The Novel of My Life ›To Tunisia — Tunis
Chapter 62 · side by sideTo Tunisia — TunisNACH TUNESIEN — TUNIS
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Ich fuhr also nach Tunis, das mein Fuß zum erstenmal betrat. Im Anfang sah ich nur all das französische Großstadtleben, die Riesenhotels und Cafés, die Boulevards. Und war schwer enttäuscht! Dann erfaßte mich die Begeisterung für die »Souks«, die tunesischen Bazar- und Kaufgewölbe, mit steigender Macht. Ich wurde nicht müde, sie bei allen Tageszeiten zu durchstreifen. Und die angrenzenden, unverfälscht echten Gäßchen, die schmalen, in die kein Sonnenstrahl dringt. Dann eroberte mich das Judenviertel mit dem Blick in die bunten, meist blaugetönten Säulenhöfe und tiefschwarzen Winkel. Und darin das fieberhafte Leben und Treiben der tunesischen Juden. Ich machte auch ein Beschneidungsfest in einer reichen Judenfamilie mit. Die herrliche Volkstracht der jüdischen Frauen mit den goldenen Pantöffelchen, Pumphosen und dem weiten bunten Seidenmantel, vom Kopf aus die ganze Gestalt verhüllend, wird von der jüngsten Generation schon verschmäht, die sich schöner in europäischen Seidenblusen findet. Ein Jammer! Viele Jüdinnen sind sehr schön, werden nur mit den Jahren allzu füllig.
So I travelled to Tunis, which my foot trod for the first time. At the beginning I saw only all that French metropolitan life, the giant hotels and cafés, the boulevards. And was bitterly disappointed! Then enthusiasm for the “souks,” the Tunisian bazaar and merchant vaults, took hold of me with mounting force. I never tired of roaming them at every hour of the day. And the adjoining lanes, unfalsified and genuine, the narrow ones into which no ray of sun penetrates. Then the Jewish quarter conquered me, with its view into the coloured, mostly blue-tinted colonnaded courtyards and pitch-black corners. And within them the feverish life and bustle of the Tunisian Jews. I also took part in a circumcision feast in a rich Jewish family. The magnificent folk costume of the Jewish women, with its little golden slippers, baggy trousers and the wide coloured silk mantle veiling the whole figure from the head down, is already scorned by the youngest generation, who find themselves handsomer in European silk blouses. A pity! Many Jewish women are very beautiful, only they grow all too stout with the years.
Dann drang ich mühsam ein in tunesische Harems reicher Kaufleute und Rechtsanwälte. Die Frauen ließen sich durch meinen Besuch nicht stören im Hennafärben von Nägeln an Füßen und Händen. Und immer weiter streckte ich meine Fühlfäden. Mit dem Kawaß des deutschen Generalkonsuls und dessen italienischer Frau drang ich in verfallende Vorstadtpaläste vergessener Fürstinnen und erlebte dort sehr pikante Einzelheiten. Die Frau des Dieners wurde mit mir auf das Fürstensofa gesetzt und bekam mit mir Kaffee verabreicht. Als Italienerin schickte sie sich ganz gut in die neue Lage.
Then, with some difficulty, I got inside the Tunisian harems of rich merchants and lawyers. The women did not let my visit disturb them in the henna-dyeing of the nails on their feet and hands. And I stretched my feelers out further and further. With the kavass of the German consul-general, and the kavass's Italian wife, I pushed into the decaying suburban palaces of forgotten princesses and experienced very piquant details there. The servant's wife was seated beside me on the princely sofa and was served coffee along with me. Being an Italian, she adapted quite well to the new situation.
Graf Hardenberg, der Konsul, zeigte mir auch verschiedene wundervolle alhambraartige Maurenhöfe höchster Beamten des Bey.
Count Hardenberg, the consul, also showed me various wonderful Moorish courtyards in the Alhambra manner, belonging to the Bey's highest officials.
Der Bardo, das Museum des Bey, entzückte mich mit seinen hervorragenden altgriechischen Bronzen, die in den Lagunen vor Tunis ausgebaggert waren; ebenso die traumhaft schönen, altmaurischen Kunstgewerbesäle.
The Bardo, the Bey's museum, delighted me with its outstanding ancient Greek bronzes, dredged up from the lagoons off Tunis; and so did the dreamlike beauty of the old Moorish rooms of applied art.
Und Karthago! Wie oft fuhr ich hinüber ins Museum mit den wunderbar steinernen Sargdeckeln. »Die Priesterin der Tanit«, ein entzückendes griechisches Kunstwerk, hatte eine sprechende Ähnlichkeit mit Helga. — Abbé Delattre, der Schöpfer des Museums, führte mich selber herum in der von ihm geschaffenen und ausgegrabenen Welt um Kloster und Kathedrale. Und wie stimmungsvoll war es, in den Ruinen herumzustreichen, von denen freilich verhältnismäßig nicht allzuviel mehr steht oder vielmehr noch nicht ausgegraben ist. Dennoch, wie konnte man träumen in der Einsamkeit. Ich war wieder einmal in meinem Element und genoß in vollen Zügen. Im Bellevuegarten, dem großen Stadtpark, malte ich die blütenumsponnenen Ruinen des altarabischen Bades und freute mich an der »Coubba«, dem alten, wundervoll maurischen Pavillon auf der Höhe. Und wie eigenartig waren die uralten Judenfriedhöfe mit den feinziselierten, liegenden Marmorplatten.
And Carthage! How often I drove across to the museum with its wonderful stone sarcophagus lids. “The Priestess of Tanit,” a delightful Greek work of art, had a speaking likeness to Helga. — Abbé Delattre, the creator of the museum, took me round himself in the world he had made and dug out around monastery and cathedral. And how full of atmosphere it was to wander in the ruins, of which admittedly relatively little is still standing, or rather has not yet been dug out. And yet, how one could dream in the solitude. I was once again in my element and enjoyed it to the full. In the Belvédère garden, the great city park, I painted the blossom-spun ruins of the old Arab bath and took pleasure in the “Coubba,” the old, wonderfully Moorish pavilion up on the height. And how strange were the ancient Jewish cemeteries with their finely chased marble slabs lying flat.
Aber erst das tunesische Nachtleben! Ich ging oft mit meinem Führer durch die schwärzesten Gassen des schwarzen Labyrinths und beschaute die wilden maurischen Schönen, die Beduinenweiber. Alle Stämme und Städte von Tunesien waren hier vertreten im Dienst der Venus Vulgiviga.
But the Tunisian night life above all! I often went with my guide through the blackest alleys of the black labyrinth and looked at the wild Moorish beauties, the Bedouin women. All the tribes and towns of Tunisia were represented here in the service of Venus Vulgiviga.
Oft fuhr ich auch hinaus nach El Kram, dem kleinen Seebad, in dem Graf Hardenberg mit seiner Familie einen Sommersitz hatte. Gern saßen wir am Strand und freuten uns schöner Sonnenuntergänge.
Often I also drove out to El Kram, the little seaside resort where Count Hardenberg had a summer place with his family. We liked to sit on the beach and enjoy beautiful sunsets.
Und dann hatte ich es kraft meiner Empfehlungen durchgesetzt, den Harem der »Beyla«, der Frau des Bey von Tunis, zu besuchen. Es hielt schwer, denn seit zwanzig Jahren war keine Europäerin vorgelassen worden.
And then, on the strength of my letters of introduction, I had got my way and was to visit the harem of the “Beyla,” the wife of the Bey of Tunis. It was hard to bring off, for in twenty years no European woman had been let in.
Die Frau war Tscherkessin — nicht mehr jung, aber noch mit deutlichen Spuren großer Schönheit und mit unverkennbarer geistiger Überlegenheit. Sie war in Pumphosen und Jacke von weicher Seide, ohne jeden Schmuck. (Ich schämte mich, daß ich mich ihr zuliebe wie ein Schlittengaul mit Schmuck behängt hatte.) Sie war vom Bey nach dem Tod seines Onkels aus dessen Harem noch ganz jung übernommen worden. Damals tat sie es nur unter der Bedingung, daß seine französische Mätresse Tunis verließe. Und erst nach deren Abreise geruhte sie, des Bey Hauptgemahlin zu werden. Französisch sprach sie kein Wort, ihr Stiefsohn war Dolmetsch. Sie schien Wohlgefallen an mir zu finden und war unermüdlich im Fragen. Am meisten staunte sie über meine Weltreisen und unbeschränkten Freiheiten. Ich glaube, sie unterdrückte einen Seufzer. Dann schilderte sie mir die Schönheiten der wilden Natur und der Aquädukte von Zaghuan mit glühenden Farben (leider sollte ich nicht dahin kommen); es war wohl eine ihrer Hauptreisen gewesen. Frauen in blau- und rotseidenen, goldgestickten Maurengewändern, ihre Dienerinnen (aber nicht »Nebenfrauen«, wie ich anfangs glaubte) kredenzten in goldenen Schälchen den süßen, dicken Kaffee.
The woman was a Circassian — no longer young, but still with clear traces of great beauty and with unmistakable intellectual superiority. She was in baggy trousers and a jacket of soft silk, without a single ornament. (I was ashamed that for her sake I had hung myself with jewellery like a sleigh-horse.) She had been taken by the Bey out of his uncle's harem after his uncle's death, while she was still quite young. At the time she consented only on condition that his French mistress leave Tunis. And only after that woman's departure did she deign to become the Bey's principal wife. She spoke not a word of French; her stepson was the interpreter. She seemed to take a liking to me and was tireless in her questions. What astonished her most were my journeys round the world and my unrestricted freedom. I believe she suppressed a sigh. Then she described to me in glowing colours the beauties of the wild country and of the aqueducts of Zaghouan (unfortunately I was not to get there); it had probably been one of her chief journeys. Women in Moorish robes of blue and red silk embroidered with gold, her serving women (but not “secondary wives,” as I had believed at first), served the sweet thick coffee in little golden bowls.
Zum Abschied umarmte mich die Beyla mit Herzlichkeit. Mir war’s als schimmerte eine Träne in ihren Augen. »La princesse vous envie«, »Die Fürstin beneidet Sie«, sagte der prinzliche Dolmetsch.
At parting the Beyla embraced me with warmth. It seemed to me that a tear glimmered in her eyes. “La princesse vous envie,” “The princess envies you,” said the princely interpreter.
Ein französischer General mit seiner Gattin hatte mir das Geleit gegeben, ersterer nur bis an die Tür des Empfangssaals, der leider ganz europäisch bombastisch war. Der prächtige Galawagen des Bey führte uns zurück an die Bahnstation von La Marsa. Es geschah alles mit vielem zeremoniellen Gepränge. Im großen Hof des Palastes drängten sich Tausende. Sie warteten auf ihren Freihammel, der an diesem Tag, einmal im Jahr, von der Regierung gespendet wurde. Das war in demselben La Marsa, in dessen wilden Dünen ich ein paar Tage später von einem ziemlich stumpfsinnig aussehenden Araber in die Irre gelockt und (wenn nicht Arbeiter des Weges gekommen wären) vermutlich ebenso ausgeraubt und abgeschlachtet worden wäre, wie kaum ein Jahr vorher eine französische Dame in der Einöde von Bullareggia. Ja, Kinder und haben einen besonderen Schutzengel.
A French general and his wife had escorted me, the general only as far as the door of the reception hall, which was unfortunately altogether European and bombastic. The Bey's splendid gala carriage took us back to the railway station at La Marsa. It was all done with much ceremonial pomp. Thousands were crowded into the great courtyard of the palace. They were waiting for their free ram, which was given out by the government on that day, once a year. This was in the same La Marsa in whose wild dunes, a few days later, I was lured astray by a rather dull-looking Arab and (had workmen not come along the road) would probably have been robbed and butchered just as a Frenchwoman was, barely a year earlier, in the wilderness of Bullareggia. Yes, children and have a special guardian angel.
Am besten von allem aber gefiel mir Sidi Bou Said! Wie oft war ich da oben beim Leuchtturmwächter und malte. Herrliche Motive gab es dort. Es geht eine Sage, daß der große arabische Heilige, Sidi Bou Said, eigentlich Ludwig XI. von Frankreich gewesen sei, der sich dort in die Einsamkeit zurückgezogen hätte. Jedenfalls — einen paradiesischeren Erdwinkel hätte er nicht wählen können. Es ist einer der schönsten Erdflecke dort oben; der gespaltene Gipfel des Bou Cornin, der auch Karthago werden und vergehen sah, blickt düster über die Wasser der vielgeschweiften Küsten. Ihre wunderbaren Buchten schimmern mit zahllosen weißen Kuppeln vor dunkelblausamtnen Zypressengründen herüber. Und ein Friedhof liegt oben mit lauter hellen, dürren Disteln im weißen Sand und mit weißen Grabsteinen, die sich leuchtend abheben von der tiefen Bläue von Meer und Himmel — eine Symphonie von Weiß und Blau.
But best of all I liked Sidi Bou Said! How often I was up there with the lighthouse keeper, painting. There were glorious motifs there. There is a legend that the great Arab saint, Sidi Bou Said, was really Louis XI of France, who had withdrawn there into solitude. At any rate — he could not have chosen a more paradisal corner of the earth. It is one of the loveliest spots on earth up there; the cloven summit of Bou Cornin, which saw Carthage rise and pass away as well, looks darkly out over the waters of the much-curved coasts. Their wonderful bays shimmer across with countless white domes against grounds of dark blue velvet cypress. And a cemetery lies up there with nothing but pale dry thistles in the white sand and with white gravestones that stand out shining against the deep blue of sea and sky — a symphony of white and blue.
Auch das antike Seebad Corbous ist wieder zum Leben erwacht. Es liegt schräg gegenüber von Karthago. In Corbous sind schon im Altertum vielbesuchte heiße Bäder gewesen und ein herrlicher Strand. Zahllose Ausflüge in die Berge gibt es dort, einer immer schöner als der andere.
The ancient bathing resort of Corbous has come back to life as well. It lies obliquely opposite Carthage. Even in antiquity Corbous had much-visited hot baths and a splendid beach. There are countless excursions into the mountains there, one always finer than the last.
Doch nachdem ich Tunis abgegrast hatte, drängte es mich nach weiteren Taten. Auch wollte ich alle berühmten römischen Ausgrabungen besichtigen.
But once I had grazed Tunis bare, I was driven on towards further deeds. I also wanted to see all the famous Roman excavations.