inasmuch as he thinks it is myself.” —
Von Berlin ging ich vor der Hochzeit noch einmal für vier Monate nach Venedig. Ja, es kann gar nicht anders sein, ich wollte ganz instinktiv meine Freiheit noch auf jede Weise ausnutzen. Eigenartige Monate waren das — im Haus einer stockitalienischen Familie hatte ich ein Zimmer und einen Balkon nach dem Canal grande. Und im Palazzo Rezzonigo, dem wunderbaren, mietete ich mir ein Atelier für monatlich zehn Lire. Ich malte dort neun große Tafeln »aus dem modernen Venedig«, Fische und Blumen, die später im Pariser Salon viel Erfolg hatten. Eine davon, die größte, schenkte ich der Kronprinzessin.
From Berlin, before the wedding, I went once more to Venice for four months. Yes, it cannot be otherwise: quite instinctively I wanted to use my freedom in every way while I still had it. Those were peculiar months — in the house of a thoroughly Italian family I had a room and a balcony over the Canal Grande. And in the Palazzo Rezzonico, the wonderful one, I rented myself a studio for ten lire a month. There I painted nine large panels “out of modern Venice,” fish and flowers, which later had much success at the Paris Salon. One of them, the largest, I gave to the Crown Princess.
Wie ich den venetianischen Sommer genoß! Trotz Hitze und Lagunenduft. — Die Lilienblüte! Es war unbeschreiblich, welche Lilienfülle sich über Venedig ergoß. Und wie ich im Dogenpalast (in dem ich Interieurs malte) und allen Kirchen schwelgte. Besonders in San Marco. Und in den großen Museen. Auch in Chioggia war ich und gedachte der armen Emma Lutteroth. Sie war dort so glücklich gewesen.
How I enjoyed the Venetian summer! In spite of the heat and the smell of the lagoon. — The lily bloom! It was indescribable, what a fullness of lilies poured itself over Venice. And how I revelled in the Doge's Palace (where I painted interiors) and in all the churches. Especially in San Marco. And in the great museums. I was in Chioggia too, and thought of poor Emma Lutteroth. She had been so happy there.
Ja, meine Freiheit gefiel mir sehr. Aber Oswald verlangte immer sehnsüchtiger nach seiner »Dilarama«, seiner Herzensweisheit (die ihm so bald verblaßt ist). Ich fuhr endlich nach Darmstadt zurück. Dort war die Aussteuer inzwischen beendet, mein Vater glaubte nun immer mehr an eine »gute Partie«. Denn mein Bräutigam hatte von seiner Millionentante Überson gesprochen (deren Gold sich später in nichts auflöste). Aber mein Vater, der in jenen Tagen sein Testament aufsetzte, hat mich dann auf Grund dieser »vermögenden Partie« zugunsten meiner Schwester enterbt.
Yes, my freedom pleased me very much. But Oswald demanded his “Dilarama,” his heart's-wisdom, ever more longingly (she faded for him soon enough). At last I travelled back to Darmstadt. There the trousseau had been finished in the meantime, and my father believed more and more in a “good match.” For my bridegroom had spoken of his millionaire aunt Überson (whose gold later dissolved into nothing). But my father, who was drawing up his will in those days, then disinherited me in favour of my sister on the strength of this “wealthy match.”