The Novel of My Life ›Munich Exhibition — Switzerland — Spain — Portugal — Madeira — Johanna

Chapter 24 · side by sideMunich Exhibition — Switzerland — Spain — Portugal — Madeira — JohannaMÜNCHNER AUSSTELLUNG — SCHWEIZ — SPANIEN — PORTUGAL — MADEIRA — JOHANNA

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Deutsch — 1926English

Im nächsten Sommer fuhr ich mit Helene von Monbart (Hans von Kahlenberg) oder, wie sie in der Familie genannt wurde, mit »Stilzchen«, nach einer »Extraktschweiz«. Wir suchten uns so ziemlich das Herrlichste aus: Rhonegletscher, Eggishorn mit Marjelensee, Chamounix, Gornergrat. —

The next summer I travelled with Helene von Monbart (Hans von Kahlenberg), or, as she was called in the family, with “Stilzchen,” on an “essence-of-Switzerland.” We picked out pretty well the most magnificent of it: the Rhône glacier, the Eggishorn with the Märjelensee, Chamonix, the Gornergrat. —

Ich hatte gerade eine große Münchner Ausstellung in den Kaimsälen hinter mir, bei der ihr Direktor, Baron Aufseß, als »Stimmungsmacher« an jedem Nachmittag Wagner spielte. Die Ausstellung war vom Prinzen Ludwig, dem späteren König (mir gütig vom Prinzregenten als Stellvertreter gesandt) quasi eröffnet und hatte einen großen Erfolg gehabt. So groß, daß mein einstiger Lehrer Ferdinand Keller (den ich in seiner Villa am Starnberger See aufsuchte) darüber ganz gereizt spottete.

I had just put behind me a great Munich exhibition in the Kaim Halls, at which their director, Baron Aufsess, played Wagner every afternoon as a “mood-maker.” The exhibition had been quasi-opened by Prince Ludwig, the later king (kindly sent to me by the Prince Regent as his deputy), and had had a great success. So great that my one-time teacher Ferdinand Keller (whom I visited in his villa on the Starnberger See) mocked at it quite testily.

Johanna war für solche Ausstellung als Sekretärin sehr gut zu gebrauchen. Der guten Seele hatten meine Münchner Erfolge ordentlich den Kopf verdreht. —

Johanna was very useful as a secretary for an exhibition of that kind. My Munich successes had thoroughly turned the good soul's head. —

Nach vier Wochen Schweiz komme ich morgens früh sehr erfrischt von der Reise, doch ermüdet von der Nachtfahrt, in den Waldfrieden zurück und bitte Johanna, mir etwas zu essen zu bringen, ich war völlig ausgehungert. Sie entfernt sich eiligen Schrittes nach der Küche, es dauert aber so lange, bis sie wieder kommt, daß ich das Büfett mustere und drei bis vier kleine weiß und rosa Kekse aus dem silbernen Kuchenkorb, in den sie stets hineingelegt wurden, aufzuknabbern beginne. Doch sie schmecken so bitter, daß ich nach den vier Stücken nicht weiter esse. Endlich, als die treue Johanna mit einem Imbiß erscheint, frage ich: »Woher haben Sie die Kekse?« — »Haben denn Frau Baronin die nicht selber gekauft? Sie standen im Korridor, in einer kleinen Schachtel.«

After four weeks of Switzerland I come back to the Waldfrieden early one morning, much refreshed by the journey but tired out by the night train, and ask Johanna to bring me something to eat, I was utterly famished. She goes off towards the kitchen at a hurried step, but it takes her so long to come back that I look over the sideboard and begin to nibble up three or four little white and pink biscuits out of the silver cake-basket they were always put into. But they taste so bitter that after the four pieces I eat no more. At last, when faithful Johanna appears with a snack, I ask: “Where did you get the biscuits?” — “Did the Baroness not buy them herself? They were standing in the corridor, in a little box.”

»Da wird’s wohl Rattengift gewesen sein, das Frau Kwiet dorthin gestellt hat — ich habe diese Kekse nicht gekauft. Gehen Sie sofort hinauf zu fragen.«

“Then it will have been rat poison that Frau Kwiet put there — I did not buy those biscuits. Go up at once and ask.”

Johanna geht tiefempört ab.

Johanna exits deeply affronted.

Nach einigen Minuten kommt sie sehr kleinlaut zurück: »Es ist Rattengift!«

After some minutes she comes back very sheepish: “It is rat poison!”

Das war nach meiner Rückkehr die erste Unschuldstat ihrer treuen Seele.

That was, after my return, the first deed of innocence of her faithful soul.

Mir wurde bald sehr schlecht zumute, und ich ließ den Arzt kommen. Der machte ein bedenkliches Gesicht. »Strychnin und vier Kekse! An zweien davon ist neulich ein zwölfjähriges Kind gestorben.«

I soon felt very ill, and had the doctor sent for. He made a grave face. “Strychnine, and four biscuits! A twelve-year-old child died recently on two of them.”

Ich war drei Wochen krank, konnte nichts vertragen und verdauen, war bettlägerig und in ärztlicher Behandlung.

I was ill for three weeks, could keep nothing down and digest nothing, was bedridden and under a doctor's care.

Danach wurde ich wieder gesund, und der Arzt gratulierte mir zu meiner Bärennatur. —

After that I got well again, and the doctor congratulated me on my bear's constitution. —

Mit einer einzigen Bewohnerin von Schmargendorf hatte ich Freundschaft geschlossen, mit der bekannten Nietzschefreundin Lou Andreas-Salomé. Sie kam sehr oft zu mir, hatte auch für Klein-Inge eine große Liebe und beobachtete sie bei ihrem stillen Spiel in einem Atelierwinkel, brachte ihr auch russische Bilderbücher und Eskimopuppen. Eigentlich glaube ich jetzt, daß ich ihr eine Art Probierkaninchen war für die Leiden der weiblichen Psyche und Physis. Ich lernte sehr viel von ihr. Leider bekam ihr Mann einen Ruf nach Göttingen — ich habe sie nie wieder gesehen. Aber damals freute sie sich, wie sie stets sagte, an meiner »hanebüchenen Echtheit« — im Gegensatz zu allem Perversen des modernen Lebens.

With one single inhabitant of Schmargendorf I had struck up a friendship, with the well-known friend of Nietzsche, Lou Andreas-Salomé. She came to me very often, had a great love for little Inge too and would watch her at her quiet play in a corner of the studio, brought her Russian picture-books and Eskimo dolls as well. Actually I now believe that I was a kind of test-rabbit to her for the sufferings of the female psyche and physis. I learned a very great deal from her. Unfortunately her husband received a call to Göttingen — I never saw her again. But in those days she took pleasure, as she always said, in my “preposterous genuineness” — as against everything perverse in modern life.

Und dann fuhr ich wieder mit »Stilzchen« auf einem Frachtdampfer nach Lissabon. Von dort bereisten wir Portugal. Danach Spanien. In Granada feierten wir Weihnachten. Es war so kalt, daß am Brunnen des Löwenhofes in der Alhambra vierzehn Tage lang die Eiszapfen hingen. Aber die Alhambra begeisterte mich so sehr, daß ich mir vornahm, baldmöglichst im Sommer hinzukommen und zu malen.

And then I travelled again with “Stilzchen,” on a freight steamer, to Lisbon. From there we journeyed through Portugal. After that Spain. In Granada we kept Christmas. It was so cold that on the fountain of the Court of the Lions in the Alhambra the icicles hung for a fortnight. But the Alhambra so enraptured me that I resolved to come there in summer as soon as I could, and paint.

Wenn die Granaten blühen, ist’s ja in Granada am schönsten! Bis heute hab’ ich diesen Plan nicht ausgeführt, es kam stets etwas anderes dazwischen. Aber ich schwelgte in Spaniens Landschaften und Kunstschätzen. Lästig war mir nur, wenn ich abends todmüde nach Hause kam, das Konversationmachen und Geistreich-sein-müssen.

When the pomegranates are in flower, Granada is at its loveliest! To this day I have not carried that plan out, something always came in between. But I revelled in Spain's landscapes and art treasures. The only tiresome thing, when I came home dead tired in the evening, was the making of conversation and the having-to-be-witty.

Darnach fuhr ich noch nach Madeira, wo ich zwei berauschend schöne Frühlingsmonate verlebte. Die erste Nachricht, die ich dort vorfand, war die wenig erfreuliche Kunde, daß von meinen Bildern, die von einer großen, ziemlich viel Aufsehen erregenden Sonderausstellung bei Blanch in Stockholm zurückgekommen waren, fünf große Kisten mit monumentalen Rahmen abhanden gekommen waren. Es war eine sehr beträchtliche Schädigung von Tausenden: die Rahmen haben sich trotz jahrelanger eifrigster Nachforschung niemals wiedergefunden, waren wie vom Erdboden verschluckt. Ich muß seither die großen Bilder nur mit jämmerlichen Ersatzrahmen oder richtiger: mit Rahmenersatz ausstellen, was ihre Wirkung stark vermindert. —

After that I went on to Madeira, where I spent two intoxicatingly beautiful spring months. The first news I found waiting there was the far from cheering word that, of my pictures which had come back from a large and rather sensational special exhibition at Blanch's in Stockholm, five great crates of monumental frames had gone missing. It was a very considerable loss of thousands: despite years of the most eager enquiry the frames were never found again, were as if swallowed by the earth. Ever since, I have had to exhibit the large pictures only in miserable substitute frames, or more correctly: in frame-substitutes, which greatly diminishes their effect. —

Vor der Abreise hatte ich Johanna zweihundert Mark für meine letzte Rahmenrechnung für kleinere Studien und dreißig Mark für die Feuerversicherung gegeben.

Before my departure I had given Johanna two hundred marks for my last framing bill for smaller studies, and thirty marks for the fire insurance.

Eines Tages werde ich sehr unsanft durch einen Brief der Frau Kwiet vom »Waldfrieden« aus meinem Madeirarausch aufgeweckt.

One day I am very roughly woken out of my Madeira intoxication by a letter from Frau Kwiet at the “Waldfrieden.”

»Nein, das konnte ich Ihnen doch nicht antun, Ihre herrlichen Sachen, im Wert von über zweitausend Mark, wegen der zweihundert Mark Rahmengeld pfänden und verschleudern zu lassen. — Ihr großer persischer Teppich, der venetianische Kronleuchter und das Pianino! Die Käufer waren schon versammelt, Milchfrau, Briefträger und so weiter. Der Exekutor sagte gerade: »zum dritten- und letztenmal«, da brachte ich ihm die zweihundert Mark für den Rahmenmacher, die ich mir verschafft hatte. Johanna hat nämlich ihrer Freundin Dina das Geld gegeben.« —

“No, I really could not do that to you, to let your glorious things, worth over two thousand marks, be distrained and knocked down for the sake of the two hundred marks of frame money. — Your great Persian carpet, the Venetian chandelier and the little piano! The buyers were already assembled, the milkwoman, the postman and so on. The bailiff was just saying: ‘for the third and last time,' when I brought him the two hundred marks for the frame-maker, which I had got hold of. For Johanna, you see, had given the money to her friend Dina.” —

Die gute Seele tat in der besten und lautersten Absicht vieles, was schlimm hätte auslaufen können.

The good soul did many a thing, in the best and purest intention, that might have ended badly.

Nur mühsam kam ich wieder in die alte Reise- und Arbeitsstimmung auf Madeira zurück. Ich machte dann noch Ausflüge ins Innere, nach Gran Curral und Rabaçol, die mir einzigartig in der Erinnerung stehen. Rabaçol zwischen Riesenwänden, die nur einen Eingang durch einen natürlichen Felsentunnel haben. Ein Gebirgstal mit nichts anderem als blühenden Lorbeerhängen und hundert Arten Farnen in Bäumen und Stauden. Ungefähr fünfzig riesige Wasserfälle stürzen mit wilder Wucht in diesen Felsenkessel von den himmelhohen Wänden. Und das Ganze leuchtend grün, schäumend und brausend. Eine Landschaft wie von einem anderen Stern.

Only with difficulty did I get back into the old travelling and working mood on Madeira. I then made further excursions into the interior, to Gran Curral and Rabaçal, which stand unique in my memory. Rabaçal between giant walls that have only one entrance, through a natural tunnel in the rock. A mountain valley with nothing in it but flowering laurel slopes and a hundred kinds of fern, in trees and in shrubs. Some fifty huge waterfalls plunge with wild force into this rock cauldron from the sky-high walls. And the whole of it a shining green, foaming and roaring. A landscape as if from another star.

Auf dem Rückweg malte ich dann noch ein paar Wochen in Cintra bei Lissabon, in den herrlichen Parks von Monserrat und Penha verte. —

On the way back I painted for a few weeks more in Cintra near Lisbon, in the magnificent parks of Monserrate and Penha Verde. —

Als ich wieder in die Heimat kam, begrüßte mich Johanna freudig. Sie hatte Dina auch Bettzeug und Silber geliehen. Nur mit den größten Schwierigkeiten erhielt ich es zurück. —

When I came home again, Johanna greeted me joyfully. She had lent Dina the bed linen and the silver as well. Only with the greatest difficulty did I get them back. —