The Novel of My Life ›A Transaction — “Gloria”

Chapter 16 · side by sideA Transaction — “Gloria”EINE TRANSAKTION — »GLORIA«

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Deutsch — 1926English

Wieder zurückgekehrt, erhielt ich eines Tages den Brief eines »Bewunderers meiner Kunst« mit der Bitte, mein Atelier besuchen zu dürfen. Dann kam der Schreiber, ein Herr mit den Manieren eines Weltmannes, Otto B. Er war Anfang Vierzig, mit leicht angegrautem Haar, schönen, meist gesenkten Polenaugen, Pariser Schuhen und englischen Anzügen. Er sprach sechs Sprachen wie ich, war weitgereist und umgeben vom Nimbus des Geheimnisvollen. Er erzählte z.B. von großen überseeischen Transaktionen und wie viele Millionen er schon verloren und gewonnen und wieder verloren habe. — Bald kam er öfter, immer mit irgendeiner zarten Aufmerksamkeit. Ich malte gerade an meinem Bild »Gloria«. Die Ruhmesgöttin in einem Lorbeerhain reckt sich nach den blühenden Stämmen, die andere Hand hält einen üppigen Zweig Hunderten von ausgereckten Händen entgegen: bleichen, nervösen Künstlerhänden, breiten, zupackenden Erobererfäusten, zarten, weichen, ringenden Frauenhänden, Händen der Askese, Händen der Wollust — Händen, die auf den verschiedensten Wegen den Ruhm zu erhaschen glauben. Blutend, durch Dornen, recken sie sich danach empor. Wie viele vergebens! — »Nimm den Lorbeer, wenn du’s kannst und wagst« ist das Motto des Bildes. Am Ausdruck der »Gloria« hatte B. manches auszusetzen, brachte mir Photographien von Augen, die ihm geeigneter schienen — kurz, er suchte in all meine Interessen einzudringen. Bald sprachen wir nur noch französisch, englisch oder italienisch zusammen. Diese Sprachen beherrschte er von Grund aus. Das Sprachtalent der Polen!

Back home again, I one day received a letter from an “admirer of my art,” asking to be allowed to visit my studio. Then the writer came, a gentleman with the manners of a man of the world, Otto B. He was in his early forties, with slightly greying hair, beautiful Polish eyes that were usually lowered, Paris shoes and English suits. He spoke six languages, as I do, was widely travelled and surrounded with the nimbus of the mysterious. He told me, for instance, of great overseas transactions, and of how many millions he had already lost and won and lost again. — Soon he came more often, always with some delicate attention. I was just then painting my picture “Gloria.” The goddess of fame, in a grove of laurels, stretches up towards the flowering trunks; her other hand holds out a luxuriant branch towards hundreds of outstretched hands: pale, nervous artists' hands, broad, seizing conquerors' fists, delicate, soft, wrestling women's hands, hands of asceticism, hands of voluptuousness — hands that believe they can snatch at fame by the most various roads. Bleeding, through thorns, they stretch up towards it. How many in vain! — “Take the laurel, if you can and dare” is the motto of the picture. With the expression of the “Gloria” B. found a good deal to criticise, and brought me photographs of eyes that seemed to him more suitable — in short, he tried to penetrate into all my interests. Soon we spoke only French, English or Italian together. He had a thorough command of those languages. The linguistic gift of the Poles!

Er erzählte mir, sein Vater, ein preußischer Rittmeister a. D., habe mit seiner zweiten Frau eine eigene Villa in Lichterfelde. Diese Stiefmutter habe ihn mit seinem zärtlich geliebten Vater entzweit. Er besuche nur noch heimlich, nachts, den Garten des Verehrten, um einmal die gleiche Luft mit ihm zu atmen. Es war sehr schön und rührselig. Er sei seines Berufes Ingenieur, in einer Flugwerkzeugfabrik mit großem Gehalt angestellt, habe schon viele patentierte Erfindungen und Verbesserungen veranlaßt. Nach einigen Wochen, in denen er sich zum Hausfreund emporgearbeitet hatte, fragte er mich, ob ich ihn nicht heiraten wolle und könne. Es kam mir überraschend, und ich kämpfte einen schweren Kampf, schließlich sagte ich ja. Zwar hatte ich keine Leidenschaft für ihn, aber er schien sehr gebildet und mir durchaus sympathisch. Schließlich hatte ihn mir mein Toter vielleicht geschickt, um meine seelische Not zu lindern. — Nun waren wir also verlobt. Aber merkwürdig: von dem Tage an hörten seine Blumen und Aufmerksamkeiten auf. —

He told me that his father, a retired Prussian cavalry captain, had a villa of his own in Lichterfelde with his second wife. This stepmother had set him at odds with the father he tenderly loved. He now only visited the revered man's garden in secret, at night, to breathe the same air with him just once. It was very beautiful and affecting. He was an engineer by profession, employed at a large salary in a factory for flying-machines, and had already brought about many patented inventions and improvements. After a few weeks, in which he had worked his way up to being a friend of the house, he asked me whether I would not and could not marry him. It came as a surprise to me, and I fought a hard fight; in the end I said yes. I had no passion for him, it is true, but he seemed very cultivated and thoroughly congenial to me. After all, perhaps my dead husband had sent him to me to ease my distress of soul. — So now we were engaged. But, strangely: from that day on his flowers and attentions ceased. —

Maria Janitschek, die damals in Berlin lebte und öfter zu mir kam, war entzückt von ihm und sagte, sie könne mich beneiden. Eines Tages — er kam nun jeden Abend von sechs bis zehn Uhr — schien er sehr bedrückt und verstimmt. Auf meine Frage, was er habe, wollte er erst nicht Rede stehen, schließlich gestand er mir, ein Freund habe ihm ein glänzendes Wertpapier angeboten, das er notgedrungen zum halben Preis verkaufen müsse, aber er könne das Geschäft nicht machen, da er momentan die dazu erforderlichen zwölfhundert Mark nicht besitze. Ich sagte ihm, ich wolle mir überlegen, ob ich sie ihm nicht geben könne. Das machte ihn sichtlich heiterer. Andern Tages händigte ich ihm das Geld ein und bat um Quittung. In vierzehn Tagen sollte es sich schon verdoppelt haben. Aber der erste Juli kam, und die »Verdoppelung« wurde auf den ersten August verschoben. B. war stets sehr unangenehm berührt durch meine vielen Fragen und mein Befremden, daß er mir noch immer keine Quittung ausgehändigt habe. Er hatte sie stets vergessen, aber bei sich zu Hause wohlverwahrt. —

Maria Janitschek, who was living in Berlin at the time and often came to see me, was enchanted with him and said she could envy me. One day — he now came every evening from six until ten — he seemed very depressed and out of sorts. When I asked what was the matter he would not answer at first; at length he confessed that a friend had offered him a brilliant security which he was obliged to sell at half price, but that he could not do the business, since at the moment he did not have the twelve hundred marks required for it. I told him I would consider whether I could not let him have them. That made him visibly more cheerful. The next day I handed him the money and asked for a receipt. In a fortnight it was to have doubled. But the first of July came, and the “doubling” was postponed to the first of August. B. was always very disagreeably affected by my many questions, and by my surprise that he had still not handed me a receipt. He had always forgotten it, but it was safely kept at his home. —

Es war sehr heiß, die Kinder waren in Höckendorf bei der alten Dame, und ich beschloß, ans Meer nach Sylt zu gehen. B. wollte nach Grünau, wo er angeblich ein Boot besaß. Am Vorabend meiner Abreise lief er nochmals Sturm auf mein gutes Herz. Aber er fing es falsch an. — Die Freundin seines Freundes müßte wegen lumpiger paar hundert Mark ihren Brillantschmuck versetzen. Aber das brachte mich nicht dazu, ihm genau die Summe, die mein Reisegeld ausmachte, dafür zu übergeben. Unser Abschied war sehr kühl. Er schrieb dann, daß er sich das Leben nehmen müsse: sein Freund sei mit meinem Geld und dem Papier verschwunden. Oder so ähnlich. — Ich erkannte, daß sich ein Hochstapler in mein Vertrauen geschlichen hatte, übergab die Sache dem Gericht und schrieb an seinen Vater nach Lichterfelde. Der existierte wirklich und antwortete postwendend, daß er seit Jahrzehnten seinen Sohn wegen unehrenhafter Handlungen verstoßen habe. Der Sohn leistete dann den Offenbarungseid. Ich habe das Geld nie wiedergesehen. Er selber kam noch einmal und suchte mich mit neuen Lügen zu umstricken — ich wies ihm die Tür und zeigte ihm meine Verachtung. Aufgeheitert hat mich diese Episode nicht. Aber nach Jahren habe ich den Schwindler in meinem Roman »Yoshivara« als »Mädchenhändler« abgemalt. Er ist noch viel zu gut dabei fortgekommen. — Schließlich ist es für den Künstler der ganze Gewinn all seiner bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen, daß sie ihm Stoffe geben. Stoffe und Modelle, teuer bezahlt!

It was very hot, the children were at Höckendorf with the old lady, and I decided to go to the sea, to Sylt. B. wanted to go to Grünau, where he supposedly owned a boat. On the eve of my departure he stormed my good heart once again. But he set about it wrongly. — His friend's mistress, he said, would have to pawn her diamonds over a paltry few hundred marks. But that did not bring me to hand him over precisely the sum that made up my travelling money. Our parting was very cool. He then wrote that he must take his own life: his friend had disappeared with my money and the security. Or something of that kind. — I recognised that a swindler had crept into my confidence, put the matter into the hands of the court, and wrote to his father at Lichterfelde. He really did exist, and answered by return that he had cast his son off decades ago for dishonourable actions. The son then swore the oath of disclosure. I never saw the money again. He himself came once more and tried to ensnare me with fresh lies — I showed him the door and showed him my contempt. This episode did not cheer me up. But years later I painted the swindler in my novel “Yoshivara” as the “trafficker in girls.” He came out of it far too well even so. — In the end, the whole gain an artist has from all their bitter experiences and disappointments is that these give them material. Material and models, dearly paid for!

In Sylt hatte ich einen böhmischen Studenten der Theologie kennengelernt, der wie alle Böhmen sehr musikalisch, dazu ein interessanter Wirrkopf war. — Das Zusammensein mit ihm hatte mich etwas von meiner Verstimmung abgelenkt. Dieser, Ludwig L., sollte später noch unangenehm in mein Leben eingreifen.

On Sylt I had come to know a Bohemian student of theology who, like all Bohemians, was very musical, and an interesting muddle-head besides. — Being with him had distracted me a little from my low spirits. This man, Ludwig L., was later to intervene unpleasantly in my life.