The Novel of My Life ›“Mors Imperator”

Chapter 10 · side by side“Mors Imperator”»MORS IMPERATOR«

← Back to the annotated English, with the notes

Deutsch — 1926English

Und bald darauf begann ich mein großes Bild, das ich nach langen Debatten — erst sollte es »Rex regum« heißen — »Mors Imperator« betitelte. Ich malte lange daran, fast ein Jahr — dann war es beendet; meine wenigen Freunde fanden es ausgezeichnet — und ich schickte es zur Großen Ausstellung nach Berlin. Damals war noch Professor Becker Präsident der Akademie.

And soon afterwards I began my great picture, which after long debates — at first it was to be called “Rex regum” — I entitled “Mors Imperator.” I painted at it a long time, almost a year — then it was finished; my few friends found it excellent — and I sent it to the Great Exhibition in Berlin. Professor Becker was still president of the Academy then.

Prinz Ernst von Meiningen war dort auf der Durchreise und wurde von Becker in der noch nicht eröffneten Ausstellung herumgeführt. »Wo ist denn Mors Imperator von Hermione von Preuschen?« fragte er. »Das Bild ist zwar ausgezeichnet«, erklärte der Professor, »allein wir können das dem greisen Kaiser nicht antun, ein so krasses Memento mori. Wir werden der Malerin mitteilen, es sei die schiefe Ausführung eines schiefen Gedankens und daher unzulässig.« —

Prince Ernst of Meiningen was passing through, and Becker was showing him round the exhibition before it opened. “Where is Mors Imperator by Hermione von Preuschen?” he asked. “The picture is excellent, certainly,” the professor explained, “only we cannot do that to the aged Emperor, so crass a memento mori. We shall inform the painter that it is the crooked execution of a crooked thought, and therefore inadmissible.” —

Prinz Ernst, sehr verwundert, telegraphierte mir die Sache. Zwei Stunden später saß ich im Eilzug nach Berlin, kam dort bei Tagesgrauen an und ging bald darauf selber zu Professor Becker. Er bestätigte mir den »schiefen Eindruck eines schiefen Gedankens«. »Und wenn ich Ihnen nun die persönliche Erklärung des Kaisers bringe, daß er selber an dem Bild keinen Anstand nimmt?« — »Die werden Sie wohl kaum erhalten.«

Prince Ernst, much astonished, telegraphed me the affair. Two hours later I was sitting in the express to Berlin, arrived there at daybreak, and soon afterwards went to Professor Becker myself. He confirmed to me the “crooked impression of a crooked thought.” “And if I now bring you the Emperor's personal declaration that he himself takes no exception to the picture?” — “You will hardly obtain that.”

Aber ich setzte Himmel und Hölle in Bewegung und erhielt bald schwarz auf weiß versichert, daß Seine Majestät persönlich an der Ausstellung des Bildes keinen Anstoß nähme. —

But I set heaven and hell in motion, and was soon assured in black and white that His Majesty personally took no offence at the exhibiting of the picture. —

Triumphierend eilte ich damit zu Becker. Ein neues Konsilium wurde einberufen. Aber die Juroren beharrten bei ihrem Ausspruch: der schiefen Ausführung eines schiefen Gedankens. Sie hatten Angst vor der Vox populi! Es war schon mancherlei über die Sache an die Öffentlichkeit gedrungen, und die widersprechendsten Notizen jagten sich darüber in der Presse. Die tollsten Gerüchte fingen nun an, sich zu überbieten. Ich hätte die unglaublichsten Anforderungen gestellt betreffs seiner Ausstellung. Unter anderem nur im schwarz verhängten Raum und bei Wachskerzenbeleuchtung. Alle Blätter brachten Lebensgeschichten oder Karikaturen von mir. Die eine im »Ulk« ist mir noch erinnerlich: Preuschen: »Werden Sie mein nächstes Bild wieder zurückweisen, Herr Professor?«

Triumphant, I hurried with it to Becker. A new council was convened. But the jurors held to their pronouncement: the crooked execution of a crooked thought. They were afraid of the vox populi! A good deal had already got out about the affair, and the most contradictory paragraphs were chasing one another through the press. The wildest rumours now began to outbid each other. I was supposed to have made the most incredible demands about how it was to be exhibited. Among others, only in a room hung with black and by wax candlelight. Every paper carried life stories or caricatures of me. The one in “Ulk” I still remember: Preuschen: “Will you reject my next picture too, Professor?”

»Nein, Madame, den Gefallen werde ich Ihnen nicht mehr tun.« —

“No, Madame, I shall not do you that favour again.” —

Ich mietete nun ein Lokal (Ecke der Markgrafenstraße) und stellte das Bild auf eigene Faust aus. Der Zudrang war ungeheuer. Telegramme über die Eröffnung wurden von allen Zeitungen versandt. Am ersten Morgen zwischen neun und elf Uhr war das Gemälde schon von über fünfhundert Personen besichtigt worden. Hier hatte ich es in der Hand, mein Schicksal zu zwingen und den Geist der Zeit bei der »Stirnlocke« zu fassen. — Ich habe es nicht richtig angefaßt, es ist mir alles wieder entglitten, und der große Sensationserfolg von Mors Imperator erweist sich heute als der Fluch meines Lebens. Er räumte mir eine Ausnahmestellung als »Außenseiter« ein. Heute will die geschlossene Phalanx der Kunsthändler und der von ihnen begünstigten Modemaler nichts von dem »Außenseiter« wissen, dem es einmal geglückt war, schwindelerregenden Tagesruhm und gleißendes Tagesgold zu erlangen.

So I rented a place (on the corner of the Markgrafenstraße) and exhibited the picture on my own account. The crush was tremendous. Telegrams about the opening were sent out by every newspaper. On the first morning, between nine and eleven o'clock, the painting had already been viewed by over five hundred people. Here I held it in my hand, to compel my fate and seize the spirit of the age by the “forelock.” — I did not take hold of it rightly; it all slipped away from me again, and the great sensational success of Mors Imperator proves today to be the curse of my life. It granted me an exceptional position as an “outsider.” Today the closed phalanx of the art dealers, and of the fashionable painters they favour, will have nothing to do with the “outsider” who once managed to obtain dizzying day-fame and glittering day-gold.

Damals aber war ich in aller Mund. Wie mir das zu Kopfe stieg! Ich erinnere mich noch, daß die Bürgersteige vom Potsdamer Platz bis zur Markgrafenstraße voll der gelben Papierchen lagen — den Eintrittskarten zu meinem Bild. Wie im Karneval! Und es war ja auch der Karneval meines Lebens — dem gar bald der schaurige Aschermittwoch folgen sollte. Aber damals merkte ich nichts davon. Jeden Morgen und jeden Mittag holte ich mir alle Taschen voll Geld aus meiner Ausstellung. —

But in those days I was in everyone's mouth. How it went to my head! I still remember that the pavements from the Potsdamer Platz to the Markgrafenstraße lay full of the little yellow papers — the entrance tickets to my picture. Like carnival! And it was indeed the carnival of my life — which was very soon to be followed by a grisly Ash Wednesday. But at the time I noticed nothing of that. Every morning and every midday I fetched myself pocketfuls of money from my exhibition. —

Friedrich Dernburg, der geistvolle Journalist, mein engerer Darmstädter Landsmann, in dessen Haus ich in Berlin viel verkehrte, nahm sich meiner Mors Imperator-Ausstellung noch ganz besonders an. Ich hatte mit ihm ein Flugblatt veröffentlicht vom »Herrscher Tod, bekrönt mit dem ehernen Reif der Notwendigkeit«. Ein geflügeltes Wort wurde das in jenen Tagen. In den Restaurants sprach man allüberall nur von Mors Imperator und seiner Malerin. »Ein forsches Weib muß das sein, die möchte ich kennenlernen«, hörte ich einmal einen Herrn neben mir sagen. Ich hatte Mühe, meinen Begleiter zurückzuhalten, daß er nicht sagte: »Sie sitzen neben ihr!«

Friedrich Dernburg, the brilliant journalist, my closer countryman from Darmstadt, in whose house I went about a great deal in Berlin, took up the cause of my Mors Imperator exhibition quite particularly. With him I had published a broadsheet about the “Ruler Death, crowned with the iron ring of necessity.” That became a proverb in those days. In the restaurants people everywhere talked of nothing but Mors Imperator and its painter. “That must be a bold piece of woman; I should like to meet her,” I once heard a gentleman next to me say. I had trouble restraining my companion from saying: “You are sitting next to her!”

Ja, wie ein Rausch stieg mir jene Zeit zu Kopfe. Aber sie wurde mir zum Fluche. Trotzdem habe ich allein mit der Ausstellung von Mors Imperator im Laufe von fünf Jahren über fünfzigtausend Mark verdient. Später verkaufte ich das Bild verhältnismäßig billig an den Kaufmann Fritz in Zürich. Der hat es mir dann noch manchmal für »Preuschen-Ausstellungen« geliehen, wollte es, wie ich hörte, auch wieder verkaufen.

Yes, that time went to my head like intoxication. But it became a curse to me. All the same, with the exhibiting of Mors Imperator alone I earned over fifty thousand marks in the course of five years. Later I sold the picture comparatively cheaply to the merchant Fritz in Zurich. He then lent it to me a few times more for “Preuschen exhibitions,” and wanted, so I heard, to sell it again.

Auf den Thronen fing nun das große Sterben an, wie man sagte, durch mein Bild »berufen«. Erst starb der alte Kaiser! Dann kam die Tragödie des Kronprinzen Rudolf, und dann die erschütterndste: Kaiser und Kaiserin Friedrich. —

On the thrones the great dying now began, “called up,” as people said, by my picture. First the old Emperor died! Then came the tragedy of the Crown Prince Rudolf, and then the most shattering of all: the Emperor and Empress Frederick. —

Ich hatte stets in regem Briefwechsel mit der Kronprinzessin gestanden. Sie hatte mir oft ausführlich, wenn auch meist ohne Unterschrift, geantwortet. Daher schickte ich ihr auch vertrauensvoll und ahnungslos eine große Photographie des Mors Imperator, mehrere Wochen vor seinem Erscheinen in der Öffentlichkeit. Der Kronprinz war damals halsleidend und mit seiner Frau zur Konsultation des Dr. Mackenzie nach England gereist. Dieser hatte gerade der Kronprinzessin das Krebsartige der Erkrankung klargelegt. Tieferschüttert fuhr sie nach Hause, fand dort meinen Brief, öffnete freudig, meine Schrift erkennend. Und in ihre Hand fällt das Bild »Mors Imperator«! Seit jener Stunde habe ich sie nicht wiedergesehen, hat sie mir nie mehr geschrieben, faßte sie eine abergläubische Abneigung gegen mich. Ihre Hofdame, Gräfin Kalckreuth, hat mir das viel später erzählt. —

I had always been in lively correspondence with the Crown Princess. She had often answered me at length, though usually without a signature. And so I sent her, trustingly and with no suspicion, a large photograph of Mors Imperator, several weeks before it appeared in public. The Crown Prince was suffering from his throat at the time, and had travelled to England with his wife to consult Dr. Mackenzie. Mackenzie had just explained to the Crown Princess the cancerous nature of the illness. Shaken to the depths, she travelled home, found my letter there, and opened it joyfully, recognising my handwriting. And into her hand falls the picture “Mors Imperator”! From that hour I have never seen her again; she never wrote to me again; she conceived a superstitious aversion to me. Her lady-in-waiting, Countess Kalckreuth, told me so much later. —

Nein, Mors Imperator brachte mir in keiner Weise Glück, trotz des äußeren, rauschenden und klingenden Erfolges. Das Bild wurde zum Fluch meines Lebens. Immer muß ich das wiederholen.

No, Mors Imperator brought me no good fortune in any way, for all the outward, roaring, ringing success. The picture became the curse of my life. I have to keep repeating it.

Als ich von Berlin zurückkehrte, schien mir anfangs die ganze Welt verwandelt. Ich reiste für mehrere Wochen nach Venedig und der Riviera, mich von aller Arbeit, Aufregung und — von Oswald zu erholen. Als ich zurückkam, schien alles etwas besser zu werden. Meine einstige Karlsruher Freundin, Emma L., war als D.’s Schülerin nach München übergesiedelt. Sie holte mich bald an jedem Nachmittag zum Spazierengehen ab. Aber sie wurde mir täglich unheimlicher. Sie war manches Jahr lange Monate mit D. in Chioggia bei den Fischern gewesen, und mir schien es, als hege sie eine große, heimliche Leidenschaft zu dem durchaus glücklich verheirateten Künstler. Danach wurde sie durch Zufall mit Ibsens bekannt, verkehrte dort viel im Hause und machte mir Andeutungen von einer verbotenen Liebe Ibsens zu ihr. Ich glaubte es ihr nicht recht — ich kannte Ibsen und seine trockene Art viel zu gut, wir waren auch in München — nach Gossensaß — sehr treu von ihnen behandelt worden und öfter im Hause.

When I came back from Berlin the whole world seemed at first transformed to me. I travelled for several weeks to Venice and the Riviera, to recover from all the work, the excitement and — from Oswald. When I returned, everything seemed to be getting a little better. My old Karlsruhe friend Emma L. had moved to Munich as D.'s pupil. She soon called for me every afternoon to go walking. But she grew more uncanny to me every day. For several years she had spent long months with D. among the fishermen at Chioggia, and it seemed to me that she nursed a great, secret passion for the thoroughly happily married artist. After that she became acquainted with the Ibsens by chance, went a great deal to the house, and dropped hints to me of a forbidden love of Ibsen's for her. I did not really believe her — I knew Ibsen and his dry manner far too well; we too had been treated most faithfully by them in Munich — after Gossensaß — and were often at the house.

An jedem Silvesterabend tranken wir dort Punsch und aßen von Frau Ibsens »selbstgespritzten« Spritzkuchen. Das war das einzige Mal im Jahr, daß es mir warm wurde in der sonst so kühlen Zimmerflucht der Maximilianstraße mit den altitalienischen Heiligenbildern. »Meine Frau leidet an fliegender Hitze«, erklärte der Dichter, wenn er händereibend, frostgeplagt, rastlos wie eine Fledermaus in der langen Zimmerreihe auf- und abschwirrte. Aber am Silvester war’s warm, und er trank einen sehr gründlichen Neujahrspunsch und wurde dann wundervoll angeregt, sprach von seinen Dramen, seinen Problemen und wie seine Figuren ihn greifbar plastisch bedrängten. »Die Rebekka West hat ein kornblumenblaues Kleid und eine weiße Latzschürze.« Der Satz ist mir unvergeßlich. Damals machten gerade die »Gjengangere«, die Gespenster, ihren Siegeszug durch die Welt.

Every New Year's Eve we drank punch there and ate Frau Ibsen's “self-piped” piped cakes. That was the one time in the year that I was warm in the otherwise so chilly suite of rooms in the Maximilianstraße, with their old Italian pictures of saints. “My wife suffers from hot flushes,” the poet would explain as he whirred up and down the long row of rooms, rubbing his hands, plagued by cold, restless as a bat. But at New Year it was warm, and he drank a very thorough New Year punch and then became wonderfully animated, spoke of his dramas, his problems, and of how his figures pressed on him with tangible solidity. “Rebekka West has a cornflower-blue dress and a white bib apron.” The sentence is unforgettable to me. Just then the “Gjengangere,” the Ghosts, were making their triumphal progress through the world.

Von Emma L. hat er mir niemals gesprochen, trotzdem er wußte, daß sie meine Freundin sei. Und da ich ihn einmal fragte, sagte er nur lächelnd: »Die Arme.« —

Of Emma L. he never spoke to me, although he knew she was my friend. And when I once asked him, he only said, smiling: “Poor thing.” —

Aber ich sah sie nunmehr täglich. Sie hatte ein Atelier mit Wohnung in der Landwehrstraße, und ihre Bilder waren ein Abklatsch von Gude und D., gut, aber ohne persönliche Note. Der Ruhm des Mors Imperator war ihr stark auf die Nerven gefallen. Sie war auch ruhmsüchtig und liebeskrank. Wie sehr, das wurde mir erst einige Jahre später ganz klar. Aber wie gesagt, damals war sie mir unheimlich. Sie erzählte mir mit flackernden Augen von den Liebesnächten ihres Ateliernachbarn, daß sie jedes Wort verstände — daß sie sich das nicht gefallen zu lassen brauche. Und dann ganz unvermittelt: »Ich tanze jetzt jede Nacht!« — »Sie tanzen?« — »Ja, vor dem Spiegel, nackt, das ist sehr schön und meine einzige Freude!« Ich sah sie entsetzt an. Ihre Augen glühten irr. — —

But I now saw her daily. She had a studio with an apartment in the Landwehrstraße, and her pictures were a poor copy of Gude and D., good, but without a personal note. The fame of Mors Imperator had got badly on her nerves. She was also hungry for fame and sick with love. How much so, I only understood fully some years later. But as I said, at that time she was uncanny to me. She told me, with flickering eyes, about the love-nights of her studio neighbour, that she understood every word — that she did not have to put up with it. And then, quite abruptly: “I dance every night now!” — “You dance?” — “Yes, in front of the mirror, naked; it is very beautiful and my only joy!” I looked at her, appalled. Her eyes glowed madly. — —

Wenige Jahre später hat sie sich entleibt. Sie hatte vorher all ihre Bilder zu einer Ausstellung in den Kunstverein gebracht. Am Morgen der Eröffnung hat sie sich dann erschossen. — Das gab eine Sensation und den Bildern starken Zulauf. Da die Ausstellung vierzehn Tage hinausgeschoben wurde, hat sie vierzehn Tage länger die einsame Qual der Todeserwartung tragen müssen. Die Ärmste! Nicht viel Liebe ist ihrer Liebessehnsucht im Tode geworden! Sie hatte mir einen Abschiedsbrief geschrieben, nach Italien, wo ich damals weilte. Als ich wieder nach München kam, ging ich zur Portiersfrau ihrer Atelierwohnung und ließ mir diese schrecklichen letzten Äußerlichkeiten über sie erzählen.

A few years later she took her own life. Beforehand she had brought all her pictures to an exhibition at the Kunstverein. On the morning of the opening she shot herself. — That caused a sensation, and brought the pictures a great crowd. Since the exhibition was postponed by a fortnight, she had to bear the lonely torment of awaiting death a fortnight longer. Poor creature! Not much love came to her longing for love in death! She had written me a farewell letter, to Italy, where I was staying at the time. When I came back to Munich I went to the portress of her studio apartment and had her tell me these dreadful outward last details.

Auch ihr haben die »tausend Stimmen im Grund« gelogen, und sie erlag ihrem unbefriedigten Liebesdrang. Damals aber holte sie mich jeden Tag zum Spaziergang oder zur Antiquitätensuche ab und erging sich in geheimnisvollen Andeutungen über ungeheure Leidenschaften. Es war kein gesunder Umgang für mich. —

To her too the “thousand voices in the depths” had lied, and she succumbed to her unsatisfied craving for love. At that time, though, she called for me every day for a walk or to hunt for antiques, and indulged in mysterious hints about monstrous passions. It was not healthy company for me. —

Ich hatte jetzt ein Bild begonnen: »Irene von Spilimberg auf der Totengondel«. Das Bild, das damals in meiner ersten Jugendzeit Scheffels Worte vor meine Seele gerufen hatten: die Aufbahrung der großen Malerin und letzten Geliebten Tizians auf der Piazetta, vom Volk mit Blumen bekränzt. Ich durchlebte wieder den ganzen ungeschriebenen Scheffelroman, von dessen eingehendem Quellenstudium der Dichter durch die Cholera aus Venedig vertrieben wurde und nach Castell Toblino flüchten mußte. Es fiel mir alles ein, was er mir damals erzählt hatte. Aber ich ging auch noch auf die Bibliothek und holte mir einschlägige Bücher. Ein leuchtendes Künstlerleben stieg vor mir empor. Wie die junge Künstlerin von ihrer zinnengekrönten Burg im Friaul herunter gekommen, wie ein Meteor über Venedig aufgegangen und ebenso rasch erloschen war. Über ihr Studio hatte sie den Spruch geschrieben: »Si fata tulissent«. —

I had now begun a picture: “Irene von Spilimberg on the Death-Gondola.” The picture that Scheffel's words had called up before my soul back in my earliest youth: the lying-in-state of the great woman painter, Titian's last beloved, on the Piazzetta, garlanded with flowers by the people. I lived through the whole unwritten Scheffel novel again, the poet having been driven out of Venice by the cholera in the midst of his detailed source-study for it, so that he had to flee to Castel Toblino. Everything came back to me that he had told me then. But I also went to the library and fetched out the relevant books. A shining artist's life rose up before me. How the young artist had come down from her battlemented castle in Friuli, had risen like a meteor over Venice, and had gone out again just as fast. Over her studio she had written the motto: “Si fata tulissent.” —

Aber die Götter hatten es nicht gewollt. Das Meteor erlosch mit einundzwanzig Jahren durch den Dolch eines Nebenbuhlers oder durch Gift. Die Geschichte wird hier unklar. Ich beschloß, einer bizarren Laune folgend, der Irene meine Züge zu geben. Sie war ja Malerin und Dichterin wie ich. Blond und blauäugig dazu. Ich ließ mich lebensgroß als Leiche photographieren. Das Bild besitze ich noch. Ich werde wohl nicht viel anders aussehen auf dem letzten Kissen — »wie Menschenzüge, wenn das Leben losch — mit seinem niedern, kleinen Alltagstreiben, zurück sich finden zu der edlen Form — die durch des Lebens Leidenschaft verwischt — zurück zur Schönheit ihrer Jugendseele.«

But the gods had not willed it. The meteor went out at twenty-one, by a rival's dagger or by poison. The story becomes unclear at this point. Following a bizarre whim, I decided to give Irene my own features. She was, after all, a painter and a poet like me. Blonde and blue-eyed into the bargain. I had myself photographed life-size as a corpse. I still possess the picture. I shall probably not look very different on the last pillow — “as human features, when life has gone out — with its low, small everyday doings, find their way back to the noble form — that the passion of living blurred — back to the beauty of their young soul.”

Diese Zeilen stammen von mir und sind, wie ich glaube, wahr.

These lines are my own, and are, I believe, true.

Später, nachdem ich längst das Bild beendet und mein Leben in andere Bahnen gelenkt hatte, war ich im Friaul und auf der Burg der Spilimberghi. Und sah das Originalbild der Irene von Tizian im Schloß der Grafen Maniago, einer verwandten Familie des Irenengeschlechts. Sehr, sehr merkwürdige Tage verlebte ich dort. Sie gaben mir Anregung zu meiner Novelle »Im Friaul«, seinerzeit in »Westermanns Monatsheften«, dann im Novellenband »Tollkraut« erschienen.

Later, long after I had finished the picture and steered my life into other channels, I was in Friuli and at the castle of the Spilimberghi. And saw Titian's original portrait of Irene in the castle of the Counts Maniago, a family related to Irene's line. Very, very strange days I spent there. They gave me the impulse for my novella “Im Friaul,” which appeared at the time in “Westermanns Monatshefte” and then in the volume of novellas Tollkraut.

In unserem Heim ward es nicht behaglicher. Ich war einen Sommer auf Sylt und holte mir an seiner Brandung frische Nervenkraft. Oswalds Briefe wurden dann immer so milde und versöhnlich, daß ich mir wieder einredete, alles läge nur an mir, und mit den allerbesten Vorsätzen in die Findlingsstraße mit ihrer Sicht auf die blasse Alpenkette zurückkehrte.

At home things did not grow more comfortable. I spent a summer on Sylt and fetched fresh strength of nerve from its surf. Oswald's letters then always became so mild and conciliatory that I talked myself round again into believing that everything was my fault alone, and returned with the very best intentions to the Findlingsstraße, with its view of the pale chain of Alps.

Und dann kam mir plötzlich die Erkenntnis, daß ich zum zweitenmal in anderen Umständen war. Ich geriet außer mir darüber, wälzte die dunkelsten Gedanken — aber es half alles nichts. Oswald schickte mich zur Kräftigung im nächsten Sommer nach Warnemünde, und ich kehrte sehr vorgeschritten nach Hause zurück. Die Geburt verlief normal, es war ein Knabe, und er wurde Botho getauft! Er war schwarz wie ein kleiner Teufel und hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater. —

And then suddenly came the realisation that I was in a certain condition for the second time. I was beside myself about it, turned over the darkest thoughts — but nothing was any use. Oswald sent me to Warnemünde the following summer to build up my strength, and I came home far advanced. The birth was normal; it was a boy, and he was baptised Botho! He was black as a little devil and had a great resemblance to his father. —

Bald hatte ich alles überwunden. Die Taufe verlief verhältnismäßig glänzend. Prinz Ernst war zugegen.

Soon I had got over it all. The christening went off comparatively splendidly. Prince Ernst was present.

Wieder wurde es Sommer. Es war Schriftstellertag in München. Wir wollten ihn besuchen. Aber Prinzessin Marie von Meiningen, die Schwester unseres Freundes, war im »Rheinischen Hof« abgestiegen und hatte uns zum Frühstück eingeladen. Es wurde sehr spät für den Ausflug nach Tutzing, den der Schriftstellerverein unternahm. Oswald verzichtete, aber da Jensens auch hinkommen wollten, die vor kurzem nach München gezogen waren, ging ich allein. (Ich hatte den Prinzen bei Jensens eingeführt. Der hatte sich in die fünfzehnjährige Käthe verliebt, und drei Jahre später wurden sie Mann und Frau.)

It became summer again. It was the Writers' Day in Munich. We meant to attend. But Princess Marie of Meiningen, our friend's sister, had put up at the “Rheinischer Hof” and had invited us to breakfast. It grew very late for the excursion to Tutzing that the writers' association was making. Oswald gave it up, but since the Jensens wanted to come too, who had recently moved to Munich, I went alone. (I had introduced the prince to the Jensens. He had fallen in love with the fifteen-year-old Käthe, and three years later they became man and wife.)

Ich kam gerade noch zurecht in den abfahrenden Zug. Damals trug ich einen sogenannten Goethezopf.

I got into the departing train just in time. In those days I wore what was called a Goethe plait.

In Tutzing wurden mir alle Schriftsteller vorgestellt, unter anderem auch der Romanschriftsteller Konrad Telmann. Der erzählte mir, daß er vor Jahren schon — von Jensens dazu angeregt — mich in Rom habe besuchen wollen, es dann aber doch aus Schüchternheit unterlassen habe. Er stellte mir auch seine Mutter vor, Frau Justizrätin Zitelmann. Eine sehr liebe gesprächige alte Dame. Andern Tages trafen wir uns dann wieder am Chiemsee. Oswald war diesmal auch mitgekommen, und beide Männer — der große, blonde Hüne mit den sprechenden Augen, dem roten Bart und der eingefallenen Brust, und Oswald, der kleine, zierliche Lebenskünstler mit dem kurzsichtigen Sammetblick, schienen sich bei dieser ersten Begegnung äußerst sympathisch zu sein.

At Tutzing all the writers were presented to me, among others the novelist Konrad Telmann. He told me that years before — prompted to it by the Jensens — he had wanted to visit me in Rome, but had refrained out of shyness after all. He also presented his mother to me, Frau Justizrätin Zitelmann. A very dear, talkative old lady. The next day we met again at the Chiemsee. Oswald had come along this time too, and the two men — the great blond giant with the speaking eyes, the red beard and the sunken chest, and Oswald, the small, dainty artist of living with the short-sighted velvet gaze, seemed extremely congenial to each other at this first meeting.

Am nächsten Tag besuchte uns Telmann mit seiner Mutter. Dann reisten sie wieder ab. — Ich hörte ein paar Wochen nichts von ihnen, hatte auch allerlei Aufregungen mit Leni, die sich als Diebin und Dirne unter Sittenkontrolle entpuppte, und die heimlich mit Quecksilber behandelt wurde. Es war eine furchtbare Entdeckung. Sie hatte durch Jahre Betten und Weißzeug mit Hilfe der Hausfrau nach dem Versatzamt gebracht und dieser dabei vorgeschwindelt, es geschähe für die arme gnädige Frau und in deren Namen. Allen grauste es vor der Tiefe der Verderbnis dieses so treuherzig ausschauenden oberbayrischen Dirndls. Natürlich jagten wir sie zum Teufel. Später wurde sie wieder geheilt und endete als Kindesmörderin im Gefängnis. Bei uns hatte sie allnächtlich den verschiedensten Männerbesuch, und keiner im Haus hatte es lange Zeit gemerkt.

The next day Telmann visited us with his mother. Then they travelled on. — I heard nothing from them for a few weeks, and had all kinds of upsets with Leni, who turned out to be a thief and a prostitute under police supervision, and was being secretly treated with mercury. It was a dreadful discovery. For years she had been taking bedding and linen to the pawn office with the help of the landlady, humbugging her that it was being done for the poor mistress and in her name. Everyone shuddered at the depth of corruption in this so open-hearted-looking Upper Bavarian girl. Naturally we sent her packing. Later she was cured again, and ended as a child-murderer in prison. In our house she had had the most various male visitors every night, and for a long time nobody in the building had noticed.

»Dieser Person kannst du wohl die Großzügigkeit nicht absprechen«, meinte ich zu Oswald.

“You can hardly deny this person breadth of vision,” I remarked to Oswald.

Ich hatte vor kurzem in einem Berliner Verlag meine ersten Gedichte »Regina Vitae« herausgegeben. Theodor Storm, wie ich schon schrieb, sprach von ihrem starken und großen Talent; aber Paul Heyse war darüber entsetzt. »Das sind gestammelte Tagebuchblätter — viel zu intim für die Öffentlichkeit.« — Es war auch ein Gedicht an Oswald darin:

I had recently brought out my first poems, “Regina Vitae,” with a Berlin publisher. Theodor Storm, as I have already written, spoke of their strong and great talent; but Paul Heyse was appalled at them. “These are stammered pages of a diary — far too intimate for the public.” — There was a poem to Oswald in it, too:

»Du bist gekommen — ein Engel des Lichts, Doch Licht ist dem Feuer verwandt — Und du wirst gehen — ein Dämon des Nichts, Der mein Leben zu Asche gebrannt.«

“You have come — an angel of light, yet light is akin to fire — and you will go — a demon of nothing, who has burnt my life to ashes.”

Ich ging nach dem Schreck mit Leni mit einem neuen Mädchen und den Kindern für ein paar Wochen in die »Ellerburg«, so ähnlich hieß das Gasthaus bei Kufstein. Oswald fuhr nach Colberg.

After the shock with Leni I went for a few weeks with a new maid and the children to the “Ellerburg,” the inn near Kufstein was called something like that. Oswald went to Colberg.

In Kufstein malte ich ein paar Blumenstücke und machte große Spaziergänge ins Kaisergebirge. Die Kinder blieben mit dem Mädchen in nächster Nähe des Hauses. Vor einiger Zeit hatte ich meine Gedichte »Regina vitae« an Telmann geschickt und um sein Urteil gebeten. Einmal war ich länger ausgeblieben, kam von einem Riesengang zurück. Auf dem Heimweg war mir mein Gedicht »Einsamkeit« eingefallen (von dem viele behaupteten, daß es mein bestes sei):

At Kufstein I painted a few flower pieces and took long walks into the Kaisergebirge. The children stayed with the maid close by the house. Some time before, I had sent my poems “Regina vitae” to Telmann and asked for his judgement. Once I had stayed out longer, and was coming back from an enormous walk. On the way home my poem “Solitude” had come into my mind (which many maintained was my best):

»Mein Herzblut gäb ich — könnt es mich erlösen Von dir, du Einsamkeit! —«

“My heart's blood I would give — could it redeem me from you, O solitude! —”

Die Kinder schliefen schon mit dem Mädchen im Nebenzimmer. Ich greife im Dunkel auf den Tisch nach den Streichhölzern und erfasse ein Päckchen, offenbar ein Buch.

The children were already asleep with the maid in the next room. In the dark I reach onto the table for the matches and get hold of a small parcel, evidently a book.

Ich mache Licht und finde Buch und Brief von Konrad Telmann. Er sagt darin: »Wie kann man an ein geniales Menschenkind den Allerweltsmaßstab anlegen — es steckt auch immer so ein bißchen Zigeunerblut darin.« — Ich mußte lachen, wenn ich an Oswalds jahrelange Bemühungen dachte, eine korrekte Allerweltsdame aus mir zu machen.

I make a light and find a book and a letter from Konrad Telmann. In it he says: “How can one apply the everyday yardstick to a creature of genius — there is always a little gypsy blood in it as well.” — I could not help laughing when I thought of Oswald's years of effort to make a correct everyday lady out of me.

Über »Regina vitae« schrieb er: »Es kann vielleicht mancher manches daran aussetzen, das aber zeigen diese Gedichte: daß Sie eine wirkliche, echte Dichterin von Gottes Gnaden sind.«

About “Regina vitae” he wrote: “Perhaps this and that in it may be found fault with by some; but this these poems do show: that you are a real, genuine poet by the grace of God.”

Der Brief war vom 22. September. Am 5. Oktober kam der zweite. Und im Mai dann der letzte Brief vor dem ersten folgenschweren Wiedersehen — vor der Entscheidung von drei Menschenschicksalen!

The letter was of 22 September. On 5 October the second came. And then in May the last letter before the first momentous meeting again — before the decision of three human destinies!