The Novel of My Life ›The Second World Journey
Chapter 42 · side by sideThe Second World JourneyDIE ZWEITE WELTREISE
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Ich trug mich schon wieder mit großen Reiseplänen, die mir jetzt, da ich sie niederschreibe, viel kühner erscheinen als damals, da ich sie faßte.
I was already going about again with great travel plans, which now, as I write them down, seem to me far bolder than then, when I formed them.
Ich wollte wieder eine Weltreise unternehmen, die zweite. Denn ich war der Welt und ihren Wundern gegenüber nun wie ein Löwe, der Blut geleckt hatte. Ich kannte so vieles noch nicht, z. B. Japan und China, Java und Siam!
I wanted to undertake a world journey again, the second. For towards the world and its wonders I was now like a lion that had licked blood. There was so much I did not yet know, for instance Japan and China, Java and Siam!
Also kurz entschlossen bewarb ich mich beim Lloyd um eine zweite Kabinenehrenkarte. Aber — nun kam das Traurige — nur einmal im Leben wird solche einem Künstler zuteil. Also — selber zahlen! Nach kurzem Kampf entschloß ich mich dazu.
So, swiftly resolved, I applied to the Lloyd for a second honorary cabin ticket. But — now came the sad part — only once in a life is such a thing granted to an artist. So — pay for it myself! After a short struggle I resolved to do it.
Die Kinder waren für acht Tage bei mir gewesen, nach langen Verhandlungen und Schwierigkeiten. Von den ausbedungenen jährlichen sechs Wochen war keine Rede mehr. Ich hatte es von den anfänglich zugesagten drei Tagen mühsam auf acht gebracht. Aber ihr Aufenthalt war kein Genuß. Sie spöttelten über alles, über die vielen Abgüsse im »Park«, am meisten über den Springbrunnen, der gerade angelegt wurde.
The children had been with me for eight days, after long negotiations and difficulties. Of the stipulated six weeks a year there was no longer any talk. From the three days at first conceded I had laboriously brought it up to eight. But their stay was no pleasure. They mocked at everything, at the many casts in the “park”, most of all at the fountain, which was just then being laid out.
Ich kämpfte ständig mit den Tränen. Wenn ich sie küssen wollte, wichen sie zurück oder wischten sich ostentativ die Wange.
I fought constantly with tears. When I tried to kiss them, they shrank back or ostentatiously wiped their cheeks.
Johanna, die, nachdem alles eingerichtet, wieder eingerückt war, wurde nicht recht fertig mit dem Haus. Die Kinder fanden sie »langsam und drucksig« und legten alles mir zur Last. Kurz, es war gut, daß ich wieder in die weite Welt ging, meinen Gram zu betäuben. Mitte September schon suchte ich das Weite, stürzte mich aufs neue in den Strudel des Kosmos.
Johanna, who had moved back in once everything was arranged, could not quite manage the house. The children found her “slow and dithery” and laid it all at my door. In short, it was good that I was going out into the wide world again, to numb my grief. By mid-September I was already making for the open, plunging myself anew into the whirlpool of the cosmos.
Ich fuhr von Antwerpen, mit einem holländischen Dampfer diesmal; die See war, mit Ausnahme weniger Tage, glatt. Ich wollte erst in Java aussteigen, aber die Mitreisenden erzählten mir so viel Wunderdinge von Sumatra, wo wir zuerst anlegten, daß ich mich kurz entschloß, dort haltzumachen und mit einem späteren Dampfer nach Batavia weiter zu fahren. Ich habe es nicht bereut. Eine ganz neue Welt trat mir in Holländisch-Indien, zuerst also in Padang, entgegen. Das Tropenbehagen der Europäer kam mir hier fast noch mehr zum Bewußtsein als in Indien.
I sailed from Antwerp, with a Dutch steamer this time; the sea, with the exception of a few days, was smooth. I had meant to disembark first in Java, but my fellow passengers told me so many wonder-tales of Sumatra, where we called first, that I resolved on the spot to halt there and go on to Batavia by a later steamer. I have not regretted it. A wholly new world came to meet me in Dutch India, first of all, then, in Padang. The tropical well-being of the Europeans came home to me here almost more than in India.
Schon die Haustracht der guten Holländer, die buntgeblümten Hosen, Sarongs und die Cappaya, die weiße Nachtjacke, entzückte mich. In Padang passierte mir das Kuriosum, daß, als ich im Kimono zur »Reistafel« antreten wollte, weil alle andern Damen barbeinig, in Sarong und Cappaya, erschienen, die Wirtin entsetzt auf mich zu stürzte: »Um Gottes willen, Sie können so nicht erscheinen, im Badekostüm!«
The very house-dress of the good Dutch delighted me: the gaily flowered trousers, the sarongs and the cappaya, the white night-jacket. In Padang I met with the curiosity that, when I made to appear at the “Reistafel” in my kimono, because all the other ladies came bare-legged, in sarong and cappaya, the landlady rushed at me in horror: “For God's sake, you cannot appear like that, in a bathing costume!”
Mit zwei deutschen Gelehrten zog ich auf den Korallenfang, sah beim Konsul Schild die Kriegstänze einiger Südseeinsulaner — und machte von seiner Villa im Dschungel, gewissermaßen platonisch, eine Tigerjagd mit.
With two German scholars I went out coral-fishing, saw at Consul Schild's the war dances of some South Sea islanders — and, from his villa in the jungle, took part, platonically as it were, in a tiger hunt.
Lauter neue Sensationen! Dann fuhr ich mit der kürzlich eröffneten Bergbahn durch die wilde Annefschlucht nach dem »Bovelande«, nach Fort de Kock, Pajakombo, dem Carbowengat, Mar von Manigno und Fort van der Capellen. Durch die Liebenswürdigkeit der dortigen »Controlors«, Westenenk und Oldt van Barneveldt, wurde mir alles unendlich erleichtert, verschönt. Ich malte in Eingeborenenhäusern, begeisterte mich am Silberduft der Landschaft, den spitzgeschnäbelten buntbemalten Reisscheuern und den Messighits (den Moscheen) mit drei, vier übereinandergestülpten Dächern.
Nothing but new sensations! Then I went by the recently opened mountain railway through the wild Annef gorge to the “Bovelande”, to Fort de Kock, Pajakombo, the Carbowengat, the Mar of Manigno and Fort van der Capellen. Through the kindness of the “controlors” there, Westenenk and Oldt van Barneveldt, everything was endlessly eased and embellished for me. I painted in native houses, was carried away by the silver haze of the landscape, by the sharp-beaked, gaily painted rice barns and the messighits (the mosques) with three or four roofs set one over another.
Tief befriedigt fuhr ich weiter nach Batavia. Dort verdankte ich sehr viel Anregung dem deutschen Generalkonsul Anton und Herrn Merten, dem Besitzer vom Hotel Nederlande. Sie fuhren mit mir in der ganzen Umgegend umher.
Deeply satisfied, I went on to Batavia. There I owed a great deal of stimulus to the German consul-general Anton and to Herr Merten, the owner of the Hotel Nederlande. They drove me about the whole surrounding country.
Dann ging ich nach Buitenzorg mit seinem weltberühmten »Plantentuin«, dem, trotz Peradenya-Kandy, größten und schönsten botanischen Garten der Welt. Den Hauptgrund der unerhörten Üppigkeit der javanischen Flora bilden die täglichen, etwa zweistündigen Regengüsse. Hier genoß ich in den berühmten »Bergkammern« die wunderbarste Aussicht auf die Vulkane Merapi und Singgalang. Außerdem wurde ich von dem dort residierenden Gouverneurgeneral, Herrn van Heutsz, zur Tafel geladen. Durch einen netten Zufall kam er mir mit meinen Novellen »Dunkelkammer« in der Hand entgegen. Er meinte auch, ich müsse unbedingt den Teekönig von Java, in Malabar über Bandeong, besuchen und gab mir eine Empfehlung an diesen. Dort verlebte ich dann sehr interessante Tage. — Auf einer von zweiundzwanzig erloschenen Vulkanen umstandenen Hochebene hat Herr Boscha eines der größten »tea estates« (wie man in Indien sagt) der Welt geschaffen. In vier Stunden rast das Automobil die Serpentinwege des Berges hinan. Oben reichen sich raffinierteste Kultur und absolute Urwüchsigkeit brüderlich die Hand. Als ich mit Herrn Boscha spazieren ging, warfen sich rings an den Wegen all seine Arbeiter vor ihm in den Staub. Und abends, wenn sie ihren Tagelohn erhalten (etwa vier Pfennig pro Tag), nehmen sie ihn kniend und das Geldstück küssend entgegen.
Then I went to Buitenzorg with its world-famous “Plantentuin”, the largest and most beautiful botanical garden in the world, Peradenya-Kandy notwithstanding. The chief ground of the unheard-of luxuriance of the Javanese flora is the daily downpour of some two hours. Here, in the famous “mountain chambers”, I enjoyed the most wonderful view of the volcanoes Merapi and Singgalang. I was, besides, invited to table by the governor-general residing there, Herr van Heutsz. By a pleasant chance he came to meet me with my novellas “Dunkelkammer” in his hand. He also said I absolutely must visit the tea king of Java, at Malabar above Bandeong, and gave me a recommendation to him. There I then spent very interesting days. — On a high plateau ringed by twenty-two extinct volcanoes Herr Boscha has created one of the largest “tea estates” (as they say in India) in the world. In four hours the automobile races up the serpentine roads of the mountain. Up there the most refined culture and absolute primal wildness reach each other a brotherly hand. When I went walking with Herr Boscha, all his workers threw themselves in the dust before him along the paths. And in the evening, when they receive their day's wage (about four pfennigs a day), they take it kneeling, kissing the coin.
Aber der menschenfreundliche Unternehmer hat ihnen ein ganzes Dorf gebaut mit Rathaus und Misseghit (Moschee) und Wayang Wayang (das jedem Javaner unentbehrliche Puppenspiel). Und dort leben in Wahrheit Glückliche — Bedürfnislose, in einem ewigen Frühling.
But the philanthropic entrepreneur has built them a whole village with a town hall and misseghit (mosque) and wayang wayang (the puppet play no Javanese can do without). And there, in truth, live happy people — people without wants, in an eternal spring.
Ich habe noch viel Buntes und Merkwürdiges auf Java gesehen. In meinem Roman »Erloschene Vulkane«, der auf Malabar spielt, sind all meine Eindrücke festgelegt. Der Borobudur, der älteste, verfallende Buddhatempel der Welt, gehört zu den wenigen ganz großen, überwältigenden Lebenseindrücken. In einer paradiesischen Gegend liegt er. — Und dann die Eingeborenenstaaten vom Djokia und Soerakarta oder Solo. Beim Susuhunam von Solo, Paknam (der Nabel der Welt), erlebte ich die Vermählungsfeierlichkeit von vier seiner vielen Töchter. Es war ein großes Fest, zu dem auch alle Farmer der Umgegend mit ihren Frauen geladen waren. Die Diener in roter Nelsonlivree servierten, aufrecht gehend, französischen Champagner, und die Prinzen königlichen Geblütes krochen den ganzen Abend auf allen vieren um den Susuhunam herum. So verlangt es die höfische Etikette. Bände könnte ich darüber erzählen, aber ich fürchte, meine Leser können sagen: Das ist ja gar keine Lebensgeschichte, das ist ein Buch mit Reisebeschreibungen. Darum fasse ich mich kurz.
I saw much else on Java that was many-coloured and strange. In my novel “Erloschene Vulkane”, which is set on Malabar, all my impressions are laid down. The Borobudur, the oldest, decaying Buddha temple in the world, belongs among the few quite great, overwhelming impressions of a lifetime. It lies in a paradisal country. — And then the native states of Djokia and Soerakarta, or Solo. At the court of the Susuhunam of Solo, Paknam (the navel of the world), I witnessed the marriage festivities of four of his many daughters. It was a great feast, to which all the farmers of the district were invited too, with their wives. The servants in red Nelson livery served French champagne, walking upright, and the princes of royal blood crawled on all fours around the Susuhunam the whole evening. So the etiquette of the court demands. I could tell volumes about it, but I fear my readers may say: this is no life-story at all, this is a book of travel descriptions. Therefore I make myself brief.
Mehrere feuerspeiende, noch lebende Vulkane besuchte ich, so den Schwefelkrater Papandayan bei Garoet, den Cava manuk (den Vogelkrater), den Tankoban-Prahoe. Vor allem aber den Bromo mit seinem Feuerkegel in der Sandsee. Einer der merkwürdigsten Krater der Welt! Von Tossari aus bestieg ich ihn, den Höhenkurort von Südjava.
I visited several fire-spewing, still living volcanoes: the sulphur crater Papandayan near Garoet, the Cava manuk (the bird crater), the Tankoban-Prahoe. Above all, though, the Bromo with its fire-cone in the Sea of Sand. One of the strangest craters in the world! From Tossari I climbed it, the mountain health resort of South Java.
Ich muß mich kurz fassen, kann all die Wunder der Vegetation und des Kults höchstens streifen. Von Batavia aus fuhr ich nach Singapore, wo mich die Geheimnisse des größten »Fleischmarktes« der Welt durchgrausten und erschütterten. Auch darüber kann man in meinem Roman »Yoshiwara« die einschlägigen Kapitel nachlesen.
I must be brief, and can at most graze all the wonders of the vegetation and the cult. From Batavia I went to Singapore, where the secrets of the greatest “flesh market” in the world filled me with horror and shook me. On this too the relevant chapters can be read in my novel “Yoshiwara”.
Nun fuhr ich über Hongkong nach Schanghai. Vorher war ich im Portugiesen-Schönheitsfleck Macao und im altchinesischen Extrakt Canton gewesen, der mich mit seiner Farbenpracht derart berauschte, daß ich mich tagelang fast arm kaufte an alten goldgestickten Mandarinengewändern. Canton ist ein chinesisches Märchen und eine Stadt der Toten, in der ihnen jeden Tag frischer Tee und Orangen gebracht werden und wo für all und jedes etwaige irdische Bedürfnis bei ihnen vorgesehen wird; das muß man erleben, um daran zu glauben.
Now I went on by way of Hongkong to Shanghai. Before that I had been in the Portuguese beauty spot Macao and in that extract of old China, Canton, which so intoxicated me with its splendour of colour that for days I almost bought myself poor in old gold-embroidered mandarin robes. Canton is a Chinese fairy tale and a city of the dead, in which fresh tea and oranges are brought to them every day, and where provision is made for their every possible earthly need; one must experience it to believe it.
In Schanghai, im Haus des damaligen Generalkonsuls Herrn von Buri (es war gerade Opiumkonferenz), verlebte ich höchst interessante Tage. Aber in meiner Unschuld war ich nicht genügend warm gekleidet, ein Teil des Gepäcks war auch zurückgeblieben, so erkältete ich mich ernstlich. Mit einem Mantel der Frau von Buri trat ich die Fahrt auf dem Yangtsekiang nach Hankau an. Mein Zustand unterwegs, bei eisigen Lüften, verschlimmerte sich aber derart, daß ich in Hankau mit telegraphisch beordertem Arzt und Krankenschwester in die deutsche Klinik des Dr. R. geschafft werden mußte. Es waren keine schönen Wochen. Die Fieberkurve stieg auf und ab, es hatte sich eine starke Rippenfellentzündung entwickelt. Als es besser wurde, las ich sehr viel, fuhr auch am letzten Tag in der Rickscha nach Althankau und dem wundervollen Tempel, die ja im letzten Aufstand ein Raub der Flammen geworden sind.
In Shanghai, in the house of the then consul-general Herr von Buri (the Opium Conference was just sitting), I spent highly interesting days. But in my innocence I was not warmly enough dressed, part of my luggage had been left behind too, and so I caught a serious cold. In a coat of Frau von Buri's I began the voyage up the Yangtsekiang to Hankau. On the way, in icy airs, my condition worsened to such a degree that in Hankau, with a doctor and nurse ordered by telegraph, I had to be carried into the German clinic of Dr. R. They were not pleasant weeks. The fever curve climbed and fell; a severe pleurisy had developed. As I mended I read a great deal, and on the last day drove in a ricksha to old Hankau and the wonderful temple, which have since, as we know, fallen prey to the flames in the last uprising.
Kurz vor der Abreise hatte ich noch eine scharfe Auseinandersetzung mit Dr. R., der, trotz seiner anfänglichen Beteuerung, nur Künstlerpreis von mir zu nehmen, die Globetrotterschraube an meinen Beutel legte! Ganz wie die meisten deutschen Landsleute im Ausland, Schröpfköpfe setzend, verfuhr er. Auf meine Einwände meinte er lächelnd: »Freuen Sie sich, daß der chinesische Tael zur Zeit so niedrig steht. Was meinen Sie, was sonst dreißig Taels täglich für Sie betragen würden? Es zwingt Sie ja keiner, nach Peking zu fahren.« — Später meinte er: »Sie haben ja zweite Klasse nach Peking genommen — das ist hierzulande unmöglich.« — »Wenn Sie mir das Geld für die erste Klasse abnehmen?« fragte ich. — Es lebe die deutsche Landsmannschaft im Ausland!
Shortly before my departure I had one more sharp passage of arms with Dr. R., who, despite his initial protestation that he would take only an artist's price from me, put the globetrotter-screw to my purse! He proceeded quite like most German compatriots abroad, applying their cupping glasses. To my objections he said, smiling: “Be glad that the Chinese tael stands so low at present. What do you suppose thirty taels a day would otherwise come to for you? Nobody is forcing you to go to Peking.” — Later he remarked: “You have taken second class to Peking — in this country that is impossible.” — “If you relieve me of the money for the first?” I asked. — Long live the German colony abroad!
Nun fuhr ich also nach Peking! Es war Mitte März, und um die Bäume in der Gesandtschaftsstraße ragten meterhohe Eiswälle. Man friert nirgends so sehr wie in China. Aber welche ungeahnten Herrlichkeiten nahmen hier Geist und Seele wieder auf. Ein Sandsturm an der chinesischen Mauer, bei dem ich mich flach zu Boden werfen mußte, um nicht von den Zinnen hinabgeweht zu werden, ist so ziemlich der stärkste meiner dortigen Eindrücke. Und die Kaisergräber der Mingdynastie. Und die Landschaft um Peking. Vor allem aber die herrlichen, echtvergoldeten Schnitzereien vor und in den Kaufläden und die Fülle blühender Blumenzwiebeln in jedem Laden, vor jeder Tür. Seit dieser Zeit bringt mir jede Hyazinthe das Bild Chinas vor die Seele. Peking ist die einzige chinesische Stadt mit breiten Straßen, die doppelt breit erscheinen durch die niedern Häuser.
So now I went to Peking! It was the middle of March, and around the trees in Legation Street towered ramparts of ice a metre high. Nowhere does one freeze as in China. But what undreamed-of splendours here took up mind and soul again. A sandstorm on the Chinese Wall, in which I had to throw myself flat on the ground so as not to be blown down from the battlements, is about the strongest of my impressions there. And the imperial tombs of the Ming dynasty. And the landscape around Peking. Above all, though, the glorious, genuinely gilded carvings before and in the shops, and the abundance of flowering bulbs in every shop, before every door. Since that time every hyacinth brings the image of China before my soul. Peking is the only Chinese city with broad streets, which appear doubly broad through the low houses.
Und dann, unter tausend Beschwerden (in Taku lagen wir drei Tage und drei fürchterliche Nächte vor der Barre), kam ich endlich durch die berühmte Binnensee nach Japan.
And then, amid a thousand hardships (at Taku we lay three days and three terrible nights off the bar), I came at last through the famous Inland Sea to Japan.
Von Kobe, das mich schon so echt japanisch anmutete, fuhr ich für vierzehn Tage nach Kioto, und hier — die Kirschbäume blühten — schlugen die Wellen des Japanrausches über mir zusammen. Der steigerte sich dann ständig, in Nara, in Yokohama mit Enoshima und Kamakura mit seinem berühmten Bronzebuddha, dem Daibouts. Um dann, über Tokio und seinen Schogungräbern, in Nikko zu gipfeln. »Nenne nichts großartig, bevor du Nikko gesehen«, sagt ein japanisches Sprichwort. Wirklich, das altjapanische Kunstgewerbe im »Hondo«, dem Allerheiligsten von Nikko, eröffnet dem Künstler neue Schönheitswelten. Und die japanische Gebirgswelt in Nikkos Umkreis mit all den unbeschreiblich malerischen Teehäusern. Und seine wundervolle Kryptomerienallee nach Imachi.
From Kobe, which already struck me as so genuinely Japanese, I went for a fortnight to Kioto, and here — the cherry trees were in blossom — the waves of the Japan-intoxication closed over my head. It then mounted steadily, in Nara, in Yokohama with Enoshima, and Kamakura with its famous bronze Buddha, the Daibouts. To culminate at last, by way of Tokio and its Shogun tombs, in Nikko. “Call nothing magnificent until you have seen Nikko,” says a Japanese proverb. Truly, the old Japanese craftsmanship in the “Hondo”, the holy of holies of Nikko, opens new worlds of beauty to the artist. And the Japanese mountain world in Nikko's circuit, with all the indescribably picturesque teahouses. And its wonderful cryptomeria avenue to Imachi.
In Tokio erlebte ich noch das Kirschblütenfest im Park des Kaiserpalastes und ward dem, leider wie sein ganzer Hof europäisch gekleideten, Herrscherpaar vorgestellt.
In Tokio I also witnessed the cherry blossom festival in the park of the imperial palace, and was presented to the imperial couple, dressed, alas, like their whole court, in European clothes.
Ein Geishafest, das mir vornehme Japaner, an die ich empfohlen war, im Mapleclub von Tokio gaben, gehört zu meinen reizvollsten Erinnerungen. Zu meinen farbenprächtigsten aber der Abendgang nach dem berühmten Frauenmarkt von Yoshiwara in Tokio. Worte vermögen kaum den Farbenzauber dieser »Mädchenpaläste« zu schildern. Straßen auf, Straßen ab, in jedem Haus etwa zwanzig, in altjapanischer Tracht in den gleichen Farben gekleidete, käufliche Frauen, in kniender oder huckender Stellung auf roten Kissen, vor wundervoll goldgeschnitzten Hintergründen, wie im Käfig hinter Gittern. Diese Frauen trifft hier kein Odium. Sie genießen die Achtung und Liebe der ganzen Bevölkerung. Es ist ein unglaublich malerischer Anblick. Einige Gassen sind sogar mit Kirschbäumen besetzt, und der Blütenschnee weht bis hinter die Gitter in das Haar der Schönen. Am Eingang zum Frauenviertel erhebt sich über einer Art Tür eine weibliche Gestalt mit einer Lampe — fast wie eine Madonna.
A geisha feast which distinguished Japanese, to whom I had been recommended, gave for me in the Maple Club of Tokio belongs among my most charming memories. Among my most colour-splendid, though, the evening walk to the famous women's market of Yoshiwara in Tokio. Words can scarcely picture the colour-magic of these “maiden palaces”. Street up, street down, in every house some twenty venal women in old Japanese dress, clothed all in the same colours, kneeling or crouching on red cushions before wonderfully gold-carved backgrounds, as if caged behind bars. No odium attaches to these women here. They enjoy the respect and love of the whole population. It is an unbelievably picturesque sight. Some lanes are even planted with cherry trees, and the blossom-snow drifts in behind the bars into the hair of the beauties. At the entrance to the women's quarter, above a kind of door, rises a female figure with a lamp — almost like a Madonna.
Wieder und wieder war ich in Yoshiwara. Die Grundidee meines Romans »Yoshiwara« ist dort entstanden.
Again and again I was in Yoshiwara. The ground-idea of my novel “Yoshiwara” came into being there.
Und dann hatte man mir so viel erzählt von Miajyma, der heiligen Insel, auf der seit Jahrhunderten kein Mensch geboren werden und keiner sterben darf (wenn sich’s vermeiden läßt, heißt das wohl), so daß ich beschloß, nicht zu scheiden, bevor ich sie gesehen hatte, und von Kobe aus mit einem Küstendampfer dahin fuhr. Mit mir fuhr noch ein einziger Passagier, ein Amerikaner, Mr. Moore. Er schien mir anfangs recht uninteressant. Das Schicksal aber warf uns zusammen, und ich fand in ihm einen der uneigennützigsten Freunde meines Lebens.
And then I had been told so much of Miajyma, the holy island on which for centuries no human being may be born and none may die (where it can be avoided, that must mean), that I resolved not to depart before I had seen it, and went there from Kobe by coastal steamer. With me travelled one single other passenger, an American, Mr. Moore. At first he seemed to me quite uninteresting. But fate threw us together, and I found in him one of the most selfless friends of my life.
Wir stiegen in Miajyma im gleichen Hotel ab, Mr. Moore im Hauptbau, ich in einem der kleinen japanischen Häuschen; meine Stube habe ich andern Tages gemalt und erwartete dann Mr. Moore bei mir zum Tee. Es war alles wie ein Puppentraum. Wir blieben mehrere Tage dort und machten die schönsten gemeinsamen Ausflüge, auch nach einem Aussichtsberg mit Tausenden von Stufen, bei dem ich allein schwerlich auf den Gipfel gekommen wäre. Dann suchten wir »das heilige Feuer« — im dichten Wald unerfindlich, fanden aber dafür eine echte reine Freundschaftsflamme. — Wir hatten kristallinische Lüfte, und es war alles wie in Duft und Glanz getaucht. Mr. Blanchard Moore reiste ab, aber ich konnte mich noch immer nicht trennen. Es war mein letzter Eindruck von Japan.
In Miajyma we put up at the same hotel, Mr. Moore in the main building, I in one of the little Japanese cottages; my room I painted the next day, and then expected Mr. Moore at my rooms for tea. It was all like a doll's dream. We stayed several days there and made the loveliest excursions together, among them to a lookout mountain with thousands of steps, on which alone I should hardly have reached the summit. Then we sought “the holy fire” — undiscoverable in the dense wood, but found instead a true pure flame of friendship. — We had crystalline airs, and everything was as if dipped in fragrance and radiance. Mr. Blanchard Moore departed, but I still could not tear myself away. It was my last impression of Japan.
Ich fuhr endlich über Hieroshima nach Tsuruga, von wo ich mich nach Wladiwostok einschiffte. Herrlich ist dessen Lage an der Amurbai. Die Koreaner in ihren weißen Gewändern verschönen die ganze Stadt.
At last I went by way of Hieroshima to Tsuruga, from where I took ship for Vladivostok. Glorious is its situation on the Amur Bay. The Koreans in their white garments beautify the whole city.
Und dann ging es auf siebzehntägiger Fahrt, im Postzug zweiter Klasse, nach Moskau. Der russische Generalkonsul hatte es mir geraten. Es kostete nur wenig über hundert Rubel, aber man mußte sich selber verproviantieren, von den an den Stationen sitzenden, farbig kostümierten Völkerschaften, die kaum russisch verstanden. Den »Tschai«, den Tee, bereitete jeder sich selber in der mitgeführten Teekanne und entnahm das heiße Wasser dem Samowar auf den Stationen. Das mutete mich ganz japanisch an, ich benützte dazu auch mein japanisches Teekännchen.
And then began the seventeen-day run, in the post train, second class, to Moscow. The Russian consul-general had advised me to it. It cost only a little over a hundred roubles, but one had to provision oneself, from the colourfully costumed peoples sitting at the stations, who scarcely understood Russian. The “tschai”, the tea, everyone prepared for himself in the teapot he carried with him, drawing the hot water from the samovar at the stations. That struck me as quite Japanese; I used my little Japanese teapot for it.
Das Schlimmste war, nach dem Waschraum zu gelangen. Der Zug war überfüllt, und man mußte Waschraum »stehen«, wie etwa im Krieg Butter und Kartoffeln. Es war fürchterlich. — So rechnete ich mir denn aus, daß früh vier Uhr der Andrang geringer wäre. Aber ich konnte die ganze Nacht kaum ein Auge zutun vor Angst, die Zeit zu verschlafen.
The worst was getting to the washroom. The train was overcrowded, and one had to “queue” for the washroom, the way one queues for butter and potatoes in the war. It was frightful. — So I reckoned out that at four in the morning the crush would be smaller. But all night I could hardly close an eye for fear of sleeping past the hour.
Das bunteste Völkergemisch drinnen im Zug und draußen an den Stationen. Hundert Augen hätte man haben müssen. Mein Gegenüber war eine hübsche junge Livländerin, die Berge von Proviant aus Wladiwostok mitschleppte, an jedem Tag aber irgend etwas für verdorben erklärte und aus dem Zug feuerte. Die prächtigsten Würste und Konserven flogen so täglich ins sibirische Land. Die Leute konnten dort wirklich behaupten, daß es Wurst, Schinken und Delikatessen regne.
The most motley mixture of peoples inside the train and outside at the stations. One would have needed a hundred eyes. My opposite was a pretty young Livonian woman who dragged mountains of provisions along from Vladivostok, but every day declared something or other spoiled and fired it out of the train. The most splendid sausages and tinned goods thus flew daily into the Siberian countryside. The people there could truly maintain that it rained sausage, ham and delicacies.
»Man muß es rausschmeißen«, ihre stehende Redensart, verfolgte mich bis in meine Träume.
“It must be chucked out”, her standing phrase, pursued me into my very dreams.
Es wäre alles so herrlich gewesen ohne dies stumpfe, seelenlose Gegenüber, dem kein noch so interessantes Geschehen, Erleben und Sehen einen geistigen Schimmer ins Auge zaubern konnte. Hätte ich jetzt im Krieg all die herrlichen Eßwaren, die dies Mädchen als »verdorben« zum Fenster hinausgeworfen hatte! Nachts machte ich mir mit meinem Laken eine spanische Wand, um sie wenigstens für diese Zeit nicht auch noch sehen zu müssen.
It would all have been so glorious without this dull, soulless vis-à-vis, into whose eye no happening, no experience, no sight, however interesting, could conjure a gleam of spirit. If only I had now, in the war, all the glorious eatables this girl threw out of the window as “spoiled”! At night I made myself a folding screen with my sheet, so as at least for those hours not to have to see her as well.
Die melancholischen graugrünen Wellenhügel der Mongolei, blutrote Abendsonne darüber, flogen an uns vorbei. Am Baikalsee fing das Wintereis gerade zu tauen an, aber in der sibirischen Steppe hatten wir Mitte Juni den berauschendsten Frühling! In keinem andern Land der Erde sah ich jemals solche Blütenfülle. Unabsehbare Wiesen, tiefhimmelblau von Vergißmeinnicht, rot und gelb von Primeln. Und die Maiblumen! Wahre Orgien von Maiblumen feierten wir in dem endlosen Zug. Da war kein Abteil, sogar in der dritten Klasse, in dem nicht alles mit frischen Maiblumensträußen besteckt war. An jeder Station wurden neue gekauft, um ein Nichts. — Wie eine Duftwolke umschwebte es den Riesenzug.
The melancholy grey-green wave-hills of Mongolia, blood-red evening sun above them, flew past us. At Lake Baikal the winter ice was just beginning to thaw, but in the Siberian steppe in mid-June we had the most intoxicating spring! In no other land on earth did I ever see such fullness of blossom. Meadows past all surveying, deep sky-blue with forget-me-nots, red and yellow with primulas. And the lilies of the valley! Veritable orgies of lilies of the valley we celebrated in the endless train. There was no compartment, even in third class, that was not stuck all over with fresh bunches of them. At every station new ones were bought, for a trifle. — Like a cloud of fragrance it hovered about the giant train.
Denke ich an diese Landreise von siebzehn Tagen, fallen mir zuerst drei Dinge ein: das Anstehen beim Waschen, das »Rausschmeißen« und der sibirische Blütenrausch.
When I think of that overland journey of seventeen days, three things come to mind first: the queueing to wash, the “chucking out”, and the Siberian intoxication of blossom.
An der Chinesengrenze waren die Paßschwierigkeiten ebenso schrecklich wie an der deutschen. Die Livländerin wollte eine Fülle japanischer Elfenbeinschnitzereien schmuggeln, ihr bestes Versteck schienen ihr die Strümpfe. Auch ich war so dumm, ihr einiges in meinen Strümpfen unterzubringen. Die Zollbeamten waren sehr streng. Sie trennten mir z. B. das Mantelfutter auf, um zu sehen, ob keine japanische Seide dazwischen stecke. Kaum waren sie fort, als die Livländerin triumphierend zwei große Porzellanvasen unter ihren Röcken hervorholte, die sie sich an Schnüren umgehängt hatte. Sie lachte sich fast tot über die dummen Zollbeamten. Da — die Tür öffnet sich aufs neue zur Revision — ein alter Zolltrick — und die Vasen, die Vierhundert-Rubel-Vasen, wurden ihr einfach fortgenommen. Ja — wer zuletzt lacht, lacht am besten. Eine halbe Flasche Wutki fanden sie in meinem Proviant, den sie einfach austranken.
At the Chinese frontier the passport difficulties were just as dreadful as at the German one. The Livonian meant to smuggle a wealth of Japanese ivory carvings; her best hiding place, she thought, was her stockings. I too was foolish enough to stow some of it in mine. The customs officials were very strict. They unpicked the lining of my coat, for instance, to see whether Japanese silk was tucked inside. Hardly were they gone when the Livonian triumphantly produced from under her skirts two great porcelain vases she had hung about herself on cords. She almost laughed herself dead over the stupid customs men. Then — the door opens once more for inspection — an old customs trick — and the vases, the four-hundred-rouble vases, were simply taken from her. Yes — he laughs best who laughs last. In my provisions they found half a bottle of wutki, which they simply drank off.
Nun war ich also zum zweitenmal in Moskau, wo ich bei Bekannten, Herrn und Frau Löwenthal, wohnte. Und dann ging’s über Warschau nach Berlin zurück. Die Warschauer Juden schienen sich verschworen zu haben, mich dort und im Bahnabteil mit ihrem Jiddisch zur Verzweiflung zu bringen. —
So now I was in Moscow for the second time, where I stayed with acquaintances, Herr and Frau Löwenthal. And then it was back to Berlin by way of Warsaw. The Jews of Warsaw seemed to have conspired to drive me to despair, there and in the railway compartment, with their Yiddish. —
Im Tempio wieder ein paar mühsam eroberte Besuchstage der Kinder, sehr unerquicklich, im Zeichen beißender Spottlaune. Johanna bewältigte die viele Arbeit nicht mehr. Außer der von mir gehaltenen Aufwärterin und dem Gärtner hatte sie eine Freundin aus dem Krankenhaus eingeführt, Frau Podzuweit, die ich scherzhaft Frau Obergärtnerin nannte. Sie stammte vom Lande und war selig, in Gartenarbeit sich austoben zu können. Sie kam bald jede Woche, und unter ihren geschickten Fingern wuchsen Blumen die Fülle. Alle Beete säumte sie mit Veilchenrändern und schuftete von früh bis in die sinkende Nacht. Übrigens hatte Johanna jetzt drei Sprengknaben angeschafft, für eigenes Geld (um sich zu entlasten). Diese Kinder durchbrüllten täglich für Stunden den Garten und verbrauchten dreifach mehr Wasser mit dem Schlauch, als nötig war. — Ein paar Monate sah ich zu, dann machte ich der Herrlichkeit ein Ende. —
At the Tempio, again a few laboriously conquered visiting days from the children, very cheerless, under the sign of a biting mood of mockery. Johanna could no longer master all the work. Besides the charwoman I kept, and the gardener, she had introduced a friend from the hospital, Frau Podzuweit, whom I jokingly called Frau Head Gardener. She came from the country and was blissful at being able to work off her energies in garden work. Soon she came every week, and under her skilled fingers flowers grew in abundance. She edged all the beds with borders of violets and slaved from early morning into the sinking night. Johanna, by the way, had now acquired three sprinkler-boys, at her own expense (to relieve herself). These children bellowed through the garden for hours daily and used three times more water with the hose than was needed. — For a few months I looked on, then I put an end to the glory. —
Die Halle war schon im vorigen Herbst fundiert worden, und ich hatte nach altem Brauch in einer Flasche eine Urkunde darunter eingraben lassen; jetzt war das Richtefest, das die Handwerker sehr lärmend feierten. — Dann kamen italienische Arbeiter, das Fußbodenmosaik zu machen und die Säulen mit gelbem Stukkomarmor zu bekleiden.
The hall had already been founded the previous autumn, and after old custom I had had a document buried beneath it in a bottle; now came the topping-out feast, which the workmen celebrated very noisily. — Then came Italian workers, to lay the floor mosaic and to clothe the columns in yellow stucco marble.
In dieser Zeit kamen die Kinder wieder für ein paar Tage. Ich hatte für mein wehrloses Herz mich sehr vor diesem Besuch gefürchtet. — Aber er verlief ganz anders. Es schien den Heranwachsenden plötzlich ein Verständnis aufzugehen für den Stil und die Schönheit meiner Tempioschöpfung, und sie fingen an, mich mit eigenen Augen zu betrachten. Das Glasstückchen aus diesen ihren Augen, das ihnen wie in Andersens Märchen ein Zerrbild aus mir, meiner Welt und meinem Leben gemacht, war herausgefallen. Sie sahen wieder das »Ding an sich«. — So meinte Helga einmal: »Weißt du, du mußt in deinen japanischen Kimonos umhergehen, es paßt nichts anderes so zu dir.« Und Inge: »Die weißen Säulen müssen am Tempio stehen, und es muß alles so sein, wie es ist, und es ist sehr schön.«
In this time the children came again for a few days. For my defenceless heart, I had dreaded this visit greatly. — But it went quite otherwise. An understanding seemed suddenly to dawn in the growing girls for the style and beauty of my Tempio creation, and they began to look at me with their own eyes. The little splinter of glass in those eyes of theirs, which as in Andersen's fairy tale had made a distorted image of me, my world and my life, had fallen out. They saw again the “thing in itself”. — So Helga said once: “You know, you must go about in your Japanese kimonos, nothing else suits you so well.” And Inge: “The white columns must stand at the Tempio, and everything must be just as it is, and it is very beautiful.”
Das machte mich alles sehr glücklich, und ich fing wieder an, leise auf die Liebe meiner Kinder zu hoffen. An den langen Sommerabenden spielten wir alle vier »Schreibspiele«, und das starke poetische Talent dieser erblich doppelt belasteten Kinder begann sich voll zu entfalten. In wenigen Tagen — wie Blumen im Märchen.
All this made me very happy, and I began again quietly to hope for the love of my children. On the long summer evenings all four of us played “writing games”, and the strong poetic talent of these hereditarily doubly burdened children began to unfold to the full. In a few days — like flowers in a fairy tale.
Einen starken Eindruck machte es auf sie auch, als an Inges Geburtstag ein schlanker, schwarzer Italiener, ein Stukkoarbeiter, eine blaue Blume hinterm Ohr, dem sie ein Glas Bowle brachten, es in einem Zug leerte: »Alla salute delle Signorine!« War das den in Italien Geborenen wie ein Heimatgruß? Ich hatte das Gefühl, daß es ihnen diesmal zum ersten Male bei mir gefallen hatte. Und das beglückte mich sehr.
It also made a strong impression on them when, on Inge's birthday, a slim, black-haired Italian, a stucco worker with a blue flower behind his ear, to whom they brought a glass of punch, emptied it at one draught: “Alla salute delle Signorine!” Was that, to the Italian-born girls, like a greeting from home? I had the feeling that this time, for the first time, they had liked being with me. And that made me deeply happy.
Bald nach ihrer Abreise besuchte mich mein Japanfreund, der Amerikaner Blanchard Moore, und lud mich für acht Tage nach Norwegen ein. Wir wollten uns in Kristiania treffen. Er war einige Zeit bei Tolstoi gewesen und hoffte nun, durch mich bei Björnson eingeführt zu werden. Aber es sollte anders kommen; Björnson war schwer erkrankt und konnte niemand mehr sehen. So waren wir nur in Jotunheim, dem wildesten und unbekanntesten Innengebirge von Norwegen, dessen Kette ich von Nystuen und Tyn im Vorjahr mit Sehnsucht betrachtet hatte. Nun bereisten wir also die wilden »Jotuntindere«.
Soon after their departure my Japan friend, the American Blanchard Moore, visited me and invited me for eight days to Norway. We were to meet in Kristiania. He had spent some time with Tolstoi and hoped now to be introduced by me to Björnson. But it was to come otherwise; Björnson had fallen gravely ill and could no longer see anyone. So we were only in Jotunheim, the wildest and least known inner mountain range of Norway, whose chain I had gazed at with longing from Nystuen and Tyn the year before. So now we travelled the wild “Jotuntindere”.
Leider war’s nur eine kurze Freude. Mr. Moore kam dann noch für einige Tage nach dem Tempio. Johanna verliebte sich schleunigst in ihn, obgleich er äußerlich ganz unansehnlich war. Er schied mit dem Wunsche, mich bald in Amerika begrüßen zu können. »Das hat gute Wege«, meinte ich.
Sadly it was only a short joy. Mr. Moore then came for a few days more to the Tempio. Johanna promptly fell in love with him, although outwardly he was quite unprepossessing. He parted with the wish that he might soon greet me in America. “That has a good long way to go,” I said.
Kurz darauf besuchte mich ein Herr H., den ich einst in Athen mit Katharina kennengelernt hatte. Damals diente er auf einem österreichischen Kriegsschiff sein Jahr ab. Jetzt war er Ehemann einer reichen Amerikanerin aus der Stadt Philadelphia geworden und wohnte in deren Vorort Cynwyd. Er begeisterte sich für meine Bilder und meinte, in dem engen Raum, so dicht beisammen, kämen sie unmöglich zur Geltung, und er schlüge mir eine Ausstellung in Philadelphia vor, die er managen wollte. Ich müsse dann aber umgehend die Bilder einpacken lassen, natürlich alle ohne Rahmen und die großen gerollt, und selber sofort mit ihnen herüberkommen.
Shortly afterwards I was visited by a Herr H., whom I had once met in Athens with Katharina. In those days he was serving out his year on an Austrian warship. Now he had become the husband of a rich American woman from the city of Philadelphia and lived in its suburb of Cynwyd. He grew enthusiastic over my pictures and said that in the narrow room, so close together, they could not possibly tell; and he proposed to me an exhibition in Philadelphia, which he would manage. But I must then have the pictures packed at once, all of them unframed, of course, and the big ones rolled, and come over with them myself immediately.
Das leuchtete meinem Abenteurergeist nur allzusehr ein. Wenn Herr H. der rechte Mann war, war es eine gute Sache.
That was only too illuminating to my adventurer's spirit. If Herr H. was the right man, it was a good thing.
Nach Empfang seines Briefes aus Philadelphia, in dem er alles nochmals präzisierte und mir anbot, mich in Pension zu nehmen, sagte ich kurzentschlossen zu und ließ die mühsam eingeschachtelten und aufgestellten Bilder wieder alle von den Wänden nehmen, die großen aufrollen und alles in zwei ungeheuren Blechkisten nach Hamburg senden.
After receiving his letter from Philadelphia, in which he made everything precise once more and offered to take me as a boarder, I accepted on short resolve, and had the laboriously boxed-in and hung pictures all taken down from the walls again, the big ones rolled up, and everything sent in two enormous tin cases to Hamburg.
Dort nahm ich sie als Passagiergut mit auf den Dampfer und fuhr nun zum erstenmal nach der Neuen Welt.
There I took them onto the steamer as passenger's luggage, and now sailed for the first time to the New World.
In Hamburg wollte ich in einem Hotel H. übernachten, der Wirt aber erwies sich als Preller, und das machte auf mich einen peinlichen Eindruck. War das eine böse Vorbedeutung, daß ich auch in Philadelphia mit »H.« kein Glück hätte?
In Hamburg I meant to spend the night in a Hotel H.; but the landlord proved a swindler, and that made a painful impression on me. Was it an evil omen, that in Philadelphia too I should have no luck with “H.”?
In Neuyork nahm er mich dann selber in Empfang und brachte mich nach Philadelphia und Cynwyd. Drei Wochen schwebte das Damoklesschwert über mir, daß die Bilder, die ich als Atelierumzugsgut angegeben hatte, schwindelnd hohen Eingangszoll — ein kleines Vermögen — kosten sollten. Diese ständige Todesangst um einen geradezu unerschwinglichen Zoll war kein Heilmittel für meine Nerven, dazu erkältete ich mich schwer in dem wahnsinnig überhitzten Haus. Die sinnlose »Radiatorheizung« in den Häusern und Bahnen von Amerika scheint mir einer der größten Mißstände für Neuankommende. Sie brachte mich, die ich doch von den Tropen an starke Hitze gewöhnt war, fast zur Verzweiflung. Auf Anraten des jungen Ehepaares ging ich in den letzten Tagen des »Indiansummers« nach dem benachbarten Riesenseebad Atlantic City. Es brachte mir keine Besserung. Vorher war ich, mit Empfehlungen versehen, nach Washington gefahren. Graf und Gräfin Bernstorff waren sehr gütig gegen mich, ich wurde zum Diner geladen, und danach fuhr die Gräfin mit mir spazieren. Der Graf verschaffte mir eine Audienz beim damaligen Präsidenten Taft. Das war das einzige Mal, daß ich mir in Amerika für zehn Cents (vierzig Pfennig) die Schuhe wichsen ließ! — Übrigens verbrachte ich zwei Tage im Kapitol und in der pompösen Congreßlibrary, und an einem dritten fuhr ich auf dem Potomac nach Washingtons Heimstätte, Mount Vernon.
In New York he then received me himself and brought me to Philadelphia and Cynwyd. For three weeks the sword of Damocles hung over me: that the pictures, which I had declared as studio removal goods, were to cost a dizzyingly high import duty — a small fortune — at entry. This constant mortal dread over a downright unaffordable duty was no medicine for my nerves; on top of it I caught a severe cold in the madly overheated house. The senseless “radiator heating” in the houses and trains of America seems to me one of the greatest abuses awaiting newcomers. It drove me, who after all was accustomed to strong heat from the tropics, almost to despair. On the advice of the young couple I went, in the last days of the “Indian summer”, to the neighbouring giant seaside resort of Atlantic City. It brought me no improvement. Before that, furnished with recommendations, I had gone to Washington. Count and Countess Bernstorff were very kind to me; I was invited to dinner, and afterwards the Countess took me driving. The Count procured me an audience with the then President Taft. That was the single time in America that I had my shoes polished, for ten cents (forty pfennigs)! — I spent two days, by the way, in the Capitol and in the pompous Congressional Library, and on a third went down the Potomac to Washington's homestead, Mount Vernon.
In Cynwyd war’s unerquicklich. Die schwarze Dienerin war wegen Trunksucht Knall und Fall entlassen worden, die junge Frau hatte alle Hände voll zu tun mit einem Säugling, verstand von Haushalten keine Spur, und alles ging drunter und drüber. So mußte ich in den sauren Apfel beißen, bei den Zimmern zu helfen und die Küche zu übernehmen. Frau H. erinnerte mich in vielem an meine Livländerin, »man muß es rausschmeißen«. An jedem Abend wurden Berge von Weißbrot-, Fleisch-, Kartoffel- und Gemüseresten zum Abfall geworfen. Das Herz tat mir weh.
In Cynwyd it was cheerless. The black servant girl had been dismissed on the spot for drunkenness; the young wife had her hands full with an infant, understood not a trace of housekeeping, and everything went topsy-turvy. So I had to bite into the sour apple, help with the rooms and take over the kitchen. Frau H. reminded me in much of my Livonian: “it must be chucked out”. Every evening mountains of leftover white bread, meat, potatoes and vegetables were thrown to the refuse. My heart ached.
Übrigens war Frau H. eine in Paris geschulte, sehr gute Koloratursängerin und in jeder Beziehung »ein kleiner Racker«. H. selber, der erst Feuer und Flamme für meine Ausstellung gewesen war, hatte ganz plötzlich echt amerikanisch, ein »vacuum-cleaner«-Geschäft übernommen und war den ganzen Tag unterwegs nach »Kunden«. Aber einen sehr schönen Ausstellungsraum in der Chestnutstreet hatten wir gewonnen. Wann aber würde die Bilderzollfrage erledigt sein? Ich wurde immer kränker, mein Husten war fürchterlich, und meine Nerven wurden immer schwächer. Da es nun möglicherweise noch Wochen, ja Monate dauern würde, ehe die Bilder frei wurden (wenn das überhaupt gelang), beschworen mich H.’s, ihnen die ganze Sache anzuvertrauen und selber für meine Bronchien Genesung im Süden zu suchen. Es sollten mir dann allwöchentlich die »Einnahmen« geschickt werden. Lange sträubte ich mich, aber ich wurde täglich elender, die Hoffnungen täglich dunkler und der Aufenthalt im Hause H. täglich unerquicklicher. — In den letzten guten Spätherbsttagen hatte ich die Stadt der Bruderliebe ausgiebig besichtigt und mich in ihren amerikanischen Riesenmaßen verloren; nun wandte ich ihr also, nach schweren inneren Kämpfen, endlich den Rücken, von H. vorsorglich zur Bahn gebracht. — Ich sollte ihn und Philadelphia nicht wieder sehen.
Frau H., by the way, was a very good coloratura singer, Paris-trained, and in every respect “a little rascal”. H. himself, who at first had been all fire and flame for my exhibition, had quite suddenly, in true American style, taken over a “vacuum-cleaner” business and was out all day after “customers”. But we had won a very beautiful exhibition room in Chestnut Street. When, though, would the picture-customs question be settled? I grew ever sicker, my cough was frightful, and my nerves grew ever weaker. Since it might now take weeks, even months, before the pictures came free (if that succeeded at all), the H.s besought me to entrust the whole affair to them and to seek recovery for my bronchial tubes in the South myself. The “takings” would then be sent to me weekly. For a long time I resisted, but I grew daily more wretched, the hopes daily darker, and the stay in the H. house daily more cheerless. — In the last good days of late autumn I had thoroughly seen the City of Brotherly Love and lost myself in its giant American measures; now, after heavy inner struggles, I finally turned my back on it, brought providently to the station by H. — I was not to see him or Philadelphia again.
Von Neuyork fuhr ich geradenwegs nach Cuba-Habana, und seine vielgerühmte Tropenpracht mutete mich nach Indien und Java recht kläglich an. Trotz mannigfacher Ausflüge ins »tropische« Innere, z. B. nach der Tropfsteinhöhle zu Matanzas. Danach fuhr ich mit einem amerikanischen Dampfer nach Verakruz. Die unerträglichen Zollängste begannen langsam zu weichen. In Verakruz umwehten mich erschlaffende Lüfte; die Frauen gingen alle mit offenem, langem Haar, und die Aasgeier säuberten die Straßen. Überall ragten buntglasierte Kuppelkirchendächer in die tiefblaue Luft.
From New York I went straight to Cuba-Havana, and its much-praised tropical splendour struck me, after India and Java, as pitiful enough. Despite manifold excursions into the “tropical” interior, for instance to the dripstone cave at Matanzas. After that I went by an American steamer to Verakruz. The unbearable customs terrors slowly began to give way. In Verakruz enervating airs breathed about me; the women all went with long, loosened hair, and the vultures cleaned the streets. Everywhere gaily glazed church-dome roofs towered into the deep-blue air.
Nun war ich also in Mexiko. Wie ein Renner hob ich den Kopf empor und witterte Morgenluft, meine Lebensluft! Mexiko, auf, hinein in seine Geheimnisse! — Schon auf dem Schiff bedauerte ich von ganzer Seele, daß mir in dieser Jahreszeit Yukatan und die Ergründung seiner Tempel ganz unmöglich wäre. Im Frühling und Sommer sind für alles Verbindungen, Bahnen. Zur Zeit war es mir aber ein verschlossenes Paradies. Drum sollte mir wenigstens Mitla nicht entgehen! Vorläufig aber war ich erst in Verakruz bei seinen fetten Aasgeiern, die mir Malabarhill und die Türme des Schweigens in Erinnerung brachten. Ich las, ich studierte Prescotts »Conquest of Mexico«; den gleichen Weg wie die Conquistadores, den gleichen Weg wie Fernan Cortez würde ich machen, von der Fieberzone am Meer immer höher hinauf nach Mittelland und Gebirge. Allerdings etwas bequemer als Cortez, fuhr ich in einer Tagereise über Jalapa (die Heimat der Jalapawinde), Fortin (die Kaffeeregion) nach Orizaba, am Pico d’Orizaba, mit seinem ewigen Schnee!
So now I was in Mexico. Like a racehorse I lifted my head and scented morning air, my life's air! Mexico, up, into your secrets! — Already on the ship I regretted with my whole soul that at this season Yucatan and the fathoming of its temples would be quite impossible for me. In spring and summer there are connections, railways, for everything. Just now, though, it was a locked paradise to me. So at least Mitla should not escape me! For the present, however, I was still in Verakruz with its fat vultures, which brought Malabar Hill and the Towers of Silence back to my mind. I read, I studied Prescott's “Conquest of Mexico”; the same road as the conquistadores, the same road as Fernan Cortez, I would take: from the fever zone by the sea ever higher up into midland and mountains. Somewhat more comfortably than Cortez, to be sure, I travelled in one day's journey by way of Jalapa (the home of the jalap bindweed), Fortin (the coffee region) to Orizaba, at the Pico d'Orizaba with its eternal snow!
In Fortin erstand ich für ungefähr zwanzig Pfennig ein ganzes Kistchen voll schwer duftender Gardenien. In Orizaba wandelte ich mitten im Winter unter blühenden Oleandern. Wieder die herrlich bunten Kirchenkuppeln auf dem Hintergrund blühender Alamedas. Und abends beim Wandeln durch die dunkeln Gassen sah ich manch dunkle Männergestalt, im spitzen Sombrero, Mandoline spielend oder flüsternd, vor einem dicht vergitterten Fenster, hinter dem eine weibliche Gestalt sich ihm entgegenneigte. Die spanisch-mexikanische Art des »far amore«.
In Fortin I acquired, for about twenty pfennigs, a whole little box full of heavily scented gardenias. In Orizaba I walked in the middle of winter under blossoming oleanders. Again the gloriously coloured church domes against the background of blossoming alamedas. And in the evening, strolling through the dark lanes, I saw many a dark figure of a man in a pointed sombrero, playing the mandoline or whispering before a closely barred window, behind which a female figure leaned towards him. The Spanish-Mexican fashion of “far amore”.
Auch im Stierkampf war ich, der hier noch etwas merkwürdig unzivilisiert Urwüchsiges hatte.
I was at the bullfight too, which here still had something strangely uncivilised and primal about it.
Ja, ich war in Mexiko. Ganz plötzlich, ohne langes Überlegen war ich nun hier mitten in seinem Herzen.
Yes, I was in Mexico. Quite suddenly, without long deliberation, I was now here in the very middle of its heart.
Und dann fuhr ich nach Mexikocity und stieg in einer kleinen spanischen Casa dos Huespedes ab. Aber die Kost war fürchterlich, und in der ersten Nacht stahl man mir die Stiefel vor der Tür. So ging ich doch lieber ins zivilisierte Hotel de Genève im ganz modernen Fremdenviertel.
And then I went on to Mexico City and put up at a small Spanish casa dos huespedes. But the fare was frightful, and in the first night my boots were stolen from before my door. So I preferred after all the civilised Hotel de Genève in the quite modern foreigners' quarter.
Ja, Mexikocity hat so moderne Stadtviertel, daß es einem unmöglich deucht, in Mexiko zu sein. Hier sollte ich also das erste Geld von H. erhalten, nachdem ich in Verakruz bereits die Kunde vorgefunden hatte, daß die Zollfrage sich endlich befriedigend für mich abgewickelt, die Bilder schon im Ausstellungsraum aufgestellt würden und er »Nacht und Tag« daran arbeite. Natürlich schickte er kein Geld, sprach nur von den immer größer werdenden Unkosten, und daß ihm sein vacuum-cleaner-business leider nicht genügend Zeit gestatte, er deshalb eine Sekretärin angenommen habe. Er schickte auch ein paar Zeitungsausschnitte. Aber nun wußte ich schon genug, die Sache würde sich nicht erfolgreich gestalten, denn H., der seine ganze Kraft dafür einsetzen wollte, widmete diese Kraft einem einträglicheren »business«, dem vacuum-cleaner. Das Hamburger Omen sollte recht behalten. Nun rechnete ich also nicht mehr mit Philadelphia und seinen Goldquellen. Ich schaltete es einfach aus — aber ich lebte und webte in Mexiko.
Yes, Mexico City has quarters so modern that it seems impossible to be in Mexico at all. Here, then, I was to receive the first money from H., after finding word already at Verakruz that the customs question had at last been settled satisfactorily for me, that the pictures were even then being hung in the exhibition room and that he was working at it “night and day”. Naturally he sent no money, spoke only of the ever-growing expenses, and of how his vacuum-cleaner business unfortunately left him too little time, for which reason he had engaged a secretary. He also sent a few newspaper cuttings. But by now I knew enough: the affair would not turn out a success, for H., who had meant to throw his whole strength into it, was devoting that strength to a more profitable “business”, the vacuum-cleaner. The Hamburg omen was to be proved right. So I no longer counted on Philadelphia and its springs of gold. I simply switched it off — but I lived and wove in Mexico.
Anfangs stand ich ihm so kühl gegenüber — es war alles so blaß und staubig, verglichen mit den dunkeln indischen Gluten. Aber mählich nahm mich sein feiner Silberzauber völlig gefangen. — Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich dort war — im höchsten Fall waren es drei Monate. Aber mir schienen es drei Jahre, vor der Fülle des Gelernten, Geschauten. Ich könnte auch hierüber Bände schreiben und kann doch nur ein paar Streiflichter wahllos aus meiner laterna magica auf diese weißen Blätter werfen.
At first I stood towards it coolly enough — everything was so pale and dusty, compared with the dark Indian glows. But gradually its fine silver magic took me wholly captive. — I no longer know at all how long I was there — at the utmost it was three months. But to me it seemed three years, for the fullness of what was learned and beheld. Here too I could write volumes, and yet can only throw a few stray lights at random from my laterna magica onto these white leaves.
Beim deutschen Gesandten B. wurde ich durch Zufall und Menschenkenntnis Mitwisser eines angehenden tragischen Konflikts. Ich lernte Menschen kennen vor der Lebenswende — vor Entscheidung zu Tod und Verderben. So oft denke ich seither daran.
At the house of the German minister B. I became, through chance and knowledge of human nature, the confidante of an incipient tragic conflict. I came to know people before the turning of a life — before the decision towards death and ruin. How often I have thought of it since.
Vielleicht aber hat sich alles nur in einem kleinen Ehebruch glatt verlaufen. Wer kann es sagen? — Welche Menschentypen auch im Hotel de Genève! — Und wieder große Stiergefechte. Und Ausflüge in die unsagbar reizvolle Umgebung.
But perhaps it all ran smoothly off in a small adultery. Who can say? — What human types, too, in the Hotel de Genève! — And again great bullfights. And excursions into the unspeakably charming surroundings.
Um die große Kathedrale wurden neue Kanäle gelegt. Bei diesen Ausgrabungen fand man wieder Hunderte von Menschenschädeln, von der großen Schlacht, die hier in »Tenochtitlan« zwischen den Kriegern Montezumas und den Söldnern der Konquistadores stattgefunden hatte, von dem Blutbad, das den Kämpfenden bis über die Knöchel gespritzt sein soll. — Alle furchtbaren Kämpfe verrauscht — verklungen — alles gewandelt. — —
Around the great cathedral new drains were being laid. In these excavations they found once more hundreds of human skulls, from the great battle that had been fought here in “Tenochtitlan” between the warriors of Montezuma and the mercenaries of the conquistadores, from the bloodbath that is said to have splashed above the fighters' ankles. — All the terrible battles rushed away — rung out — everything transformed. — —
Am Mercado del Volador (dem »Diebesmarkt«, eigentlich Trödelmarkt) fand ich einen Knopf mit Kaiserkrone von einer Dienerlivree Kaiser Maximilians! Auch diese so glänzend einsetzende Tragödie verrauscht — verklungen —!
At the Mercado del Volador (the “thieves' market”, really a junk market) I found a button with the imperial crown, from a servant's livery of the Emperor Maximilian! This tragedy too, that began so brilliantly, rushed away — rung out —!
Im Museum Schätze bis ins graueste Altertum zurück, weit über Azteken- und Toltekenzeit hinaus, hier, gewissermaßen an der Wiege jener Völkerschaften, doppelt eindrucksvoll. Weihnacht wurde im Gesandtschaftspalais und im Hotel de Genève sehr prächtig gefeiert, auch in der ganzen katholischen Bevölkerung, dem Prachtgemisch von Indianern und Spaniern. — Porfirio Diaz war noch am Ruder, auch er ein echtes Kind seines Landes. Ich ließ mir viel über ihn erzählen, er war der Abgott des Volkes. Wer hätte gedacht, daß er so bald schon abgesetzt und flüchtig würde! In Mexiko ist man niemals vor Überraschungen sicher.
In the museum, treasures reaching back into greyest antiquity, far beyond Aztec and Toltec times, doubly impressive here, at the cradle, so to speak, of those peoples. Christmas was celebrated very splendidly in the legation palace and in the Hotel de Genève, and among the whole Catholic population too, that splendid mixture of Indians and Spaniards. — Porfirio Diaz was still at the helm, he too a true child of his country. I had much told me about him; he was the idol of the people. Who would have thought that so soon he would be deposed and a fugitive! In Mexico one is never safe from surprises.
Cuernavaca! Welch eigentümlich schöne Tage verlebte ich dort im dunkel-schönen, schwermütigen Bordagarten, dem Lieblingssitz von Kaiser Maximilian und Charlotte. Und vor dem Palast des Fernan Cortez, von dem so seltsame Felsenschau sich bietet. Ja, Mexiko wuchs mir immer mehr ans Herz. Als ich im Abendglühen nach Mexikocity zurückfuhr und die Vulkane Popokatepetl und Iztaccihuatl schöner denn je aus der Ebene hervorragten — wie konnte ich sie da verstehen, die Leidenschaft der Konquistadores für dieses herrliche Land.
Cuernavaca! What singularly beautiful days I spent there in the darkly beautiful, melancholy Borda garden, the favourite seat of the Emperor Maximilian and Charlotte. And before the palace of Fernan Cortez, from which so strange a rock-vista offers itself. Yes, Mexico grew ever closer to my heart. As I drove back to Mexico City in the evening glow, and the volcanoes Popokatepetl and Iztaccihuatl stood out from the plain more beautifully than ever — how I could understand it then, the passion of the conquistadores for this glorious land.
Ich fuhr dann noch über Puebla und Cholulla (welche Bilder aus der mexikanischen Geschichte stiegen da vor meinen Augen empor), durch weite Landstrecken, nur mit Orgelkaktus bewachsen, stundenlang durch »Pulquefelder« (Agaven, aus deren Saft der landesübliche Agavenwein, der berauschende Pulque, bereitet wird), nach Oaxaca. Wieder überall fein silhouettierte, reichgeschmückte Kirchen! — Dann in vier Stunden nach Mitla, den geheimnisvollen Toltekentempeln, noch gänzlich wohlerhalten mit ihrem wie griechische Bänderornamente wirkenden Schmuck. Als wenn die zum Teil unterirdischen Tempel erst gestern verlassen wären. Auch Mitla liegt von Orgelkakteen umgeben. Ein sehr poetisches Gasthaus nahm mich auf. Durch einen dunkeln Kramladen kam man in einen wahrhaft paradiesischen Tropenpatio mit leuchtend rotblühenden Bäumen, Palmen, Schlingrosen. Ein Märchen von einem Garten. Überhaupt die »Fondas« in den kleineren mexikanischen Städten sind oft von unbeschreiblichem Reiz umflossen, wie das ganze Land.
I then went on over Puebla and Cholulla (what pictures out of Mexican history rose there before my eyes), through wide stretches of land grown only with organ cactus, for hours through “pulque fields” (agaves, from whose sap the country's customary agave wine, the intoxicating pulque, is prepared), to Oaxaca. Again, everywhere, finely silhouetted, richly adorned churches! — Then in four hours to Mitla, the mysterious Toltec temples, still wholly well preserved with their ornament that works like Greek band-patterns. As if the partly subterranean temples had been abandoned only yesterday. Mitla too lies ringed by organ cactus. A very poetic inn took me in. Through a dark general store one came into a truly paradisal tropical patio with trees blossoming glowing red, palms, climbing roses. A fairy tale of a garden. Altogether the “fondas” of the smaller Mexican towns are often bathed in indescribable charm, like the whole land.
Auch die neuausgegrabenen Pyramiden von Sonne, Mond und Sternen mit den merkwürdigen Wandmalereien, nahe Tezcuoco, besah ich mir noch, und Amecameca, das mexikanische Oberammergau. Am Popopark hätte ich mich am liebsten wieder angekauft. Das ist eine moderne Villengründung, drei Stunden Schnellzug von Mexikocity, in einem wundervollen Lorbeer- und Pinienwald, unmittelbar gegenüber vom Popocatepetl und seinem ewigen Schnee. Landschaftlich schönere Bilder sah ich selten. Und hier oben war die reinste und leuchtendste Luft, ein ewiger Frühling, das ganze Jahr blühen die Rosen. Und es waren solch verführerische Preise! Ein Baugrund von ungefähr zwei Morgen prächtigstem Wald, mitsamt Bausteinen von silbergrau glänzender, marmorartiger Beschaffenheit — etwa achttausend Mark. Aber freilich — ich hatte nun den Tempio! Und die Kinder hätte ich hier niemals herbekommen. Also mußte es beim Traum verbleiben, ebenso wie das Dalmatiner Kloster! Das an der »Pest«-Wirklichkeit zerschellte. Wie froh bin ich nun hierüber!
The newly excavated pyramids of Sun, Moon and Stars, too, with their strange wall paintings, near Tezcuoco, I went to see, and Amecameca, the Mexican Oberammergau. At Popo Park I would gladly have bought myself in again. That is a modern villa settlement, three hours by express from Mexico City, in a wonderful wood of laurel and pine, immediately opposite Popocatepetl and its eternal snow. Landscapes more beautiful I have seldom seen. And up here was the purest and most luminous air, an eternal spring; the roses bloom the whole year round. And the prices were so seductive! A building plot of about two acres of most splendid wood, together with building stone of a silver-grey gleaming, marble-like quality — some eight thousand marks. But of course — I now had the Tempio! And the children I should never have got to come here. So it had to remain a dream, just like the Dalmatian monastery! Which shattered on the reality of the “plague”. How glad I am of it now!
In Mexiko sah ich noch sehr großartige Stiergefechte. In den Zeitungen füllte der staubaufwirbelnde Selbstmord einer jungen Deutschen, die angeblich von vier Stierfechtern vergewaltigt worden war, täglich lange Spalten. Stierfechter stehen auch in Mexiko im Vordergrund des Interesses. Ich behandelte dies alles in meinem Roman »La Paloma«.
In Mexico I saw further most magnificent bullfights. In the newspapers the dust-raising suicide of a young German woman, who had allegedly been raped by four bullfighters, filled long columns daily. Bullfighters stand in the foreground of interest in Mexico too. I treated all this in my novel “La Paloma”.
Dann fuhr ich nach dem weltfernen Cuautla, dem künftigen Karlsbad von Mexiko. Verträumtere Gärten, verschlafeneres Poetenland wie dort sah ich nirgends. Wie oft packt mich jetzt die Sehnsucht nach Mexiko, das ich damals gar nicht so besonders schätzte!
Then I went to world-remote Cuautla, the future Karlsbad of Mexico. Dreamier gardens, sleepier poet-country than there I saw nowhere. How often the longing for Mexico seizes me now, for the Mexico I did not even, at the time, so specially value!
Und dann ging’s über Queretaro (wo ich Maximilians Blutspuren verfolgte und Opaleinkäufe machte) und Zacatecas (den alten Silberminen in wildromantischem Talkessel, von kahlen Berghängen umgeben), über Aguas Calientes (berühmt durch seine heißen Quellen und Spitzen), in einigen Tagereisen über Albuquerque nach dem Gran Canyon von Arizona! Ja, der Reiseteufel hatte mich wieder — mit Haut und Haaren.
And then it was on over Queretaro (where I followed Maximilian's traces of blood and made purchases of opals) and Zacatecas (the old silver mines in a wildly romantic basin of the hills, ringed by bare mountain slopes), over Aguas Calientes (famous for its hot springs and its lace), in a few days' journeys via Albuquerque to the Grand Canyon of Arizona! Yes, the travel-devil had me again — skin and hair.
Alles andere ist mir dann für Tage in der gigantischen Größe des Gran Canyon, dem »Chasm of horrors«, dem Spalt des Schreckens, versunken.
Everything else then sank from me for days in the gigantic vastness of the Grand Canyon, the “Chasm of horrors”, the cleft of terror.
In meinem späteren Roman »Im Schatten der Mormonen« ist er geschildert, wie er meinen berauschten Augen sich darstellte, als der Maßstab für alles Größte an Naturwundern, das diese Erde trägt.
In my later novel “Im Schatten der Mormonen” it is depicted as it presented itself to my intoxicated eyes: as the measure for all that is greatest among the nature-wonders this earth bears.
Und dann ging’s weiter nach Los Angeles. — H. hatte natürlich kein Geld geschickt. Auch seine Nachrichten blieben aus, ich hatte keine Ahnung, wie die Sachen in Philadelphia standen. Aber ich wollte doch wegen Geldmangel nicht in meinem »sightseeing« behindert werden. Also hieß es sich einrichten und alles am Körper abzwacken, um es Auge und Geist zuführen zu können.
And then it was on to Los Angeles. — H. had of course sent no money. His news failed too; I had no notion how matters stood in Philadelphia. But I was not going to let myself be hindered in my “sightseeing” for lack of money. So the word was: economise, and pinch everything from the body, in order to feed it to eye and spirit.
Ich fand auch glücklich in »Peoples hotel« ein dunkles, kaltes Zimmer für zwanzig Cents. Und dicht nebenan ein Frühstück für fünf und ein Diner für fünfzehn Cents, so konnt’ ich mir noch fünf Cents für den Abend spendieren und hatte immer erst fünfundvierzig Cents für mein Leben verausgabt. Behielt von drei Dollars pro Tag noch zwei und fünfundfünfzig Cents übrig und machte nun hierfür die herrlichsten Ausflüge. Nach Mount Wilson, Mount Lowe, nach den verschiedenen »beaches«, all den Seebädern der Nachbarschaft. Ich genoß die Schönheit der Natur in vollen Zügen. Dann baldowerte ich eine billige Küstenlinie nach San Francisco aus. Aber die sollte mich fast das Leben kosten. Und sehr viel Zeit. Zwei Tage warteten wir in San Pedro auf die Abfahrt, und dann wurde es bei hohem Seegang in der Nußschale geradezu fürchterlich. In San Francisco mußten wir auf allen vieren, bei strömendem Regen auf schlüpfrigen Brettern ans Land kriechen.
I did happily find in the “Peoples hotel” a dark, cold room for twenty cents. And close by a breakfast for five and a dinner for fifteen cents, so that I could still treat myself to five cents for the evening and had always spent no more than forty-five cents on my living. Of three dollars a day that left me two dollars fifty-five over, and on this I now made the most glorious excursions. To Mount Wilson, Mount Lowe, to the various “beaches”, all the sea-bathing places of the neighbourhood. I enjoyed the beauty of nature in full draughts. Then I ferreted out a cheap coastal line to San Francisco. But it was nearly to cost me my life. And a great deal of time. Two days we waited in San Pedro for the departure, and then, in heavy seas, it became downright frightful in the nutshell. In San Francisco we had to crawl ashore on all fours, in streaming rain, over slippery planks.
Aber San Francisco bot mir viel des Neuen und Anregenden. Die Spuren von Brand und Erdbeben waren noch nicht ganz verwischt, und man konnte noch eine Ahnung bekommen von der grauenhaften Verwüstung am »golden gate«.
But San Francisco offered me much that was new and stimulating. The traces of fire and earthquake were not yet quite effaced, and one could still get an inkling of the horrific devastation at the “golden gate”.
Eine Schwester von Mrs. Sutherland, einer Bekannten von Atlantic City, hatte mir Quartier gemacht, und hier fand ich’s für billiges Geld ganz behaglich.
A sister of Mrs. Sutherland, an acquaintance from Atlantic City, had found me quarters, and here I found it quite snug for cheap money.
Natürlich mußte ich trotz Winter nach Yosemite valley, dem berühmten Felsental der Sierra Nevada. Es übertraf auch, trotz Eis und Schnee, meine kühnste Erwartung. Auf dem Mount Tamalpais hatte ich überwältigenden Rundblick. Nach vierzehn Tagen verließ ich die Stadt höchst befriedigt, um nach Saltlake in Utah zu fahren und dort haltzumachen. Die Fahrt durch die Nevadawüste mit ihren in Abendduft gehüllten öden Hängen, unter denen noch so viele unentdeckte Nibelungenhorte eine spätere Welt mit Verderben überschwemmen werden, war unwahrscheinlich schön. In Saltlake stieg ich aus, nahm ein Zimmer und wanderte durch die echt amerikanisch aussehende Stadt. Ich ging auch ins Informationsbureau am Tempel. Dort lernte ich in einem Herrn Redakteur Schultheiß einen biederen Schwyzer kennen, der mich zu sich nach Hause, in seine kinderreiche Familie, mitnahm. Ich mußte dort nächtigen. Er holte selbst mein Gepäck vom Hotel, und ich saß nun in einer waschechten Mormonenfamilie. Sie zeigten mir noch einiges am andern Morgen, und ich mußte ihnen versprechen, wenn ich je wieder nach Amerika käme, auf ein paar Wochen Einkehr bei ihnen zu halten. Dann reiste ich höchst befriedigt weiter nach Chikago. Bei Tagesgrauen kam ich an, von Mr. Blanchard Moore, der mir schon Quartier besorgt hatte, abgeholt. Und ich blieb vierzehn Tage in der Riesenstadt und überlegte mir, ob ich im nächsten Jahr hier eine Preuschenausstellung eröffnen sollte. Mr. Moore riet mir aus Kräften ab, er selber stand allen Künstlerkreisen fern und würde mir, wie er meinte, nicht helfen können.
Naturally, winter or no winter, I had to go to Yosemite valley, the famous rock valley of the Sierra Nevada. And it surpassed, despite ice and snow, my boldest expectation. On Mount Tamalpais I had an overwhelming panorama. After a fortnight I left the city highly satisfied, to travel to Salt Lake in Utah and halt there. The ride through the Nevada desert, with its desolate slopes wrapped in evening haze, beneath which so many undiscovered Nibelung hoards will yet flood a later world with ruin, was improbably beautiful. In Salt Lake I got out, took a room and wandered through the genuinely American-looking city. I also went into the information bureau at the Temple. There, in an editor, Herr Schultheiß, I came to know an honest Switzer, who took me home with him into his child-rich family. I had to pass the night there. He himself fetched my luggage from the hotel, and I now sat in a dyed-in-the-wool Mormon family. They showed me a few things more the next morning, and I had to promise them that if I ever came to America again I would put up with them for a few weeks. Then I travelled on, highly satisfied, to Chicago. I arrived at break of day, met by Mr. Blanchard Moore, who had already found me quarters. And I stayed a fortnight in the giant city and considered whether I should open a Preuschen exhibition here the next year. Mr. Moore advised me against it with all his strength; he himself stood far from all artistic circles and would, he said, not be able to help me.
Und dann fuhr ich weiter über Buffalo nach Neuyork. Aber den Niagarafall im Winter besah ich mir, und er übertraf all meine Erwartungen. In Neuyork nahm mich Mrs. Sutherland in Pension, und ich blieb einige Wochen bei ihr. Es war eine interessante Umgebung. Fabelhaft echtamerikanische Hausfrauenunordnung auf winzigsten Raum beschränkt; dazu ein sterbender Mann (früherer Redakteur an der »Sun«) und ein Hausfreund, mit dem zusammen sie einst eine Goldmine entdeckte und besaß. Übrigens erfuhr ich nachträglich, daß Mrs. Sutherland eine gefeierte Tänzerin gewesen war. (Nach ihres Mannes Tod nahm sie wieder eine Anstellung als »Amor« in einem großen Ausstattungsstück an; zur Zeit aber lebte er noch.)
And then I went on over Buffalo to New York. But the Niagara Falls in winter I did see, and they surpassed all my expectations. In New York Mrs. Sutherland took me as a boarder, and I stayed some weeks with her. It was an interesting setting. Fabulous genuine-American housewifely disorder confined to the tiniest space; with it a dying man (a former editor on the “Sun”) and a friend of the house, together with whom she had once discovered and owned a gold mine. I learned afterwards, by the way, that Mrs. Sutherland had been a celebrated dancer. (After her husband's death she again took an engagement as “Amor” in a great spectacle piece; at the time, though, he was still living.)
Ich hatte Empfehlung an eine deutsche Schriftstellerin Frau von Ende. Dieser Dame, die mit ihrem Sohn, der ein guter Violinspieler war und eine angesehene Musikschule besaß, ein schönes Haus an der 59th street bewohnte, erzählte ich von meinem Philadelphia-Mißgeschick. Ich hatte Nachricht vorgefunden, daß H. die Bilder verpackt und an einen Neuyorker Spediteur gesandt habe. Es sei nichts verkauft worden, er habe aber mit einigen Bildern seine Spesen gedeckt — er und seine Familie seien auf dem Weg nach Europa.
I had a recommendation to a German writer, Frau von Ende. To this lady, who occupied a beautiful house on 59th street with her son, a good violinist who owned a respected music school, I told my Philadelphia misfortune. I had found word waiting that H. had packed the pictures and sent them to a New York forwarding agent. Nothing had been sold, but with a few of the pictures he had covered his expenses — he and his family were on their way to Europe.
Frau von Ende meinte nun, daß es ein Jammer sei, daß die Bilder in Neuyork lägen und nicht ausgestellt würden, und bot mir ihr Haus für eine fünftägige Ausstellung an, aber keinen Tag länger, wie sie immer wieder versicherte. Ich ging darauf ein, hätte es aber lieber nicht tun sollen. Denn was nützten mir fünf Tage? Damals dachte ich freilich, es ist besser als nichts, und traf umfassende Vorbereitungen. Die großen Bilder mit breiten, schwarzen Stoffstreifen als Rahmen schauten pompös im Musikzimmer aus. Die andern Bilder wurden über das ganze Haus verteilt. Es wirkte unendlich originell.
Frau von Ende now said it was a pity that the pictures should lie in New York and not be exhibited, and offered me her house for a five-day exhibition, but not a day longer, as she assured me again and again. I went into it, but had better not have done so. For what use to me were five days? At the time, to be sure, I thought: it is better than nothing, and made comprehensive preparations. The big pictures, with broad black strips of cloth as frames, looked pompous in the music room. The other pictures were distributed over the whole house. The effect was endlessly original.
Nun bat ich den Grafen Bernstorff, mir die Ausstellung zu eröffnen. Er kam auch wirklich mit seiner Gattin und hielt vor zahlreichem geladenem Publikum eine Ansprache, in der er Amerika mit Deutschlands »most famous lady painter« bekannt machte.
Now I asked Count Bernstorff to open the exhibition for me. And he really came, with his wife, and before a numerous invited public delivered an address in which he made America acquainted with Germany's “most famous lady painter”.
Das wäre alles nützlich gewesen für eine Ausstellung von fünf Wochen. Für fünf Tage war’s ganz unnötig verschossenes Pulver. Denn mir hat es nicht das mindeste genützt.
All that would have been useful for an exhibition of five weeks. For five days it was powder quite needlessly shot away. For it profited me not the least.
Natürlich erschienen, nach der glänzenden Einführungsrede des Botschafters, spaltenlange Berichte und Abbildungen in den größten Zeitungen. Doch als das große Publikum sich auf den Weg machte, die vielgerühmten Bilder anzusehen, da waren längst die fünf Tage verstrichen und die Bilder wieder verpackt und aufgehoben.
Naturally, after the ambassador's brilliant introductory address, columns-long reports and illustrations appeared in the biggest newspapers. But by the time the great public set out to see the much-praised pictures, the five days had long run out and the pictures were packed up and stored away again.
Mir hat dies nicht im aller-allermindesten genützt. — Nun fuhr ich ab, komischerweise auf der »Philadelphia«. Am Tag der Abreise hatte ich noch einen Brief erhalten, der mich in allen Tiefen aufwühlte. Ich hatte Helga gebeten, mir zu schreiben, wann sie und Inge mich in diesem Jahr besuchen kämen, damit ich rechtzeitig für meine Geliebten das Nest bereiten könnte. Darauf kamen nach langer, beängstigender Pause ein paar kurze Zeilen: »Liebe Muz« (so nannten mich die Kinder von frühester Jugend an), »Du fragst, wann wir in diesem Jahr zu Dir kommen wollen. Nun höre mich ruhig und ohne Aufregung an — was ich Dir ebenso ruhig, aber fest entschlossen schreibe: Wir wollen überhaupt nicht mehr kommen! Wir wollen uns niemals wiedersehen! Denn es hat nicht den leisesten Zweck. Wir sind in so andern Gedanken und Interessen aufgewachsen als Du, es liegt solche Fremdheit zwischen Deinen und unsern Kreisen. Wozu uns alle drei unnötig quälen? Also rege Dich nicht auf und tue nichts Unvernünftiges — es ist unser felsenfester Entschluß. Trotzdem mit herzlichen Grüßen Helga — Inge. Du kannst uns ja immer schreiben, unser Leben aus der Ferne verfolgen. Wir werden Dir auch stets gerne antworten und Dir von unserm Leben berichten.«
This profited me not in the very, very least. — Now I sailed, comically enough, on the “Philadelphia”. On the day of departure I had received one more letter, which churned me up in all my depths. I had asked Helga to write me when she and Inge would come to visit me this year, so that I could prepare the nest in good time for my loved ones. To which, after a long, frightening pause, came a few short lines: “Dear Muz” (so the children had called me from earliest youth), “you ask when we mean to come to you this year. Now hear me calmly and without agitation — what I write to you just as calmly, but firmly resolved: we do not want to come at all any more! We want never to see each other again! For there is not the slightest purpose in it. We have grown up in such different thoughts and interests from yours; such strangeness lies between your circles and ours. Why torment all three of us needlessly? So do not upset yourself, and do nothing unreasonable — it is our rock-firm resolve. Nevertheless with warm greetings Helga — Inge. You can always write to us, follow our life from afar. We shall also always be glad to answer you and report to you of our life.”
Das traf mich wie ein Keulenschlag! Ich hatte den Brief auf dem Schiff erhalten und in meiner Kabine gelesen, die Herr von Ende stimmungsvoll zum Abschiedsgruß mit roten Nelken ausgeschmückt hatte. Wie Hohn leuchteten mir diese Glücksblumen, die roten Nelken. Wieder und wieder las ich die Unglückszeilen!
It struck me like a blow of a club! I had received the letter on the ship and read it in my cabin, which Herr von Ende had decked out, as an atmospheric farewell greeting, with red carnations. Like mockery these flowers of good fortune shone at me, the red carnations. Again and again I read the lines of misfortune!
Und dann fing ich an zu schreiben und zu schreiben. An die Kinder, an Schwager und Schwägerin.
And then I began to write and write. To the children, to my brother-in-law and sister-in-law.
Viele der Episteln wurden zerrissen, viele flogen hinaus, anklagend, beschwörend, verzweifelt, zum äußersten entschlossen. Nein, das wollte ich mir nicht bieten lassen, das nicht!
Many of the epistles were torn up; many flew out, accusing, imploring, desperate, resolved on the utmost. No, I was not going to let this be done to me, not this!
Im Tempio fand ich denn auch schon Antworten!
At the Tempio, sure enough, I already found answers waiting!
Mein Schwager schrieb: »Die Kinder sind entsetzt über Ihre ungestümen Forderungen, Ihre Drohungen — und wenden sich voller Befremden von einer Mutter, die so wenig von innerer Harmonie und schönem Maß in ihrer Seele finden kann. Sie haben sich selber schwer geschädigt durch Ihr Ungestüm. Helga und Inge sind Ihnen dadurch nur noch ferner gerückt. Es zeigt so recht die Oberflächlichkeit Ihrer Natur, die alles Seelische an die Öffentlichkeit zerrt, die in Reklamewesen ihre Gefühle ausströmt. Warum sind Sie nicht glücklich im Gedanken, daß die Kinder von uns ins rechte Erdreich gepflanzt worden, in dem all ihre Gaben sich voll entwickeln können. Freuen Sie sich von weitem an ihrer Entfaltung und sprechen Sie mit Goethe: ›Die Sterne, die begehrt man nicht!‹«
My brother-in-law wrote: “The children are appalled at your impetuous demands, your threats — and turn away, full of estrangement, from a mother who can find so little inner harmony and beautiful measure in her soul. You have gravely damaged yourself by your impetuosity. Helga and Inge have only moved further from you because of it. It shows all too well the superficiality of your nature, which drags everything of the soul before the public, which pours out its feelings in advertisement. Why are you not happy in the thought that the children have been planted by us into the right soil, in which all their gifts can develop to the full. Rejoice from afar in their unfolding, and say with Goethe: ‘The stars, one does not covet them!’”
Ich beruhigte mich aber nicht hierbei, und meine Briefe klangen immer verzweifelter. Die abenteuerlichsten Pläne faßte ich. Bis zum Kaiser wollte ich gehen, der sollte seinen Admiral bitten, mich nicht durch seine Grausamkeit zu Tode zu martern.
But I did not quiet myself with this, and my letters sounded ever more desperate. I formed the most adventurous plans. I would go to the Kaiser himself; he should ask his admiral not to torture me to death by his cruelty.
Dieser hatte aber doch wohl gemerkt, daß die Sache nicht so glatt auszuführen war, wie er sich’s gedacht hatte. So schrieb er mir, daß er zu persönlicher Rücksprache käme und hoffe, mich wieder zu »vernünftiger Einsicht der Weisheit seiner Entschlüsse« zu bringen.
He, however, had evidently noticed that the affair was not to be carried through as smoothly as he had thought. So he wrote me that he would come for a personal interview, and hoped to bring me back to “reasonable insight into the wisdom of his resolutions”.
Er kam. Und ich bat, ich flehte, ich stammelte, ich schluchzte. Schließlich stürzte ich ihm zu Füßen und umklammerte verzweiflungsvoll seine Knie. Da sagte er: »Ich will sehen, was sich tun läßt, ob ich die Kinder dazu bringen kann, von ihrem Entschluß abzugehen. Es wird ein hartes Stück Arbeit.«
He came. And I begged, I implored, I stammered, I sobbed. At last I threw myself at his feet and clasped his knees in desperation. Then he said: “I will see what can be done, whether I can bring the children to go back on their resolve. It will be a hard piece of work.”
Dann ging er schnell. Aber ich war wunderbar getröstet. Denn ich wußte nun, daß er eingesehen hatte, daß ich mir das in keinem Fall bieten ließe, und daß er eines Gewalts- oder Verzweiflungsstreiches meinerseits gewärtig sein würde, falls er auf seiner Weigerung beharrte.
Then he went quickly. But I was wonderfully comforted. For I knew now that he had seen I would on no account let this be done to me, and that he would have to reckon with some stroke of violence or despair on my part if he persisted in his refusal.
Und dann kamen die Kinder — für vierzehn Tage diesmal. Es war alles zum festlichen Empfang hergerichtet.
And then the children came — for fourteen days this time. Everything was made ready for a festive reception.
Johanna wollte durchaus drei Sprengknaben zu ihrer Hilfe. Aber schließlich beruhigte sie sich mit einem, der allerdings an epileptischen Krämpfen litt und uns manchen Schreck verursachte.
Johanna absolutely wanted three sprinkler-boys to help her. But in the end she contented herself with one, who admittedly suffered from epileptic convulsions and gave us many a fright.
Die Halle war nun fertig von innen und außen und harrte der noch in Neuyork lagernden Bilder. Zu beiden Seiten des Eingangs thronten die weiblichen Sphinxe, an deren Gestaltung ich mitgeholfen hatte. Rhododendron und Rosen standen davor. Die Langseiten waren von Tannen umsäumt — wie ich’s an den japanischen Tempeln liebte. Ein Pfauenpaar stolzierte gravitätisch umher, Zeus und Here. Oft schlug Zeus sein Rad vor den Sphinxen. Das sah phantastisch aus. Des Abends nächtigte er auf einer der weißen Vasen der Vordervilla, Tempio I, vor welcher der Adorant die Hände emporhob — hier opfert man der Kunst. Die Crimsonramblergänge zu beiden Seiten des Hauses standen in voller Blüte. Vor dem Fenster des »Kinderzimmers« im Mezzanin, das in Weiß und Rosa gestrichen und eingerichtet war, stand ein Vogelkäfig mit Goldfasanen, die in der Sonne schillerten. Es war wirklich schön, und in diesen Tagen wurde es uns dreien wie ein Märchen vom Glück. Des Abends saßen wir schreibspiel-dichtend auf der Vorderaltane unter den weißen Säulen und sahen die Sonne blutrot im Westen versinken, und bei Vollmond schimmerte der ganze kleine weiße Säulenbau wie von eitel Marmor.
The hall was now finished within and without, and awaited the pictures still stored in New York. On either side of the entrance throned the female sphinxes, in whose shaping I had helped. Rhododendron and roses stood before them. The long sides were bordered with firs — as I had loved it at the Japanese temples. A pair of peacocks strutted gravely about, Zeus and Here. Often Zeus spread his wheel before the sphinxes. That looked fantastic. At night he roosted on one of the white vases of the front villa, Tempio I, before which the Adorant raised his hands — here one sacrifices to Art. The crimson-rambler walks on both sides of the house stood in full bloom. Before the window of the “children's room” in the mezzanine, painted and furnished in white and pink, stood a bird cage with golden pheasants that shimmered in the sun. It was really beautiful, and in these days it became for us three like a fairy tale of happiness. In the evenings we sat writing-game-poetising on the front balcony under the white columns and watched the sun sink blood-red in the west, and at full moon the whole little white columned building shimmered as if of pure marble.
Nie wie in diesen Tagen freute ich mich an meinem neuen Besitz, und es war mir fast, als habe der Tempio und seine Schönheit mitgeholfen, mir die Herzen meiner Kinder wieder zu gewinnen. Sie wichen nicht mehr aus vor meiner scheuen Zärtlichkeit, sie drängten sich an mich, sie schlangen ihre Arme um meinen Hals. Bald merkte ich, sie waren eins auf das andere eifersüchtig. Von dem furchtbaren Zwischenspiel seit ihrem letzten Besuch sprachen wir niemals. —
Never as in these days did I rejoice in my new possession, and it was almost as if the Tempio and its beauty had helped to win me back the hearts of my children. They no longer shrank from my shy tenderness; they pressed close to me, they wound their arms around my neck. Soon I noticed they were jealous, each of the other. Of the terrible interlude since their last visit we never spoke. —
Und dann waren auch diese Tage verronnen. Ich mußte wieder an Storms Worte denken: »Es gibt Tage, die den Rosen gleichen.« Diese Tage waren im wahrsten Wortsinn Rosenzeit gewesen.
And then these days too had run away. I had to think again of Storm's words: “There are days that are like the roses.” These days had been, in the truest sense of the word, rose-time.
Aus Amerika kamen Briefe. Ein Herr Niven wollte eine Preuschenmappe mit meinen symbolistischen Bildern herausgeben. Auch hatte ich mich nun trotz Mr. Moores Abraten zur Ausstellung in Chikago entschlossen.
From America came letters. A Mr. Niven wanted to bring out a Preuschen portfolio with my symbolist pictures. And I had now, despite Mr. Moore's advice against it, resolved on the exhibition in Chicago.
Es war früh kühl geworden. Mitte September sollte ich abreisen. Vorher aber hätte Johanna mir beinahe das Haus in Brand gesteckt, indem sie ihre Federboa auf die Heizung legte. Ich spüre den brenzlichen Geruch, komme heraus und sehe die hellen Flammen, die schon an den wergumwickelten Röhren der Zentralheizung emporflackern. Ich lösche mit einem Eimer Wasser. Eine Minute nachher wäre es zu spät gewesen.
It had turned cool early. In mid-September I was to depart. Before that, though, Johanna almost set the house on fire for me by laying her feather boa on the heating. I smell the scorching smell, come out and see the bright flames already flickering up the tow-wrapped pipes of the central heating. I quench them with a bucket of water. A minute later and it would have been too late.
Ich fuhr also zum zweitenmal nach Amerika! Diesmal waren Mrs. Sutherland und Mr. Niven am Pier. In Neuyork war eine tötende Hitze. Viel Not hatte ich mit dem Photographieren der Bilder. — Jetzt zum erstenmal sah ich mir die Stadt gründlich an und fuhr dann über Niagarafalls im Herbst (ein Gegenstück zum Winterbild) geradenwegs zum Yellowstone Park. — Ich hatte wenig Zeit, er wurde bald geschlossen. Aber ich verbrachte dort goldene Tage. Dann fuhr ich nach Utah-Saltlake zu meinen lieben Mormonenfreunden, bei denen ich drei eindrucksreiche Wochen verlebte. Mein Buch »Im Schatten der Mormonen« ist dort aus eigenster Anschauung geschöpft. Ich war auch im Haus eines Mormonen mit mehreren Frauen. Die Vielehe ist ja jetzt seit zwanzig Jahren verboten. Die Landschaft von Utah ist begeisternd schön, und es ist wirklich das Land, in dem Milch und Honig fließt. Der alte Brigham Young hat in jeder Beziehung dort sein Leben genossen. Und sein Bienenkorb ist fröhlich weitergediehen und gibt Futter für Mormonen und Gentiles.
So I sailed for the second time to America! This time Mrs. Sutherland and Mr. Niven were at the pier. In New York there was a killing heat. I had much trouble with the photographing of the pictures. — Now for the first time I looked at the city thoroughly, and then went by way of Niagara Falls in autumn (a counterpart to the winter picture) straight to Yellowstone Park. — I had little time; it was soon to close. But I spent golden days there. Then I went to Utah-Salt Lake to my dear Mormon friends, with whom I spent three impression-rich weeks. My book “Im Schatten der Mormonen” is drawn there from my own closest seeing. I was also in the house of a Mormon with several wives. Polygamy has now, after all, been forbidden for twenty years. The landscape of Utah is inspiringly beautiful, and it really is the land where milk and honey flow. Old Brigham Young enjoyed his life there in every respect. And his beehive has cheerfully thriven on, and gives food for Mormons and Gentiles.
Von Utah fuhr ich geradenwegs nach Chikago. Mr. Moore hatte mir schon Quartier gesucht, diesmal in der Michiganavenue. Dort fand ich auch im »fine artsbuilding« ein Lokal für meine Ausstellung. Ich blieb aber nur kurze Zeit in Chikago und fuhr erst nach St. Louis, entfernte amerikanische Verwandte zu besuchen. Cousin Henry holte mich an der Bahn ab, wir kannten uns nicht, es war ganz romantisch. Wir fuhren im Auto nach seiner Vorstadtvilla, wo uns Gattin und Sekretärin herzlich empfingen. Ich verlebte schöne Tage in St. Louis, wir machten viele Ausflüge, und Mr. Reichard versprach mir, nach Chikago zu kommen, mir bei dem Aufbau meiner Ausstellung zu helfen. Vorher aber half er mir, meine »Preuschenmappe« aus Mr. Nivens Händen zu lösen, die keinen vertrauenswürdigen Anfang mit den Bildern gemacht hatten. Ich gab sie nun auf eigene Faust heraus, mit deutschem und englischem Text — aber nicht in Amerika, sondern bei der Berliner Photographischen Gesellschaft, die das in sehr künstlerischer Weise ausführte. Ich bin damit auf meine Kosten gekommen. Titelblatt war das Porträt der Kaiserin Friedrich. Dann kamen nach der Reihe ihres Entstehens: Mors Imperator, Lebenssphinx, Asrael, Kirke und die Schweine, Vampir Sehnsucht, Gloria, Lebenshunger, Leda und der Schwan, Moloch Liebe, in wundervoller Wiedergabe. Der Text gab eine kurze Erklärung der symbolistischen Bilderkette.
From Utah I went straight to Chicago. Mr. Moore had already sought out quarters for me, this time on Michigan Avenue. There, too, in the “fine arts building”, I found premises for my exhibition. But I stayed only a short time in Chicago, and went first to St. Louis, to visit distant American relatives. Cousin Henry fetched me from the train; we did not know each other, it was quite romantic. We drove by automobile to his suburban villa, where wife and secretary received us warmly. I spent beautiful days in St. Louis, we made many excursions, and Mr. Reichard promised me to come to Chicago and help me with the building-up of my exhibition. But first he helped me free my “Preuschen portfolio” from the hands of Mr. Niven, which had made no trustworthy beginning with the pictures. I now brought it out on my own account, with German and English text — but not in America: with the Berlin Photographic Society, which executed it in a most artistic manner. I have recovered my costs on it. The title plate was the portrait of the Empress Frederick. Then came, in the order of their making: Mors Imperator, Lebenssphinx, Asrael, Kirke und die Schweine, Vampir Sehnsucht, Gloria, Lebenshunger, Leda und der Schwan, Moloch Liebe, in wonderful reproduction. The text gave a short explanation of the symbolist picture-chain.
Cousin Henry kam dann auch später, freundete sich mit Mr. Moore an, und beide Herren halfen mir mit rührender Aufopferung bei meinem schwierigen Werk. Die Eröffnung war sehr feierlich, viele Blätter sprachen eingehend über die Bilder, ich wurde sogar — echt amerikanisch — um Mitternacht aus dem Bett getrommelt, um einem Reporter meine Gemälde zu zeigen. Und als ich ihm die großen Bilder vorgestellt hatte, sagte er verständnisvoll: »I see, this is ›Kirke and swine‹ and that other lady and swan.« Leda war ihm unverständlich gewesen. Aber im ganzen war es mehr ein Achtungs- als ein Kassenerfolg. Die fünf rauschenden Neuyorker Tage hätte ich mir zu den Chikagoer fünf Wochen als Einleitung gewünscht. Dann hätte ich wirklich nachhaltigen Nutzen davon gehabt. So war es trotz allem und allem doch nur ein Kampf gegen Windmühlen, denn Amerika kann nur erobert werden mit Hilfe eines goldstreuenden Managers.
Cousin Henry did come later, made friends with Mr. Moore, and both gentlemen helped me with touching self-sacrifice in my difficult work. The opening was very ceremonious; many papers spoke at length about the pictures; I was even — genuinely American — drummed out of bed at midnight to show a reporter my paintings. And when I had presented the big pictures to him, he said understandingly: “I see, this is ‘Kirke and swine’ and that other lady and swan.” Leda had been beyond him. But on the whole it was more a success of esteem than of the cash-box. I could have wished the five roaring New York days as a prelude to the five Chicago weeks. Then I should really have had lasting profit of it. As it was, despite all and everything, it was only a fight against windmills, for America can be conquered only with the help of a gold-strewing manager.
Weihnachten verlebte ich mit Freund Blanchard. Es war ganz idyllisch. Ich hatte die guten Seiten dieses echten Menschen und Freundes immer mehr schätzen gelernt. Anfangs war er Großkaufmann für »Slides« (Films) gewesen, mit einem Riesengeschäft. Sein einer Kompagnon war der Reverend Hubbell, der andere der Detektive Captain Hall. Verhältnisse, wie sie nur in Amerika vorkommen. Moore hatte mit vielem Erfolg japanische Vorträge mit selbst aufgenommenen Lichtbildern gehalten. Seine russische Reise und sein Besuch bei Tolstoi gaben ihm neue Stoffe. Er hatte die sibirischen Gefängnisse ziemlich gründlich »studiert« mit Hilfe amerikanischer Trinkgelder. Nun hielt er seine übrigens sehr gehaltvollen Vorträge im Anzug eines sibirischen Sträflings mit einer über den halben Kopf geschorenen Perücke und klirrenden Ketten. Ich lächelte im stillen, aber für die Amerikaner war es genau das Richtige, und er mußte seine Vorträge an etwa fünfzig Schulen, Kirchen und Anstalten wiederholen, mit ungeheurem Erfolg. Manchmal ging ich mit ihm zu solcher Veranstaltung. Es war das sicherste Mittel, Chikago von allen Seiten kennenzulernen; heut in einer vornehm frommen Gemeinde, morgen in der schlichtesten Volksschule von Englewood, ein andermal in einem Magdalenenstift.
Christmas I spent with friend Blanchard. It was quite idyllic. I had learned to value more and more the good sides of this genuine human being and friend. At the start he had been a wholesale dealer in “slides” (films), with a giant business. One of his partners was the Reverend Hubbell, the other the detective Captain Hall. Circumstances such as occur only in America. Moore had given Japanese lectures, with lantern slides he had taken himself, to much success. His Russian journey and his visit to Tolstoi gave him new material. He had “studied” the Siberian prisons fairly thoroughly, with the help of American tips. Now he gave his lectures, very substantial ones incidentally, in the suit of a Siberian convict, with a wig shorn over half the head and clanking chains. I smiled in private, but for the Americans it was exactly the right thing, and he had to repeat his lectures at some fifty schools, churches and institutions, with enormous success. Sometimes I went with him to such an occasion. It was the surest means of coming to know Chicago from all sides: today in a genteel pious congregation, tomorrow in the plainest elementary school of Englewood, another time in a Magdalen asylum.
Moore war übrigens von kindlicher Güte. Er war mit einer schönen, temperamentvollen Sängerin verheiratet, seiner Zeit mietete er ihr ein eigenes Theater. Dort verliebte sie sich in ihren Partner und ließ sich scheiden. Aber sie wurde sehr unglücklich und beschwor ihren früheren Mann, ihr zu verzeihen. Er gab ihr das Geld für die Ehescheidung vom zweiten Gatten. Er selber hatte nun genug von ihr und war wie ein gebranntes Kind, das das Feuer scheut. Aber er war ein idealer Freund — wenn er in der Nähe war. Briefe schreibt er fast nie.
Moore, by the way, was of childlike goodness. He had been married to a beautiful, temperamental singer; in his day he rented her a theatre of her own. There she fell in love with her partner and had herself divorced. But she became very unhappy and implored her former husband to forgive her. He gave her the money for the divorce from the second husband. He himself had now had enough of her, and was like a burnt child that shuns the fire. But he was an ideal friend — when he was near. Letters he almost never writes.
Sonntags waren wir meist zusammen. Dann kochte er mir seine und meine Leibgerichte. Und wir schwärmten in japanischen Erinnerungen. Gleich nach Weihnacht reiste ich ab, auf geradestem Weg nach Florida.
On Sundays we were mostly together. Then he cooked me his favourite dishes and mine. And we revelled in Japanese memories. Immediately after Christmas I departed, by the straightest road for Florida.
Unterwegs erlebte ich einen Eisenbahnzusammenstoß, bei dem mehrere tote »coloured people« zu verzeichnen waren. Das Fenster neben mir zersplitterte, ich selbst kam aber mit dem Schreck davon.
On the way I lived through a railway collision, in which several dead “coloured people” were to be recorded. The window beside me splintered; I myself got off with the fright.
Jacksonville, die Floridahauptstadt, berührte mich ganz fremdartig — mehr Neger als Weiße. Und dort sah ich zum erstenmal das Wahrzeichen von Florida, Georgia und South Carolina: die life oak (immergrüne Eichen) Wälder mit den bis zum Boden hängenden Moosbärten. Es macht einen vollkommen urweltlichen Eindruck.
Jacksonville, the Florida capital, touched me as wholly foreign — more Negroes than whites. And there I saw for the first time the landmark of Florida, Georgia and South Carolina: the life oak (evergreen oak) woods with their moss-beards hanging to the ground. It makes a completely primeval-world impression.
Von hier fuhr ich nach St. Augustine, wo ich Neujahr feierte. Am »Independance day«, dem Tag der Freigebung der Sklaven, erlebte ich eine ungeheure Prozession von Coloured people. St. Augustine hat Märchenhotels. Am größten ist das »Ponce-de-Leon-Haus« mit einem traumhaft schönen Park, in dem ich malte. Überhaupt Pracht und Luxus in Florida suchen ihresgleichen. — Ich versank wieder einmal so sehr in der Weltenschöne, daß mir auch alles andere darob versank.
From here I went to St. Augustine, where I celebrated New Year. On “Independance day”, the day of the freeing of the slaves, I witnessed an enormous procession of coloured people. St. Augustine has fairy-tale hotels. The greatest is the “Ponce-de-Leon house”, with a dreamily beautiful park, in which I painted. Altogether, splendour and luxury in Florida seek their equal. — Once again I sank so deep into the world's beauty that everything else sank away from me over it.
Von Daytona ging ich nach Palm beach, wo ich mehrere Wochen blieb und malte, und später nach Miami. Die Üppigkeit und Blütenfülle jener Ufer sucht ihresgleichen. — Dann fuhr ich nach Key West, der größten all der kleinen Koralleninseln mit der neuen, wunderbar merkwürdigen Keybahn. Sie schien mir ungefähr wie die Bahn von Mestre nach Venedig, man fährt stundenlang von Brücke zu Brücke durchs Meer. — In Key West, berühmt wegen Schildkröten und Schwämmen, sammelte ich mir am Strand eine ganze Menge von letzteren, auf die ich sehr stolz war. Inge hat sie später bei ihrem »Großreinemachen« fortgeworfen.
From Daytona I went to Palm Beach, where I stayed several weeks and painted, and later to Miami. The luxuriance and blossom-fullness of those shores seek their equal. — Then I went to Key West, the largest of all the little coral islands, with the new, wonderfully strange Key railway. It seemed to me roughly like the line from Mestre to Venice; one rides for hours from bridge to bridge through the sea. — In Key West, famous for turtles and sponges, I gathered myself a whole quantity of the latter on the beach, and was very proud of them. Inge later threw them away in her “great clean-out”.
Nun ging’s zurück nach Tampa an der Westküste, dem berühmten Zigarettenort mit einem weltbekannten maurischen Hotel. Danach fuhr ich auf dem St. Johnsriver durch die Orangendistrikte und zuletzt nach Silversprings, der Jugendquelle des Vasco de Gama, die er von den Indianern gezeigt bekam. Diesen Jungbrunnen mußte ich aufsuchen, koste es, was es wolle!
Now it was back to Tampa on the west coast, the famous cigarette town with a world-renowned Moorish hotel. After that I went up the St. Johns river through the orange districts, and at the last to Silver Springs, the fountain of youth of Vasco de Gama, which the Indians showed him. This fountain of youth I had to seek out, cost what it might!
Und dann, zum theatralischen Schlußeffekt, machte ich die Fahrt auf dem Oklawaha. Das ist das Phantastischste von all meinen Reiseerlebnissen. Er kommt vom Jugendbrunnen, dessen Wasser in unwahrscheinlichster Klarheit bis auf den Grund sehen läßt; ich konnte mit dem Glas einen muschelverkrusteten Stuhl und Zeitungsblätter drunten erkennen. Der Oklawaha ergießt sich in den St. Johnsriver und wird bald nach seinem Ausfluß von Silversprings dunkel und dunkler. »Schwarzes, gekrümmtes Wasser«, sagen die Indianer, Oklawaha. Der Vergnügungsdampfer, der acht, sage acht Hochzeitspaare beherbergte, ist hoch und schmal, um sich allen Krümmungen anzupassen. Wie durch ein Traumland fährt man. Zu beiden Seiten dichter Wald, der sich über dem schmalen Wasser wie Lauben zusammenwölbt, meist »lifeoaks« mit langen Moosbärten. Dann hohe Zypressen und Kohlpalmen. Alles mit blühenden Ranken durchwuchert. Auf moosigen Steinen liegen träge Alligatoren, in Riesengröße. Und fremde, bunte Vögel umkreisen uns. Noch zauberhafter aber wird die Stimmung bei Nacht, mit dem Scheinwerfer vom Schiffsmast. So unwahrscheinlich wird dann alles, die roten Ahornknospen leuchten wie glühende Blutstropfen. Und über die grauen Moosgirlanden rinnt rosiger Schein. Das Bild spiegelt sich wider im tiefschwarzen Wasser. Kein Laut ertönt auf dem Schiff, alles verharrt in Schweigen — wie durch eine Traumwelt fahren wir. Ja, vom Jugendbrunnen zog ich durch der Träume Wasser, hinaus ins Leben.
And then, for a theatrical closing effect, I made the voyage on the Oklawaha. That is the most fantastic of all my travel experiences. It comes from the fountain of youth, whose water lets one see to the bottom in the most improbable clarity; with the glass I could make out a shell-encrusted chair and sheets of newspaper down below. The Oklawaha pours itself into the St. Johns river, and soon after its outflow from Silver Springs grows darker and darker. “Black, crooked water,” say the Indians: Oklawaha. The pleasure steamer, which housed eight, I say eight, honeymoon couples, is tall and narrow, to fit itself to all the windings. As through a dreamland one rides. On both sides dense forest, vaulting together over the narrow water like arbours, mostly “lifeoaks” with long moss-beards. Then tall cypresses and cabbage palms. Everything overgrown through with blossoming tendrils. On mossy stones lie sluggish alligators, in giant size. And strange, gaudy birds circle us. But more magical still the mood becomes at night, with the searchlight from the ship's mast. So improbable does everything become then: the red maple buds glow like burning drops of blood. And over the grey moss-garlands runs a rosy sheen. The picture mirrors itself in the deep-black water. No sound is heard on the ship; everything holds still in silence — as through a dream-world we ride. Yes, from the fountain of youth I drew on through the water of dreams, out into life.
Ich habe dann noch öfter, in Georgia und in South Carolina Rast gemacht, in den alten Sklavenstaaten, in Charlston, Savannah und anderen. In Richmond sah ich das klassische Kapitol und die grauen Eichhörnchen.
I then halted several times more, in Georgia and in South Carolina, in the old slave states, in Charlston, Savannah and others. In Richmond I saw the classical Capitol and the grey squirrels.
In Washington machte ich wieder Aufenthalt für Kapitol und Congreßlibrary und war bei Bernstorffs zu Tisch.
In Washington I stopped again for the Capitol and the Congressional Library, and was at table with the Bernstorffs.
Dann fuhr ich von Neuyork aus nach Berlin zurück. Mein junger Alligator, den ich von Jacksonville in einer Holzschachtel mitführte und der mich hundert Jahre überleben sollte, war schon tot, als ich ihn in meiner Kabine ins Waschwasser warf. Ich setzte ihn in Spiritus und besitze ihn noch. Ein Alligator in Spiritus — der Gewinn von drei Amerikaausstellungen!
Then I went back from New York to Berlin. My young alligator, which I carried with me from Jacksonville in a wooden box and which was to outlive me by a hundred years, was already dead when I threw him into the washing-water in my cabin. I set him in spirits, and possess him still. An alligator in spirits — the profit of three America exhibitions!