The Novel of My Life ›The Incubator

Chapter 25 · side by sideThe IncubatorDIE BRUTMASCHINE

← Back to the annotated English, with the notes

Deutsch — 1926English

Eines Tages las ich einen Roman von H. M. Ich las ihn wieder und wieder — ich war völlig berauscht davon, ich kannte bald die schönsten Stellen auswendig. Und ich glaubte, meiner eigenen Wesenheit nach, der Mensch, der das geschrieben, müsse mein Freund werden und sein. Das sei der einzige Mensch auf der weiten Welt, der sich hierzu eigne.

One day I read a novel by H. M. I read it again and again — I was utterly intoxicated by it, I soon knew the loveliest passages by heart. And I believed, according to my own nature, that the man who had written that must become and be my friend. That he was the one man in the wide world fitted for it.

Ich schrieb ihm in diesem Sinne. Der Schriftsteller war sehr geschmeichelt. Seiner Eitelkeit tat diese bedingungslose Bewunderung einer verständnisvollen Frauenseele wohl; er schrieb mir wieder, längere und immer längere Briefe. Manchmal kopierte er mir ganze Kapitel aus seinem neuen Roman. Oder er schickte mir Novellen im Manuskript. In der einen schwelgte ich geradezu. Wie war dort Italien verstanden, mit wenigen Strichen der Extrakt einer Landschaft wiedergegeben. Ich erinnere mich z. B., daß er die weichen Höhenzüge um Florenz mit den Schwellungen eines Frauenbusens vergleicht. — Ja, ich nahm alles im Stil und in der Phantasie, im ganzen Schaffen des H. M., für höchste persönliche Eigenart, für die tiefsten Äußerungen des ganzen Menschen. Und war doch nur die Mache eines genial Dekadenten — ohne eine Spur von persönlichem, innerstem Menschenwert. Welche Schmerzen aber sollte mich diese Erkenntnis kosten! Wenn ich heut an jene Zeit zurückdenke, begreif’ ich’s gar nicht mehr, wie ich so töricht gläubig und so kinderblind sein konnte nach all meinen schweren Erfahrungen! Ach — es ist ja kein Verbrechen, einen Homunkulus ernst zu nehmen — aber wieviel bittere Tränen hat es mir gebracht.

I wrote to him to that effect. The writer was much flattered. This unconditional admiration from an understanding woman's soul did his vanity good; he wrote back to me, longer and ever longer letters. Sometimes he copied out whole chapters of his new novel for me. Or he sent me novellas in manuscript. In one of them I positively revelled. How Italy was understood there, the extract of a landscape given back in a few strokes. I remember, for instance, that he compares the soft ranges of hills around Florence to the swellings of a woman's bosom. — Yes, I took everything in the style and the imagination, in the whole work of H. M., for the highest personal individuality, for the deepest utterances of the whole man. And it was only the contrivance of a decadent of genius — without a trace of personal, innermost human worth. But what pains that insight was to cost me! When I think back today to that time, I no longer understand at all how I could be so foolishly believing and so child-blind after all my hard experiences! Ah — it is no crime to take a homunculus seriously — but how many bitter tears it has brought me.

Wie konnte ich nur so blind und töricht sein? Wie konnte ich nur??

How could I be so blind and foolish? How could I??

Damals aber, ehe ich ihn persönlich kannte, lebte ich in einem Rausch von Seligkeit — wie in goldener Wolke lebte ich! —

But in those days, before I knew him personally, I lived in an intoxication of bliss — I lived as if in a golden cloud! —

Endlich verabredeten wir eine Zusammenkunft in Tirol. In Bozen wollten wir uns kennenlernen und dann gemeinsam nach Mitterbad über Lana fahren, in das Tiroler Bauernbadl, in dem der Kaltwasserdoktor von H. kurierte, der Hof- und Leibarzt von H. M.

At last we arranged a meeting in Tirol. In Bozen we were to make each other's acquaintance and then travel together to Mitterbad by way of Lana, to the little Tyrolean peasants' bath where the cold-water doctor von H. practised his cures, physician-in-ordinary to H. M.

Ich vergesse nie seinen ersten Besuch bei mir in Bozen. Steif war er, als hätte er einen Ladestock verschluckt, korrekt geschniegelt und gebügelt, mit Habyschnurrbart und pomadisiertem Haar. Seine Züge kannten das Lächeln nicht. Alles, was er sprach, war trocken und abgehackt.

I shall never forget his first visit to me in Bozen. He was stiff, as if he had swallowed a ramrod, correctly spruced and pressed, with a Haby moustache and pomaded hair. His features did not know how to smile. Everything he said was dry and clipped.

Mein erster Gedanke war: »Was soll ich glühender Strom an diesem Eismeer?«

My first thought was: “What am I, a glowing river, to do at this frozen sea?”

Am zweiten Tag wollte er mich nach Schloß Runkelstein abholen. Er brachte einen Bekannten mit, einen Studenten, Christoph von H., den Sohn seines Arztes. Ein schöner, draufgängerischer Naturbursche. Ich war innerlich empört, daß M. nicht allein kam. Dann amüsierten sich die beiden über die mittelalterlichen Fresken der Tristansage an den Wänden des Schlosses, auf denen Isolde bald an Tristans, bald an König Markes Seite ruht. —

On the second day he was to fetch me to Schloss Runkelstein. He brought an acquaintance with him, a student, Christoph von H., the son of his doctor. A handsome, headlong child of nature. Inwardly I was outraged that M. did not come alone. Then the two of them were amused by the medieval frescoes of the Tristan legend on the castle walls, in which Isolde rests now at Tristan's side, now at King Mark's. —

Am dritten Tag wanderten wir zusammen in glühender Sonne von Lana nach Mitterbad empor. Ich kam dem Menschlichen in meinem neuen »Freund« nicht näher.

On the third day we climbed together in blazing sun from Lana up to Mitterbad. I came no closer to what was human in my new “friend.”

Aber — hatte er mir nicht selber geschrieben: »Mein Persönliches wird Sie enttäuschen. All meine Seele, mein bestes Leben, all meine Sehnsucht geht in meine Bücher. Als Mensch bin ich eine Null.« Konnte denn das möglich sein? Waren nicht Mensch und Künstler eins? Wie konnte man denn schreiben, was man nicht menschlich fühlte und empfand, liebte und haßte? Ja, die Lou Andreas-Salomé hatte recht, vom »Hanebüchenen« in mir zu reden — ich konnte nur langsam die Perversität des Dekadenten, das Gemachte und Gekünstelte seiner wunderbaren Bilder erkennen und begreifen.

But — had he not written to me himself: “My personal self will disappoint you. All my soul, my best life, all my longing goes into my books. As a man I am a nought.” Could that be possible? Were the man and the artist not one? How could anyone write what he did not humanly feel and sense, love and hate? Yes, Lou Andreas-Salomé was right to speak of the “preposterous” in me — only slowly could I recognise and grasp the perversity of the decadent, the made and artificial quality of his wonderful images.

Wenn man nicht mehr an den echten Aufschwung der Künstlerseele glauben konnte, was war dann noch echt und wahr in diesem Leben? Hatte M. mir nicht sein Buch geschickt mit der Widmung »Der, die im gleichen Tempo lebt.« Wie glücklich hatte sie mich gemacht. Und das waren seinerseits auch nur leere Worte gewesen.

If one could no longer believe in the genuine upsurge of the artist's soul, what was still genuine and true in this life? Had M. not sent me his book with the dedication “To her who lives at the same tempo.” How happy it had made me. And on his side those too had been only empty words.

Droben im »Badl« waren zwar unsere Zimmer im selben Flügel, ich sah aber den »Freund« selten allein. Meist waren wir in Gesellschaft des munteren Doktors und seiner acht Kinder. Bei Tisch (wir saßen freilich nebeneinander) sprachen wir nur vom Essen; das heißt, er führte die Konversation darüber, was er seinem Körper anbieten dürfe und müsse, damit seine geistige Produktion vorwärts schritte. Wenn er einen Tag weniger gut gearbeitet hatte, war er überzeugt, es läge an unpassender Nahrung oder einem allzu angeregten Gespräch. — Einmal nach dem Abendbrot gingen wir beide noch bei Sternenschein spazieren. Das war sehr viel bei seiner steten Erkältungsfurcht.

Up in the “Badl” our rooms were, it is true, in the same wing, but I seldom saw the “friend” alone. Mostly we were in the company of the cheerful doctor and his eight children. At table (we did sit side by side) we spoke only of food; that is, he conducted the conversation on what he might and must offer his body so that his intellectual production should go forward. If he had worked less well on a given day, he was convinced it lay in unsuitable nourishment or in too stimulating a conversation. — Once after supper the two of us went walking by starlight. That was a great deal, given his standing fear of catching cold.

Nun, dachte ich, würde er endlich ein paar herzliche Worte finden, daß er dem Geschick dankbar sei, daß wir uns gefunden, daß er sich freue über mein Verständnis seines Genies, wie er das doch in seinen Briefen unaufhörlich ausgesprochen hatte. Einmal sogar hatte er sich darin zu dem Bekenntnis verstiegen, er sei durch unser Finden an seiner Theorie der absolut bedingten inneren Einsamkeit jedes Menschen irre geworden.

Now, I thought, he would at last find a few warm words: that he was grateful to fate that we had found each other, that he was glad of my understanding of his genius, as he had after all said unceasingly in his letters. Once he had even gone so far in them as to confess that our finding each other had shaken him in his theory of the absolutely inescapable inner solitude of every human being.

Wir gingen am Abhang auf und nieder. Von weitem klang das Grammophon, um das die Bauernkurgäste sich drängten. Nun muß es kommen, dachte ich: Ein freundliches, herzliches Wort.

We walked up and down on the slope. From far off sounded the gramophone the peasant cure-guests were crowding around. Now it must come, I thought: a kind, warm word.

Aber er: »Ich wollte Ihnen schon lange sagen, daß Sie mich völlig verkennen. Sie erwarten viel zuviel von mir als Menschen. Ich schrieb es Ihnen ja — ich lebe nur für mein Werk. Dem hüte ich meine ganze Seele, meine ganze Kraft. Wenn ich sie teilen würde in Kunst und Leben, käme meine Kunst zu kurz — denn ich gehöre nicht zu den Starken, den Überschäumenden — ich bin ein Dekadent, der letzte Sprößling einer müden Rasse. Meine Mutter war eine Spanierin. Diese letztere gab mir die glühende Phantasie. Aber weiter nichts. Und mir wird es immer klarer — ich kann gar keinen Menschen brauchen, der mir irgendwie näher steht, denn das würde mich viel zu sehr ablenken; ich kann im höchsten Fall nur »angenehme Fremde« brauchen, die mir über eine arbeitsunfähige Stunde forthelfen, weiter nichts.«

But he: “I have long wanted to tell you that you completely mistake me. You expect far too much of me as a man. I did write it to you — I live only for my work. For that I guard my whole soul, my whole strength. If I were to divide it between art and life, my art would come off short — for I am not one of the strong, the overflowing — I am a decadent, the last shoot of a tired race. My mother was a Spaniard. She it was who gave me the glowing imagination. But nothing further. And it becomes ever clearer to me — I can make no use at all of any person who stands in any way closer to me, for that would distract me far too much; at the very most I can make use of ‘agreeable strangers' who help me over an unworkable hour, nothing further.”

»Weiter nichts«, wiederholte ich leise, »also sind Sie eigentlich gar kein Mensch, sondern ein Kunstwerksautomat. Das Essen, der Nickel, wird hineingeschoben. Dann drücken Sie auf den Knopf, und das Kunstwerk fällt heraus. Sie sind das Gegenteil von allen großen Künstlern in und vor Ihrer Zeit, die nur durch Leiden, Zerren und Kämpfen unter tausend Schmerzen ihr Schaffen eruptiv emporschleudern wie der Vulkan die glühende Lava. Sie sind wirklich der Künstler der Zukunft. Wie die künstliche Kinderbrutmaschine ist Ihr Körper nur die künstliche Brutmaschine für Ihre Werke.«

“Nothing further,” I repeated quietly, “so you are really not a human being at all, but a work-of-art machine. The food, the nickel, is pushed in. Then you press the button, and the work of art drops out. You are the opposite of all the great artists in your time and before it, who only through suffering, wrenching and struggling hurl up their creation eruptively, in a thousand pains, as the volcano hurls its glowing lava. You really are the artist of the future. Like the artificial child-incubator, your body is only the artificial incubator for your works.”

»Es ist so,« sagte er, »ich kann es nicht leugnen, nur Sie wollten das niemals glauben. Zum Freund bin ich nicht geschaffen.«

“It is so,” he said, “I cannot deny it, only you would never believe it. I am not made to be a friend.”

»Gute Nacht«, sagte ich leise und schlich in meine Kammer. Und die Tage wurden immer trostloser. Hundertmal faßte ich den Plan abzureisen, stets aber war ich zu feige, ihn auszuführen. Könnte ich diese bitterste Einsamkeit ertragen? Preisgegeben allen Dämonen meiner Seele. Endlich brütete mein Hirn ein Buch darüber aus. Und mit fliegenden Pulsen schrieb ich es in einer Woche nieder. Das war meine seelische Rettung! Ich schrieb von früh bis spät. Dann gab ich’s ihm zu lesen. »Es ist ein starkes Buch,« sagte er, »und Sie müssen mir dankbar sein, daß ich Ihnen dazu verholfen habe.« — »Ja, nun ist wirklich die ›angenehme Fremde‹ für Sie erreicht«, lächelte ich bitter.

“Good night,” I said quietly, and crept off to my room. And the days grew ever more desolate. A hundred times I formed the plan of leaving, but I was always too cowardly to carry it out. Could I bear this bitterest solitude? Given over to all the demons of my soul. At last my brain hatched out a book about it. And with racing pulses I wrote it down in a week. That was my salvation of soul! I wrote from early till late. Then I gave it to him to read. “It is a strong book,” he said, “and you must be grateful to me for having helped you to it.” — “Yes, now the ‘agreeable stranger' really has been achieved for you,” I smiled bitterly.

Das Buch hieß »Die Tragödie des Weibes« und erschien anonym. Einen Winter lang wurde es zum Modebuch in ganz Berlin. Dann wurde es wieder vergessen. πάντα ῥεῖ — alles fließt.

The book was called The Tragedy of Woman and appeared anonymously. For one winter it became the fashionable book of all Berlin. Then it was forgotten again. πάντα ῥεῖ — all things flow.

Aber sein Bitterstes hatte ich an mir selber erprobt: Dreifach Fluch dem Weib, dessen Genie nicht sein Weibtum niederzwingen kann. Tausend Tode sterbend muß sie daran verbluten.

But its bitterest I had tested on myself: Threefold curse on the woman whose genius cannot force down its womanhood. Dying a thousand deaths, she must bleed to death of it.

Und eine andere Erkenntnis ging mir auf, und es schrie in mir Tag und Nacht: Du hast umsonst gelebt — denn was du brauchst, das Echte und Tiefe und das Einheitliche, das gibt es nirgends außer bei dir und deinem Toten. Alles andere ist Stückwerk — kleine Seelen — kleine Liebe — kleine Sinne — — getrennte Wirtschaft allüberall. — — —

And another insight came to me, and it cried in me day and night: You have lived in vain — for what you need, the genuine and the deep and the whole, exists nowhere except in you and in your dead one. Everything else is patchwork — little souls — little love — little senses — — separate housekeeping everywhere. — — —