The Novel of My Life ›Hurrying — Erring — Seeking — Striving
Chapter 13 · side by sideHurrying — Erring — Seeking — StrivingHASTEN — IRREN — SUCHEN — STREBEN
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Ich hielt einen Requiemvortrag für Konrad Telmann im Hotel de Rome. In der Pause erhielt ich die Todesnachricht meiner Mutter. Sie war schon längere Zeit krank gewesen an einem Leiden, das mit Blinddarmentzündung beginnend sich zu einem chronischen Magenleiden ausbildete und als bösartigster Magenkrebs endigte. Sie starb in der Klinik in Heidelberg, ich habe sie leider nach meiner Rückkehr nach Deutschland nur einmal gesehen. Sie hat meinen Vater nicht lange überlebt. Nach dessen Tod war sie mit meiner Schwester, die sich nicht verheiratet hatte, nach Wiesbaden gezogen. Diese hatte also keinen passenden Gatten gefunden, obwohl sie sehr hübsch war. Im Geheimen gab sie wohl meiner Künstlerschaft die Schuld hieran und den »unvornehmen Plakaten« einer großen Preuschen-Ausstellung in Darmstadt, bald nach meiner Verheiratung mit Telmann. Sie lebt nun mit dem vom Vater und vom Onkel in Wiesbaden Ererbten, gibt außerdem Klavierunterricht und unternimmt jährliche Vetternreisen. —
I gave a requiem lecture for Konrad Telmann at the Hotel de Rome. In the interval I received the news of my mother's death. She had been ill for some time with a complaint that began as appendicitis, developed into a chronic stomach trouble and ended as the most malignant cancer of the stomach. She died in the clinic at Heidelberg; after my return to Germany I saw her, sadly, only once. She did not survive my father long. After his death she had moved with my sister, who had not married, to Wiesbaden. So my sister had found no suitable husband, although she was very pretty. In secret she probably blamed my career as an artist for it, and the “vulgar posters” of a large Preuschen exhibition in Darmstadt soon after my marriage to Telmann. She now lives on what she inherited from our father and from our uncle in Wiesbaden, gives piano lessons besides, and undertakes annual rounds of visits to cousins. —
Ich lernte nun endlich die Herausgeberin von »Haus zu Haus«, Anny Mahn-Wothe, persönlich kennen. Konrad und ich waren jahrelange Mitarbeiter gewesen. Jetzt entspann sich bald ein reger Verkehr zwischen mir und dem Hause Mahn, das ein anregender, geselliger Mittelpunkt von Leipzig geworden war. Viele interessante Persönlichkeiten lernte ich dort kennen. Der Komponist Paul Umlauff vertonte viele Lieder von Konrad Telmann und mir. Ich sprach viel melodramatisch mit ihm. Später wurde ich auch Preisrichter mit dem alten Dichter Gottschall über neunhundert poetische Preisrätsel, was ganz unterhaltsam war. Durch das Blatt lernte ich den Dichter Eugen Stangen kennen, es entspann sich eine Brieffreundschaft. Mir gefielen seine Briefe sehr gut, solange ich glaubte, daß sie nur mir galten. Er sollte endlich nach Grunewald kommen, mich persönlich aufzusuchen. Es klingelt, ich öffne, und ein dicker, pausbäckiger Riese stürzt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich flüchte bis in den hintersten Winkel. Nachdem aber die erste unliebsame Überraschung überwunden, sind wir ganz gute Freunde geworden — bis nach zwölf Jahren ein Nichts diese Freundschaft zerriß. Da erwies es sich, wie wenig echt sie doch wohl gewesen ist. Aber damals war »Genio« ein häufiger Gast in meinem Haus; die Kinder liebten ihn, und die »alte Dame« fürchtete stets, ich werde ihn heiraten.
I now at last came to know the editor of “Haus zu Haus,” Anny Mahn-Wothe, in person. Konrad and I had been contributors for years. A lively traffic soon sprang up between me and the Mahn household, which had become a stimulating and sociable centre of Leipzig. I met many interesting people there. The composer Paul Umlauff set many songs of Konrad Telmann's and of mine. I performed a great deal of melodrama with him. Later I was also a judge, together with the old poet Gottschall, over nine hundred poetic prize riddles, which was quite entertaining. Through the paper I came to know the poet Eugen Stangen, and a friendship by letter sprang up. I liked his letters very much, as long as I believed that they were meant for me alone. He was finally to come out to Grunewald to look me up in person. The bell rings, I open the door, and a fat, chubby-cheeked giant hurls himself at me with outspread arms. I flee to the furthest corner. But once the first unwelcome surprise had been got over, we became quite good friends — until after twelve years a nothing tore that friendship apart. It then became clear how little genuine it can have been. But in those days “Genio” was a frequent guest in my house; the children loved him, and the “old lady” was always afraid I would marry him.
Jedenfalls gab er mir viel lyrische Anregung, und ich ihm noch mehr. Er war ein starkes Talent. — Daß ich ihn durch ein Nichts verlieren konnte, ist mir trotz allem merkwürdig.
At all events he gave me much lyrical stimulus, and I gave him still more. He was a strong talent. — That I could lose him through a nothing still seems to me strange, in spite of everything.
Ich hatte in der Wißmannstraße Schülerinnen angenommen. Das war ein schöner Verdienst. Sie erwiesen sich aber jetzt als eine Unmöglichkeit für mich, trotzdem ich seinerzeit in München während meiner »Ehetragödie« eine starke und sichere Einnahme durch sie bezogen hatte. Aber meine Individualität war im Laufe der Jahre allzu selbständig geworden, und ich konnte die Schülerinnen, die sklavisch mir jede Eigenart als »Mätzchen« ablauschten, einfach nicht aushalten; sie nahmen mir die Freude am eigenen Schaffen, das mir dadurch geradezu verekelt wurde. Eines Morgens trete ich in den Vorraum meines schönen Kuppelateliers, in dem die vier Staffeleien meiner Schülerinnen standen. Da entdecke ich Inge, eifrig damit beschäftigt, mit einem spitzen Nagel das mühevolle Werk des vergangenen Tages zu zerstören. Auf meine entsetzte Frage, wie sie sich unterstehen könne und was denn das zu bedeuten habe, erklärt sie lakonisch: »Es ist ja zu scheußlich, was die gemalt haben.«
In the Wißmannstraße I had taken on women pupils. It was a nice income. But they now proved an impossibility for me, although in Munich in my day, during my “marriage tragedy,” I had drawn a strong and dependable income from them. But my individuality had grown far too independent over the years, and I simply could not endure the pupils, who slavishly picked up every peculiarity of mine as a “trick”; they took from me the joy of my own work, which was positively spoiled for me by it. One morning I step into the anteroom of my beautiful domed studio, in which my pupils' four easels stood. And there I discover Inge, busily engaged in destroying the previous day's laborious work with a sharp nail. To my horrified question, how she could dare, and what this was supposed to mean, she explains laconically: “But it is too hideous, what they have painted.”
Dieselbe Inge erwiderte auch im Sommer ihrer Großmutter auf deren Bemerkung, daß sie ein kleines Ferkelchen sei: »Dann bist du also die alte Sau.« — Sie war äußerst schlagfertig, die kleine Inge. — Übrigens sollte sie endlich getauft werden, nachdem dies bei Helga ein paar Jahre früher von meiner Mutter heimlich besorgt worden war. Gleich nach meiner Übersiedelung, bei einem Besuch bei der Großmutter — ich war einen Tag lang abwesend. Eigentlich war ich empört, denn Konrad hatte einst geschrieben:
The same Inge also answered her grandmother in the summer, when the old lady remarked that she was a little piglet: “Then you must be the old sow.” — She was extremely quick, little Inge. — She was, by the way, at last to be baptised, this having been seen to secretly in Helga's case a few years earlier by my mother. Just after my move, during a visit to her grandmother — I was away for one day. I was really indignant about it, for Konrad had once written:
»Nein, es soll nicht mit geweihtem Wasser Dir ein Priester deine Stirn besprengen, Daß sie einst dich, wie die blinden Hasser, Andersgläubig verdammen.«
“No, no priest shall sprinkle your forehead with consecrated water, so that they may one day damn you, like the blind haters, for believing otherwise.”
Meine Kusine, Baronin Buttlar, die Tochter meines Onkels, General von Fransecky, bei dem ich in frühester Jugend so eindrucksreiche Zeiten in Straßburg verlebt hatte, bedrängte mich so hart ob der »kleinen Heidin«. Da ließ ich sie gewähren, denn ich sagte mir, daß das Kind ja später doch seine innere Freiheit und Entscheidungsmöglichkeit behalten könne und daß die Taufe jetzt die Kinder nur vor allzu frühen Schulkonflikten bewahre.
My cousin, Baroness Buttlar, the daughter of my uncle General von Fransecky, with whom I had spent such eventful times in Strasbourg in my earliest youth, pressed me so hard about the “little heathen.” So I let her have her way, for I told myself that the child could still keep her inner freedom and her power of decision later on, and that baptism now would only save the children from conflicts at school too early in life.
So wurde denn alles zum heiligen Akt vorbereitet.
So everything was prepared for the sacred act.
Aber wir hatten die Rechnung ohne Inge gemacht. Als das Wasser ihren Kopf berührte, lief sie schreiend davon. Wie ein Wiesel lief sie und versteckte sich im hintersten Kirchenwinkel. Nur mit Gewalt konnte der Taufakt vollzogen werden. Damals war mir dies sehr peinlich. Jetzt lächle ich darüber. Und geht es uns nicht so mit den meisten Dingen im Leben, die uns empören, entsetzen, verwirren? Wir gewinnen die Distanz davon, und es bleibt uns nur ein Lächeln.
But we had reckoned without Inge. When the water touched her head she ran off screaming. She ran like a weasel and hid in the furthest corner of the church. Only by force could the act of baptism be completed. At the time I found it extremely embarrassing. Now I smile at it. And is it not so with most of the things in life that outrage us, appal us, bewilder us? We gain our distance from them, and all that is left to us is a smile.