The Novel of My Life ›Marriage Tragedy
Chapter 9 · side by sideMarriage TragedyEHETRAGÖDIE
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Und dann kam die Hochzeit! — Der freundliche Pastor S. gab uns zusammen in der Darmstädter Kapelle. Er hielt eine schwungvolle Tischrede, die begann — mit einem bewundernden Blick auf meine schöne Mutter: »Ja, es ist wahr, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, in diesem Falle freilich die ›liebliche Birne‹.«
And then came the wedding! — The friendly Pastor S. joined us together in the Darmstadt chapel. He made a rousing speech at table which began — with an admiring glance at my beautiful mother: “Yes, it is true, the apple does not fall far from the tree; in this case, admittedly, the ‘lovely pear.’”
Wenn Oswald guter Laune war, nannte er mich später manchmal die »liebliche Birne«.
When Oswald was in a good mood he sometimes called me the “lovely pear” afterwards.
Und dann begann diese unselige Ehe! Aus der »Dilaram« der Herzensweisheit wurde gar bald eine »eingebildete Gans«. Wir zogen nach Italien. Vorher besuchten wir die Erbtante Überson in Schlangenbad.
And then this ill-starred marriage began! The “Dilaram” of heart's-wisdom very soon became a “conceited goose.” We moved to Italy. Beforehand we visited the aunt with the legacy, Überson, at Schlangenbad.
Wir machten noch Aufenthalt in Tirol — in Bruneck und Toblach. Aber ich war bald von furchtbaren Zahnschmerzen und Übelkeiten geplagt. Dann fuhren wir, auf meinen Wunsch im Postwagen, auf Goethes Spuren über die Alpen. In Rom bezogen wir eine möblierte Wohnung in Capo le Case. Ich hatte im selben Haus ein Dachatelier gefunden. Aber oft war es mir unmöglich, die Treppen zu steigen, ich lag kraftlos und weinend auf meinem Bette und verwünschte Welt und Leben.
We stopped in the Tyrol as well — at Bruneck and Toblach. But I was soon plagued by frightful toothache and nausea. Then we travelled, at my wish by post-coach, over the Alps on Goethe's traces. In Rome we took a furnished apartment in the Capo le Case. I had found an attic studio in the same house. But often it was impossible for me to climb the stairs; I lay powerless and weeping on my bed and cursed the world and life.
Abends, nachdem ich tagsüber — während Oswald im Speisehaus gegessen — mich heimlich mit einem »brodo« begnügt hatte, wollte er mir dann vorlesen, mich »bilden«. Ich kniete am Boden, einen Kinderwagen auszufüttern, schlief dann jedesmal über dem Vorlesen ein. Das gab endlose Predigten. Überhaupt war ich, so oft er mich sah, nur »Erziehungsobjekt«. Fühlte ich mich etwas frischer, ging ich abends mit ihm in eine Trattoria. Da wir aber doch nur von meinem Geld lebten und die Reise schon gewaltig viel verschlungen hatte, gab es wieder ewigen Zwiespalt über die Wahl meiner Gerichte auf der »lista«. Mein Mann behauptete, ich suche immer das Billigste aus. Mit gleichem Recht konnte ich entgegnen, daß er stets das Teuerste wähle.
In the evenings, after making do in secret all day with a “brodo” — while Oswald ate at the eating-house — he would want to read aloud to me, to “form” me. I knelt on the floor lining a perambulator, and fell asleep over the reading every time. That produced endless sermons. In general, whenever he saw me I was nothing but an “object of education.” If I felt a little fresher I went with him to a trattoria in the evening. But since we were living on my money alone, and the journey had already swallowed a tremendous amount, there was perpetual discord again over my choice of dishes on the “lista.” My husband maintained that I always picked the cheapest. With equal justice I could reply that he always chose the dearest.
So vergingen die Tage, die Wochen, die Monate, stets unerquicklicher. Das Weihnachtsfest ist mir als besonders schrecklich in der Erinnerung. Ich hatte allerhand antike Sächlein gekauft und Monatsrosen und Feigen. Und einen kleinen Lorbeerbaum mit Orangen aufgeputzt. Aber Oswald war, wie immer, unzufrieden mit mir. Er hatte eine Art Achselzucken, das mich rasend machte. Im Übermaß von Verzweiflung sprang ich auf den Balkon. Wir lehnten beide schwer gegen das schwankende, rostige Eisengitter im fünften Stock und rangen miteinander. —
So the days, the weeks, the months went by, ever less refreshing. Christmas remains in my memory as particularly dreadful. I had bought all sorts of little antique things, and monthly roses and figs. And decked out a little laurel tree with oranges. But Oswald was, as always, dissatisfied with me. He had a way of shrugging his shoulders that drove me wild. In an excess of despair I sprang out onto the balcony. We both leaned heavily against the swaying, rusty iron railing on the fifth floor, and struggled with each other. —
Wenn das Gitter gebrochen wäre! Es hing alles an einem Haar! Ja, das war das erste Weihnachtsfest meiner jungen Ehe!
If the railing had broken! Everything hung by a hair! Yes, that was the first Christmas of my young marriage!
Später zogen wir in die Via Purificazione. Das Wohnzimmer hatte Aussicht auf einen wunderschönen Orangengarten, in dem den ganzen Tag gegraben wurde. Und dann kam im Mai meine erste »schwere Stunde«. Mit unnennbaren Leiden. Aber es folgte ihr kein unnennbares Glück. Das Kind, es war süß, und wir nannten es Ada, gedieh sichtbar an meiner Brust. Aber ich war sehr elend. Doch auch mein Mann klagte ständig mehr über sein Befinden. Am zwölften Tag nach der Geburt erklärte Dr. Fleischl, daß es die Malaria sei; die Perniziosa drohe, und die einzige Rettung läge nur in einer fluchtartigen Abreise. Wir waren am Nachmittag im Wagen (als erster Ausflug) in der Via Appia gewesen, bei blaugrauer Gewitterstimmung. Unsäglich schwermutsvoll lag die Via Appia in der schweren Frühlingsluft. Ich war todmüde und erschöpft bei der Rückkehr, aber ich packte die ganze Nacht.
Later we moved to the Via Purificazione. The living room looked out over a beautiful orange garden in which there was digging going on all day. And then, in May, came my first “hard hour.” With unnameable sufferings. But no unnameable happiness followed it. The child, she was sweet, and we called her Ada, visibly thrived at my breast. But I was very wretched. And my husband, too, complained more and more constantly of his condition. On the twelfth day after the birth Dr. Fleischl declared that it was malaria; that the pernicious form threatened, and that the only salvation lay in departing as though in flight. That afternoon we had been out in a carriage on the Via Appia, on our first excursion, under a blue-grey thundery sky. Unspeakably heavy with sadness the Via Appia lay in the heavy spring air. I was dead tired and exhausted when we got back, but I packed all night.
Am andern Morgen fuhren wir mit Hilfe der Wirtsleute und des Arztes nach der Bahn und lösten Karten nach Florenz. Dort konnten wir nicht mehr weiter. Meines Mannes Fieber war immer heftiger geworden. Ich suchte den deutschen Arzt auf, Dr. Kurz, selber mehr tot als lebendig. Vierzehn Tage blieben wir dort, Oswald war so schwach, daß ich ihn füttern mußte; ich nicht viel stärker. Und ich hatte die Doppelpflege von Mann und Kind. Es lag ziemlich viel auf mir, ohne jede Hilfe. Aber Klein-Ada gedieh.
Next morning, with the help of our landlord's family and the doctor, we drove to the station and took tickets for Florence. There we could go no further. My husband's fever had grown ever more violent. I sought out the German doctor, Dr. Kurz, myself more dead than alive. We stayed a fortnight; Oswald was so weak that I had to feed him, and I not much stronger. And I had the double nursing of husband and child. A good deal lay on me, without any help at all. But little Ada thrived.
Dann waren wir so weit, daß wir wieder nach Gossensaß verstaut werden konnten. Dort in der herrlichen Alpenluft blieben wir sechs Wochen. Langsam, langsam ging es bergauf. Noch immer war der Kranke so schwach, daß er gefüttert werden mußte. Aber die Ibsens waren, wie jeden Sommer, anwesend. Und die nahmen sich unserer aufs rührendste an, sie, die schon in Rom uns die einzigen freundlichen Stunden gegeben hatte. Frau Ibsen saß an Oswalds Bett, wenn sie mich mit ihrem Sohn Sigurd spazieren schickte. Klein-Ada hatte sie auf dem Schoß, wenn sie wach war. Sie übte sich sogar im Trockenlegen. — Als es nach einigen Wochen besser wurde, saß Ibsen selber oft am Bett seines jungen Freundes, dem diese Ehre sichtbarlich von Tag zu Tag mehr auf die Beine half.
Then we were far enough on to be stowed off to Gossensaß again. There, in the glorious Alpine air, we stayed six weeks. Slowly, slowly things improved. The invalid was still so weak that he had to be fed. But the Ibsens were there, as they were every summer. And they took us up in the most touching way, she who had already given us the only friendly hours we had in Rome. Frau Ibsen sat by Oswald's bed while she sent me out walking with her son Sigurd. She had little Ada on her lap when the child was awake. She even practised changing her. — When things got better after some weeks, Ibsen himself often sat at the bedside of his young friend, whom this honour visibly helped onto his feet a little more with every day.
Und dann war er so weit, daß ich ihn nach Bad Elster bringen konnte zu seinem Jugendfreund, der dort Badearzt war. Drei Monate wollte er dort bleiben, und ich sollte in dieser Zeit eine Wohnung suchen und mit meinen Aussteuermöbeln, die beim Spediteur lagerten, einrichten. — Ich unterzog mich dieser Aufgabe mit Eifer und Liebe. Das gute Münchner Bier, nach der Tiroler Luft, hatte mich wieder gekräftigt. Das Kind trank noch an meiner Brust und entwickelte sich täglich mehr, — ich fühlte wieder so etwas wie Lebensfreude in meine Seele ziehen. Auch spürte ich eine starke, kaum zu bändigende Arbeitslust. Ich konnte aber nicht eher mit Malen beginnen, bis unser neues Heim eingerichtet war. In der Findlingsstraße hatte ich bald eine passende Wohnung mit Atelier gefunden. Damals war erst die eine Seite bebaut, und unsere Frontfenster blickten auf die grüne Theresienwiese, rechts von der Bavaria und ihrem Wäldchen begrenzt. Am Horizont aber zeigte sich bei klarem Wetter die Zugspitze mit der ganzen Schneekette der bayrischen Alpen. Wie entzückte mich diese Aussicht! (Über fünf Jahre lang war dann diese oft kaum sichtbare, verdämmerte, in der Abendsonne rosig erglühende Alpenkette mein bester Freund, mein einziger Trost, meine Zuflucht in jeder verzweifelten Stimmung. Dort schimmerte und strahlte sie — wenn auch noch so fern. Also konnte das Leben nicht gar so verzweifelt traurig sein, wie es meiner dürstenden Seele erschien.)
And then he was well enough for me to take him to Bad Elster, to a friend of his youth who was a spa physician there. He wanted to stay three months, and in that time I was to look for an apartment and furnish it with my trousseau furniture, which was in storage with the carrier. — I undertook the task with zeal and love. The good Munich beer, after the Tyrolean air, had strengthened me again. The child was still at my breast and developing more every day, — I felt something like the joy of life drawing into my soul again. I also felt a strong and scarcely controllable appetite for work. But I could not begin painting until our new home was furnished. In the Findlingsstraße I soon found a suitable apartment with a studio. In those days only the one side was built up, and our front windows looked out over the green Theresienwiese, bounded on the right by the Bavaria and her little wood. On the horizon, in clear weather, the Zugspitze appeared with the whole snow-chain of the Bavarian Alps. How that view delighted me! (For more than five years that chain of Alps, often barely visible, dimmed, glowing rosy in the evening sun, was then my best friend, my only comfort, my refuge in every desperate mood. There it shimmered and shone — however far away. So life could not be quite so desperately sad as it appeared to my thirsting soul.)
Ich fand, daß ich alles wunderschön eingerichtet hatte, und war durchdrungen davon, daß auch Oswald dies finden müsse. Seine Briefe klangen versöhnlich. Auch er hoffte das Beste von der Zukunft.
I found that I had arranged everything beautifully, and was convinced that Oswald must find so too. His letters sounded conciliatory. He too hoped the best of the future.
Ich fing fast an, mich auf seine Rückkehr zu freuen. Es war alles vorbereitet zum Empfang und festlich mit Blumen geschmückt. Ich hatte ein neues Mädchen, Leni, die sich als ziemlich brauchbar anließ. Das Leben schien mir wieder erträglich. Ich holte den Gatten von der Bahn ab, er sah sehr wohl aus und war völlig wiederhergestellt, das merkte ich schon an seinem kräftigen Achselzucken. Zwei Stunden, nachdem er Besitz von der neuen Wohnung ergriffen, alles in Augenschein genommen und scharf kritisiert hatte — lag ich wieder in heißen Tränen auf meinem Ruhebett, und er stand davor und predigte mir, stundenlang, wie in den unseligen Römertagen.
I almost began to look forward to his return. Everything was prepared to receive him and decked out festively with flowers. I had a new maid, Leni, who promised to be quite useful. Life seemed bearable to me again. I fetched my husband from the station; he looked very well and was completely restored, as I could tell already from his vigorous shrug. Two hours after he had taken possession of the new apartment, inspected everything and criticised it sharply — I was lying in hot tears on my couch again, and he stood in front of it and preached at me for hours, as in the ill-starred Roman days.
Ja, er war wieder ganz gesund!
Yes, he was quite well again!
So ging nun das Leben Tag um Tag, durch fünf Jahre — fünf Ewigkeiten, wie mir schien. Ich stürzte mich jetzt mit Feuereifer an die Arbeit. Oswald predigte. Wieviel hatte er nur immer an mir auszusetzen. Ich war kein vielseitiger, großer Mensch — ich war nur ein Malweibchen. Beim Haushalt hörte man ewig das Knarren der Maschine! Und diese verfluchte Knauserei an allen Ecken und Enden! (Ich hatte im letzten Jahr sehr wenig verdient, und er hatte durch seine Krankheit sehr viel gebraucht — dazu die neue Einrichtung der Wohnung, kostbare Wintergarderobe für ihn — mir begann angst und bange zu werden.) Aber er erklärte mir an jedem Tag in langatmigen Reden, daß die höchste Pflicht des Menschen sei, sich selber zu bilden. Daß alles »etagenweise« vor sich gehe, er wenigstens zehn Etagen im Geist besäße und die unterste, der Broterwerb, ihm absolut nicht läge. Er habe nicht hierfür Medizin studiert, sondern einzig, um sich weiterzubilden. Das habe er mir alles vor der Ehe gesagt. Wenn ich so kurzsichtig wäre, dies nicht einzusehen, so sei das einzig meine Schuld. Ich sei so klein und enggeistig, daß ich glaube, im kleinen sparen zu müssen, an meiner Toilette, an der Nahrung, an allem. Er habe geglaubt, eine große Dame zu heiraten, ich sei aber nicht einmal nur Malweibchen, sondern auch spießbürgerlich enge Hausfrau, kurz — wenn nicht alles klappe, so sei dies einzig mein Verschulden. Er ließe es sich doch wahrlich angelegen genug sein, mich zu höherem Menschentum heranzubilden.
So life went on now, day after day, for five years — five eternities, as it seemed to me. I now threw myself into work with burning zeal. Oswald preached. How much he always had to find fault with in me. I was no many-sided, great human being — I was only a little painting-woman. In the household one heard the eternal creaking of the machine! And this cursed penny-pinching at every turn! (I had earned very little in the past year, and his illness had used a great deal — on top of that the new furnishing of the apartment, and expensive winter clothes for him — I was beginning to be frightened.) But he explained to me every day, in long-winded speeches, that the highest duty of a human being is to form himself. That everything proceeds “storey by storey,” that he possessed at least ten storeys in the spirit, and that the lowest of them, earning one's bread, absolutely did not suit him. He had not studied medicine for that, but solely in order to educate himself further. He had told me all this before the marriage. If I was so short-sighted as not to see it, that was my fault alone. I was so small and narrow-minded that I thought I had to economise in small things, on my clothes, on food, on everything. He had believed he was marrying a great lady, whereas I was not merely a little painting-woman but also a narrow, philistine housewife; in short — if everything did not work out, that was my fault alone. He was truly taking quite enough trouble to educate me up to a higher humanity.
Er las hauptsächlich medizinische Bücher, die er sich vom Buchhändler stets zuschicken ließ. Viele Hunderte kosteten diese Bücher in jedem Jahr.
He read mainly medical books, which he had the bookseller send him continually. These books cost many hundreds every year.
Hier und da kritisierte er auch meine Bilder oder meine Gedichte, scharf, aber gut. Jetzt weiß ich es — sein Wesen spiegelte die Tragödie des Unproduktiven, der dem Schaffenden gegenüber — immer gereizt — sein Schaffensunvermögen fühlt. Damals verstand ich nichts von dem allen, ich gab mir selber die Schuld und meinen eigenen Unzuträglichkeiten. Und weinte — weinte — wunderte mich oft, daß ich mich noch nicht blind geweint hatte. Ich zog mich von allem zurück aus Angst, daß es zuviel Geld koste, bei den übertriebenen Ansprüchen meines Mannes. Aber der Prinzregent Luitpold hatte dennoch mein Atelier entdeckt und kam nun alle paar Wochen, die Entwicklung meiner Bilder zu sehen. Einmal hätte er in seiner Kurzsichtigkeit über den dicken Kopf eines schwarzen Bären fast den Hals gebrochen. — Die Baronin Wolfskeel verriet mir gelegentlich, daß er ihrem Mann gegenüber ausgesprochen habe, er wundere sich, wie rasch die »schöne Preuschen« in der Ehe eingepackt habe.
Now and then he also criticised my pictures or my poems, sharply, but well. Now I know it — his nature mirrored the tragedy of the unproductive man who, faced with the one who creates — perpetually irritated — feels his own incapacity to create. At the time I understood nothing of all this; I blamed myself and my own failings. And wept — wept — and often wondered that I had not yet wept myself blind. I withdrew from everything for fear of what it might cost, given my husband's exaggerated demands. But the Prince Regent Luitpold had discovered my studio all the same, and now came every few weeks to see how my pictures were coming on. Once, in his short-sightedness, he nearly broke his neck over the thick head of a black bear. — Baroness Wolfskeel let slip to me on one occasion that he had remarked to her husband that he wondered how quickly the “beautiful Preuschen” had folded up in marriage.
Ach, das war freilich kein Wunder. Ich wurde täglich unglücklicher, unbefriedigter und sorgenvoller. Wie oft kam es vor, daß ich keinen Pfennig Bargeld im Hause hatte. Oswald ging morgens in den »Achatz« zum Frühschoppen mit Heyse, Laistner und anderen Größen, nachmittags saß er oft neben Ibsen, seinem andern großen Freund, im Café Maximilian, und abends ging er mit befreundeten Offizieren, im Sommer auf einen »Keller«, im Winter ins Weinhaus. Wenn er dann nach elf Uhr zurückkam, weckte er mich mit langatmigen Tiraden und Vorhaltungen auf. Ich hatte mir angewöhnt, schon um sieben Uhr zu Bett zu gehen und dann zu lesen, zu schreiben, zu träumen. Das waren meine besten Stunden. Wenn ich ihn die Treppe heraufkommen hörte, löschte ich das Licht und stellte mich schlafend. Aber er behauptete, das Licht sei eben erst ausgegangen, ich müsse noch wach sein. Und die alte Litanei begann — und das Leben wurde mir täglich mehr zum Ekel. Das nannte sich eine Ehe! Unsere Lage gestaltete sich immer sorgenvoller. Mein Bankdepot war fast völlig aufgebraucht — vierundzwanzigtausend Mark; davon hatte ich ja Oswald schon vor der Ehe gegeben, um sich, wie er sagte, »glatt« zu machen.
Ah, that was no wonder, to be sure. I grew unhappier, less satisfied and more anxious every day. How often it happened that I had not a pfennig of cash in the house. In the mornings Oswald went to the “Achatz” for his first drink with Heyse, Laistner and other great men; in the afternoons he often sat beside Ibsen, his other great friend, in the Café Maximilian; and in the evenings he went out with officer friends, in summer to a beer-cellar, in winter to the wine house. When he came back after eleven he would wake me with long-winded tirades and reproaches. I had got into the habit of going to bed at seven and then reading, writing, dreaming. Those were my best hours. When I heard him coming up the stairs I put out the light and pretended to be asleep. But he maintained that the light had only just gone out and that I must still be awake. And the old litany began — and life grew daily more loathsome to me. This called itself a marriage! Our situation became ever more worrying. My bank deposit was almost entirely used up — twenty-four thousand marks; out of which I had of course already given Oswald a sum before the marriage, to make himself “smooth,” as he put it.
Oft wenn Leni ins Atelier kam und Geld zum Einholen verlangte, warf ich die Pinsel beiseite und sagte: »Ich muß doch ausgehen und werde Fleisch mitbringen.« Dann lief ich mit irgendeinem Gegenstand aufs Versatzamt und brachte Fleisch mit nach Hause und die innere Verzweiflung. —
Often, when Leni came into the studio and asked for money for the shopping, I would throw my brushes aside and say: “I have to go out anyway and will bring meat back with me.” Then I would run to the pawn office with some object or other, and bring home meat, and inward despair. —
Nein, Oswald konnte nicht sparen, er fand das Knausern unvornehm — und undelikat — — —
No, Oswald could not economise; he found penny-pinching ungenteel — and indelicate — — —
Ich hatte kürzlich in einer Gesellschaft, die wir ausnahmsweise besuchten, einen neuen »Kollegen« von mir, den Prinzen Ernst von Sachsen-Meiningen kennengelernt. Er gefiel uns beiden außerordentlich und bat uns in sein Atelier. Sein ernstes Streben machte Eindruck auf mich. Bald erwiderte er unsern Besuch, bald wurde er Hausfreund. Das war Wasser auf Oswalds Mühle. Nun hatte er einen neuen Prinzen zum Freund; er — der Freund von Paul Heyse und von Ibsen, der Mann der »Preuschen«. Ja, ich war trotz allem, was auf mir lastete, ziemlich bekannt geworden. Man nannte mich als erste Blumenmalerin. Der Prinzregent hatte häufig von meinen Bildern gekauft, aber mein Streben ging höher. Ich wälzte große Pläne. Ein Gedanke, der mir vor Jahren einmal in der Königsgruft von St. Denis gekommen war, vom König der Könige, dem Tod, kristallisierte sich in meiner Seele zu immer festerer Gestalt. Unser Verkehr mit dem Maler altdeutscher Stätten, August Holmberg, befestigte die ganze Umgebung. Im bayrischen Kunstgewerbemuseum machte ich meine Einzelstudien, ein Gerippe, das Oswald sich von der Klinik besorgte, wurde in meinen roten Peluchemorgenrock gesteckt, Fräulein von Berckholtz lieh mir einen prächtigen Hermelinmantel, und nun konnte die Arbeit am neuen Bild, dem nachmaligen »Mors Imperator« beginnen.
Recently, at a party which we attended by way of exception, I had met a new “colleague” of mine, Prince Ernst of Saxe-Meiningen. We both liked him extraordinarily and he asked us to his studio. His serious striving made an impression on me. Soon he returned our visit; soon he was a friend of the house. That was water on Oswald's mill. Now he had a new prince for a friend: he — the friend of Paul Heyse and of Ibsen, the husband of “the Preuschen.” Yes, in spite of everything that weighed on me, I had become fairly well known. I was named as the foremost flower painter. The Prince Regent had frequently bought pictures of mine, but my striving went higher. I turned over great plans. An idea that had come to me years before in the royal crypt of St. Denis, of the King of Kings, of Death, crystallised in my soul into an ever firmer shape. Our dealings with the painter of old German places, August Holmberg, made the whole setting firm. I made my individual studies in the Bavarian Museum of Applied Arts; a skeleton, which Oswald procured for me from the clinic, was put into my red plush dressing gown; Fräulein von Berckholtz lent me a magnificent ermine cloak, and now the work on the new picture, the later “Mors Imperator,” could begin.
Kurz vorher war die Kronprinzessin auf der Durchreise bei mir zum Frühstück gewesen, nachdem wir sie mit anderen an der Bahn empfangen hatten. Lenbachs schmatzender Handkuß erregte dabei ihr Lächeln. Sie entzog ihm rasch die Hand. Lenbach aber sagte sieghaft: »Königliche Hoheit, ich bin doch aus Schrobenhausen!« Mit dieser seiner bäuerlichen Abstammung wußte er sich für alles zu entschuldigen. Sie war unter seinen Freunden fast zum geflügelten Wort geworden.
Shortly before, the Crown Princess had breakfasted with me while passing through, after we had received her at the station with others. Lenbach's smacking kiss on her hand provoked her smile. She quickly withdrew the hand. But Lenbach said triumphantly: “Royal Highness, I am from Schrobenhausen after all!” With this peasant descent of his he knew how to excuse himself for anything. It had almost become a proverb among his friends.
Oswald wußte sich nach dem Frühstück der Kronprinzessin nicht zu lassen vor Stolz.
After the Crown Princess's breakfast Oswald could not contain himself for pride.