The Novel of My Life ›The Miracle
Chapter 11 · side by sideThe MiracleDAS WUNDER
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Ja, dieser Herbst und Winter wurden die tiefst aufwühlenden meines ganzen Lebens.
Yes, that autumn and winter became the most deeply stirring of my whole life.
Anfangs war dieser Briefwechsel so herzlich harmlos, echt freundschaftlich. Die Grüße an Oswald waren echt. Der hatte darüber sein altes Achselzucken. Als die Briefe häufiger kamen, bat ich ihn, sie doch auch zu lesen, damit er sähe, wie hoch mich dieser hervorragende Mensch einschätze. Er lächelte: »Romanphrasen, die ein Schriftsteller dir um den Mund schmiert, interessieren mich nicht.«
At first this correspondence was so cordially harmless, so genuinely friendly. The greetings to Oswald were genuine. For them he had his old shrug of the shoulders. When the letters began to come more often, I asked him to read them too, so that he might see how highly this outstanding man thought of me. He smiled: “Novelist's phrases that a writer smears round your mouth do not interest me.”
So las ich denn künftig meine Briefe allein, bestellte auch keine Grüße mehr, sie erregten nur ein Lächeln. Als dann auch Anemonen kamen, liebe, schöne Rivierablumen in Watte verpackt, da kannte Oswalds Hohn keine Grenzen. »Der Kerl wird dir noch ganz den Kopf verdrehen, du bist ohnedies schon eingebildet genug.«
So from then on I read my letters alone, and passed on no more greetings either; they only raised a smile. And when anemones came as well, dear, beautiful Riviera flowers packed in cotton wool, Oswald's scorn knew no bounds. “The fellow will turn your head completely yet; you are conceited enough as it is.”
Aber die Briefe und die Blumen wurden mir immer mehr zu einer tiefen Freude, zu einer heimlichen Kraftquelle in meinem trüben Alltag. Lange Zeit sprachen wir darin nur von Allgemeinem, ich berührte meine Ehe gar nicht. Dann schrieb ich eines Tages: »Unsere Ehe ist, was man im allgemeinen eine glückliche nennt, aber ich glaube, daß es ein wirkliches, glückliches eheliches Zusammensein überhaupt gar nicht gibt; ein Verständnis, daß eines mit dem andern alles trägt und duldet.« —
But the letters and the flowers became more and more a deep joy to me, a secret source of strength in my dreary everyday life. For a long time we spoke in them only of general things; I did not touch on my marriage at all. Then one day I wrote: “Our marriage is what people generally call a happy one, but I believe there is no such thing at all as a really happy life together in marriage; only an understanding in which the one bears and endures everything with the other.” —
Und dann kam alles, wie es von Anfang an kommen mußte, wenn sich die Kreise zweier im Innersten seelenverwandter Naturen irgendwie berühren. Solche Naturen werden magnetisch zueinander gezogen, ob sie wollen oder nicht. Ich schrieb damals:
And then everything came as it had to come from the very beginning, when the circles of two natures inwardly akin in soul touch each other at any point. Such natures are drawn magnetically to one another, whether they will or no. I wrote at the time:
Lenzphantasie
Spring Fantasy
Schau ich hinaus und seh’ die grünen Knospen, Die tausendfach sich an den Sträuchern regen, Erfüllt es mich mit nie gekanntem Sehnen: — Bald überschauert sie des Frühlings Segen! Blick’ ich hinein in meines Lebens Werkstatt — Ob Tag, ob Nacht, ich fühl’ es allerwegen: Mit jedem Pulsschlag wächst dies tolle Sehnen! Weh mir, mein Herz! Nur deinem schlägt’s entgegen!
When I look out and see the green buds that stir in their thousands on the bushes, it fills me with a longing I have never known: — soon the blessing of spring will shower over them! When I look in, into the workshop of my life — by day, by night, I feel it everywhere: with every pulse-beat this mad longing grows! Woe is me, my heart! It beats towards yours alone!
Mein Eheleben gestaltete sich indessen immer trauriger. Oswald und ich gingen an einem Winterabend, durch den Schnee, nach Hause. Über irgendeine gleichgültige Sache kam es zu Streitigkeiten. Mein Mann gab mir einen Stoß. Ich fiel zu Boden.
My married life meanwhile grew ever sadder. Oswald and I were walking home one winter evening, through the snow. Over some matter of no importance it came to a quarrel. My husband gave me a shove. I fell to the ground.
Am anderen Tage sagte er, ich möge nun nicht die Beleidigte spielen, es geschähe doch alles zu meinem eigenen Besten, diese »wohlverdiente Züchtigung«.
The next day he said I was not to play the injured party now; it was all for my own good, this “well-deserved chastisement.”
Bald schilderte mir Telmann sein ganzes Leben und Lieben, von frühester Jugend an. Und seine schwere und fast hoffnungslose Erkrankung. »Niemals wird ein liebendes Weib an meiner Seite ruhen, niemals werden Kinderärmchen mich umfangen.« Da fing ich an zu erwägen: Dort war einer, dem ich Glück und Seligkeit geben konnte, hier aber war ein anderer in tiefster Seele unzufrieden mit mir. Was war ich ihm? Was nähme ich ihm, wenn ich von ihm ginge? Eigentlich wäre das schon längst meine Pflicht gewesen, denn ich liebte ihn nicht mehr. Hatte ich das überhaupt jemals getan? Ich hatte wohl nur die Liebe geliebt. Aber ich war ja viel zu feige, ein Leben, ohne alle Gemeinsamkeit, so ganz allein, ferner zu ertragen! Und da waren die Kinder, denen ich den Vater erhalten mußte!
Soon Telmann was describing to me his whole life and loving, from earliest youth onward. And his grave and almost hopeless illness. “Never will a loving woman rest at my side, never will a child's little arms go round me.” Then I began to weigh things up: there was a man to whom I could give happiness and bliss, and here was another dissatisfied with me in the depths of his soul. What was I to him? What should I be taking from him if I went away from him? Really that would have been my duty long ago, for I no longer loved him. Had I ever loved him at all? I had probably only loved love. But I was far too cowardly to go on bearing a life without any companionship whatever, so entirely alone! And there were the children, for whom I had to preserve their father!
Aber nun, je mehr ich in Telmanns Seele schaute, je tiefer ich mich in das Wunder ihrer Schönheit versenkte, desto klarer wurde es mir, wie ich hungerte und darbte an meines Gatten Seite, der mich und mein Wesen verneinte. Und immer mehr erkannte ich, wie unsittlich im letzten Grunde unsere Ehe war.
But now, the more I looked into Telmann's soul, the deeper I sank myself in the miracle of its beauty, the clearer it became to me how I hungered and starved at my husband's side, who denied me and my whole nature. And more and more I recognised how immoral, at bottom, our marriage was.
Und dann — ich weiß nicht mehr, wie es kam — gestand mir Konrad Telmann seine Liebe. Und ich sandte ihm eine jauchzende Antwort. Da aber wurde er durchschüttert von einer so brausenden Seligkeit: — »Manchmal möcht’ ich es hinausschreien in die Wellen, die heute so blau und herrlich an den Strand heranrollen, es an die Decke des Himmels hinaufjauchzen — und dann wieder sorglich schirmen und zudecken und verhüllen, weil es viel zu köstlich und wunderherrlich ist für die Welt und mir die eigene Brust zersprengen will. Daß es so etwas gibt auf der Welt! Es ist eben ein Schicksal! Ich habe wie der Knabe in den Goethe-Eckermannschen Gesprächen am Wegrand gesessen und auf mein Schicksal gewartet, lange, lange. Und nun ist das Schicksal gekommen, und ich kann sterben gehen. Es gibt für mich nichts Höheres mehr auf Erden!«
And then — I no longer know how it came about — Konrad Telmann confessed his love to me. And I sent him a jubilant answer. But at that he was shaken through and through by such a roaring bliss: — “Sometimes I should like to shout it out into the waves that roll in against the shore today so blue and glorious, to send it up in a shout of joy to the roof of heaven — and then again to shield it carefully and cover it over and veil it, because it is far too precious and wonderful for the world and wants to burst my own breast apart. That there should be such a thing in the world! It is simply a destiny! Like the boy in the Goethe-Eckermann conversations I have sat at the wayside and waited for my destiny, long, long. And now destiny has come, and I can go and die. There is nothing higher for me on earth any more!”
Ich hatte Telmann gebeten, seine Briefe von nun ab postlagernd zu senden — ich hätte Oswalds Kritik darüber nicht mehr ertragen. Was geschehen sollte, wußte ich noch nicht. Nur eines war mir klar — nach diesem konnte es mit Oswald keine eheliche Gemeinschaft mehr geben, sie wäre mir als eine ungeheure Unsittlichkeit erschienen. — Aber der Geliebte war todkrank und mußte vor jeder Aufregung behütet werden. Überdies war er im tiefsten Grunde davon überzeugt, daß für mich ein Leben an seiner Seite, in einem »öden Rivieraort«, ohne geistige und künstlerische Anregung, eine Unmöglichkeit wäre und daß er auch sonst einer geliebten Frau nichts bieten könne, nicht einmal einen gesunden Körper und eine sorgenlose Lage.
I had asked Telmann to send his letters poste restante from now on — I could no longer have borne Oswald's criticism of them. What was to happen I did not yet know. Only one thing was clear to me — after this there could be no marital communion with Oswald any more; it would have seemed to me an enormous immorality. — But the beloved was mortally ill and had to be guarded from every agitation. Besides, he was convinced in the depths of his being that for me a life at his side, in a “dreary Riviera spot,” without intellectual and artistic stimulus, would be an impossibility, and that in other respects too he could offer a beloved woman nothing, not even a healthy body and a life free of care.
Dennoch — ich wußte es — dort brachte ich Glück und Seligkeit, dort erfüllte ich mein innerstes Leben, das an Oswalds Seite langsam, nutzlos verkümmerte. — Die Kinder? Ich liebte sie — ich dachte: vielleicht können wir sie teilen.
And yet — I knew it — there I brought happiness and bliss, there I fulfilled my innermost life, which at Oswald's side was slowly, uselessly withering away. — The children? I loved them — I thought: perhaps we can share them.
Eine schwere Aufgabe war es für mich, Konrad Telmann zu überzeugen, daß mein einziges Glück an seiner Seite sei. Er konnte es nicht begreifen, daß ich dem »Todkranken das ungeheure Opfer« bringen wollte, mit meinem ganzen früheren Leben zu brechen und sein Weib zu werden.
It was a hard task for me to convince Konrad Telmann that my one happiness lay at his side. He could not grasp that I was willing to bring “the mortally ill man the enormous sacrifice” of breaking with my whole earlier life and becoming his wife.
Endlich, nachdem ich mir fast die Finger wund geschrieben hatte, fing er an zu begreifen, daß für mich wirklich Glück und sein Besitz das gleiche wären. Eine niegekannte Tatkraft schwellte sein Herz. Sein Künstlerschaffen wuchs an Kraft und Tiefe. Damals begann er den Roman »Unter den Dolomiten«.
At last, after I had written my fingers almost raw, he began to grasp that for me happiness and the possession of him really were one and the same. An energy he had never known swelled his heart. His work as an artist grew in force and depth. It was then that he began the novel “Unter den Dolomiten.”
Auch ich war ein neuer Mensch geworden. Unweigerlicher Entschluß erfüllte meine Seele. Alle Weichheit, alles Zaudern waren von mir abgefallen. Das Wunder war über mich gekommen, meine Seele war erstarkt im Glück. Jene Verse von mir sprechen lebendig die Stimmung jener Tage:
I too had become a new person. An irrevocable resolve filled my soul. All softness, all hesitation had fallen away from me. The miracle had come over me, my soul had grown strong in happiness. Those verses of mine speak the mood of those days to the life:
Ständchen
Serenade
Wenn das Silberlicht des frühen Morgens Mir die Augen küßt, daß ich erwache — Traumbefangen dann und ganz verwundert, Ohn’ Erinnern noch den Tag beschaue: Dringt ans Ohr mir leises Vogelzwitschern Süß herüber wie aus weiter Ferne. Lächelnd schließ’ ich dann die Augen wieder, Träume dann von dir, schon halb im Wachen, Daß du mir die Frühlingsvögel schicktest, Alle Lieder meinem Tag zu bringen.
When the silver light of early morning kisses my eyes so that I wake — caught in dream then, and quite bewildered, looking at the day with no memory yet: there comes to my ear a soft twittering of birds sweetly across, as out of a great distance. Smiling, I close my eyes again then, dream of you, already half awake, that it was you who sent me the birds of spring to bring all their songs to my day.
Und
And
April
April
Geh ich abends durch die stillen Gassen, Wo vor jedem Haus ein Gärtchen grünt, An den Büschen winzig kleine Knospen, Deren jede einen Lenz verbirgt — Wo die Rosenbüsche, strohbefreit, Wieder aufrecht in den Beeten stehn, Und der Amsel- und der Drosselsang Jubelnd, klagend, mit dem Veilchenduft Leis veratmend in die Lenzluft strömt — Immer dann und immer muß ich’s denken: Wenn der süße Veilchenduft verweht, Allgemach der Vögel Sang verstummte, Wenn die Rosen voll in Blüte stehn, Lieg ich glückverstummt an deinem Herzen!
When I go of an evening through the quiet lanes, where a little garden greens before every house, and on the bushes the tiniest of buds, each one of them hiding a spring inside it — where the rose-bushes, freed of their straw, stand upright in the beds again, and the song of blackbird and of thrush, jubilant, lamenting, with the scent of violets, softly breathing itself out into the spring air — then always, always I must think it: when the sweet scent of violets has drifted away, when little by little the birds' song has fallen silent, when the roses stand in full bloom, I shall lie, struck dumb with happiness, at your heart!
So sagte ich eines Morgens Oswald die volle Wahrheit, wie sich alles zugetragen und seelisch entwickelt hatte, und daß ich von ihm gehen müsse, weil ich ihn nicht mehr liebe, ihm niemals etwas sein könne; weil mir alles, was ich bei ihm entbehrt, durch Konrads Liebe und Verständnis erst vollkommen klar geworden sei.
So one morning I told Oswald the full truth, how it had all come about and developed in the soul, and that I must go away from him, because I no longer loved him and could never be anything to him; because everything I had gone without at his side had only become perfectly clear to me through Konrad's love and understanding.
Er war wie vom Blitz gerührt. Er jammerte und weinte, fiel mir zu Füßen, drohte mir aufs neue mit der Kugel vor den Kopf. Wie damals, vor Jahren, bei der Werbung.
He was as though struck by lightning. He wailed and wept, fell at my feet, threatened me afresh with a bullet through his head. As he had done years before, at the courtship.
Doch er konnte mich nicht mehr rühren. Es erschien mir alles so hohl. — Oswald raffte sich zusammen. Aber von nun ab war er wie umgewandelt.
But he could not move me any more. It all seemed to me so hollow. — Oswald pulled himself together. But from then on he was as if transformed.
Am anderen Morgen forderte er mich zu einem Spaziergang auf. Er lenkte seine Schritte nach dem Friedhof, der Leichenhalle. Dort lag ein schwarzbärtiger Toter. »Der Mann ist liebelos gestorben,« sagte er, »wie einst ich sterben werde, wenn du von mir gehst — das ist mein Zukunftsbild.« Es konnte mich nicht erschüttern, ich war gefeit. — Ich hatte vor ein paar Wochen mir zur Beendigung meines Bildes der »Irene von Spilimberg« (das nach Jahren an die Gemäldegalerie in Metz verkauft wurde) ein größeres Atelier außerhalb genommen. Oswald fing nun an, mich jeden Morgen dorthin zu begleiten. Mit keinem Wort sprachen wir von meinem Entschluß — er warb wieder um mich, wie in der ersten Zeit. —
The next morning he asked me to come for a walk. He directed his steps towards the cemetery, to the mortuary. A black-bearded dead man was lying there. “That man died loveless,” he said, “as I too shall die one day, when you go away from me — that is my picture of the future.” It could not shake me, I was proof against it. — A few weeks earlier I had taken a larger studio outside the house in order to finish my picture of “Irene von Spilimberg” (which years later was sold to the picture gallery in Metz). Oswald now began to accompany me there every morning. Of my resolve we spoke not one word — he was courting me again, as in the first days. —
Ein heiteres Ereignis von damals ist mir aus aller Aufregung noch erinnerlich.
One cheerful event from that time has stayed with me out of all the agitation.
Einst hatte ich kaum in dem neuen Atelier Hut und Mantel abgelegt, als es schüchtern an der Tür pochte.
One day I had scarcely taken off hat and coat in the new studio when there came a shy knock at the door.
Man hatte mir schon gesagt, daß in diesem Haus die Modelle ganz besonders zudringlich seien. Ich brülle also ärgerlich hinaus: »Brauch’ kein Modell!«
I had already been told that in this house the models were particularly importunate. So I bellow out crossly: “Don't need a model!”
Nach einiger Zeit pochte es abermals, etwas stärker. Nochmals rufe ich, daß ich kein Modell benötige.
After a while there was another knock, somewhat louder. Again I call out that I do not need a model.
Darauf, nach einer kleinen Pause, ein bescheidenes: »Es ist kein Modell, ich bin’s.« — — »Wer ist der Ich?« ruf’ ich ärgerlich. »Der Prinzregent!« —
Whereupon, after a little pause, a modest: “It is not a model, it is I.” — — “Who is the I?” I call out crossly. “The Prince Regent!” —
Noch manchmal später, wenn er mir eine Münchner Ausstellung eröffnete, der gütige, hohe Herr, haben wir über das »Brauch’ kein Modell!« zusammen gelacht. —
Now and then in later years, when he opened a Munich exhibition of mine, the kindly, exalted gentleman, we laughed together over the “Don't need a model!” —
Nun ging auch er schlafen — wie alle meine Freunde nach und nach. Nur meine Feinde drohen mir in geschlossener Phalanx. —
Now he too has gone to sleep — like all my friends, one after another. Only my enemies threaten me in a closed phalanx. —
Es kamen wieder Rivierablumen von Konrad. Sie waren mein Trost. Aus ihrem Duft sog ich Mut und Stärke und süße, süße Zukunftsverheißung.
Riviera flowers came again from Konrad. They were my consolation. Out of their scent I drew courage and strength and sweet, sweet promise of the future.
In deinen Blumen
In Your Flowers
In deinen Blumen mein Haupt in Tränen; Aus ihrem Duft Zieht es empor wie zehrendes Sehnen Schwül in die Luft. Und stiehlt den Schlaf mir und stiehlt den Frieden, Umhaucht mich heiß — Wie es so öd’ ist, von dir geschieden, Ich weiß, ich weiß. Ringsum das Dunkel, ringsum die Stille, Nichts gibt mir Kraft, Was ist denn Pflicht noch, was ist denn Wille Der Leidenschaft? Verschleiert naht sie und still und freundlich In Lust und Scherz — Wer sie erkannt hat, dem stößt sie feindlich Den Stahl ins Herz. Sie legt sich nieder zu mir aufs Kissen Und raunt mir zu: Wär’s auch im Tode — vereint euch wissen, Nur das gibt Ruh’!
My head in your flowers, in tears; out of their scent something rises like a consuming longing, sultry, into the air. And steals my sleep and steals my peace, breathes hot about me — how desolate it is, parted from you, I know, I know. Darkness all round, silence all round, nothing gives me strength, what is duty now, what is the will of passion? Veiled she comes, and quiet and friendly, in pleasure and in jest — whoever has known her, into his heart she drives the steel like an enemy. She lies down beside me on the pillow and whispers to me: even if in death — to know yourselves united, that alone gives rest!
Als Oswald merkte, daß mein Entschluß unerschütterlich sei, schrieb er an Konrad, mein Geist müsse augenblicklich verblendet sein. Sie wollten zusammenkommen und über die nächste Zukunft beratschlagen.
When Oswald saw that my resolve was unshakeable, he wrote to Konrad that my mind must for the moment be under a delusion. They should meet and take counsel about the immediate future.
Konrad war herzkrank und mußte alle Aufregung vermeiden; er lehnte deshalb eine persönliche Zusammenkunft ab und meinte, daß alle Entschlüsse auch schriftlich gefaßt werden könnten. Er sei aber überzeugt, daß ich unglücklich an meines Gatten Seite gewesen, daß das keine sittliche Ehe sei — und daß er aus diesem Grunde niemals auf die Frau, die ihn liebe, verzichten werde.
Konrad's heart was diseased and he had to avoid all agitation; he therefore declined a meeting in person and said that all decisions could just as well be reached in writing. But he was convinced that I had been unhappy at my husband's side, that this was no moral marriage — and that for that reason he would never renounce the woman who loved him.
Oswald beharrte darauf, daß nur momentane Geistesverwirrung mich befallen hätte. Ich würde in der Einsamkeit schon wieder zu mir selber kommen. Er verlange eine dreimonatliche Einsamkeit für mich, ohne Briefe von beiden Seiten. Konrad ging auf diesen Vorschlag ein, unter der Bedingung einer vorherigen Aussprache von mir und ihm in Zürich. Die Gegenwart seiner Mutter bürge für alles. Nach längerem Zögern, als Oswald sah, daß Konrad auf diese Bedingung der vorherigen Aussprache unsererseits niemals verzichten würde, willigte er ein. Wenige Tage vor meiner Abreise — mich erbarmte seine Lage ohne meinen pekuniären Beistand — sagte ich ihm: »Auf der Vereinsbank liegen noch achthundert Mark. Hier ist ein Scheck, wenn du seiner bedarfst.«
Oswald insisted that nothing had come over me but a momentary derangement of the mind. In solitude I should soon come to myself again. He demanded three months of solitude for me, with no letters from either side. Konrad went along with this proposal, on condition that he and I should talk it through beforehand in Zürich. His mother's presence would be a guarantee of everything. After long hesitation, when Oswald saw that Konrad would never give up this condition of a talk between the two of us first, he consented. A few days before my departure — I pitied his position without my pecuniary support — I said to him: “There are still eight hundred marks lying in the Vereinsbank. Here is a cheque, if you need it.”
Ich legte ihn auf den Tisch. Er brauste auf: Er wolle nichts davon. — — Nach ein paar Monaten wollte ich das von ihm zurückgewiesene Geld abheben — da erwies sich, daß er es, acht Tage nach meiner Abreise, einkassiert hatte.
I laid it on the table. He flared up: he wanted nothing of it. — — A couple of months later I went to draw out the money he had refused — and it turned out that he had cashed it eight days after I left.
Die Erbtante Ueberson tat ihm übrigens den Gefallen, bald nach meinem Fortgehen zu sterben, sie setzte ihm ein Legat von jährlich dreitausend Mark aus. Es war nicht viel, aber die Kinder brauchten doch nicht zu darben. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Freilich, wenn’s ein paar Jahre früher geschehen, wäre mir viel Leid erspart geblieben.
The inheritance-aunt Ueberson, by the way, did him the favour of dying soon after I went away; she settled a legacy on him of three thousand marks a year. It was not much, but at least the children did not have to go short. A stone fell from my heart. Though of course, if it had happened a couple of years earlier, much sorrow would have been spared me.
Und der Tag der Abreise kam. Abends neun Uhr fuhr mein Zug nach Lindau. Nur wenig Gepäck nahm ich mit. Zum letztenmal stand ich vor den Betten meiner Kinder. Sie schliefen schon. Mein Herz war wie ein Stein. Ach, es sollte später um diese Kinder in bittern Schmerzen nur zu sehr erwachen.
And the day of departure came. At nine in the evening my train left for Lindau. I took only a little luggage with me. For the last time I stood in front of my children's beds. They were already asleep. My heart was like a stone. Ah, later it was to wake over these children only too thoroughly, in bitter pain.
Dann brachte mich Oswald noch an die Bahn. Er trug sogar mein Handgepäck, ließ es sich nicht nehmen — was er sonst niemals getan.
Then Oswald took me to the station after all. He even carried my hand luggage, would not be dissuaded from it — which he had never once done before.
Ich saß im Wagen. Er drückte meine Hand und sagte mit Nachdruck: »Der Herr erleuchte dich!« Meine Hand lag kalt wie Marmor in der seinen.
I sat in the carriage. He pressed my hand and said with emphasis: “The Lord enlighten thee!” My hand lay cold as marble in his.
Am Morgen fuhr ich bei Sonnenaufgang über den Bodensee. Da war mir plötzlich, als läse ich das alles in einem Roman. —
In the morning I crossed Lake Constance at sunrise. And suddenly it was as though I were reading all this in a novel. —
Am Nachmittag, in Zürich, lag ich in Konrads Armen. Seine Mutter schien gütig, doch verängstigt. In unserer beider Seelen aber war eine Klarheit, die von nichts bedrückt werden konnte.
In the afternoon, in Zürich, I lay in Konrad's arms. His mother seemed kind, but frightened. In the souls of the two of us, though, there was a clarity that nothing could weigh down.
Nimmer zu fassen
Never to Be Grasped
Nimmer zu fassen, Daß du mich liebst, Daß du mir Liebe Um Leiden gibst. Nimmer zu sagen Die ganze Lust, Nimmer zu tragen Von Menschenbrust. Nimmer zu meiden In Schuld und Schmerz. Nimmer zu scheiden Herz nun von Herz.
Never to be grasped, that you love me, that you give me love in exchange for suffering. Never to be spoken, the whole of the delight, never to be borne by a human breast. Never to be shunned, in guilt and pain. Never to be parted, heart now from heart.
Nach drei Tagen, in denen wir seligen Herzensfrieden genossen — er las mir herrliche, neuerschienene Gedichte vor — ich sonnte mich in seiner Schaffensfülle doppelt, nach Oswalds künstlerischer Schaffensimpotenz — fuhr ich nach Paris.
After three days in which we enjoyed a blessed peace of heart — he read me glorious poems just out — I basked doubly in his fullness of creation, after Oswald's artistic impotence of creation — I travelled on to Paris.
Dort war gerade Weltausstellung. Ich hatte mich niemals vorher so »aus dem Nest gefallen« gefühlt wie in diesem Massengewoge. Dann fuhr ich nach Yport bei Fecamp in der Normandie.
The World's Fair was on there just then. I had never before felt so “fallen out of the nest” as in that surging of masses. Then I went on to Yport near Fécamp in Normandy.
Im letzten Fischerhäuschen mietete ich mich ein. Ich sah niemand, ich sprach mit niemand als mit der Kellnerin im kleinen Bauerngasthaus, ich sollte ja wieder zu mir selber kommen.
I took lodgings in the last fisherman's cottage. I saw nobody, I spoke with nobody but the waitress in the little country inn; I was to come to myself again, after all.
Oswald war inzwischen nach Darmstadt zu meinen Eltern gereist, ihnen zu sagen, daß ich in einem Wahnsinnsanfall mich von ihm trennen wolle. Sie sollten mir wieder Vernunft beibringen.
Oswald had meanwhile travelled to Darmstadt to my parents, to tell them that I wanted to leave him in a fit of insanity. They were to teach me reason again.
Die empörten Briefe blieben nicht aus, auch von Freund Ernst von M., der mir in aller Ferne, um meines Wahnsinns willen, die Freundschaft kündigte.
The indignant letters were not slow in coming, one of them from my friend Ernst von M., who from a safe distance gave notice of the end of our friendship on the grounds of my insanity.
Die wildesten Gerüchte über meine jähe Abreise durchschwirrten mittlerweile München, unter anderen, daß ich mit dem Prinzen von M. durchgebrannt sei. Was meinem Gatten die Gelegenheit gab, sich mit diesem, Arm in Arm, auf der Maximilianstraße zu zeigen. — Inzwischen dehnten sich mir die Tage und Nächte in Yport — ohne alle Kunde von der alten und neuen Heimat — zu Ewigkeiten. Wie viele Gedichte aus meiner »Via passionis« wurden dort meiner tiefsten Seelennot erpreßt, u. a.:
Meanwhile the wildest rumours about my sudden departure were whirring about Munich, among them that I had run off with the Prince of M. Which gave my husband the opportunity of showing himself with the said prince, arm in arm, in the Maximilianstraße. — Meanwhile the days and nights in Yport — without any news at all from the old home or the new — stretched out for me into eternities. How many poems of my “Via passionis” were wrung out of my deepest distress of soul there, among them:
Levkojen
Stocks
Du weißt es ja: mit jedem Hauch im Wachen Denk ich an dich. Wie kommt es dann, daß stets vor meinen Träumen Dein Bild entwich? Schwer liegt mein Haupt auf den zerwühlten Kissen, In Sehnsucht wach, Warum nur, schattet nicht des Traumgotts Flügel, Folgst du nicht nach? Am Bett Levkojen, die du sandtest, duften So süß wie nie, Warum nur, streut der Mohn mir Schlummerkörner, Verlier’ ich sie? — All unser tötlich Glück, mir ahnt, es rastet Nur kurze Zeit; Mißgünst’ger Schlaf, was neidest du dem Träumer die Seligkeit?
You know it: with every breath, awake, I think of you. How does it come about, then, that your image always fled before my dreams? My head lies heavy on the tumbled pillows, awake with longing, why is it that the dream-god's wing throws no shadow, that you do not follow after? By the bed the stocks you sent are breathing a sweetness like no other, why is it that when the poppy scatters its grains of slumber I lose them? — All our deadly happiness, I feel it, rests only a little while; grudging Sleep, why do you begrudge the dreamer his bliss?
Meine Starrheit war wieder von mir abgefallen. Ich begann sogar zu leiden um das, was ich Oswald getan hatte. Das war nicht gut. Ich schrieb ihm einen menschlich versöhnenden Brief, den er bei Konrad und meinen Eltern ausspielte. Hieran sähe man es ja, es sei nur eine momentane Geistesverwirrung gewesen, und ich käme schon wieder zur Vernunft. In Wahrheit war ich so klar und entschlossen wie nur je, nur mein armer Geliebter hat, ganz unnötig, namenlos durch diese meine weichherzige Regung gelitten. Doch das erfuhr ich ja alles erst später.
My rigidity had fallen away from me again. I even began to suffer over what I had done to Oswald. That was not good. I wrote him a humanly conciliatory letter, which he played off against Konrad and my parents. Here, you could see it: it had only been a momentary derangement, and I was coming to my senses again. In truth I was as clear and as resolved as I had ever been; only my poor beloved suffered unspeakably, and quite needlessly, from this soft-hearted impulse of mine. But all that I learned only later.
Vorläufig versehnte ich Tag und Nacht — malend, dichtend, weinend. Ich lief auch oft an die schwarzen Klippen, nicht weit von meiner Hütte.
For the time being I longed my days and nights away — painting, writing verse, weeping. I often went out to the black cliffs, not far from my hut.
»Jeden Sommerabend lieg ich hier, Seh den Sonnenball im Meer versinken — In den schwarzen, gottverlassenen Klippen Sucht sich Trost dies gottverlassene Herz.« —
“Every summer evening I lie here, watch the ball of the sun go down in the sea — among the black, god-forsaken cliffs this god-forsaken heart seeks its comfort.” —
Es war aber nur Sehnsucht nach dem Geliebten — keine Zweifelqual um das, was ich tun müsse — die mich so ratlos und unglücklich machte.
But it was only longing for the beloved — no torment of doubt about what I had to do — that made me so helpless and unhappy.
Endlich — die Wartezeit war in wenig Tagen abgelaufen — schrieb ich an Konrad, wenn er nicht umgehend schriebe, müßt’ ich sterben. Und an Oswald: »Ich bin heute so klar wie am ersten Tag über das, was ich tun muß.«
At last — the waiting time had only a few days left to run — I wrote to Konrad that if he did not write by return I should have to die. And to Oswald: “Today I am as clear as I was on the first day about what I must do.”
Von Konrad kam plötzlich ein Brief — auch ihm ging es wie mir — er übersprang die Schranken der letzten Tage. Da hielt ich mich nicht länger, ich telegraphierte ihm: »Ich reise zu Dir.« Er war in Grindelwald mit seiner Mutter. Im Begriff abzureisen aber erhalte ich einen verzweifelten Zettel von ihm: »Nun ist alles aus, Du liebst Deinen Mann noch, lebewohl.«
Suddenly a letter came from Konrad — it was with him as it was with me — he leapt over the barrier of the last few days. Then I held out no longer; I telegraphed him: “I am coming to you.” He was in Grindelwald with his mother. But just as I am about to leave I receive a desperate note from him: “Now it is all over, you still love your husband, farewell.”
Ich schrieb an ihn, die ganze Nacht, ihm psychologisch alles klarzulegen, auch meinen Mitleidsfunken mit dem, der heute noch mein Gatte hieß, bestellte den Brief per Eilpost und reiste ab.
I wrote to him the whole night through, to make everything psychologically clear to him, including my spark of pity for the man who was still called my husband today, sent the letter by express post and departed.
In Interlaken schloß mich der Liebste stumm in die Arme. Dann fuhren wir zu seiner Mutter. Liebevoll hatte sie mir in der Pension Schönegk ein Stübchen bereitet, Konrad hatte es mit Blumen geschmückt. Am Bett lag ein Gedicht von seiner Hand: »Der Wehschrei meiner Seele ist verhallt — willkommen!«
At Interlaken the dearest one took me silently into his arms. Then we drove on to his mother. She had lovingly prepared a little room for me at the Pension Schönegk; Konrad had decorated it with flowers. On the bed lay a poem in his own hand: “The cry of pain of my soul has died away — welcome!”
Nun hatte ich also heimgefunden, in meine wahre Seelenheimat, aber wieviel war noch zu tun, ehe wir uns vor aller Welt gehören konnten. —
So now I had found my way home, into my true homeland of the soul; but how much there was still to do before we could belong to each other in the sight of all the world. —
Nach dem Abendbrot gingen wir beide hinaus auf die dämmernden Wiesen, gletscherumkränzt. Der Sternglanz flimmerte auf dem ewigen Eis. Es war eine Nacht, göttlich hehr. Wir sagten kein Wort, wir hielten uns nur stumm bei der Hand — heimgefunden! —
After supper the two of us went out onto the darkening meadows, wreathed round with glaciers. The glitter of the stars shimmered on the eternal ice. It was a night divinely sublime. We said not a word, we only held each other silently by the hand — come home! —
Abendwind in dunkler Rosen Blätter Haucht und weht und düftewogen wühlt — So deine Küsse! Stachelbiene, die in Haideblumen Sommerschwere, schwüle Süße saugt — So deine Küsse! Tiger, der in bange Menschenlippen Seine wilden Todesfänge bohrt — So deine Küsse!
Evening wind in the leaves of dark roses, breathing and blowing and churning the waves of scent — so are your kisses! The bristling bee that in the heather flowers sucks a summer-heavy, sultry sweetness — so are your kisses! The tiger that into frightened human lips drives his wild fangs of death — so are your kisses!
Herrliche Wochen verlebten wir in Grindelwald. Konrad bat mich stets, auf die Berge zu steigen; aber er mußte drunten bleiben mit seiner kranken Lunge. Das machte uns beide traurig. Die Gletscherwelt war gigantisch. Konrad schrieb an dem Roman »Zwischen den Gletschern«, und ich malte Alpenblumen.
We spent glorious weeks at Grindelwald. Konrad always urged me to climb the mountains; but he had to stay down below with his diseased lung. That made us both sad. The world of the glaciers was gigantic. Konrad was writing at the novel “Zwischen den Gletschern,” and I painted alpine flowers.
Seine Schwester und deren Gatte, der nachmalige Admiral von H., damals Korvettenkapitän, kamen zu Besuch. — Beide H’s. sollten später meine Feinde werden.
His sister and her husband, the later Admiral von H., at that time a corvette captain, came to visit. — Both the H.s were to become my enemies later on.
Da kein äußerer Ehescheidungsgrund vorlag, mußte eine böswillige Verlassung geschaffen werden; die Angelegenheit würde lange währen, aber mit Konrads Mutter als Gardedame durfte ja die Welt an unserer äußerlich höchst formellen Freundschaft keinen Anstoß nehmen.
Since no external ground for divorce existed, a malicious desertion had to be manufactured; the business would take a long time, but with Konrad's mother as chaperone the world could hardly take offence at a friendship so extremely formal on the outside.
Wir gingen zusammen an den Luganer See, in die Villa Castagnola. Danach an den Lago Maggiore. Wie ich die Weltenschöne genoß an des Geliebten Seite! Dann fuhren wir über Mailand nach Nizza. Die Frau Justizrat mietete die Villa Primatice, von Maissonnier seinerzeit erbaut, und ich mietete von ihr ein Schlafzimmer und das Riesenatelier. Es war alles aufs künstlerischste eingerichtet, nur mit Antiquitäten, von einer früheren Opernsängerin, Madame Vivès, gesammelt. Am Atelier war ein großes Treibhaus, in dessen Mitte stand eine Marmorvenus nach Canova. Ich kaufte Palmen, pflanzte ein paar hundert Hyazinthenzwiebeln in Töpfe. Es war wie ein Märchen. Wir stürzten uns beide in die Arbeit, Konrad und ich. Seine Mutter ließ ihre deutsche Jungfer nachkommen und führte selber Haus! Wie ein unwahrscheinlicher Traum erscheint mir jetzt jene Zeit. Wir hatten auch einen großen Garten mit Orangen- und Zitronenbäumen, vielen blühenden Kamelien und mannshohen Heliotrop. In die herrliche Umgegend machten wir häufige Ausfahrten. Nach dem verlassenen Mittelalterstädtchen Château neuf, von dessen Höhe wir zweiundzwanzig Schneeberge zählten.
We went together to Lake Lugano, to the Villa Castagnola. After that to Lago Maggiore. How I enjoyed the beauty of the world at the beloved's side! Then we travelled by way of Milan to Nice. Frau Justizrat rented the Villa Primatice, built in its day by Meissonier, and from her I rented a bedroom and the enormous studio. It was all furnished in the most artistic way, with nothing but antiques, collected by a former opera singer, Madame Vivès. Off the studio was a large hothouse, and in the middle of it stood a marble Venus after Canova. I bought palms, planted a few hundred hyacinth bulbs in pots. It was like a fairy tale. We both threw ourselves into work, Konrad and I. His mother had her German maid come out and kept house herself! That time seems to me now like an improbable dream. We also had a large garden with orange and lemon trees, many camellias in flower and heliotrope as tall as a man. We made frequent excursions into the glorious country round about. To the abandoned little medieval town of Châteauneuf, from whose height we counted twenty-two snow mountains.
Ja — die Welt war unsagbar schön. Trotzdem hatte ich auch Kummer. Ich sehnte mich nach den Kindern. Ich träumte die Nächte von ihnen.
Yes — the world was unspeakably beautiful. And yet I had my grief as well. I longed for the children. I dreamed of them at night.
Heut’ im Traum
Today in a Dream
Heut’ im Traum schritt ich die alten Wege Hin zu euch, in grauer Regennacht, Hin zu euch, ihr ewig mir Verlorenen, Die ich liebe. Gott, mein Zeuge, Hört’s, wie ich um euch gekämpft, gelitten, Wie ich fast zerbrach. — Nun losgelöst Unsre Schicksalsknäuel sich entrollen, Fern einander, ferne, weltenfern! Doch ich ging im Traum die alten Gassen. Dunkel war’s, der Regen rauschte nieder. Heimlich schloß ich auf des Hauses Pforte, Leis’ die Treppen schlich ich mich empor, Und ich stand und lauschte vor der Tür, Leis’ und heimlich, zitternd vor Entdeckung, Eure Mutter, zärtlich euch zu herzen. — Und ihr kamt! Mir in die Arme flogt ihr, Und ich hielt euch wortlos, schluchzend, bebend. — Wieder heimlich dann, wie ich gekommen, Schreit ich einsam in die Regennacht Fern und ferner. — Doch ich nehm’s zum Zeichen: Einst in Jahren, wenn ihr frei und groß, Selbst ermessen könnt, ob Schuld, ob Schicksal Euch von dannen trieb ins weite Leben, Wieder dann ich, Kinder, vor euch trete, Weit geöffnet, heiß in Muttersehnen Meine Arme — ach, ihr fliegt ans Herz mir. Wortlos, selig, halt’ ich dann für immer Meine Kinder, meine süßen Kinder! —
Today in a dream I walked the old ways to you, in a grey night of rain, to you, my everlastingly lost ones, whom I love. God, my witness, hears how I fought for you, how I suffered, how I almost broke. — Now, cut loose, the tangled skein of our destinies unwinds, far from each other, far, worlds apart! But in the dream I walked the old streets. It was dark, the rain came rushing down. Secretly I unlocked the door of the house, softly up the stairs I crept, and I stood and listened outside the door, softly and secretly, trembling to be found out, your mother, come to hold you tenderly. — And you came! You flew into my arms, and I held you, wordless, sobbing, shaking. — Then secretly again, as I had come, I stride alone into the night of rain, far and further off. — But I take it for a sign: one day, in years to come, when you are free and grown and can judge for yourselves whether guilt or destiny drove you away into the wide world, then I shall stand before you once more, children, wide open, hot with a mother's longing, my arms — ah, you fly to my heart. Wordless, blessed, I shall hold for ever my children, my sweet children! —
Durch die »böswillige Verlassung« hatte ich mir, nichtsahnend, das Recht auf sie verscherzt. Und es dehnte sich die Scheidung ins Unabsehbare. — Im Sommer ging Konrad mit seiner Mutter auf den Plättig im Schwarzwald und dann auf ihre Besitzung Höckendorf. Dorthin hatte sie mich eingeladen nachzukommen.
Through the “malicious desertion” I had, without suspecting it, forfeited my right to them. And the divorce stretched out beyond all foreseeing. — In the summer Konrad went with his mother to the Plättig in the Black Forest and then on to her property at Höckendorf. She had invited me to follow them there.
Ich war vorher bei meinen Eltern, die mir meine Lage nichts weniger als erleichterten.
Before that I was with my parents, who made my situation anything but easier.
Höckendorf entzückte mich. Ein Biedermeierlandhaus mit echten Biedermeierstuben, grünmosigem Strohdach unter tausendjährigen Linden, deren Zweige, über dem Dach liegend, am Boden schleppten. Im ganzen Haus herrschte eine goldgrüne Dämmerung. Ich kam gerade zur Zeit der Lindenblüte. Konrad meinte, daß ihn Höckendorf und seine Linden zum Dichter gemacht hätten. Es lag bei Stettin, und der Park ging in die »Buchhaide« über. Ein echter Dichtersitz. Seit Generationen wurde stets der älteste Sohn »Justizrat« und besaß Höckendorf. Konrad war der jüngste Sohn, völlig aus der Art geschlagen und haßte geradezu allen Patrizierhochmut. Über mich waren seine Verwandten empört! Eine geschiedene Frau, eine Künstlerin, sollte in ihre korrekte Familie eintreten! Nein, sie waren nicht liebenswürdig, sie hassen mich noch jetzt — jeder von ihnen, der noch am Leben ist. Auch die Tatsache unserer späteren, so namenlos glücklichen Ehe, konnte diesen Haß nicht aus der Welt schaffen. Ich war froh, als ich wieder aus Höckendorf fort war. Wir wollten in diesem zweiten Herbst nach Nervi gehen. Frau Justizrat mietete eine Wohnung in der Villa Gropallo. Den Riesenpark hatten wir zur freien Verfügung. Ich nahm mir Zimmer und Atelier in einem italienischen Palazzo und kam zu den Meinen zu Tisch, danach gingen wir zusammen an den einzig schönen wilden Felsenstrand, aßen dann wieder gemeinsam Abendbrot, und um neun Uhr brachte mich »Auguste« den Meerpfad mit seiner wilden Brandung entlang wieder in mein Heim zurück. Es ging alles sehr geregelt, wir waren auch beide sehr fleißig, sehnten uns aber, aus tiefster Seele, nach endlicher, ehelicher Vereinigung. Hier ahnte niemand unsere Zusammengehörigkeit. Schon in Nizza hatte darum Konrads Jugendfreundin ihm ihre Liebe gestanden und ihre Hand angeboten und hätte sich fast das Leben genommen, da er sie zurückwies. Hier in Nervi wohnten zwei Damen. Sie hatten es auf meinen Geliebten abgesehen, stellten ihm systematisch nach. Einst besuchten sie mich mit ihm und seiner Mutter in meinem Atelier. Konrad war dann noch zurückgeblieben, mich heimlich, wenn auch noch so flüchtig, zu küssen. Das eine Fräulein hatte sich umgeschaut und das gesehen. In der Nacht wurde die Arme tobsüchtig und mußte mit Arzt und Wärterin fortgeschafft werden. — —
Höckendorf enchanted me. A Biedermeier country house with genuine Biedermeier rooms, a green-mossed thatched roof under thousand-year-old lime trees whose branches lay across the roof and trailed on the ground. Through the whole house there reigned a golden-green twilight. I arrived just at the time of the lime blossom. Konrad said that Höckendorf and its limes had made a poet of him. It lay near Stettin, and the park went over into the “Buchhaide.” A true poet's seat. For generations the eldest son had always become “Justizrat” and owned Höckendorf. Konrad was the youngest son, an utter departure from the type, and positively hated all patrician arrogance. His relations were outraged about me! A divorced woman, an artist, was to enter their correct family! No, they were not amiable; they hate me to this day — every one of them who is still alive. Not even the fact of our later, so unspeakably happy marriage could get that hatred out of the world. I was glad when I was away from Höckendorf again. That second autumn we meant to go to Nervi. Frau Justizrat rented an apartment in the Villa Gropallo. The huge park was at our free disposal. I took a room and a studio for myself in an Italian palazzo and came to my own people for dinner; afterwards we went together to the incomparably beautiful wild rocky shore, ate supper together again, and at nine o'clock “Auguste” took me back home along the sea path with its wild surf. Everything went very properly; we were both very industrious too, but we longed, from the depths of our souls, for a union in marriage at last. Here nobody suspected that we belonged to each other. That was why, already at Nice, a friend of Konrad's youth had confessed her love to him and offered him her hand, and had almost taken her own life when he refused her. Here in Nervi two ladies were staying. They had designs on my beloved and pursued him systematically. Once they came to visit me in my studio with him and his mother. Konrad had stayed behind afterwards to kiss me in secret, however fleetingly. The one young lady had looked round and seen it. In the night the poor creature became raving mad and had to be carried off with a doctor and a nurse. — —
Ich hatte sehr gute Motive in einem Orangengarten gefunden und malte zwei große Bilder. »Dattura am Brunnen« und »Orangenernte«. Ich habe sie später ganz gut verkauft. — —
I had found very good motifs in an orange garden and painted two large pictures. “Dattura am Brunnen” and “Orangenernte.” I sold them quite well later on. — —
Die Scheidung war endlich vollzogen, und im Sommer sollten wir in Konstanz standesamtlich getraut werden. Aber es dauerte eine Ewigkeit und machte unendliche Scherereien, bis wir die nötigen Papiere zusammen hatten.
The divorce was at last carried through, and in the summer we were to be married before the registrar in Constance. But it took an eternity, and caused endless trouble, before we had the necessary papers together.
Ich war im Frühling nochmals in München gewesen, um die Kinder wiederzusehen. Es war sehr aufregend. Alle alten Freunde waren meine Feinde geworden. Die geschiedene Frau hat immer unrecht. Am feindlichsten stellten sich Heyses und Amelie Godin. Die Welt ist ewig kurzsichtig. Auch alle Berliner Freunde waren mir schon abtrünnig geworden. Außer Spielhagens, die ja mit Konrad eng befreundet waren. Aber ich lernte wieder einen tiefen Blick in menschliche Seelen tun, die fast immer nach dem Schein und so sehr, sehr selten nach dem Sein urteilen. Eine Frau, die sich scheiden läßt, ist gerichtet.
In the spring I had been in Munich once more, to see the children again. It was very agitating. All the old friends had become my enemies. The divorced woman is always in the wrong. The most hostile of all were the Heyses and Amelie Godin. The world is eternally short-sighted. All my Berlin friends too had already fallen away from me. Except the Spielhagens, who were of course close friends of Konrad's. But once again I learned to look deep into human souls, which almost always judge by the seeming and so very, very seldom by the being. A woman who has herself divorced is condemned.
Ich lächelte darüber und dachte mir, daß ich an solchen Menschen nichts verloren. Aber das erste Wiedersehen mit meinen Kindern in München war sehr schmerzhaft. In Nervi hatt’ ich’s geschrieben:
I smiled at it and thought to myself that in such people I had lost nothing. But the first meeting again with my children in Munich was very painful. At Nervi I had written this:
»Im Traum der Nacht den weiten Weg Kommt ihr und tränkt mich mit Leide. Auf meiner Seele Wunde leg Ich eure Händchen beide. Wenn dann die Morgensonne säumt Die schneegekrönten Firne, Das Meer zu meinen Füßen schäumt, Neig’ weinend ich die Stirne. Nur eins im Herzen wühlt und schreit: Mit euren Kinderhänden Könnt ihr in Nacht und Dunkelheit Mein lichtes Schicksal wenden.« —
“In the dream of night, the long way, you come and give me sorrow to drink. On the wound of my soul I lay both your little hands. Then, when the morning sun hems the snow-crowned peaks, and the sea foams at my feet, I bow my forehead, weeping. One thing only digs and cries in my heart: with those children's hands of yours you can, in night and darkness, turn my bright destiny away.” —
Amelie Godin brachte die Kinder ins Atelier des Prinzen Ernst, wo ich sie sehen sollte. Ich hatte ihnen allerhand mitgebracht, nur eine halbe Stunde gönnte man mir. Aber noch fünf Minuten vor der Zeit riß die Godin sie aus meinem Arm. Die Kinder weinten und waren sehr aufgeregt. Das benützte Oswald, um mir eine zweite Begegnung zu vereiteln. Dann wollte ich Ada-Mucki vor der Schule begegnen und wartete lange Zeit, die mir eine Ewigkeit dünkte. Sie erschien endlich, an der Hand von Frau Godin, die sie fast gewaltsam an mir vorbeiriß. Ja — ich habe viel gelitten in jenen Tagen. Später schrieb dann der Rechtsanwalt, das Wiedersehen habe die Kinder ganz verstört, es müsse deshalb in den nächsten Jahren davon abgesehen werden.
Amelie Godin brought the children to Prince Ernst's studio, where I was to see them. I had brought them all sorts of things; they granted me half an hour, no more. But five minutes before the time was up the Godin woman tore them out of my arms. The children cried and were very upset. Oswald used that to prevent a second meeting. Then I wanted to meet Ada-Mucki outside her school, and waited a long time that seemed to me an eternity. She appeared at last, on Frau Godin's hand, who dragged her past me almost by force. Yes — I suffered a great deal in those days. Later the lawyer wrote that the meeting had thoroughly upset the children, and that for the next few years it must therefore be dispensed with.
Ich wartete bis zu Konrads Todesjahr, dann aber, nach seinem Tod, war ich so verstört, daß ich alles andere vergaß. —
I waited until the year of Konrad's death, but then, after he died, I was so distraught that I forgot everything else. —
Ich habe die Kinder nie wiedergesehen — ich weiß nichts von ihnen, hörte nur einmal, daß Botho Maler werden wollte. — Hat dieser mörderische Krieg ihn vielleicht längst ausgelöscht? Wessen Schicksal ist so unwahrscheinlich wie das meine? — — —
I never saw the children again — I know nothing of them, and heard only once that Botho wanted to become a painter. — Has this murderous war perhaps long since put him out? Whose destiny is as improbable as mine? — — —
In Konstanz gingen Konrad und ich nach dem Waldwirtshaus zum Jakob, in dem wir idyllische Wochen verlebten, aber meine künftige Schwiegermutter überraschte mich eines Morgens mit dem Vorschlag, die Hochzeitsreise mit uns machen zu wollen. Auf meine Entgegnung, dann ginge ich nicht mit, meinte sie gekränkt, »ja, ich bin doch jetzt auch immer bei euch«. — Darauf entgegnete ich: »Ja, denn jetzt bist du eben ein notwendiges Übel.« Das hat sie mir lange nachgetragen. —
At Constance Konrad and I went to the forest inn zum Jakob, where we spent idyllic weeks; but one morning my future mother-in-law surprised me with the proposal that she should come with us on the honeymoon. When I answered that in that case I should not go, she said, offended, “but I am always with you now as it is.” — To which I replied: “Yes, because just now you happen to be a necessary evil.” She held that against me for a long time. —
Im »Jakob« malte ich viel roten Riesenmohn und roten Kaktus in grünglasierten Töpfen. Künstlerisch fleißig war ich immer, denn sonst wäre ich stets unbefriedigt gewesen.
At the “Jakob” I painted a great deal of giant red poppies and red cactus in green-glazed pots. I was always industrious as an artist; otherwise I should have been perpetually unsatisfied.
Am Johannistage wurden Konrad und ich Mann und Frau. Ich hatte ihm als Festgabe einen antiken Torso gegeben und die Verse:
On St. John's Day Konrad and I became man and wife. I had given him an antique torso as my wedding present, and these verses:
So ist der Tag genaht, den zu erreichen Wir jubelnd eine Welt in Brand gesteckt, Die zwischen uns das Schicksal feindlich türmte. So ist der Tag genaht, das neue Leben, Eins an des andern Brust nun, bis zum Tode, Vor aller Augen frei und wahr und stolz. Kein äußrer Glanz noch Festesjubel weiht — Wie andrer Paare — unsre Zukunft ein. Wir wandern seitwärts von der breiten Straße Den eignen Weg, für uns den einzig wahren So nimm denn hin, von Blumen überblüht, Den Marmortorso aus versunknen Zeiten, Den Torso aller Schönheit dieses Seins. Ach, Stückwerk ist ja doch das Menschenleben, Und Stückwerk ist ja doch das Menschenglück. So nimm aus meiner Hand, aus meiner Seele All was ich hab und bin, mein ganzes Ich. Zeig auch im Leben dich als wahrer Dichter — Und bau dir aus dem Torso deine Welt.
So the day has come, and to reach it we set a world on fire, exulting, the world that fate piled up between us as an enemy. So the day has come, the new life, each at the other's breast now, until death, before all eyes, free and true and proud. No outward splendour, no festal rejoicing — as with other couples — consecrates our future. We walk aside from the broad road, our own way, the only true one for us. So take it, then, flowered over with blossom, the marble torso out of sunken ages, the torso of all the beauty of this being. Ah, human life is patchwork after all, and human happiness is patchwork after all. So take out of my hand, out of my soul, all that I have and am, my whole self. Show yourself a true poet in your life as well — and build your world for yourself out of the torso.
Zur standesamtlichen Trauung kam, als einzige Vertreterin unserer Familie, die gute Tante Ottilie.
To the civil ceremony there came, as the only representative of our family, good Aunt Ottilie.
Nach einem netten kleinen Mahl fuhren Konrad und ich, endlich Mann und Frau, mit dem Dampfschiff nach der Reichenau. In acht Tagen sollten wir uns mit seiner Mutter in Höckendorf treffen. Sie lief trotzdem händeringend und laut schluchzend, ganz verzweifelt, am Kai auf und nieder. Tante Ottilie hatte einen schweren Stand mit ihr. — Wir aber: »mit dunkeln Festesrosen an der Brust sind wir gelandet auf der Reichenau, just in der Rosenzeit.«
After a nice little meal Konrad and I, man and wife at last, went by steamer to the Reichenau. In a week we were to meet his mother at Höckendorf. In spite of that she ran up and down the quay wringing her hands and sobbing aloud, quite desperate. Aunt Ottilie had a hard time of it with her. — But we: “with dark festival roses at our breasts we landed on the Reichenau, just in the season of roses.”
Auf der Reichenau bezogen wir zwei ineinandergehende Zimmer mit weiß- und rotgewürfelten Bettbezügen. Konrad war zu Tode erschöpft, früh zu Bett gegangen und schlief bis zum Morgen. Ich saß aufrecht auf meinem Lager und hatte mir meine Hochzeitsnacht eigentlich anders gedacht. Doch die Tücke des Objekts verfolgte uns.
On the Reichenau we took two rooms opening into each other, with bed-linen checked in red and white. Konrad was exhausted to death, had gone to bed early and slept till morning. I sat bolt upright on my couch and had really imagined my wedding night rather differently. But the malice of inanimate objects pursued us.
In der zweiten Nacht auf dem Hohentwiel, brach Konrads Bett zusammen, und er bekam Herzbeschwerden.
On the second night, on the Hohentwiel, Konrad's bed collapsed, and he had heart trouble.
Als wir dann glücklich in Höckendorf angelangt waren, hatte die »alte Dame«, wie Konrad seine Mutter nannte, ihr Schlafzimmer zwischen das seine und meine gelegt. Sie war also so etwas wie der Engel mit dem Flammenschwert. Und des Morgens lauerte sie auf sein Erwachen und pflanzte sich dann mit Windeseile auf sein Bett. Einmal war ich ihr zuvorgekommen und saß schon auf ihrem Platz. Da lief sie weinend hinaus. — Sie war eine gütige alte Frau, aber sie hat mir das Leben nach der Hochzeit unnötig schwer gemacht. Vielleicht nahm ich es auch allzu tragisch. Ich denke jetzt ruhiger darüber, damals aber war ich eifersüchtig auf sie. Sie war die einzige Finsternis in der kurzen Strahlensonne unserer Ehe!
When we had duly arrived at Höckendorf, the “old lady,” as Konrad called his mother, had put her bedroom between his and mine. She was thus something like the angel with the flaming sword. And in the mornings she lay in wait for him to wake and then planted herself on his bed with the speed of the wind. Once I had got in ahead of her and was already sitting in her place. At that she ran out crying. — She was a kindly old woman, but she made life after the wedding unnecessarily hard for me. Perhaps I took it too tragically as well. I think of it more calmly now; but at the time I was jealous of her. She was the one darkness in the short radiant sun of our marriage!
Im Herbst zogen wir selbdritt nach Rom und nahmen eine möblierte Wohnung im Palazzo Aragno, am Korso. Auch dort wiederholten sich die Morgenszenen an ihres Sohnes Bett. Wir arbeiteten beide, und um zwölf Uhr sollte die alte Dame uns abholen. Schon von halb zwölf ab ging sie, gestiefelt und gespornt, auf der großen Terrasse vor unseren Fenstern auf und nieder. Auf dem Wege nach unserem Speiselokal, dem Faggiano, führte Konrad seine Mutter, und ich konnte hintennach laufen. All dieses nahm ich allzu schwer. Eines Morgens lief ich aus dem Haus, trieb mich voller Verzweiflung bis abends elf Uhr in den Straßen umher. Ich hatte eigentlich die Nacht fortbleiben wollen, brachte es aber nicht übers Herz. Als ich nach Hause kam, fand ich meinen Mann aufgelöst in Todesangst.
In the autumn the three of us moved to Rome and took a furnished apartment in the Palazzo Aragno, on the Corso. There too the morning scenes at her son's bed repeated themselves. We both worked, and at twelve o'clock the old lady was to fetch us. From half past eleven onwards she was walking up and down, booted and spurred, on the great terrace in front of our windows. On the way to our eating-house, the Faggiano, Konrad led his mother on his arm, and I could run along behind. I took all this far too hard. One morning I ran out of the house and roamed the streets full of despair until eleven at night. I had really meant to stay away all night, but could not bring myself to it. When I came home I found my husband dissolved in mortal terror.
»Sie soll abreisen«, meinte er.
“She must go,” he said.
Aber am nächsten Tag war sie ganz eingeschüchtert, und eine kleine Weile ging es besser. Sie fiel mir dermaßen auf die Nerven, daß ich ihr einfach sagte: »Ich stürze mich von der Terrasse, wenn du nicht abreisest.«
But the next day she was thoroughly cowed, and for a little while it went better. She got on my nerves to such a degree that I simply said to her: “I shall throw myself off the terrace if you do not leave.”
»Ja, ich reise«, sagte sie. Ich besorgte ihr schnell das Billett, und sie meinte, ich sei noch niemals so liebenswürdig gegen sie gewesen. Ich atmete nach ihrem Fortgehen auf und kam langsam wieder zu meinen Rechten. Hernach ist sie niemals mehr nach Rom gekommen; in Höckendorf aber, in der eigenen Häuslichkeit, war es mit uns beiden viel verträglicher. Übrigens kürzten Konrad und ich uns das Zusammensein im nächsten Sommer durch eine Spritztour nach Heringsdorf und durch den glanzvollen Schriftstellertag in Hamburg. Dort lernten wir Gustav Falcke kennen, freundeten uns mit Michael Georg Conrad und dem genialen Holger Drachmann an, lebten noch in Erinnerungsschrecken an die furchtbaren Cholerazeiten, die uns alle Hamburger schilderten, und die wir in den schlimmsten Vierteln im Geiste uns grausig vorstellten. —
“Very well, I shall go,” she said. I quickly got her the ticket, and she remarked that I had never been so amiable to her before. After she left I breathed again and slowly came back into my rights. She never came to Rome again after that; at Höckendorf, though, in her own household, the two of us got on much better. Konrad and I shortened the time together the following summer, by the way, with a jaunt to Heringsdorf and with the brilliant writers' day in Hamburg. There we got to know Gustav Falcke, made friends with Michael Georg Conrad and with the inspired Holger Drachmann, and were still living in the remembered horror of the frightful cholera time, which every Hamburger described to us and which we pictured to ourselves gruesomely, in the worst quarters of the city. —
Mitte September waren wir wieder in Rom, suchten und fanden eine sehr hübsche Wohnung in der Via Gregoriana. Nun brachte ich Konrad nach Castell Gandolfo. Ich selber aber suchte mir vom Althändler Empiremöbel und richtete uns ein behagliches Nest ein! Die Duplizität der Ereignisse packte mich. Hatte ich das nicht schon einmal getan? Sonntags besuchte ich dann den Geliebten in Castell Gandolfo. — Es war alles recht anstrengend, denn wir erwarteten zum November unser erstes Kind. Aber endlich war alles bereit, ich führte Konrad im Triumph in unsere Wohnung, hatte auch eine alte Köchin, die »vecchia Maria« aus den Abruzzen, gemietet. Mein Mann war glücklich. Nein, da gab es keine Mißstimmigkeiten wie einst, als ich Oswald das Heim bereitete. Und wieviel kostbarer war doch die Wohnung in der Findlingstraße eingerichtet gewesen mit schönem Silber und Wappenmöbeln. Beides erfreut Oswald noch heute. Einige meiner alten Rokokomöbel hatte ich mir allerdings nach der Scheidung ausgebeten; es war nun in Rom ein sehr reizvolles Künstlerheim geworden. —
In the middle of September we were back in Rome, looked for and found a very pretty apartment in the Via Gregoriana. Now I took Konrad out to Castel Gandolfo. But I hunted up Empire furniture from the second-hand dealer myself and fitted out a comfortable nest for us! The duplicity of events took hold of me. Had I not done all this once before? On Sundays I went out to visit the beloved at Castel Gandolfo. — It was all quite strenuous, for we were expecting our first child in November. But at last everything was ready; I led Konrad in triumph into our apartment, and had hired an old cook as well, the “vecchia Maria” from the Abruzzi. My husband was happy. No, there were none of the ill humours there had been in the old days, when I was preparing the home for Oswald. And how much more richly the apartment in the Findlingstraße had been furnished, with fine silver and armorial furniture. Oswald enjoys both of them to this day. Some of my old rococo furniture I had at any rate asked to have back after the divorce; the Roman home had now become a very charming artist's home. —
Aber es war höchste Zeit gewesen. —
But it had been high time. —
Am vierten November ging Konrad, starker Migräne halber, um sechs Uhr schlafen. Da kamen die Wehen. Ich schickte zur Levatrice, und andern Morgens konnte Maria, als der »Sor Dottore« nach seinem Frühstück schellte, das neugeborene Kind ihm auf dem Präsentierbrett servieren. »Ecco la collazione!« Sein Staunen! — Ich aber war glücklich, daß ich ihm die sorgenvollen Stunden der Geburt ersparen konnte. Ach, leicht ist es mir nicht geworden, aber ich wurde überreich belohnt. Das war unsere geliebte Helga, »la piccola Maria Stuart«, wie die weise Frau sagte, wegen eines Jäckchens mit großer Halskrause. —
On the fourth of November Konrad, on account of a bad migraine, went to sleep at six o'clock. Then the labour pains came. I sent for the levatrice, and the next morning, when the “Sor Dottore” rang for his breakfast, Maria was able to serve him the newborn child on the tray. “Ecco la collazione!” His astonishment! — But I was happy that I could spare him the anxious hours of the birth. Ah, it did not come easily to me, but I was rewarded beyond measure. That was our beloved Helga, “la piccola Maria Stuart,” as the wise woman called her, because of a little jacket with a big ruff. —
Das war auch ein Doppelspiel der Ereignisse — die Geburt eines Mädchens in Rom! Aber wie anders war diesmal alles! — Ich konnte das süße Ding sehr gut nähren; aber mein Mann fürchtete, daß es mich allzu sehr angriffe, und bat, ich solle dem Kind noch nebenher die Flasche reichen. Aber Klein-Helga und ich, wir waren so verliebt ineinander. Wir besaßen uns noch heimlich in jeder Nacht. Das Geliebte lag dann an meiner Brust und saugte und saugte — aus Leibeskräften! Es gedieh herrlich dabei; Konrad sorgte sich nur, weil ich mich nicht rascher erholte. Jenen heimlichen Liebesnächten von Klein-Helga und mir entstammt das Gedicht:
That too was a double play of events — the birth of a girl in Rome! But how different it all was this time! — I was quite able to nurse the sweet thing myself; but my husband was afraid it would tax me too much, and asked me to give the child the bottle alongside. But little Helga and I, we were so much in love with each other. We still possessed each other in secret every night. The loved one would lie at my breast and suck and suck — with all its might! It throve gloriously on it; Konrad's only worry was that I did not recover more quickly. From those secret nights of love between little Helga and me comes the poem:
Perlenschnur
String of Pearls
Jäh um Mitternacht bin ich erwacht. Neben mir mein Kind im Schlafe lacht. Und der Mond mit hartem, weißem Schein Schaut durchs Fenster ins Gemach hinein. Wie das Mondlicht auf dem Köpfchen spielt, Fast, als ob’s die heißen Härchen kühlt, Die ihm feucht die kleine Stirn umkleben, Plötzlich durch sein Antlitz zuckt ein Beben, Und in leisem Wimmern stöhnt der Mund, Recht, als litt’s aus tiefster Seele Grund. Mählich stirbt der leise Jammerton, Wie er schnell gekommen, schnell entflohn. Nur ein tiefer Seufzer aus der Brust Langsam gleitet. Wieder dann zur Lust Glätten sich die süßen Kinderzüge Tief im Schlaf. Mir ist, als ob es früge, Was so schwer beschattet mir den Sinn, Ist dies Leid auf immer nun dahin? ... Lächelnd dann, als ob es Engel küßten, Bettets tiefer sich an Mutterbrüsten, Und das Mondlicht gleitet drüber hin Kalt und weiß. Mir zitterts durch den Sinn: Schattenbilder sind’s von deinem Leben, Die im Traum dir durch die Seele schweben. Schattenbilder nur von Glück und Leid, Das sich perlgleich aneinander reiht, Bis die weiße Perlenschnur zerrinnt In den Sand der Ewigkeit, mein Kind!
Abruptly at midnight I woke. Beside me my child laughs in its sleep. And the moon with its hard white shine looks in at the window, into the room. How the moonlight plays on the little head, almost as though it cooled the hot small hairs that stick damply about the little forehead. Suddenly a shudder runs across its face, and the mouth groans in a soft whimper, for all the world as if it suffered from the ground of the soul. By degrees the little sound of misery dies, as quickly gone as it quickly came. Only a deep sigh out of the breast slides slowly away. Then back to pleasure the sweet child's features smooth themselves deep in sleep. It seems to me as though it asked the thing that shadows my own mind so heavily: is this sorrow gone now for good? ... Smiling then, as though angels kissed it, it beds itself deeper at its mother's breasts, and the moonlight glides across it, cold and white. It shivers through my mind: these are shadow-pictures of your life that float through your soul in the dream. Shadow-pictures only, of happiness and pain, threaded one against another like pearls, until the white string of pearls runs out into the sand of eternity, my child!
Als wir in diesem Sommer mit dem Kind nach Höckendorf kamen, waren alle erschrocken, wie elend ich aussah, und sprachen untereinander: »Sie wird’s wohl nicht lange mehr machen«. — Ich hatte das gehört, auch einmal an einem Tag, da ich zu Bett lag, die Worte: »Nun sind wir wieder unter uns.« — Ich erholte mich aber sehr rasch in der guten Luft. Wir waren wieder sehr fleißig; ich malte ein Mohnfeld für meinen in Rom begonnenen Todesengel »Asrael«, nachdem ich vorher das Bild »Lebenssphinx« gemalt, zu dem mir eine Sphinx vom Sommer und der Strand von Nervi die Anregung gegeben hatten. —
When we came to Höckendorf that summer with the child, everyone was shocked at how wretched I looked, and said among themselves: “She will hardly last much longer.” — I had heard that, and once, on a day when I was lying in bed, the words: “Now we are among ourselves again.” — But I recovered very quickly in the good air. We were both very industrious again; I painted a poppy field for my angel of death “Asrael,” begun in Rome, having painted before it the picture “Lebenssphinx,” for which a sphinx from the summer and the shore at Nervi had given me the suggestion. —
Wieder nach Rom zurückgekehrt (Klein-Helga an der Brust war nicht allzu unbequem auf der weiten Reise — wir verscheuchten Passagiere durch Windelflaggen) — arbeitete ich mit einem sehr guten Modell, »Pia«, die mir auch meine Novelle »Pia« eingegeben, am Todesengel. —
Back in Rome again (little Helga at the breast was not too inconvenient on the long journey — we scared passengers off by flying nappies like flags) — I worked at the angel of death with a very good model, “Pia,” who also gave me my novella “Pia.” —
Pradilla, der große Spanier, besuchte uns manchmal und interessierte sich sehr für den Asrael. (Auch für Klein-Helga, die ein bildschönes Kindlein wurde, und die er immer malen wollte. Leider kam’s dann doch nicht dazu.) — Auch mit Villegas befreundeten wir uns. Seine maurische Villa in der Campagna, unser Entzücken, hat Pradilla jetzt längst verkauft, er haust wieder in schlichter Wohnung in Madrid, wo ich ihn, nach Jahren, einmal besuchte.
Pradilla, the great Spaniard, visited us sometimes and took a great interest in the Asrael. (In little Helga too, who was turning into a beautiful child, and whom he always wanted to paint. Unfortunately it never came to that after all.) — We made friends with Villegas as well. His Moorish villa in the Campagna, our delight, Pradilla has long since sold; he lives again in a plain apartment in Madrid, where I visited him once, years later.
Wir suchten Fühlung mit dem Künstlerverein, mit den Bildhauern Kopf und Gerhard und einigen jüngeren deutschen Künstlern, die Konrad stark enttäuschten. Er schrieb dann seinen Roman »Unter römischem Himmel«, der viel böses Blut machte. Sturm im Wasserglas! Auch Fräulein Harry Hertz sahen wir häufig und ihren Freund, Dr. Mond aus London. Sie wohnten im alten, schönen Palazzo Zurchari, besaßen kostbare alte Gemälde und wandelten auf Lebenshöhen. — Im Palazzo Caffarelli, bei dem Gesandten Bernhard von Bülow und seiner Gemahlin, verlebten wir manche interessante Stunde. Professor Eberlein kam auf seiner Hochzeitsreise mit der schönen, zweiten Frau nach Rom. Jetzt ist sie in einer Heilanstalt, und er nahm die dritte. —
We sought contact with the artists' association, with the sculptors Kopf and Gerhard and some younger German artists who greatly disappointed Konrad. He then wrote his novel “Unter römischem Himmel,” which made a great deal of bad blood. A storm in a teacup! We also saw Fräulein Harry Hertz often, and her friend Dr. Mond from London. They lived in the beautiful old Palazzo Zurchari, owned costly old paintings and moved on the heights of life. — In the Palazzo Caffarelli, with the ambassador Bernhard von Bülow and his wife, we spent many an interesting hour. Professor Eberlein came to Rome on his honeymoon with his beautiful second wife. Now she is in a sanatorium, and he has taken a third. —
Wie viele Künstlerschicksale wandelten durch die römischen Tore und erfüllten sich. Dies bunte, bunte Leben! Manchmal scheint mir das Leben von damals wie eine römische Girandola. Das blüht in tausend Flammengarben am Lebenshimmel empor — und muß doch wieder zurück in die alte Nacht.
How many artists' destinies walked in through the Roman gates and were fulfilled. This many-coloured, many-coloured life! Sometimes the life of those days seems to me like a Roman girandola. It flowers up in a thousand sheaves of flame into the sky of life — and must go back again into the old night.
Die Contessa Lara war auch so eine Flammengarbe. Ihre Gedichte sind herrlich. Ihr Leben weniger. Acht Tage vor ihrer Ermordung durch ihren Geliebten, den Maler Pierantoni, setzte sie mit diesem die Füße unter unsern Tisch. Ja, man erlebt sonderbare Dinge und Geschichten in Rom. — Den alten Grafen Schack, den Dichter und Mäzen, den ich seit meiner frühesten Jugend kannte, und der meine Fühlung mit Böcklin einst vermittelte, sahen wir in Rom sich zu Ende leben und sterben. Er las uns noch, achtzigjährig, ein klassisches Liebesgedicht vor, das ihm am Morgen das Kolosseum eingegeben hatte. Auch mit dem Dichterprinzen Emil Schönaich-Carolath verband uns ein reger Briefwechsel, durch lange Jahre, bis zu seinem Tod. Meine Kinder verdankten auch durch Jahre ihr Weihnachtsmarzipan seiner Güte.
The Contessa Lara was another such sheaf of flame. Her poems are glorious. Her life less so. Eight days before she was murdered by her lover, the painter Pierantoni, she put her feet under our table with him. Yes, one lives through strange things and stories in Rome. — Old Count Schack, the poet and patron, whom I had known since my earliest youth and who once arranged my contact with Böcklin, we saw living himself to an end in Rome, and dying there. At eighty he still read us a classical love poem that the Colosseum had suggested to him that morning. With the poet-prince Emil Schönaich-Carolath, too, we were joined by a lively correspondence over long years, until his death. For years my children owed their Christmas marzipan to his kindness.
Und mit meiner alten Darmstädter Freundin, der Fürstin Baratow, fand ich mich wieder zusammen. Sie war sehr angenehm berührt von meinem Gatten und lud uns immer wieder ein in ihr malerisch exotisches Heim im Palazzo Barberini. Ihr Empfangssaal war so groß, daß sie das Radfahren darin erlernte. Ein sonderbares Gemisch, dieser Abkömmling grusinischer Könige! Hyperkultur, Barbarei, flammende Sinnlichkeit und russische Exzentrizität stritten sich in ihrem Sein. Aber sie war Konrad eine gute Studie.
And with my old Darmstadt friend, the Princess Baratov, I came together again. She was very agreeably impressed by my husband and invited us again and again to her picturesquely exotic home in the Palazzo Barberini. Her reception hall was so large that she learned to ride a bicycle in it. A strange mixture, this descendant of Georgian kings! Hyperculture, barbarism, flaming sensuality and Russian eccentricity fought each other in her being. But she was a good study for Konrad.
Meine »Via passionis« war schon seit zwei Jahren bei »Reißner« erschienen. Es waren eigentlich nur Gedichte, die mir beim Finden und an der Seite meines Gatten eingefallen waren. Das Buch fand glänzende Kritiken und hatte eine tiefgehende Wirkung, stellte mich in den Vordergrund der weiblichen Lyriker. Ja, damals fühlten wir die Lebenswogen uns breit umfluten!
My “Via passionis” had already been out for two years with “Reissner.” They were really only the poems that had come to me in the finding of him and at my husband's side. The book had brilliant reviews and a deep effect, and placed me in the front rank of women lyric poets. Yes, in those days we felt the waves of life washing broadly round us!
Ring
Ring
Schenkte mir mein Liebster einen Ring, Goldnes Schlänglein mit Rubinen-Augen, — Nimmer wird dies Schlänglein Herzblut saugen, Los’ am Finger sitzt das kleine Ding. Und ich dreh’ es, küss’ es früh und spät: Liegt’s doch über jenen roten Streifen, Jenes ersten Ringes Feuerreifen, Dessen Spur in Jahren nicht verweht, Den die kleine Schlange nun verdrängt, Die mein Herz besitzt für alle Zeiten! Goldnes Sinnbild goldner Ewigkeiten, Das mir lose nur am Finger hängt.
My dearest gave me a ring, a little golden snake with ruby eyes, — never will this little snake suck heart's blood, the small thing sits loose on my finger. And I turn it, kiss it early and late: for it lies over that red stripe, that first ring's hoop of fire, whose trace has not faded in years, which the little snake now crowds out, the snake that owns my heart for all time! Golden emblem of golden eternities, hanging only loosely on my finger.
Björnson war nach Rom gekommen mit seiner Familie, und es entwickelte sich eine echte Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Dichter. In jeder Woche kamen Björnsons einen Abend zu uns. Ganz allein mit ihnen, waren beide unendlich anregend. Wir freuten uns von einemmal zum andern. Nur Klein-Helga freute sich weniger. Der große Norweger schrie nämlich das Kind mit seiner Stentorstimme jedesmal wach. Und dann schrien beide um die Wette. — Das kleine Geschöpf bewies mit jedem Tage mehr Temperament, und wir hatten oft unsere liebe Not mit ihm. Besonders »vecchia Maria«, wenn sie mit ihm nach dem Pincio spazierte. Sie war sehr stolz auf ihren Schützling. Einmal trug Helga ein neues himmelblaues, pelzverbrämtes Mäntelchen, das die Großmutter geschickt hatte. Sie wollte sich darin dem Vater zeigen, der vorangegangen war. Aber sie glaubte, die Alte sei nicht schnell genug mit dem Hinführen. Da rannte sie wutbebend auf den Fahrdamm und wälzte sich, wie einst das Kind Alkibiades oder der Fitgersvogel im Märchen, im nassen Schlamm. Maria riß sie zitternd zurück vor den Hufen einer heranstürmenden Karosse und mußte mit dem schreienden, strampelnden Kind nach Hause eilen, es umzuziehen. Der Mantel war verdorben. Ja — das Temperament ließ nichts zu wünschen! — Dies bezeugt auch eine Episode aus einer unsrer Höckendorffahrten, die ich in dem Gedicht beschrieb:
Björnson had come to Rome with his family, and a genuine friendship developed between the old poet and the young one. Every week the Björnsons came to us for an evening. Quite alone with them, the two of them were endlessly stimulating. We looked forward from one time to the next. Only little Helga looked forward less. The great Norwegian, with his stentorian voice, shouted the child awake every single time. And then the two of them would shout against each other. — The small creature showed more temperament every day, and we often had our work cut out with it. Especially “vecchia Maria,” when she walked with it on the Pincio. She was very proud of her charge. Once Helga was wearing a new sky-blue coat trimmed with fur, which her grandmother had sent. She wanted to show herself in it to her father, who had gone on ahead. But she thought the old woman was not quick enough about taking her to him. At that she ran, shaking with rage, out onto the roadway and rolled in the wet mud, like the child Alcibiades once, or like Fitcher's Bird in the fairy tale. Maria, trembling, snatched her back from the hooves of an oncoming carriage and had to hurry home with the screaming, kicking child to change it. The coat was ruined. Yes — the temperament left nothing to be desired! — An episode from one of our journeys to Höckendorf bears witness to it as well, which I described in this poem:
So wirst du einstens
So One Day You Will
... Und wieder durch die Ferne braust der Zug Und überbrückt die Pole unsres Lebens; Von Süd nach Norden geht der Jahresflug; — So ziehn wir weiter, gleichen starken Strebens Wie je und je. Der Säugling an der Brust Ward schon zum Kind mit eignem Denken, Fühlen Mit eignen Wünschen, eigner kleiner Lust — Wie bald, du Ärmstes, wird die Welt dich kühlen. Du aber, das nur seine Mutter kennt — Vom Polster drüber wild in meine Arme Wirfts dich, der Kluft nicht achtend, die uns trennt, — Laut pocht dein Herz, das kleine, liebewarme. ... So wirst du einstens, wenn die Liebe ruft, Noch lachend ihrer Klippen — überfliegen Kühn und verachtend jede Lebenskluft, Um dich an deines Glückes Herz zu schmiegen.
... And again the train roars off through the distance and bridges the poles of our life; from south to north goes the year's flight; — so we travel on, with the same strong striving as ever and always. The infant at the breast has already become a child with a thinking and a feeling of its own, with wishes of its own, a small pleasure of its own — how soon, poor thing, the world will cool you. But you, who know nobody but your mother — from the seat opposite, wildly into my arms it throws you, taking no heed of the gulf that parts us, — loud beats your heart, the small, love-warm one. ... So one day, when love calls, laughing still at its cliffs, you will fly over them — bold, and despising every gulf in life, to nestle close against the heart of your happiness.
Auch durchreisende deutsche Dichter suchten uns auf. Es entstand eine Freundschaft mit Sudermann und Fulda (den die Hochzeitsreise hinführte, mit einer Frau, von der er jetzt längst geschieden ist).
German poets passing through sought us out as well. A friendship arose with Sudermann and with Fulda (whom his honeymoon brought there, with a wife from whom he has long since been divorced).
Wir lebten in einer Atmosphäre von Kunst und Schönheit. Wenn ich heute daran denke, zieht sich mir das Herz vor bitterem Weh zusammen. Warum währte unser Glück nur so kurze, ach so kurze Zeit! Welches wundervolle, gemeinsame Künstlerschaffen!
We lived in an atmosphere of art and beauty. When I think of it today my heart contracts with bitter pain. Why did our happiness last so short, ah so short a time! What a wonderful creating together as artists!
Es war eine Treibhausatmosphäre für alle unsere künstlerischen Keime. Sie sproßten und trieben in strotzender Pracht. Und doch nahm man all das Herrliche hin — wie etwas Selbstverständliches, bis die Schere der Atropos so jäh den goldenen Faden unseres Glückes zerschnitten, bis das leuchtende Gewebe zusammenschrumpfte zu Asche und Schutt.
It was a hothouse atmosphere for all our artistic germs. They sprouted and shot up in swelling splendour. And yet one took all that glory — as something self-evident, until the shears of Atropos so suddenly cut through the golden thread of our happiness, until the shining web shrank together into ashes and rubble.
Eine sehr liebe Freundin habe ich gewonnen — Maria von Bülow —, die einzige vielleicht, die mir treu bleibt bis zum Grab! Vielleicht — wer kann es wissen! Mein Menschheitsglaube ist brüchig geworden. Konrad war eifersüchtig, wenn ich zu ihr ging, zu ihr, meiner lieben »Grussel«. Ja, das war ein reiches Leben. Ich könnte vielleicht mit Goethe sagen: — »Der ganze Gewinn meines Lebens ist, seinen (Konrads) Verlust zu beweinen.« —
One very dear friend I did gain — Maria von Bülow —, the only one perhaps who will stay true to me until the grave! Perhaps — who can know! My faith in humankind has grown brittle. Konrad was jealous when I went to her, to her, my dear “Grussel.” Yes, that was a rich life. I could perhaps say with Goethe: — “The whole gain of my life is to weep for his (Konrad's) loss.” —
Im ersten Frühling gingen wir nach Sorrent. Es war noch bitter kalt in Neapel gewesen, aber in Sorrent war die Orangenernte in vollstem Gang. Wir wohnten dort in der Pension Loreley (der deutsche Name) zusammen mit Ganghofers, die wir sehr ins Herz schlossen.
In the first spring we went to Sorrento. It had still been bitterly cold in Naples, but at Sorrento the orange harvest was in full swing. We stayed there in the Pension Loreley (the German name) together with the Ganghofers, whom we took very much to our hearts.
Dann machten wir nähere Bekanntschaft mit der Fürstin Gortschakow, einer hochinteressanten, genialen Frau. Sie wohnte in der Villa Syracusa, einem feenhaften Besitz mit königlicher Aussicht. Sie lebte zusammen mit einem englischen Major Domus, der sie tyrannisierte. Es war psychologisch unendlich interessant, dieses Verhältnis zu beobachten. Wie der Engländer sich alles erlaubte, wie die schöne Fürstin vor ihm zitterte. — —
Then we made the closer acquaintance of Princess Gorchakov, a highly interesting woman of genius. She lived in the Villa Syracusa, a fairy-tale property with a royal view. She lived there with an English major-domo who tyrannised over her. It was endlessly interesting psychologically to watch this relationship. How the Englishman permitted himself everything, how the beautiful princess trembled before him. — —
Ich malte viel mit ihr zusammen und badete mit ihr (hätte fast das Schwimmen gelernt). Wir machten auch wunderschöne Landpartien, nach Agerola und nach dem Deserto mit der Fürstin und ihrem Herrn. — Das Wunderbarste von allem aber war die Aussicht von ihren Marmorbalkonen — das unbegrenzte Meer im Abendblut des Sonnenuntergangs. Wahrlich, eine Götterschau. — Ich habe die Fürstin nur noch einmal wiedergesehen, flüchtig in Rom. In Paris, wo ich sie später besuchen wollte, war sie auf Reisen. Dann ist sie bald darauf gestorben. Ihr englischer »Herr« aber wurde immer fetter und großspuriger. —
I painted a great deal with her and bathed with her (I almost learned to swim). We also made beautiful excursions into the country, to Agerola and to the Deserto, with the princess and her gentleman. — The most wonderful thing of all, though, was the view from her marble balconies — the unbounded sea in the evening blood of the sunset. Truly, a spectacle for gods. — I saw the princess only once more, briefly, in Rome. In Paris, where I meant to visit her later, she was away travelling. Then, soon afterwards, she died. But her English “gentleman” grew ever fatter and more swaggering. —
Sorrent war sehr schön, unvergeßlich. —
Sorrento was very beautiful, unforgettable. —
Ein andermal waren wir in Capri für erste Frühlingswochen. Klein-Helga plapperte dort schon italienisch. Wir wohnten droben in der Francia, ich malte auf Tod und Leben. Damals sah ich einen meiner frühesten Tänzer, den Rittmeister Cantor wieder, der mit einer Capresin verheiratet war — ich habe am Anfang dieser Blätter das merkwürdige Wiedersehen erzählt — und den Einsiedler Wedekind sah ich dort und fast lauter Originale. Die züchtet Capri! Dann nahm sich wieder ein »Knabenfreund« das Leben. Er wurde aufgebahrt, neben Pagano. Ein erschütternder Anblick. — Capri ist ja die Heimat der Knabenliebe. —
Another time we were on Capri for the first weeks of spring. Little Helga was already chattering Italian there. We lodged up above, at the Francia; I painted for dear life. It was then that I saw again one of my earliest dancing partners, Rittmeister Cantor, who was married to a Capri woman — I have told the strange meeting at the beginning of these pages — and I saw the hermit Wedekind there, and almost nothing but originals. Capri breeds them! Then another “friend of boys” took his own life. He was laid out, next to Pagano. A shattering sight. — Capri is, after all, the home of the love of boys. —
In Rom hatten wir auch regen Verkehr mit dem Komponisten Alexander von Fielitz, der viele Lieder von mir und Konrad vertonte.
In Rome we also saw a great deal of the composer Alexander von Fielitz, who set many songs of mine and Konrad's to music.
Am besten, glaube ich, meine »Sündflut«. Konrads Lieblingsgedicht aus der Sturmflut unserer Liebe:
Best of all, I think, my “Sündflut.” Konrad's favourite poem out of the storm-flood of our love:
Sündflut
The Flood
»Immer heißer, immer heißer Liebe spricht, Immer leiser, immer leiser Mahnt die Pflicht. Immer tiefer, immer tiefer Wühlt die Glut, Immer höher, immer höher Steigt die Flut. Immer ferner, immer ferner Rückt das Land, Fester fass’ ich, immer fester Deine Hand. Sündflut brandet, wild und wilder, Wonniglich — Laß uns sterben, laß uns sterben — Dich und mich!«
“Ever hotter, ever hotter love speaks, ever softer, ever softer duty admonishes. Ever deeper, ever deeper the glow burrows, ever higher, ever higher the flood climbs. Ever further, ever further the land draws away, tighter I grip, ever tighter, your hand. The flood of sin breaks, wilder and wilder, in rapture — let us die, let us die — you and I!”
(Der Schluß besonders ist musikalisch herrlich.) Dann hat Konrad eine zehnjährige Brieffreundschaft mit Richard Voß endlich ins Leben übertragen wollen. Wir besuchten ihn und seine Frau damals noch in der Villa Falconieri in Frascati, die jetzt dem Kaiser gehört und ein »Künstlerheim« geworden ist! In jener Zeit war sie urwüchsiger. Die Villa Falconieri hat uns berauscht, Richard Voß aber ernüchtert. Ich hatte von Heyse seinerzeit so viel von ihm und seiner Frau gehört, die sich beide in der Morphiumentwöhnungsanstalt gefunden hatten. Äußerlich wirkten sie jetzt sehr konventionell. Vor Jahren traf ich sie einmal bei Heyses. Damals schienen sie mir viel echter und natürlicher.
(The ending in particular is musically glorious.) Then Konrad wanted at last to carry a ten-year friendship by letter with Richard Voß over into life. We visited him and his wife, in those days still at the Villa Falconieri in Frascati, which now belongs to the Kaiser and has become an “artists' home”! In that time it was more untamed. The Villa Falconieri intoxicated us; Richard Voß, though, sobered us. I had heard so much in earlier days from Heyse about him and his wife, who had found each other in the institution for morphine withdrawal. Outwardly they now had a very conventional effect. Years before I had met them once at the Heyses'. Then they had seemed to me much more genuine and natural.
Welche Fülle menschlicher und göttlicher Geschichte ist in Rom an uns vorübergeschritten!
What a fullness of human and divine history walked past us in Rome!
Nachmittags ging mein Mann, nach dem frühen Mittagsmahl, unweigerlich auf den Pincio. Wie wir uns nachwinkten, müssen wir das Gespött der ganzen Via Gregoriana gewesen sein.
In the afternoons, after the early midday meal, my husband went without fail up to the Pincio. The way we waved after each other, we must have been the laughing-stock of the whole Via Gregoriana.
Manchmal malte ich in den Gärten unterm Pincio. Dann stellte ich mich auf einen Stein und winkte. Und er winkte herab vom Pinciocafè.
Sometimes I painted in the gardens below the Pincio. Then I would stand up on a stone and wave. And he waved down from the Pincio café.
Die Vecchia Maria brachte dann Klein-Helga dem Sor Dottore, und er hielt sie droben stundenlang auf dem Schoß, in der warmen Sonne. Ich habe niemals einen zärtlicheren Vater gesehen. Nach Sonnenuntergang kam er nach Hause, trank seinen Kakao und las mir dann meistens Nietzsche vor. Dabei lag ich auf dem Diwan. Ach, das herrliche Leben! Nach dem Abendbrot hat er mir dann noch oft Gedichte vorgetragen. (Wenn ich damit das Jammerleben an Oswalds Seite verglich!) Morgens, von neun Uhr ab, lag der Liebste auf seinem Diwan und schrieb. Er schrieb seine Romane alle im Liegen. Er durfte dabei nicht gestört werden und schrieb bis ein Uhr, zum Pranzo. Nur um elf Uhr brachte ich ihm leise ein Glas Marsala. Wenn mir aber inzwischen irgend etwas Unangenehmes passierte, das mir allein zu tragen schwer wurde, schlich ich auf den Zehen in das Zimmer und strich ihm sachte über Knie und Füße. Er hatte dann einen so guten Blick für mich, und getröstet und gekräftigt huschte ich zurück. —
Vecchia Maria would then bring little Helga to the Sor Dottore, and he held her up there for hours on his lap, in the warm sun. I have never seen a more tender father. After sunset he came home, drank his cocoa and then usually read me Nietzsche. I lay on the divan while he did it. Ah, that glorious life! After supper he would often recite poems to me as well. (When I compared it with the life of misery at Oswald's side!) In the mornings, from nine o'clock on, the dearest one lay on his divan and wrote. He wrote all his novels lying down. He was not to be disturbed while he did it, and wrote until one o'clock, until pranzo. Only at eleven I brought him a glass of Marsala, quietly. But if something unpleasant had happened to me in the meantime, something that was hard to carry alone, I crept into the room on tiptoe and stroked his knees and his feet gently. Then he had such a good look for me, and comforted and strengthened I slipped out again. —
Warum konnte dies Leben nicht länger dauern? Warum mußte alles nach fünf kurzen Jahren vom »Hufschlag der Pferde am Schicksalswagen« zertrümmert werden? Hatte ich denn nicht schon genug gelitten? Mußte ich — aus solcher Liebeswärme, aus solchem Verständnis so jäh und unvermittelt herausgestürzt — nicht erfrieren im einsamen Jammer meines ganzen späteren Lebens? Einmal hatten meine Granatblüten die rechte Hand gefunden, in der sie aufflammten in glühender Pracht; da sank die Hand — die Granatblüten fielen in den Staub. —
Why could this life not last longer? Why did everything have to be smashed, after five short years, by the “hoof-beat of the horses at the chariot of fate”? Had I not suffered enough already? Was I not bound — flung so suddenly and abruptly out of such warmth of love, out of such understanding — to freeze to death in the lonely misery of all my later life? Once, my pomegranate flowers had found the right hand, in which they blazed up in glowing splendour; then the hand sank — and the pomegranate flowers fell in the dust. —
Eines hab’ ich bitterlich bereut — daß ich meinen Mann immer allein auf den Pincio gehen ließ, vor lauter »Malwut«. Was hat es mir letzten Endes genutzt? Wie viele gute, glückliche Stunden habe ich dadurch unwiederbringlich verloren. —
One thing I have bitterly repented — that I always let my husband go up to the Pincio alone, out of sheer “painting-mania.” What good did it do me in the end? How many good, happy hours I lost irrecoverably that way. —
In einem Sommer gingen wir nicht, wie sonst alljährlich, nach Höckendorf, mit dem regelmäßigen vorherigen Aufenthalt in Berlin und München, auf den wir uns beide stets freuten. Denn dabei besuchten wir unsere Freunde — Sudermann, Fulda, Ganghofer, Spielhagen — und schwelgten in deutschem Theater. Welch schöne Stunden verlebten wir stets mit Spielhagens, unseren ältesten Freunden! Wie lachten wir, wenn der Dichter uns seine Tranchierkünste zeigte. Wenn der größte Braten, frei in der Luft auf der Gabel tanzend, von ihm meisterhaft zerlegt wurde. Spielhagen, der mich als junges Ding einst so entsetzt hatte, da er mir erzählte, die Züge der Frauencharaktere der problematischen Naturen seien nur den »acht bis zehn Frauen« entnommen, die er wahrhaft geliebt habe! Das mir, die ich damals noch an die eine einzige Liebe glaubte! Wo sind sie hin, die lieben Spielhagens — es stöhnt der Wind, es wandern und wogen die Wellen. — —
One summer we did not go, as we did every other year, to Höckendorf, with the regular stay in Berlin and Munich beforehand, which we both always looked forward to. For on the way we visited our friends — Sudermann, Fulda, Ganghofer, Spielhagen — and revelled in German theatre. What lovely hours we always spent with the Spielhagens, our oldest friends! How we laughed when the poet showed us his arts of carving. When the largest roast, dancing free in the air on the fork, was masterfully taken apart by him. Spielhagen, who had once so horrified me as a young thing by telling me that the traits of the women characters in Problematische Naturen were taken from nothing but the “eight to ten women” he had truly loved! That, to me, who at the time still believed in the one single love! Where have they gone, the dear Spielhagens — the wind groans, the waves wander and surge. — —
In diesem Sommer also wollten wir — ich glaube wegen baulicher Veränderungen — nicht nach Höckendorf gehen, sondern uns mit der alten Dame im großen Hotel Penegal am Mendelpaß treffen. Das heißt, das ganz große Riesenhotel war erst im Bau, aber auch das Hotel der Frau Spreter war noch viel zu groß für unsern Geschmack. Die Natur ist dort herrlich, halb südlich, halb Hochgebirgscharakter. Maria Janitschek trat uns dort näher und ihr Freund, Franz Evers. Es war das in beider Größenwahnszeit, aber es war sehr interessant. Auch den Erzherzog Franz Ferdinand von Este trafen wir dort, noch ehe er die Gräfin Chotek geheiratet hatte (eine Nichte meiner alten Münchner Freundin Frl. von Berckholtz). Ich plauderte oft mit ihm; er war von meinen Studien so entzückt, daß ich ihm eine davon verehrte. Er geruhte sie allergnädigst huldvoll entgegenzunehmen — hat sich aber, bei meiner nachmaligen großen Wiener Ausstellung, nicht revanchiert! Übrigens kam er damals von Indien und fand Ähnlichkeit zwischen der Lage der Mendel und der von Darjeeling am Himalajagebirge. Ich mußte später, als ich selber am Himalaja stand, manchmal hieran denken — es war eine Ähnlichkeit wie die der Katze mit dem Löwen. — — Ich hatte danach noch eine Sonderausstellung in München. (Ich trennte mich sehr ungern für sechs Wochen von Konrad; er meinte: wozu ist man denn verheiratet, wenn man nicht immer beisammen ist.) Er selbst ging für diese Zeit nach Meran. Als ich ihn wiedersah, fiel mir zum erstenmal ein fremder Elendszug in den teuren, edlen Zügen auf. War es schon der Hypokrateszug des Todes? — Übrigens hatte sich in Meran seine Freundin Grete W. ihm wieder genähert. »Du bist allein, Liebling? Laß mich dich pflegen!« Er aber konnte ihr erwidern: »Ich erwarte meine Frau in drei Tagen.« — Ich beschloß aber nun, mich niemals mehr, für noch so kurze Zeit, von ihm zu trennen; er hatte so recht: zu was war man denn verheiratet! Ich sah nun meinem zweiten Kind entgegen. Anfang Mai wurde es erwartet, und nun entstand die Frage, wohin für jene Zeit. Für Rom war es schon zu heiß und für Höckendorf noch allzu kühl. Wir beratschlagten hin und her, endlich entschlossen wir uns für Fiesole über Florenz. Ich machte im Februar und März noch manchen römischen Ausflug mit meiner Freundin Maria von Bülow. Einer davon ging nach Santa Maria Galera, der verlassenen Campagnastadt, von der Gregorovius so viel erzählt. Wir fuhren in Bülows Wagen und nahmen zu unserem männlichen Schutz einen Diener mit, denn für Konrad war die Expedition allzu anstrengend. Ich brachte einen mit Hilfe eines Campagnolen selbst ausgegrabenen Schädel mit zurück. Maria scherzte: »Zu vieren zogen wir aus, zu fünfen kehren wir zurück« (Maria, ich, das Ungeborene, der Schädel und der Diener). Ein andermal fuhren wir aufs Geratewohl aus irgendeinem Tor, verließen dann den Wagen und zogen auf Entdeckungen aus. Einmal fanden wir eine kleine Renaissancevilla im Stil des Palladio, von Ziegenhirten bewohnt, von Rosen umblüht. Wie viele solcher Winkel gab es einst um mein geliebtes Rom. —
That summer, then, we did not want — because of building alterations, I believe — to go to Höckendorf, but to meet the old lady at the great Hotel Penegal on the Mendel pass. That is to say, the really enormous hotel was still being built, but Frau Spreter's hotel too was much too large for our taste. The country there is glorious, half southern, half high-alpine in character. Maria Janitschek came closer to us there, and her friend Franz Evers. It was in the megalomania period of them both, but it was very interesting. We also met the Archduke Franz Ferdinand of Este there, before he had married Countess Chotek (a niece of my old Munich friend Fräulein von Berckholtz). I often chatted with him; he was so delighted with my studies that I made him a present of one of them. He deigned most graciously and condescendingly to accept it — but did not return the compliment at my great Vienna exhibition later on! He was coming from India at the time, by the way, and found a resemblance between the situation of the Mendel and that of Darjeeling in the Himalaya. Later, when I stood in the Himalaya myself, I sometimes had to think of this — it was a resemblance like that of the cat to the lion. — — After that I had a one-woman exhibition in Munich. (I parted very unwillingly from Konrad for six weeks; he said: what is one married for, if one is not always together.) He himself went to Meran for that time. When I saw him again, I noticed for the first time a strange line of wretchedness in the dear, noble features. Was it already the Hippocratic line of death? — In Meran, by the way, his friend Grete W. had approached him again. “You are alone, darling? Let me nurse you!” But he was able to answer her: “I am expecting my wife in three days.” — I resolved now never to be parted from him again, for however short a time; he was so right: what was one married for! I was now expecting my second child. It was due at the beginning of May, and now the question arose where to go for that time. For Rome it was already too hot, and for Höckendorf still far too cool. We debated back and forth, and at last decided on Fiesole, above Florence. In February and March I still made many a Roman excursion with my friend Maria von Bülow. One of them went to Santa Maria di Galeria, the abandoned town in the Campagna of which Gregorovius tells so much. We drove in the Bülows' carriage and took a manservant with us for masculine protection, since for Konrad the expedition was far too strenuous. I brought back a skull I had dug up myself with the help of a campagnolo. Maria joked: “Four of us set out, five of us come back” (Maria, I, the unborn one, the skull and the servant). Another time we drove out at random through some gate or other, then left the carriage and set off on discoveries. Once we found a little Renaissance villa in the style of Palladio, lived in by goatherds, with roses flowering all round it. How many such corners there once were around my beloved Rome. —
Mitte April fuhren wir mit Klein-Helga und Vecchia Maria nach Florenz und durchsuchten dort die Umgegend nach einem passenden Schlupfwinkel für meine schwere Stunde. Wie viele Medicäervillen haben wir hierbei entdeckt. Sie waren aber meist allzu abgelegen für etwa benötigte nächtliche Hilfe. Endlich fanden wir in der Villa Montelatici, am Marktplatz von Fiesole, das, was wir suchten. Die weise Frau wohnte sogar dicht nebenan.
In the middle of April we travelled with little Helga and Vecchia Maria to Florence and searched the neighbourhood there for a suitable hiding-place for my hard hour. How many Medici villas we discovered in the process. But most of them were far too remote for any help that might be wanted in the night. At last, in the Villa Montelatici on the market square of Fiesole, we found what we were looking for. The wise woman even lived close by.
Wir hatten ein Haus mit Urväterhausrat ganz allein für uns. Daran schloß sich eine ungeheure Gartenwildnis mit Rosenhecken und Lorbeerwäldchen, dicht über dem Abhang, von dem der Blick auf Florenz mit der Bramantekuppel sich unendlich malerisch in der Ebene und auf die darumliegenden Höhen dem Auge darbot. Wir waren beide entzückt darüber. Diese Villa oder keine! Und wir ließen uns hier häuslich nieder. Die Blütenfülle gelber Rosen umrankte alle Fenster. Ich zählte nicht weniger als elf Barockspiegel; es war ein Nest, wie geschaffen für unseren ausgefallenen Künstlergeschmack.
We had a house full of our forefathers' furniture entirely to ourselves. Adjoining it was an immense wilderness of garden with rose hedges and little laurel woods, close above the slope from which the view of Florence with the Bramante dome offered itself to the eye, infinitely picturesque, across the plain and over the heights that lie about it. We were both enchanted with it. This villa or none! And we settled ourselves in here. The abundance of yellow roses in flower twined round every window. I counted no fewer than eleven baroque mirrors; it was a nest as if made for our outlandish artistic taste.
Vecchia Maria mußte freilich erst gründlich ausmisten. — Alle Lorbeeren standen in vollster Blüte; die Vögel sangen, wir machten täglich große Spaziergänge in die umliegenden Lorbeerwälder. Ich ordnete alles Kinderzeug in den Wandschränken; Konrad fuhr oft nach Florenz herunter und brachte mir Blumen und die erlesensten Leckerbissen. Es war eine Zeit voll unvergeßlichen Friedens. — Doch das Kind wollte und wollte nicht kommen. Ich malte Bild um Bild von dem poetischen Rosengarten; tief unter uns in den Oliven lag die Böcklinvilla.
Vecchia Maria had of course to muck the place out thoroughly first. — All the laurels stood in fullest flower; the birds sang; we took long walks every day in the laurel woods round about. I arranged all the baby things in the cupboards; Konrad often drove down to Florence and brought me flowers and the choicest delicacies. It was a time full of unforgettable peace. — But the child would not and would not come. I painted picture after picture of the poetic rose garden; deep below us among the olives lay the Böcklin villa.
Denk ich jener Tage, fällt mir ein Vers von mir ein:
When I think of those days a verse of mine comes back to me:
»Murrt der Wind in den Oliven, Rosenhecken düften heiß, Wilde Wünsche lang entschliefen, Letzter Traum verflattert leis.«
“The wind grumbles in the olives, rose hedges breathe out hot scent, wild wishes fell asleep long ago, the last dream flutters softly away.”
(Paul Umlauff hat es nach Jahren vertont.) Und ich denke der Verse, die mir die holden Tage von Fiesole wieder vor die Seele rufen:
(Paul Umlauff set it to music years later.) And I think of the verses that call the lovely days of Fiesole back before my soul:
Im Garten von Fiesole
In the Garden of Fiesole
Frühsommernacht hoch ob Florenz, Im Garten von Fiesole, Weiß schimmern im Blütenlenz Die hohen Lilien wie Schnee. In deine Arme geschmiegt, Durchschreit ich den Rebengang, Der Mondkahn im Äther sich wiegt — Wir beide sind traumesbang. Vom Abhang schaun wir stumm Auf Lichter sondern Zahl, Doch gehn auch Schatten um Dort unten im Arnotal. Mit einemmal, tausendfach, Voll phosphorblauen Lichts Durch der Oliven Dach In zitterndem Leuchten brichts. Und schwebt, geheimnisgesellt, Hoch über und um uns her, Wie aus ferner Zauberwelt, Ein Leuchtkäfer — Irrlichtheer. Das flicht einen Strahlenkranz Um unser beider Haupt, Uns hüllend in Glut und Glanz, Wie nimmer die Welt sie glaubt. Mir ist, was Großes wir je Geschaffen, geliebt — gedacht — Im Garten von Fiesole Durchfunkelt’s unsre Nacht.
Early summer night high above Florence, in the garden of Fiesole, white in the flowering spring the tall lilies shimmer like snow. Nestled into your arms I walk through the vine alley, the moon's boat rocks in the ether — we are both of us afraid of the dream. From the slope we look in silence at lights beyond number, but shadows are walking as well down there in the valley of the Arno. All at once, a thousandfold, full of phosphor-blue light, through the roof of the olives it breaks in a trembling shining, and floats, in league with the secret, high above us and all around us, as though out of a far magic world, a firefly — a host of will-o'-the-wisps. It plaits a wreath of rays about the heads of us both, wrapping us in glow and glitter such as the world will never believe. It seems to me that all we ever made that was great, or loved — or thought — in the garden of Fiesole sparkles through our night.
An einem schimmernden Maimorgen, am vierzehnten, wollte mich mein Mann bereden, mit ihm zu einem Blumenkorso nach Florenz zu fahren. — »Es ist so garnicht anstrengend.« — Aber mir schien es doch klüger, zu Hause zu bleiben.
On a shimmering May morning, the fourteenth, my husband wanted to talk me into driving with him to a flower parade in Florence. — “It is not the least bit strenuous.” — But it seemed wiser to me to stay at home.
Nach Tisch unternahm ich mit Vecchia Maria und Klein-Helga einen größeren Spaziergang gen Settignano in den hohen Zypressenwald. Nach einer halben Stunde hielt ich es für geraten, umzukehren; leise Kreuzschmerzen meldeten sich. Anfänglich achtete ich ihrer wenig. Aber diese Schmerzen verstärkten sich bei jedem Schritt. Schließlich mußte ich mich mit Klein-Helga unter eine Zypresse setzen und Maria nach Fiesole um einen Wagen schicken. Da es aber Sonntag war, meinte sie, daß es ungewiß sei, diese Carozza auch gleich zu finden. Eilenden Laufes machte sie sich auf den Weg. Eine Ewigkeit dünkte mir ihre Abwesenheit; ich war fast bewußtlos vor Schmerzen. Helga weinte; ich hörte es kaum. Endlich, endlich nahte sich in eilendem Zuckeltrab eine Fiesolaner Staatskarosse. Aber der Kutscher und Maria mußten mich in den Wagen heben, ich wußte nicht mehr, wo ich war. Wie ich die Stöße empfand auf dem holprigen Weg! Niemals kämen wir ja ans Ziel! Auf dem Marktplatz stand die Sonntagsmenge Kopf an Kopf. »Povera Signora«, murmelten sie, »povera Signora«, mit wissendem Bedauern meine schmerzverzerrten Züge betrachtend. In der Villa trat mir schon die weise Frau entgegen, die Maria benachrichtigt hatte. Beide trugen mich Huckepack die kurze Stiege empor und droben auf dem Lager — ich hatte noch den Hut auf dem Kopf — ertönte bald darauf der erste Schrei unseres zweiten Kindes — unserer Inge Assunta! Denn sie war ja ein Himmelfahrtskind!
After the meal I set out with Vecchia Maria and little Helga on a longish walk towards Settignano, into the high cypress wood. After half an hour I thought it advisable to turn back; a slight pain in the small of my back was making itself felt. At first I paid it little attention. But these pains grew stronger at every step. In the end I had to sit down with little Helga under a cypress and send Maria to Fiesole for a carriage. But since it was Sunday, she thought it uncertain whether this carozza could be found at once. She set off at a run. Her absence seemed an eternity to me; I was almost unconscious with pain. Helga cried; I scarcely heard it. At last, at last, a Fiesole state coach came up at a hurrying jog-trot. But the coachman and Maria had to lift me into it; I no longer knew where I was. How I felt every jolt on that bumpy road! We should never reach the end of it! On the market square the Sunday crowd stood head to head. “Povera Signora,” they murmured, “povera Signora,” contemplating my pain-distorted features with knowing pity. In the villa the wise woman was already coming out to meet me, Maria having sent her word. The two of them carried me pickaback up the short flight of stairs, and up there on the bed — I still had my hat on my head — the first cry of our second child rang out soon afterwards — our Inge Assunta! For she was a child of the Ascension!
»Sor Dottore, Sor Dottore«, hörte ich die Alte bald darauf schreien, »una bella, bella bimba.«
“Sor Dottore, Sor Dottore,” I heard the old woman shouting soon afterwards, “una bella, bella bimba.”
Konrad wollte es nicht glauben, das war ja gar nicht möglich. Und dann küßte er die winzigen Händchen: »Etwas so Süßes und Winziges gibt es ja gar nicht mehr.«
Konrad would not believe it; it simply was not possible. And then he kissed the tiny hands: “There is nothing else in the world so sweet and so tiny.”
Die Levatrice hatte über Land gemußt. In der Nacht mußte ein Arzt zugezogen werden. Ich wurde wie durch ein Wunder gerettet. Der Tod war vorbeigegangen. Darauf bezieht sich das Gedicht:
The levatrice had had to go out into the country. In the night a doctor had to be called in. I was saved as if by a miracle. Death had gone by. The poem refers to that:
Inge Assunta
Inge Assunta
Noch hör’ ich den schrillen Ton der Klingel. Es war in der Nacht, der schwarzen Nacht, Da du zu uns gekommen, Frühlingskind, Inge Assunta! Lenzorkane durchrasten die Welt Und sangen ihr altes, ihr Schicksalslied. In stürzenden Bächen klatschte der Regen Vom Sturme zersprüht an klirrende Scheiben. Im dunklen Garten zerflattert die Rosen, Die purpurnen, glühenden Liebesrosen, Doch du lagst bei mir, mein Frühlingskind, Inge Assunta. Da tönt er, der gelle Klingelton Wieder und wieder — im Lenzorkan. Als zum Öffnen man eilte, stand keiner draußen, Denn der draußen harrte und riß an der Schnur, Noch einmal ging er vorüber — noch einmal — Da du gekommen, Inge Assunta. — — — — — — — — — Noch hör’ ich den schrillen Ton der Klingel.
I hear it still, the shrill sound of the bell. It was in the night, the black night, when you came to us, child of spring, Inge Assunta! Hurricanes of spring raced through the world and sang their old song, their song of fate. In plunging streams the rain slapped, scattered by the storm, against rattling panes. In the dark garden the roses were torn apart, the purple, glowing roses of love, but you lay beside me, my child of spring, Inge Assunta. There it sounds, the shrill note of the bell, again and again — in the hurricane of spring. When they hurried to open, no one stood outside; for the one who waited outside and pulled at the cord went by once more — once more — when you came, Inge Assunta. — — — — — — — — — I hear it still, the shrill sound of the bell.
Das Neugeborene erwies sich als sehr energisch. Als es zuerst an die Brust gelegt wurde, biß es sich so fest, daß ich ohnmächtig wurde und von zwei Frauen gehalten werden mußte.
The newborn proved to be very energetic. When it was first put to the breast it bit on so hard that I fainted and had to be held up by two women.
So muß ein Raubtierjunges anbeißen!
That is how the young of a beast of prey must bite!
O du meine geliebte Inge! Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten!
O my beloved Inge! What means to become a hook bends itself in good time!
Lebensquellen
Springs of Life
Komm, bett’ an meine Brüste Dein rotblond Köpfchen an! Hier sind deine Lebensquellen, Sauge dich fest daran! Die winzigen Fäuste balle, Schüttle dein rundes Haupt, Das Trommelfell zersprenge Dem, der die Mutter raubt. Aus ihr ja sollst du schöpfen Dir Nahrung, Ruhe, Kraft Und Stolz und Mut fürs Leben, Feuer und Leidenschaft. Gleichst einst du im Geiste dem Vater, Wie heute schon im Blick, Dein Erbteil voll zu nützen, Ertrotze dir dein Geschick. Schon jetzt mach’s allen zum Trotze, Mein Liebstes, mein Nimmersatt, Saug’, bis auch den letzten Tropfen Mein Herz dir gegeben hat.
Come, bed your little red-blond head here against my breasts! Here are your springs of life, suck yourself fast to them! Clench the tiny fists, shake your round head, burst the eardrum of whoever robs you of your mother. For out of her you are to draw nourishment, rest, strength, and pride and courage for living, fire and passion. If one day you take after your father in spirit, as you already do today in the eyes, then, to use your inheritance to the full, defy the world into giving you your fate. Even now, do it in defiance of them all, my dearest, my never-satisfied one, suck, until my heart has given you the very last drop as well.
Eine Wiege hatten wir nicht, so legten wir’s im Zimmer in eine Schublade, im Garten in einen Reisekoffer. Es verfolgte uns dabei die stete Angst, der Koffer könne zuklappen und das Neugeborene ersticken.
We had no cradle, so we laid it in a drawer indoors and in a travelling trunk in the garden. We were pursued the whole time by the fear that the trunk might snap shut and suffocate the newborn.
Konrad umgab mich mit rührender Sorge, so daß die weise Frau eines Tages vertraulich fragte: »Scusi, ma — sono leggitimi?« (Sind Sie legitim verheiratet?)
Konrad surrounded me with such touching care that one day the wise woman asked confidentially: “Scusi, ma — sono leggitimi?” (Are you legitimately married?)
Ein schwerer Bronchialkatarrh befiel mich bald nach dem ersten Ausgang. Langsam nur konnte ich mich erholen! Dabei blühten unten im Garten die weißen Lilien zu Hunderten, und ihr schwerer Duft wogte durch die Lüfte. Abends durfte ich niemals in die feuchten Gärten. Das war mir ein wahrer Kummer. Denn die Glühwürmchen flammten darin zu Hunderttausenden. Es war eine Geburtsstätte wie geschaffen für ein Dichterkind.
A severe bronchial catarrh came upon me soon after my first outing. Only slowly could I recover! Meanwhile down in the garden the white lilies were flowering by the hundred, and their heavy scent surged through the air. In the evenings I was never allowed into the damp gardens. That was a real grief to me. For the glow-worms flamed there in their hundreds of thousands. It was a birthplace as if made for a poet's child.
Ich nähte ihm nun ein maigrünes Hütchen mit einem maigrünen Schleier. Und endlich, endlich konnten wir uns mit den zwei Kleinen auf die Reise nach Deutschland machen. Mit flott gehißten Windelfahnen verscheuchten wir manchen unerfahrenen Passagier.
I now sewed it a little May-green hat with a May-green veil. And at last, at last, we were able to set out with the two little ones on the journey to Germany. With nappy-flags briskly hoisted we scared off many an inexperienced passenger.
In Höckendorf erholte ich mich bald von den letzten Strapazen. Helga hatte dort schon zum zweitenmal ihr Italienisch verlernt und plauderte deutsch, als sie nach Rom zur Vecchia Maria zurückkehrte. Ich selber war in Höckendorf sehr fleißig an Schweinestudien für mein neues Kirkebild. Um sechs Uhr tutete der Schweinehirt durch das Dorf. Da öffneten sich alle Schweineställe, und ihre Bewohner liefen heraus und mit dem pommerschen Eumäos in den lichtgrünen Buchenwald. Auch ich folgte, mit Malzeug bewaffnet, viele Wochen hindurch seinen Spuren. Für Konrad eine unerschöpfliche Fundgrube von Neckereien!
At Höckendorf I soon recovered from the last exertions. Helga had by then unlearned her Italian for the second time and was chattering German when she went back to Vecchia Maria in Rome. I myself was very industrious at Höckendorf on pig studies for my new Circe picture. At six o'clock the swineherd blew his horn through the village. At that all the pigsties opened, and their inhabitants ran out and off with the Pomeranian Eumaeus into the light-green beech wood. I too followed in his tracks for many weeks together, armed with painting things. For Konrad an inexhaustible mine of teasing!
Als wir die Rückreise überstanden, gestaltete sich dieser Herbst und Winter ganz besonders schön. Gräfin Bülow hatte versprochen, uns am römischen Hof der Königin Margherita vorzustellen.
When we had got through the journey back, that autumn and winter turned out particularly lovely. Countess Bülow had promised to present us at the Roman court of Queen Margherita.
So schenkte mir Konrad zu Weihnacht eine prächtige Toilette: »Orangeseide in empire, mit schwarzem Pelzbesatz.«
So Konrad gave me a splendid gown for Christmas: “orange silk in the Empire style, with black fur trimming.”
Überhaupt unsere Weihnachtsfeste!
Our Christmases altogether!
Dieses aber wurde das schönste von allen. Wir waren beide große Altertümerfreunde. Und diesmal hatten wir uns darin selber übertroffen. Geradezu wunderbare Dinge hatten wir füreinander aufgetrieben. Unser beider Entzücken kannte darum auch keine Grenzen. Und einen wirklichen echten, großen deutschen Christbaum hatten wir gefunden! Daran hingen hundert Goldorangen und strahlten hundert Wachskerzen. Helga streckte, zum erstenmal erkenntnisvoll jubelnd, die Ärmchen danach. Inge Assunta tränkte ich unter dem Baum. Noch immer saugte sie mit ganz ungewöhnlicher Energie. Dann wurden die Kinder zu Bett gebracht, und Konrad las mir vom Schönsten und Liebsten, das er wußte und kannte. Er las sehr gut, trotzdem seine Stimme durch die Krankheit rauh und brüchig geworden war. Wir tranken unsern Punsch, knabberten am erlesensten Weihnachtskonfekt. Es war so warm und hell, drinnen und draußen. Und vor uns lag das goldenreiche Leben — eine Zukunft voller Ruhm und Liebe!
This one, though, was the loveliest of them all. We were both great lovers of antiques. And this time we had outdone ourselves at it. We had hunted out downright wonderful things for each other. The delight of us both accordingly knew no bounds. And we had found a real, genuine, big German Christmas tree! On it hung a hundred golden oranges, and a hundred wax candles shone. Helga, jubilant with recognition for the first time, stretched her little arms out towards it. Inge Assunta I nursed under the tree. She still sucked with quite unusual energy. Then the children were put to bed, and Konrad read me the loveliest and dearest things he knew. He read very well, although his voice had grown rough and broken with the illness. We drank our punch and nibbled at the choicest Christmas sweets. It was so warm and bright, indoors and out. And before us lay the golden-rich life — a future full of fame and love!